Kategorie: Literatur

  • „Ich verlange, dass mein Schuldspruch aufgehoben wird“ Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot

    Der Verrat des Judas Ischiarot erscheint traditionell als der radikalste Bruch von Vertrauen gegenüber Jesus Christus. Doch in der Deutung von Walter Jens in Ich ein Jud – Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot verschiebt sich diese Perspektive. Verrat wird hier nicht nur als enttäuschte Loyalität verstanden, sondern auch als mögliche Preisgabe eines Menschen im Namen einer höheren Idee. In diesem Spannungsfeld entsteht eine ethische Frage: Ist Judas derjenige, der Vertrauen zerstörte – oder derjenige, der bereit war, dieses Vertrauen zu opfern, weil er glaubte, damit einer größeren Wahrheit oder einem göttlichen Plan zu dienen? Der Verrat erscheint damit weniger als eindeutige moralische Verfehlung, sondern als tragischer Konflikt zwischen persönlicher Treue und einer vermeintlich höheren Verpflichtung.

    Judas – so wurde es uns als Kindern immer wieder eingetrichtert – sei derjenige, der den Tod Jesu zu verantworten habe. Er habe ihn verraten. So lautet die überlieferte Geschichte. Doch diese scheinbare Gewissheit verdeckt, dass jede Geschichte auch andere Perspektiven hat.

    Vielleicht lohnt es sich daher zu fragen, ob Judas wirklich nur der Verräter war – oder ob sein Handeln auch anders verstanden werden kann. Die Kirche hat es wunderbar verstanden, und tut es immer noch: nur ein Narrativ zuzulassen.

    „Und er [Judas Ischariot] sagte es zu und suchte eine Gelegenheit, dass er ihn an sie verriete ohne Aufsehen.“ (Neues Testament, Evangelium nach Lukas 22,3-6)

    „Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf gehörte.

    Matthäus unterstellte ihm ein materielles Motiv, (26, 14-15)

    „Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie wogen ihm dreißig Silberstücke dar.“

    Johannes nennt Judas einen Dieb (Joh.13-35)

    „….Da spricht Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald.“

    Judas als klassischer Verräter, Judas als tragische Figur, Judas als Teil eines göttlichen Plans, Judas als missverstandene Figur: In Jens Walters Geschichte, bearbeitet von Alfred Meschnigg heißt es:

    „Ich (Judas) ging auf ihn zu, ganz bedächtig, er lächelte ich küsste ihn und wir umarmten uns. Die Jünger irgendwo im Dunkeln versteckt, feige im Dunkeln versteckt….Petrus hat Jesus dreimal verleugnet. Und diesem Feigling werden heute die aller höchsten Ehren zuteil.“

    „Ich war auserwählt worden und ich verlange Respekt dafür. Ich allein war stark genug dafür.“

    Jens Walter ist einer der bekanntesten Literaten, der den Verrat als Treue zu einer Wahrheit sieht, die die anderen nicht hören wollen. Nicht jeder, der wie ein Verräter erscheint, hat Treue gebrochen; oft ist er derjenige, der dem Ruf seines Gewissens gefolgt ist, während die Welt ihn missversteht. Judas im Sinne von Jens Walter ist an dem Missverstehenwollen der Welt gescheitert. Judas:

    „Es wäre leichter gewesen an seiner Stelle zu sterben, als ihn (Jesus) töten zu müssen, aber mir blieb keine andere Wahl……ich hielt aus, und der Dank dafür…….Judas am Baum, die Kehle vom Hanf zugeschnürt….Judas im Massengrab, in der untersten Hölle, gepackt von den Zähnen des Teufels…der Bauch von Würmern zerfressen.“ (Jens Walter, Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot, 1964 in der Bearbeitung von Alfred Meschnigg)

    Judas widerlegt die Darstellung Matthäus, wonach er von Reue zerbrochen sei. Wirklich gebrochen und zerstört hat ihn vielmehr die Welt, die seine Wahrheit nicht sehen wollte.

    Hätte Judas nein gesagt, wäre er sein eigener Verräter geworden und hätte die Vereinbarung mit Jesus gebrochen. So wie Antigone ihrem Gewissen folgt und sich dem Gesetz Kreons widersetzt, und ihren Bruder trotz Verbots beerdigt. So handelt auch Judas nach seinem Gewissen und bleibt der Abmachung mit Jesus treu:

    „Ich habe Jesus nicht verraten, ich habe Jesus preisgegeben weil Gott es so wollte, weil er mich brauchte. Ja ich habe es getan, ich habe meinen Auftrag erfüllt.“ (Jens Walter, bearbeitet von Alfred Meschnigg, Ich, Judas, der Sündenbock)

    Dietrich Bonhoeffer begann vor dem Hitlerregime Hochverrat, aber er handelte aus Treue zur moralischen Verantwortung. Edward Snowden begang Verrat am Staat und verteidigte Grundrechte und Freiheit.

