Wenig aufbauende Pädagogik, damals in den 50er und 60er Jahren

Und doch spüre ich immer wieder in die Zeit hinein, wo ich als Bub Lederhosen trug, wo ich Angst hatte um Menschen, die mir nahe standen, wo ich das rote Blechtretauto fahren konnte, wo ich auf die Mauer stieg, runterfiel und sich viele um mich mitleidsvoll kümmerten, wo ich gelitten hatte, und der Trost oft lange auf sich warten ließ. Wo ich eifersüchtig war, weil andere mehr Aufmerksamkeit hatten, wo ich nach Liebe buhlte und zu spüren bekam, dass andere besser waren, wo ich gelogen hatte, um der Strafe zu entgehen, wo ich auf der Ofenbank Schläge bekam, weil ich ungeschickt Honig verschüttet hatte und Milch als Notlüge gebrauchte. 

Mein Mitleiden mit den anderen war nicht selten auch zorniges Mitleid, hasserfülltes Mitleiden. Im Kindergarten drückte ich mich meiner Spaziergehpatnerin fest in ihre Hand. Es muss ihr Schmerzen bereitet haben. Und mir auch. Ich mochte, dass sie mich spürt. Sie hat es nicht gezeigt, aber es muss grob gewesen sein. Und dann tat sie mir leid, weil sie hilflos wirkte. Ich hasste mich, weil ich mich an ihrer Hilflosigkeit und Verletzlichkeit gut fühlte – gleichzeitig war mir zum Kotzen schlecht. Ich kenn nicht mal mehr ihren Namen. 

Schamlos habe ich meinen aufgestauten Frust bei anderen abgelassen. Und dann hasste ich mich dafür. Das Mitleid kam immer schnell und gewaltig. Einmal so, einmal anders. Ich wollte das Sanfte, erwartete mir viel, bekam es nicht, und dann kam der Zorn, die Wut, die Rache. Danach die Enttäuschung, die Scham. Auch das hat mir nie das gebracht, nach dem ich mich sehnte. Allein die Schuldgefühle pressten mir den Schweiß aus den Poren. 

Erzählt habe ich niemandem davon. Schon gar nicht den Pfarrern, die gierig nach unseren Sünden lechzten. Ich habe hineingefressen was nun mal hineinzufressen ging. In der Schule war ich viel krank, Ich wollte oft krank sein. Es war dies das einzige Mal, wo ich Aufmerksamkeit bekam. Oft auch schimpfende Aufmerksamkeit. „Hast du wieder mal zu wenig aufgepasst!“ Jetzt war ich der „Hons“, der ich nicht sein wollte. Immer wenn man zornig mit mir war, war ich nicht mehr der „Hansjörg“. Ich tat so, als berührte mich das nicht, aber es tat weh.

Lesen, schreiben und etwas rechnen hab ich gelernt. Parieren und immer tun, was die Damen und Herren Lehrer und die Pfarrer wollten – dafür war die Haselnussrute auf unseren Handrücken gut. Tat weh auf den ausgestreckten Fingern. Wenig aufbauende Pädagogik damals in den 60er Jahren.

Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Johann.rogger@me.com