Kategorie: Kurzgeschichte

  • Es sind Kleinigkeiten

    Sie spielten im Sand, neben Mamas Garten. Der erste richtig warme Tag in diesem Jahr. Monika baute die Straße, und Herbert stellte Lastwagen, Anhänger und Kräne auf. Den kleinen VW wühlte er noch schnell aus seiner Spielkiste. Eine große Kiste, prallvoll nicht nur mit grünen, roten und gelben Vierrädern. Monika war von oben bis unten mit Sand beschmiert. Mit ihrer flachen Hand drückte sie eine Schneise spannbreit in den Haufen. Dreimal stürzte etwas Sand auf die flache Bahn, bis Monika auf die Idee kam, etwas Wasser auf die beiden Sandhügel zu spritzen. Jetzt war die Schneise fest, die Bahn glatt.

    »Hilf mir!« und »warte noch ein bißchen!«, »nicht so fest!« Dazwischen ein Summen auf den Lippen, so von »show me the way to your heart …«, und Michael Jackson ist immer noch der größte, »wie war’s heute in der Schule?«, »die Zeichenstunde war ganz gut, aber dann das ewige Gemeckere … brumm … brumm … kresch.« Der kleine VW wurde als erster durch die Schneise gefahren. Zuerst mit der rechten Hand bis in die Mitte, dort, wo sich der Sand am höchsten türmt, dann mit der linken von der anderen Seite. Die Lastwagen folgten mit lautem Getöse: »Brumm … brumm …« Die Lippen des kleinen Herbert vibrierten. Monika war mit der Straße noch gar nicht fertig, als Herbert einen dicken Brummer anrollen ließ. Ein knarrendes Gequietsche, und der LKW stand, tiefe Bremsspuren im Sand, ganz nahe vor Monikas Hand.

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht 1997 in „Voll Glück“ by Athesia, Bozen

  • Urteilen Sie selber

    Kerstin, fünf Jahre, sagt: „Ich möchte dir etwas sagen“, und ich höre ihr zu. „Mir hat heute das Essen im Kindergarten nicht geschmeckt“, und ich höre Kerstin weiter zu. „Die Trompete, die mir heute morgen die Mamma gekauft hat, hab’ ich Martina geschenkt.“

    „Ach so!“ sage ich, und Kerstin meint dann: „Kaufst du mir eine neue? Bitte Papa!“

    „Erzähl mir, warum du die Trompete Martina geschenkt hast!“

    „Weißt du, das war so, ich habe ein paarmal fest reingeblasen, und auf einmal ging sie kaputt. Martina bat mich dann darum, und ich hab sie ihr gegeben.“

    „Ist gut, Kerstin“, und ich streichle ihre feuchten Augen.

    „Wann öffnet das Geschäft?“ will Kerstin wissen.

    „In zwei Stunden, wenn der große Zeiger deiner Uhr oben ist und der kleine auf der Drei.“

    „Dauert das lange?“ drängelt Kerstin.

    „Es dauert ein Mittagessen und ein paarmal Skifahren.“

    „Ich hol jetzt die Skischuhe, gehst du dann mit auf die Piste?“ wollte Kerstin wissen, und schon steht sie mit offenem Skianzug vor mir.

    „Komm!“ sage ich, „hilf mir noch den Pudding schlecken, dann kannst du dir noch schnell ein Schokoladestückchen in die Tasche stecken.“

    „Eins oder zwei?“ meint sie lächelnd.

    „Ein Stück“, antworte ich ihr.

    „Bitte zwei Stück“, sagt Kerstin.

    „Ist gut, aber das zweite ißt du etwas später, einverstanden?“

    „Ist gut, Papa.“

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht in „Schule heute“ Hrsg: Kath. Südtiroler Lehrerbund, 1985