    In einem inneren Monolog ringt Judas mit der Frage, ob seine Tat wirklich Verrat war oder ob sie – so widersprüchlich es klingt – erst die Voraussetzung für die Entstehung des Christentums geschaffen hat. Dabei denkt er die Geschichte radikal zu Ende: Was wäre geschehen, wenn er „Nein“ gesagt hätte? Hätte es dann weder Märtyrer, noch religiöse Gewalt, noch die jahrhundertelange Verfolgung von Juden gegeben? In diesem verzweifelten Gedankengang erscheint Judas nicht als kaltblütiger Verräter, sondern als Mensch, der unter der möglichen Tragweite seiner Handlung leidet und nach einem Zeichen sucht, dass sein Handeln dennoch richtig gewesen sein könnte. Dies wird besonders deutlich in der folgenden Passage:

    „Und wenn sie nun doch Recht haben, alle die mich verfluchten, wenn ich weniger fromm gewesen wäre und nein gesagt hätte, nein ich tu es nicht. Ohne den Überlieferer gäbe es auch die Überlieferung nicht, keinen Papst, keinen Bischof, wenn ich nein gesagt hätte, dann wärst du (Jesus) am Leben geblieben und hättest ein freundlicher alter Mann werden können. Und ich hätte deine Lehre verkünden können, eine sanfte Friedensdoktrin, die jedermann die Wahl lässt sich frei zu entscheiden. Kein Märtyrer wäre in der römischen Arena gestorben, keine Inquisition fände statt, keine Kriege der Rechtgläubigen gegen die Heiden, kein Blut hätte sich durch meine Schuld über die Erde vergossen und niemand – Herr – hätte uns Juden verfolgt….kein Pogrom, kein Lager, kein Gas. Hilf mir Herr, erbarme dich meiner. Gib ein Zeichen, das mir sagt: du hast Recht getan Judas“ (Jens Walter in der Bearbeitung von Alfred Meschnigg)

    Peppe Mairginter, seit 1976 unermüdlich für die Theaterkunst engagiert, spielte eindrucksvoll die „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“. Dies geschah in einem Ambiente, das dem anspruchsvollen Monolog einen sehr interessanten Rahmen verlieh. Seine Darstellung hielt eine eindringliche Balance zwischen lautem Angriff und tiefer Verzweiflung.

    Hansjörg Rogger – Gedanken zum Stück von Walter Jens, in der Interpretation der Theaterwerkstatt Innichen/ Peppe Mairginter unter der Regie von Alfred Meschnigg

    Quellen: Audio-Auszüge der Aufführung / / / Bibel, Neues Testament / / / Jens Walter, Ich ein Jud, die Verteidigungsrede des Judas Ischiarot / / /

  • Friedl Janach – Schriftsteller – Aus dem Rahmen gefallen

    Kürzlich stellte er sich vor als der „alte Mann und das Gebirge“. Dies erinnert an Hemingways Roman „Der alte Mann und das Meer“. Doch was folgt, ist kein epischer Kampf mit der Natur, sondern eine stille Auseinandersetzung mit Sprache und Welt. Kurze, scharf geschnittene Sätze und Satzteile, spitze Wortsplitter mit ironischem Blick auf die Welt.

    Oft sind es rätselhafte Bilder. Ein Leben, das nicht in Chronologien aufgeht, sondern in Gedankenfragmenten, in Wortspielen, die sich wie Karusselle drehen: kreisend, schwindelerregend, manchmal abrupt endend. Und die literarisch verdichteten Gedanken stehen da, ohne Interpunktionen. Der Leser muss den Rhythmus selber herausfinden. Wo ist der Punkt zu setzen, wo der Beistrich, welche Pause macht Sinn, welche geht gar nicht. Manchmal nicht ganz einfach, aber die Anstrengung lohnt sich. Einfacher ist es da schon, wenn man dem Friedl zuhören kann.

