R.K. und das Ungewöhnliche

Es war eine andere Zeit. Computer waren noch elitär, zu finden in den Wörterbüchern, zu hören aus den Staaten über dem Ozean. Es sei was Amerikanisches, hat man schon viel früher verkündet. Und ganz langsam waren sie zu sehen als Hi-Tec-Dinosaurier in improvisierten Räumen. Computerräume wurden sie genannt; die ersten Möbel gab es zu kaufen. Groß, schwer und sehr teuer. Eine neue Zeit schien sich anzukündigen. ISDN-Internet, damals eine Revolution. Die sozialen Online-Netzwerke gab es nicht. Noch völlig unbekannt. Das Internet hat fast gar nichts mehr mit dem zu tun, was es heute ist. Spannend allemal. Man wähnte sich in der Zukunft, aber los ging es erst richtig jetzt.

Die 80er Jahre. In der Schule war man sehr konservativ unterwegs. Viel zu reaktionär, rückwärtsgewandt. Und doch gab es Lust nach dem Ungewöhnlichen. Und das Gefühl, dass es so wie es ist, nicht bleiben kann. Hat Bert Brecht mal gesagt. Und Richards Aufbruch war keine Stimmung, er hat es getan. „Das Neue steckt schon in uns drinnen, wir müssen nur den Blick nach innen richten, um es auch zu sehen.“ Sagt der Literat Hermann Winkler. „Innovation braucht Ruhe zur Besinnung, Freude am Schaffen und Raum zur Entfaltung.“

Kreieren, create , creare – ausklügeln, entdecken, entwerfen, erdenken, erklügeln, gestalten, generieren, austüfteln. Die Theoriebücher füllten sich mit innovativer Didaktik.

Es fühlt sich an, als gebe es da noch etwas hinter den schönen Theorien. Etwas Besonderes machen, erzeugt immer Erinnerung. Mainstream ist langweilig und sehr flüchtig. Schriftliche Kommunikation im Mainstream geht gerade aus, ist linear, wenig nachhaltig, nicht spannend, nur auf Technik fokussiert. Es gibt keine spitzen Punkte, die fürs Leben von Bedeutung sein werden. 

Für das Leben von Bedeutung? Man weiß es. Aber man hält sich nicht dran. Man wagt es kaum, aus der Dressur herauszukommen. Dressur ist das Antibiotikum – gegen das Leben gerichtet. Das Ausklügeln, Gestalten, das neu Generieren ist das Probiotikum – für das Leben, die Spannung, für das Geheimnisvolle hinter den Dingen. „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht?. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“ sagte 1952 Albert Einstein.

Die Antiquiertheit des Unterrichts wurde ad acta gelegt – von Leuten wie R.K. – Assoziationen wurden gesucht. Je abstruser, umso effizienter; je verrückter umso nachhaltiger; je abgehobener, umso grandioser. Leidenschaft statt akademisch technisches Lehren. „Nüchtern besoffen sein.“ Der Wiener Schauspieler Otto Schenk hat das gesagt.

Technisches Lehren fließt nicht. Es übt nur ein – sanktioniert und stresst. Automatisiertes Können ist gut, bleibt es aber isoliert, dann ist es zu wenig, zu abstrakt, ohne eine Wertebasis. Wenn aber technisches Lehren fließt, berührt, emotional assoziieren kann, dann gibt es Perspektive, Lust und Genugtuung. 

R.Ks Intention: Die beiden Seiten der Münze sehen und deren Bedeutung generieren. Neu und alt; vorne stehen und nach hinten dozieren, dann aber den Spieß umdrehen – entdecken lassen.

Der freundliche Begleiter – der Lehrer – die eine Seite der Münze. Die Autorität – die andere Seite. Die Synergie zu schaffen, das ist die Kunst.

Es geht weit über das Sachziel hinaus. Musik, Film und das Neue, was sich am Horizont ankündigte – das alles kam dazu. Die Kombination ritzte Erinnerungsspuren ins Gedächtnis: Hausnachrichten, um ein Beispiel zu nennen. Abgeschafft mit dem Abgang von R.K. Alternativen sind nicht mehr nachgekommen. Es fehlt die Lust am Ungewöhnlichen. Assoziationsketten werden nicht mehr gesucht. Literatur und Musik war eine, Moderation im Nachrichtenstudio eine andere, Kreativer Umgang mit neuer und alter Technologie wieder eine andere. Die Fotokunst im Porträt eine weitere. Foto- und Videostudio die spitzen Punkte im Reigen des Ungewöhnlichen. „Alles was erlebt wird, hat Stempelgewalt“, sagt der 92jährige Wiener Schauspieler Otto Schenk. Das Erleben verhindert Flüchtigkeit und somit ein Abdriften in die Bedeutungs- und Wertlosigkeit.

Nachdem das Digitale nach den 80ern Fahrt aufgenommen hat, schob sich auch der Film und der Filmschnitt in den Vordergrund. Eine Fundgrube für junge Leute, die den Perspektivwechsel von der analogen zur digitalen Welt mit offenen Armen begrüßten. 

Der Ansporner ging synchron mit seinem Publikum. R.K. als Modell, Dozent, Handreichung für Gewohntes, Ungewohntes und Zukunftträchtiges. Der Dichter Jean Paul: „Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.“ Soll wohl heißen, dass gute Bildung immer „einen geistigen Überschuss, eine kleine utopische Verheißung“ enthalten muss. (In: „Die Welt“ 2018) 

Johann Georg (Hansjörg) Rogger / zur Pensionierung des IT Lehrers Richard Kammerer / September 2022