Verschwende niemals eine Krise – lerne daraus

Toblacher Gespräche 2020

35 Jahre ist es her, dass in Toblach 1985 die ersten Toblacher Gespräche stattgefunden haben. Eine aufstrebende Gemeinde in Südtirols Hochpustertal, ganz nahe an den Drei Zinnen, hat sich vor über 30 Jahren auf den Weg gemacht. „Für einen anderen Tourismus am Beispiel des Bergtourismus“ war das 1. revolutionäre Seminarthema. Vor über 30 Jahren hatte man begonnen, darüber nachzudenken. Vieles hat sich seit diesen Jahren verändert. Sehr vieles. Und die Tourismusorte sind immer attraktiver geworden. Die Bahn hat man rundum modernisiert, man hat zu einem beachtlichen Teil Heizöl mit Hackschnitzel ersetzt, man übt sich seit vielen Jahren in der Mülltrennung, erfand lokale Vermarktungsstrategien und dachte darüber nach, wie es zu schaffen wäre, Tourismuswirtschaft und Ökologie irgendwie in Harmonie zu bringen.

Der Tourismus hat in den vergangenen Jahren eine fast schon gigantische Fahrt aufgenommen. Attraktive Orte wurden geschickt vermarktet. Diese mussten sich dann aber den Kopf zerbrechen, wie sie mit der Attraktivität zurechtkommen wollten, damit nicht gerade diese Attraktivität kaputt macht, was so hoffnungsvoll begann. Ein attraktives Land, bemüht um einen Tourismus, der nicht nur für viele die Lebensgrundlage bietet, sondern auch dem Anspruch gerecht bleiben will und soll, lebenswert und liebenswert zu bleiben.

Bei den 14. Toblacher Gesprächen im Jahr 1998 ging es um die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, und es ging um Schönheit. Gewissermaßen eine ökologische Aufbruchstimmung mit philosophisch literarischen Leitideen. Das Schöne könnte zum Guten hinführen und damit zu einem Verhalten beitragen, das sich an den Vorgaben der Natur orientiert. Ästhetik und die Liebe zur Landschaft.

Bei den Toblachen Gesprächen 2020 bekam das Thema der Schönheit erneut Aufmerksamkeit. Die verloren gegangene Schönheit war es dieses Mal. Szenarien möglicher Fluchtwege wurden konstruiert. Graeme Maxton sprach von der Climate Emergency. Klingt apokalyptisch, aber die Wissenschaft mit ihren Analysen und Daten ist unüberhörbar: Der Klimawandel ist im Gang. Dass wir Menschen dies zu verantworten haben, wissen wir, dass wir Menschen die verheerenden Konsequenzen zu tragen haben, wissen wir genauso.

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Schon vor 20 Jahren wurde gesagt, dass sich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden müsse. Der Mensch hat seine Kulturlandschaften gebaut. Dadurch wurde die Welt vielgestaltiger und schöner. Dies dürfe aber nur in Allianz mit der Natur geschehen. Und an dieser Allianz scheint es in vielen Fällen zu hapern. Lorenzo Magliano, Dozent für Advanced Building Physics, Mailand zeigte 2020 am Beispiel der Radfahrwege in Paris, dass ein gutes Leben einfach sein kann. Es braucht aber Allianzen, um dadurch der Schönheit der Städte wieder Platz einräumen zu können.

1989 sprach Josef Zoderer, Südtiroler Autor, über Schönheit und Nachhaltigkeit: „Stichwort neues Zivilisationsmodell, Stichwort gegenwärtige Entwicklung, Stichwort nicht zukunftsfähig, Stichwort Schönheit.“ Zoderers literarisches Plädoyer für eine Landschaft mit Kultur und nicht für ein „Entweder – Oder“. „Schön ist nachhaltig, nachhaltig ist schön, das verstehe ich als gemeinsames lustvolles bewusstes Ziehen an der Bremse, damit wir endlich oder noch Zeit haben zu sehen, was vor den Fenstern und dahinter mit uns selbst geschieht.“ Sagte Zoderer 1989 bei den Toblachen Gesprächen – vor mehr als zwei Jahrzehnten. Die Botschaft hörte man wohl.

Und 2020? Zum 31.Mal gab es in Toblach gut Gemeintes, tolle Visionen, zukunftsweisende Konzepte. Fridays for future blitzte zwischendurch auf. Jetzt, da es bisher die Großen nicht schafften, Ordnung in unseren ökologischen Systemen wieder herzustellen, müssen die Kinder ran. Der Umweltingenieur am Politecnico Mailand Stefano Caserini sagt dann auch: „Abbiamo perso tempo, bereits jetzt ist es schwierig, zurückzukehren, wir müssen mehr tun.“

Seit über drei Jahrzehnten gibt es Mahnungen aus Toblach, eine unglaublich lange Zeit, und laut Caserini hat die Erde nur mehr eben noch einmal diese 30 Jahre Zeit, um die Wende in Gang zu bringen. Seit vielen Jahren hören wir nichts anderes, und Herr Caserini bringt es auf den Punkt: „Es geht darum, dass wir innerhalb von dreißig Jahren die Art, wie wir unsere Häuser heizen, Strom produzieren und Autos, Motorräder, Lastkraftwagen oder Flugzeuge bewegen, radikal verändern.“

Über dreißig Jahre wurde die Botschaft der Toblacher Gespräche nicht nur an die Adresse von ein paar Umweltaktivisten gerichtet. Fokussiert und gedacht waren sie, drei Jahrzehnte lang, für die Lokalpolitik aber nicht nur. Niederschwellig auf lokaler und individueller Ebene wurde da einiges angedacht und umgesetzt. Aber gedacht waren sie auch global – nicht umsonst wurden die Thesen der Toblacher Gespräche auch in der Auslandspresse abgedruckt. Wenn drei Jahrzehnte nachgedacht, wenn drei Jahrzehnte in die Lokalverwaltungen hineindiskutiert wurde, dann müsste die aufgerissene Wunde verdammt schmerzvoll sein, müsste man meinen. Zumindest spurlos war das ganze nicht. Aber, so scheint es, die Schmerzen waren immer noch auszuhalten. So richtig schmerzhaft waren die Wunden immer noch nicht.