    Doch bei aller Verspieltheit bleibt ein Ernst: die Suche nach dem Menschen in einer Gegenwart, die ihn zu überdecken scheint. Das Gedicht „Spuren im Sand“ macht das deutlich:

    //spuren im sand / horizontal / und hin zum wasser / vertikal / und hin zu den liegestühlen / die unzähligen sohlen / drücken die nummern nicht ab / numeriert und sichtbar / nur liegestühle und sonnenschirme / spuren im sand / du kannst den weg hin zum meer / nie verfehlen / wohl aber, wenn du einen menschen suchen möchtest//

    Den epischen Kampf um die Rechte der Natur sucht man in seinen Texten vergeblich. Doch der Kampf ist – unüberhörbar. Mit expressiven Einwort-Bildern nennt er die Dinge beim Namen und zieht die Leser in sein ironisches Spiel hinein:

    //atem-not / pasticceria / ice-cream / eisige zeiten / dunst / in der zuckersüßen / provinz//

    Sieben Zeilen genügen Friedl, um eine Welt aufzuspannen: Atemnot und Eiszeit gegen Pasticceria und Eiscreme, süße Verlockung gegen düsteren Dunst. Die Provinz wird hier nicht als idyllischer Ort gezeichnet, sondern als erstickend süß, zuckrig überzogen – ein Bild für eine Gesellschaft, die Genuss predigt und Enge produziert.

    Friedls Miniatur – 1990 geschrieben – klingt wie ein Vorgriff auf die Gegenwart: auf eine Gesellschaft, die sich mit Konsum und Zuckerwerk betäubt, während sie im Innersten an Atemnot leidet.

    Dass sich Friedl auch an der Idylle oder besser gesagt an der Schönheit erfreuen kann, schreibt er mir in einem Brief 1991 vom Bodensee:

    //freitrebendes Geäst, winterlich fast frühlingshaft / seegeschwader im entenzug über die ruhige see / möwenversammlung standhaft im gleichförmigen weiß / aus erwärmten federn erröten langgezogene schnäbel / nur eine fette taube scheut nicht mein vorbeigehen…../ slavisches arbeitervolk spaziert friedvoll die mole entlang / ruhiger trägt der see am bodengrund ihre gedanken / aufgeschreckt bin ich vom möwengeschatter / welches raubend sich einen bissen ergattert / erschlafft ist die bühne am see / ergraut das gebälk / die pfähle halten verspielte zeit im wasser fest / wortlose fotografie in der ständig künstlich wechselnden arena….//

    Es sind in Worte gefasste Bilder. Friedls Blick bleibt präzise, aber nie idyllisch verklärt. Schönheit zeigt sich bei ihm stets im Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit.

    Eine bewegte Kindheit schildert Friedl in seinen Erinnerungen „Der Ungenummne“ Seinen Vater hat er nie kennengelernt:

    //1944 endete ein letztes Lebenszeichen unseres vermissten Vaters in Russland //

    Die Bomben und die Not zwangen Friedl und seine Familie dazu, sich immer wieder umzusiedeln. Von Innsbruck nach Seefeld, dann über den Brenner nach Sand in Taufers:

    //umgeben von eingegrenzten wiesen und feldern / umzäuntes hofleben mit bestimmenden bauern / zu fremden zieheltern kam ein vaterloses kind als ersatz der kinderlosen / in notsituation seiner mutter als der vater in den Krieg zog und vom russischen schlachtfeld nicht mehr nach hause kam / das vermisste blieb immer erhalten er nahm es mit an den hof / als angenommener wurde er aufgenommen mit fremden namen als das erhardmoar-Friedele //

    Friedl hat immer Freud und Leid in seinen Texten festgehalten:

    //der angenommene hatte als leihkind seine schuldigkeit getan / der mohr konnte gehn als der ziehonkel im sterben lag als der legale erbe den streitbaren hof übernahm mit lautstarkem anspruch: „Alles tote und lebende Erbe gehört jetzt mir..“ / dem angenommenen blieb das geworfene da-sein //

    Friedl musste gehn und darauf folgten wieder bewegte Jahre: Abendlehrerbildungsanstalt in Bruneck und Brixen, die 60er Jahre in Frankfurt und:

    // zurückgekehrt ins Land des Gebirges / hochgestiegen zu einklassigen Bergschulen….hinuntergestiegen zur stadtschule…../ letzte unterrichtsjahre als grenzschullehrer….in überregionaler Diaspora / entlang des dolomitengesteins / im priviligierten ruhestand//

    Friedl definiert sich als Grenzgänger, er sprengt Konventionen und fügt sie wieder so zusammen, wie es ihm passt. Er ist ein Gedanken- und Wortzerstückler, er ringt nach Bedeutung und findet diese oft in der Entzauberung, die nicht selten eine zärtlich-aggressive Melancholie mitschwingen lässt. Friedl ist ein Träumer zwischen den Ruinen im Wildbad und gleichzeitig ein Kritiker neureicher Tirolerklischees und von Tiroler Engstirnigkeit.

