Wir Menschen vergessen in zunehmendem Maße, daß wir alle eingebettet sind im unendlichen Kosmos, daß wir alle, jeder einzelne, Große wie Kleine, Reiche wie Arme, in einem Beziehungsnetz gefangen sind. Niemand hat nur die geringste Chance auszuscheren. Ähnlich einem Spinnennetz hängt jeder Faden mit dem anderen zusammen, hält diesen und wird gehalten. Wir sitzen zwar unausweichlich alle im gleichen Boot, wir scheuen uns aber, dem anderen unser Gesicht zu zeigen.
Das Spinnennetz wird es so lange geben, solange es uns Menschen gibt. Die Zivilisation hat es jedoch mit sich gebracht, daß die Fäden nicht mehr straff gezogen sind. Ein langweiliges, farbloses Nebeneinander mit dem Menschen in einem Glaskasten! Wir wissen gar nichts mehr von unseren Fäden, wo diese Verbindung verwurzelt ist, was sie eigentlich in unserem Lebensnetz zu bedeuten haben.
Wir wissen gerade noch, wie der neben uns heißt – vielleicht, ob Frau, ob Mann. Wie der neben uns lebt, welche Probleme er hat, was er fühlt, das interessiert nicht. Dies ist ja zu viel Zeitverschwendung. Wozu sich anstrengen! Wir haben ja unser Bild vom anderen, wir wissen ja sowieso alles über ihn, ohne ihn jemals gefragt zu haben.
Hansjörg Rogger / veröffentlicht in „Schule heute“, Hrsg: Südtiroler Lehrerbund, 1985