Caserini meint aber, jetzt, 30 Jahre vor der Apokalypse, dass es nun auf strategische Entscheidungen ankommen wird müssen, auf die Bodennutzung nationaler und überstaatlicher Ebenen, auf die Finanzierungen für den technologischen Wandel und den Bau großer Infrastrukturen. „Man bedenke nur, der Rückgang der Emissionen von Treibhausgasen muss das Ergebnis nationaler Maßnahmen und politischer Vorgaben sein.“ (Caserini Stefano, 2020)

„Langsamer, weniger, besser, schöner – ökologischer Wohlstand“ Vision der 80er und 90er Jahre. Hans Glauber, der Initiator der Toblacher Gespräche skizzierte 1994 Szenarien eines menschlichen Handelns, das sich radikal zu verändern hätte, wollte man sich nicht in den Abgrund manövrieren. Haben diese zahllosen lokalen und internationalen Kongresse etwas gebracht? War das alles umsonst oder hat sich doch etwas verändert? Ja, es hat sich was getan, aber allein das Bewusstsein bei vielen Menschen und in lokalen Verwaltungsbezirken reicht nicht mehr aus.

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Vor 20 Jahren stand im Aufmacher zu den Gesprächen: „Die Notwendigkeit einer umfassenden ökologischen Umsteuerung ist dringlicher denn je.“ Jetzt, 2020, plädiert Matthias Horx, Futurologe und Leiter des Zukunftsinstitutes in Frankfurt und Wien für einen ganz anderen Weg. Das Endzeitszenario ist passé. Jetzt müsste die ganze Kraft dafür verwendet werden, so sagt dies Matthias Horx, das Boot mit den Kräften der Technik, der Wirtschaft, der Kultur und der Politik in eine andere Richtung zu lenken. Die heutige Angst- und Schuldökologie, wie sie Horx bezeichnet, bringt nichts und spaltet die Gesellschaft. „Knappheits- und Verzichtsideologie erzeugt Stress und Aggression und führt unweigerlich zu Verteilungskriegen.“ Horx plädiert für einen Abschied vom Endzeitdenken und will die Versöhnung von Technologie, Kultur und Ökonomie.

Enrico Giovannini von der Alleanza Italiana per lo Sviluppo Sostenibile, Rom deutet auf eine solche Versöhnung hin. Europa mit dem European Green Deal soll es richten. Europa als klimaneutraler Vorzeigekontinent? Klingt gut. Die globale Politik muss es anpacken. Das sind jene strategischen Entscheidungen, wie sie Herr Caserini fordert und wie sie von Herrn Horx als die Glokalisierung beschrieben wird. Sie lesen richtig: „Glokalisierung“. Übrigens, so etwas Ähnliches wurde vor drei Jahrzehnten von den Toblacher Gesprächen als globales denken und lokales handeln definiert.

Enrico Giovannini nennt neben dem European Green Deal das Wirtschaftssystem, das im Dienste des Menschen zu stehen hat. Dazu kommen die Digitalisierung, die Förderung des europäischen Lebensstils, neuer Elan für die europäische Demokratie und ein insgesamt gestärktes Europa. Sechs Handlungsebenen, um eine ökologisch nachhaltige Entwicklung in Europa zu ermöglichen.

Bei den aktuellen Toblacher Gesprächen führte das Coronavirus die Diskussion in eine Richtung, die sich so niemand erwartet hatte. Susanne Elsen, Professorin für angewandte Sozialwissenschaft der Universität Bozen: „Wir erleben eine unvorstellbare Vollbremsung. Die Krise irritiert, verunsichert, macht mit Recht Angst.“ Dass sich am Konsum, der Mobilität und dem Lebensstil etwas zu ändern hätte, um klimafreundlicher leben zu können, ist klar geworden. Durch die Corona-Zeit hat man eine Vorstellung davon bekommen, dass manches im Leben nicht unverzichtbar ist. Das meint Susanne Elsen.

Mario Agostinelli, Präsident des Vereins „Energia Felice“ ist der Meinung, dass sich eine solche Entwicklung, wie sie Corona uns aufdiktiert hat, abgezeichnet hat. Mario Agostinelli: „Die Leichtigkeit und Geschwindigkeit mit der sich das Virus im Menschen verbreitet und angepasst hat, geht überraschend eng mit einer Reihe menschlicher Fehlentscheidungen einher: dem drastischen Abbau der Artenvielfalt, dem Siegeszug der Chemie in der Landwirtschaft sowie der Umweltbelastung durch Industrie und Verkehr. Diese destruktiven Prozesse haben auch die Wechselwirkungen unter Lebewesen und Arten auf der Erde verändert.“

Verschwende nicht eine Krise, ohne daraus für die Zukunft etwas gelernt zu haben. Never waste a good crisis. Das war der Titel der 31. Toblacher Gespräche 2020. Ob die Gesellschaft tatsächlich daraus was lernen kann und will und ob sie, die Gesellschaft, die 30 kommenden Jahre das Pendel in die andere Richtung ausschlagen lassen will, hängt von globalen Strategien und lokalen Ideen ab.

Johann Georg alias Hansjörg Rogger