    Gedanken von Hansjörg Rogger

    Die Verszeilen sind mit / voneinander abgetrennt, der Anfang und das Ende des Textes sind mit // gekennzeichnet.

  • Katjas „Verwandlung 2.0“

    Ein feiner, sonniger Spätmachmittag. Ein sehr schönes Ambiente für eine Lesung, die es in sich hat. Kafkas „Verwandlung“ als Vorlage für Bruchstellen in unserer Gesellschaft, die immer noch existieren und sich nicht nur halten, sondern immer wieder aufgerissen werden. Von jenen, die befürchten ihre Macht zu verlieren, von jenen, denen ihr Machogehabe heilig ist, von jenen, die meinen, sie allein seien das Sahnehäubchen unserer Gesellschaft. Wenn sich Gregor nicht in einen Käfer verwandelt sondern sich transformiert in eine Frau, dann ist der Kern der Geschichte Kafkas derselbe. Die Verwandlung als innere Auflehnung, als Protest gegen jene, die aus Bequemlichkeit und Arroganz ihre Privilegien verteidigen. Oder sie steht für die Verzweiflung angesichts scheinbarer Unüberwindlichkeiten und gleichzeitig als das trotzige Aufbegehren gegenüber einer patriarchalen Machtelite.

    Gregor ist mir schon damals, vor vielen Jahren, ans Herz gewachsen. Ich hatte beim Lesen der Geschichte mitgefiebert, oder besser gesagt, mitgelitten. Die Vorstellung, dass es um einen tief verletzten Menschen ging, war mir damals schon klar geworden. Die Repressionen und Demütigungen, die man Gregor angetan hat, haben mich tief bewegt. Katjas Geschichte geht über das innere Leiden hinaus – vielleicht bewusst und offensichtlich. Ein Beispiel dafür ist der politische Reaktionismus, der sich in den politischen Ränder manifestiert. Und diese haben von den russischen Machteliten gelernt, wie man Fortschritt, Transformation, demokratisches Streben und damit allen Humanismus niederwalzen kann.

    Ein „Kino im Kopf“ soll es werden, und diese Kinobilder kamen: manchmal schnell und unvermittelt, manchmal zaghaft. Sie kamen, wie bei Gregor Samsa, ebenso kraftvoll, einige davon aufwühlend und radikal. „Verstörend“ ist nicht das richtige Wort, doch sie stören schmerzhaft in die vermeintlichen Idyllen hinein. Und das mit einer Sprache, die mich ästhetisch berührt und gleichzeitig schonungslos im Detail beschreibt. Die Performance tat ihr Übriges dazu.

    Wer wird es dieses Mal sein, der den Apfel nach Gregor wirft? Schauen wir uns um – es gibt viele, die einen dauernden Krieg gegen das Andere führen, die nach außen so tun, als ob, die der Form mehr Gewicht verleihen als dem Inhalt und die ihre Selbstüberschätzung ständig durch ihren Narzissmus nähren. Männer, die nie über ihre Rollenzuschreibung reflektiert haben und Frauen, die sich in der Macho-Rolle der Männer wohl zu fühlen scheinen.

    Hinter mir auf dem Rasen spielen die Kinder. Die Sonne neigt sich dem Abend zu. Vor mir steht die Hoffnung, „dass es Überzeugungen und Werte gibt, die sich nicht einfach wegrelativieren lassen..“ Dies schrieb 2022 Nora Bossong. Und: „Bedrohungen unserer Erde und unseres Gesellschaftsmodells sind zwar da und real, aber es gibt Menschen, die ihnen mit Ideen und Mut entgegentreten.“ Es hat mir gut getan, die „Verwandlung 2.0“ zu hören. Es mag paradox erscheinen, aber das Leid von Gregor – ob in Form eines Käfers oder einer Frau – erweckt den Mut zur Gegenwehr.

    Ein Kino im Kopf – Hinter mir auf dem Rasen spielen die Kinder. Die Sonne neigt sich dem Abend zu. Vor mir steht die Hoffnung, „dass es Überzeugungen und Werte gibt, die sich nicht einfach wegrelativieren lassen.“

    Hansjörg Rogger zur Premiere von Katja Renzlers „Verwandlung 2.0“ genannt auch „Die Dame im Pelz“, vorgetragen und performt am 7.9.24 in Bruneck, korrekturgelesen: ChatCPT