Das Musical Exqueens greift eine der bekanntesten Episoden der englischen Geschichte auf: die sechs Ehefrauen von Heinrich VIII. Der Tudor-König, der von 1509 bis 1547 regierte, ist bis heute berühmt – oder berüchtigt – für seine sechs Ehen, von denen zwei mit einer Hinrichtung endeten. Während der Geschichtsunterricht diese Frauen oft auf den Merkspruch „geschieden – enthauptet – gestorben – geschieden – enthauptet – überlebt“ reduziert, setzt Exqueens genau hier an und stellt die Frage: Wer waren diese Frauen jenseits ihres Schicksals als Ehefrauen?
Der berühmte Merkspruch „geschieden – enthauptet – gestorben …“ bringt das Schicksal der sechs Ehefrauen auf den Punkt. Im Musical dient er als Auftakt und als Leitmotiv für den Wettbewerb: Wer von ihnen hatte es am schlimmsten?
Catherine of Aragon war die erste Ehefrau Heinrichs VIII. Gegen ihren Willen wurde sie geschieden. Ihre Geschichte handelt von Stolz, Würde und Selbstachtung.
* „Ich habe deinen Mist ertragen
Jeden einzelnen Tag…“
und etwas weiter im Text:
* „Du denkst wohl, ich bin verrückt
Du willst mich ersetzen
Baby, das kommt nicht in Frage
Wenn du auch nur einen Moment denkst,
ich würde dir die Annullierung gewähren….“
Anne Boleyn war zunächst beliebt, wurde jedoch schließlich hingerichtet. Ihr Schicksal zeigt, dass vor allem Macht die Frauen nicht vor Ungerechtigkeit schützt.
* „Henry ist jede Nacht aus in der Stadt, schläft herum wie…. Wenn das so sein soll dann flirte ich vielleicht mit einem Typ oder drein, nur um ihn eifersüchtig zu machen. Henry findet’s raus und dreht durch..“
Jane Seymour galt als die einzige Frau, die Heinrich wirklich liebte. Sie starb 1537 nach der Geburt ihres Sohnes, Edward VI. Ihr Lied *“Heart of Stone“ im Musical ist ruhig, gefühlvoll und unterscheidet sich damit deutlich von den anderen fünf Songs:
* „Du kannst mich aufbauen
Du kannst mich zerstören
Du kannst es versuchen, aber ich bin unzerbrechlich
Du kannst dein Bestes geben
Aber ich werde die Prüfung bestehen
Du wirst sehen, dass ich unerschütterlich bin..“
Ein Statemant, das sich durch das ganze Musicals hindurchzieht. Sechs starke Frauen, die dem Machogehabe der Männer ganz schön die Leviten lesen.
Die Deutsche Anna von Kleve, lässig und cool mit ihrem Lied *“Get down“, selbstbewusst im entspannten Groove:
* „Ich sitze hier ganz allein
auf einem Thron,
in einem Palast, der mir gehört…“
An einer anderen Stelle im Song:
* „Ich bin ein Wienerschnitzel, keine englische Blume…“
Der Song von Katharina Howard – zunächst verspielt, dann dramatisch – *“All You Wanna Do“. Katharina Howard wurde – wie Anne Boleyn – hingerichtet.
* „Mit Henry ist es nicht einfach.
Sein Temperament ist kurz und seine Kumpel sind zwielichtig.
Bis auf diesen einen Höfling.
Er ist ein wirklich netter Kerl.
So aufrichtig. Das königliche Leben ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe.“
Catherine Parr – ruhig & würdevoll, *“I Don’t Need Your Love“, nachdenkliche Pop-Ballade nicht so sanft wie „Heart of Stone“, aber ernst und reflektiert. Cathrine war Literatin und gebildet. Immer wieder betont sie, dass sie Heinrichs Liebe nicht braucht, um sich wertvoll zu fühlen. „Meine Identität gehört mir.“
* „Ich brauch‘ deine Liebe nicht, nein, nein, nein, ich brauch‘ deine Liebe nicht, nein, nein. Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen, nein, nein, Ich brauch‘ deine Liebe nicht, nein, nein…“
Das Musical verzichtet bewusst auf eine chronologisch-historische Darstellung. Statt höfischer Intrigen zeigt es ein modernes Popkonzert. Die Königinnen treten als Band auf und konkurrieren zunächst darum, wer am meisten unter Heinrich gelitten hat. Diese Dramaturgie spiegelt die historische Reduktion ihrer Identität auf ihre Ehe-Schicksale wider. Erst im Finale lösen sie sich von diesem Wettbewerb. Sie erkennen, dass sie sich selbst – und nicht Heinrich – ins Zentrum ihrer Geschichte stellen müssen.
