Kategorie: Kinder

  • Urteilen Sie selber

    Kerstin, fünf Jahre, sagt: „Ich möchte dir etwas sagen“, und ich höre ihr zu. „Mir hat heute das Essen im Kindergarten nicht geschmeckt“, und ich höre Kerstin weiter zu. „Die Trompete, die mir heute morgen die Mamma gekauft hat, hab’ ich Martina geschenkt.“

    „Ach so!“ sage ich, und Kerstin meint dann: „Kaufst du mir eine neue? Bitte Papa!“

    „Erzähl mir, warum du die Trompete Martina geschenkt hast!“

    „Weißt du, das war so, ich habe ein paarmal fest reingeblasen, und auf einmal ging sie kaputt. Martina bat mich dann darum, und ich hab sie ihr gegeben.“

    „Ist gut, Kerstin“, und ich streichle ihre feuchten Augen.

    „Wann öffnet das Geschäft?“ will Kerstin wissen.

    „In zwei Stunden, wenn der große Zeiger deiner Uhr oben ist und der kleine auf der Drei.“

    „Dauert das lange?“ drängelt Kerstin.

    „Es dauert ein Mittagessen und ein paarmal Skifahren.“

    „Ich hol jetzt die Skischuhe, gehst du dann mit auf die Piste?“ wollte Kerstin wissen, und schon steht sie mit offenem Skianzug vor mir.

    „Komm!“ sage ich, „hilf mir noch den Pudding schlecken, dann kannst du dir noch schnell ein Schokoladestückchen in die Tasche stecken.“

    „Eins oder zwei?“ meint sie lächelnd.

    „Ein Stück“, antworte ich ihr.

    „Bitte zwei Stück“, sagt Kerstin.

    „Ist gut, aber das zweite ißt du etwas später, einverstanden?“

    „Ist gut, Papa.“

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht in „Schule heute“ Hrsg: Kath. Südtiroler Lehrerbund, 1985

  • Jänner 1985: Wenn Kinder gescholten werden…

    Es ist die normalste Sache der Welt. Ist sie das wirklich? Ist sie das nicht vielleicht nur deshalb, weil wir Erwachsene uns dies egozentrisch anmaßen?

    Wir schelten, weil uns etwas nicht passt. Wir schelten, weil wir uns in unserer Macht bedroht fühlen. Wir schelten, weil wir uns für etwas Besseres halten; wir schelten, weil es uns schwerfällt, anderes zu respektieren. Nicht selten schelten wir auch aus Unwissenheit.

    Das Schlimme dabei ist, dass ein kleiner Mensch gescholten wird – einer, der sich nicht wehren kann, der sich nicht wehren darf; der niedergeschrien wird, dem alles nur Erdenkliche unterstellt wird und der sich höchstens in größter Not zur Wehr setzen würde.

    Schlimm genug, dass Erwachsene schreien, fluchen und in eine Sau-, Schweine- und Drecksprache abrutschen. Noch schlimmer ist es, wenn damit Kinder belastet werden, wenn man sie für die Unzulänglichkeiten der Erwachsenen verantwortlich macht und im Fäkaljargon argumentiert.

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht 1985 in schule heute