Kategorie: Claus Gatterer

  • „Im Zweifel auf der Seite der Schwachen„ – Claus Gatterer

    „Was für ein Geschenk fürs Leben eine gute Schule ist! Dass es Lehrkräfte und Förderer gibt, die diesen Preis ins Leben gerufen haben, ist bemerkenswert. Den jungen Menschen werden Türen geöffnet; sie werden ermutigt, Neues auszuprobieren und ihre Talente kreativ und gestaltend zu entdecken.“

    Mit diesen Worten würdigte die Laudatorin Teresa Indjein den Schülerpreis „Claus“, der im Rahmen der Auszeichnung junger Menschen verliehen wird.

    Der „Claus“ wurde 2026 bereits zum achten Mal vergeben, wie Initiator Hermann Rogger erklärte. Die Auszeichnung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Schulverbundes Pustertal, der Pädagogischen Abteilung der Deutschen Bildungsdirektion, der Gemeinde Sexten und des ORF Wien.

    Die Gewinnerin des „Claus“ 2026, Maria Erhard vom Kunstgymnasium Bruneck, setzte sich in ihrem Videobeitrag mit der ladinischen Sprache auseinander. Ihr Anliegen war es, die Vielfalt und Besonderheit dieser Minderheitensprache sichtbar zu machen und ihr mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

    Neben dem Siegerbeitrag wurden weitere Arbeiten ausgezeichnet, die ganz im Sinne des Namensgebers Claus Gatterer gesellschaftliche Missstände und unbequeme Fragen aufgriffen. So wurde etwa kritisch hinterfragt, wie weit der Skitourismus noch wachsen könne und wann der Kipppunkt für Natur und Umwelt erreicht sei. Die Reduzierung des Drucks auf die Natur müsse zum Maß aller Dinge werden – sei es jedoch noch nicht. In diesem Zusammenhang zitierte Teresa Indjein das alte Handwerkersprichwort: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“

    Weitere Beiträge befassten sich mit sexuellen Übergriffen, Fragen der Gerechtigkeit, den Folgen der Pandemie sowie mit Suizidgedanken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Menschen und Themen in den Mittelpunkt stellen, die oft am Rand der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit stehen. Sie geben jenen eine Stimme, die schwächer, ausgegrenzt oder übersehen werden – ganz im Sinne Claus Gatterers. Der Siegerbeitrag verdeutlicht zudem, dass dies auch für sprachliche Minderheiten gilt.

    Dass ausgerechnet die Auseinandersetzung mit einer Minderheitensprache ausgezeichnet wurde, hätte Claus Gatterer wohl besonders gefreut. Die Aufmerksamkeit für Menschen und Gruppen, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig übersehen werden, prägte sein journalistisches und persönliches Leben. In einem Tagebucheintrag vom 15. April 1974 notierte er mit Blick auf die slowenische Minderheit in Österreich, diese sei „doch so klein“, dass sich Österreich „größte Großzügigkeit leisten könne und müsse“. Die Solidarität mit Minderheiten und Benachteiligten blieb ein Leitmotiv seines Wirkens und begleitete ihn ein Leben lang.

    Für Gatterer war die Offenheit einer Gesellschaft daran zu messen, wie sicher sich Minderheiten fühlen können, ohne ihre Identität aufgeben zu müssen, und wie wenig politische Macht davon abhängt, welcher Volksgruppe jemand angehört. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sein Leitsatz „Im Zweifel aufseiten der Schwachen“ weit über bloßes Mitgefühl hinausging. Für ihn war er Ausdruck eines demokratischen Grundprinzips: Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit jenen umgeht, die weniger Macht besitzen.

    Auch die Vergabe des Claus-Gatterer-Preises 2026 steht in dieser Tradition. Ausgezeichnet wurden die Journalisten Jürgen Klatzer und Matthias Winterer für ihre Recherchen zu sozialen Fragen und gesellschaftlichen Randgruppen. Die Jury würdigte insbesondere ihre Aufdeckung jahrzehntelanger körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt in Einrichtungen des SOS-Kinderdorfs Österreich. Die Berichterstattung führte dazu, dass sich zahlreiche Betroffene meldeten, Ermittlungen eingeleitet wurden und Reformprozesse in Gang kamen.

    Heute wird Gatterers Vermächtnis häufig mit Begriffen wie aufgeklärte Toleranz, Solidarität zwischen Volksgruppen, Schutz sozialer und ethnischer Minderheiten sowie einer offenen Gesellschaft verbunden. Es zeigen sich bemerkenswerte Parallelen zwischen seinen Grundüberzeugungen und den Ideen des Philosophen Karl Popper.

    Popper entwickelte die philosophische Theorie der offenen Gesellschaft und konzentrierte sich auf Institutionen, Demokratie und politische Ordnung. Gatterer hingegen arbeitete als Historiker und Journalist an konkreten Fällen und richtete seinen Blick auf Minderheiten, Grenzräume und die historischen Erfahrungen von Ausgrenzung. Während Popper die theoretische Begründung für eine offene Gesellschaft lieferte, zeigte Gatterer anhand von Beispielen aus Südtirol, Österreich und Europa, wie sich Offenheit oder Ausgrenzung im Alltag von Minderheiten tatsächlich auswirken.

    Gerade deshalb erscheint die Auszeichnung eines Beitrags über die ladinische Sprache besonders passend: Sie verbindet die Aufmerksamkeit für Minderheiten mit dem Einsatz für kulturelle Vielfalt und macht sichtbar, dass eine offene Gesellschaft nicht zuletzt davon lebt, auch den kleinen Stimmen Gehör zu schenken.

    Hansjörg Rogger, Johann.rogger@me.com, korrekturgelesen von KI