Historisch war Heinrich VIII. eine Schlüsselfigur der Reformation und der Machtkonsolidierung der Tudor-Monarchie. Doch Exqueens verschiebt die Perspektive: Nicht der König, sondern die Frauen stehen im Mittelpunkt. Damit betreibt das Musical keine Geschichtsfälschung, sondern eine bewusste Neugewichtung. Die politischen Hintergründe bleiben angedeutet, während persönliche Erfahrungen – Stolz, Liebe, Missbrauch, Intelligenz, Überlebenswille – hervorgehoben werden.
Alle sechs Frauen waren eigenständige Persönlichkeiten in einer von Männern dominierten Epoche. Genau diese Neubetrachtung ist die stärkste Brücke zwischen Musical und Historie.
Die 5. Musikklasse des Sozialwissenschaftlichen Gymnasium Bruneck erzählt die Geschichte als Geschichte in der Geschichte. Die jungen Darsteller:innen und Musiker:innen überzeugten mit spürbarem Engagement. Umsichtig angeleitet von Lehrkräften und Expert:innen entstand ein bemerkenswert geschlossenes Gesamtbild.
In Exqueens entsteht eine selbstreflexive Doppelzeitebene, in der die Tudor-Königinnen ihre eigene Vergangenheit aus einer modernen Perspektive bewerten. Besonders in „All You Wanna Do“ und „I Don’t Need Your Love“ wird Geschichte nicht nur dargestellt, sondern kritisch neu interpretiert.
Das ist dann wohl auch mit dem Hinweis im Folder der 5aM gemeint, wenn da steht, dass die altbekannte Geschichte anders erzählt wird. Das 5aM Ensemble unter der Regie von Alexander Messner, der Co-Regie von Hanna Krautgasser, der musikalischen Leitung unter Adele Vikoler und Hannes Tschutschenthaler und der choreographischen Implementierung von Mirjam Plank schaffte es, die Distanz zur historischen Tragik mit Humor als Mittel der Verarbeitung herzustellen. Die kritische Neubewertung der Geschichte garniert mit den trumpschen patriarchalen Restaurationstendenzen hebt das Spiel auf eine Ebene, die uns Zuschauer nachdenklich zu stimmen hat. Zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wär, sagte schon Karl Valentin. Sandra Hüller, Schauspielerin und Gewinnerin des Silbernen Bären 2006 sagte am 12. Februar 2026: „Man muss sich wehren, auch gegen mikropartriarchale Gesten…“ (Die Zeit, Nr.7)
Die Inszenierung von Exqueens besticht durch ihre konsequente Verbindung von Historienstoff und modernem Popkonzert. Anstelle einer linear erzählten Handlung entfaltet sich eine energiegeladene Show mit klarem Konzertcharakter. Das minimalistische Bühnenbild – mit der Band seitlich positioniert – richtet den Fokus vollständig auf die sechs Darstellerinnen, die durch souveräne Bühnenpräsenz, präzise Choreografien und stimmliche Ausdruckskraft überzeugen.
Besonders wirkungsvoll ist die bewusste Übertragung der historischen Thematik in die Gegenwart: Die Figur des Mannes mit der roten MAGA-Kappe fungiert als provokantes Symbol und verweist darauf, dass patriarchale Machtstrukturen keineswegs nur ein Relikt der Vergangenheit sind. So gelingt der Inszenierung eine unterhaltsame, zugleich aber gesellschaftlich pointierte Neubefragung von Geschichte.
Written by Hansjörg Rogger (www.hansjoerg.blog)
*SIX,Toby Marlow & Lucy Moss, 2018, music Ltd, **Exqueens angelehnt an das Musical SIX, 2017

