„Doppelt so viel ist nicht doppelt so gut“ – Warum die Lifterweiterung am Grenzkamm in Sexten ein Irrweg wäre

Die geplante Lifterweiterung hinauf auf den Grenzkamm zwischen Sexten und Österreich – Hochgruben – steht exemplarisch für ein Wachstumsparadigma, das im alpinen Raum zunehmend an seine ökologischen, ökonomischen und sozialen Grenzen stößt. Das Prinzip „Doppelt so viel ist nicht doppelt so gut“ verweist auf eine zentrale Einsicht moderner Nachhaltigkeitsdebatten: Jenseits eines bestimmten Punktes erzeugt quantitatives Wachstum keinen proportionalen Mehrwert, sondern steigert systematisch Kosten, Abhängigkeiten und strukturelle Risiken. Im Kontext der geplanten Erweiterung in Sexten spricht vieles dafür, dass dieser Schwellenwert überschritten wäre. „Mehr desselben bedeutet nicht dasselbe“, das schrieb 1985 Paul Watzlawik.

Das, was ursprünglich gut, sinnvoll und für das Prosperieren Sextens und der Region hilfreich war, kann durch das immer Mehr und Mehr selbst zum Problem werden.

Die Pioniere für die Entwicklung Sextens haben beginnend in den 60er bis in die Mitte der 20er Jahre Großartiges geleistet. Jetzt mit dem neuerlichen, geplanten Hochrüsten operiert Sexten und die gesamte Region auf einem sehr hohen touristischen Intensitätsniveau.

Zusätzliche Liftanlagen und Pistenkilometer versprechen nominell Wettbewerbsfähigkeit, tatsächlich jedoch sinkt im gesättigten touristischen Markt der Grenznutzen jeder weiteren Expansion.

Der zusätzliche Nutzen (Grenznutzen), der aus einer weiteren Aufrüstung des Skigebiets entsteht, nimmt mit einer bestimmten Investitionsgröße ab. Dieses Prinzip lässt sich mit der Landwirtschaft vergleichen: Das Ausbringen von Dünger steigert den Ertrag nur bis zu einem bestimmten Punkt – dem optimalen Grenzwert. Wird darüber hinaus weiter gedüngt, sinkt der zusätzliche Ertrag beziehungsweise kann sogar insgesamt zurückgehen.

Egal ob Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen, Tourismus oder Verkehr – zusätzliche Einheiten eines Faktors bringen zunächst hohen, später aber sinkenden Zusatznutzen bzw. -ertrag. (Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1871)

Die Nachfrage steigt so lange an, bis eine Sättigungsgrenze erreicht ist und zusätzliche Kapazität keinen weiteren Mehrwert mehr generiert. Der Ausbau großskaliger Infrastrukturen geht mit hohen Fixkosten einher und erzeugt einen strukturellen Auslastungsdruck. Unter Bedingungen klimatischer Unsicherheit, zunehmender ökologischer Bedenken und endlicher Flächenkapazitäten erweist sich diese Strategie als risikobehaftet. Die Transport- und Beförderungskapazitäten werden durch zusätzliche Seilbahnanlagen sukzessive erhöht, der räumlich-territoriale Rahmen bleibt jedoch konstant und nicht expandierbar. Die infrastrukturelle Verdichtung innerhalb eines begrenzten Territoriums führt folglich zu Nutzungskonflikten und Überlastungserscheinungen, die sich in verkehrlicher Überlastung, Flächenengpässen sowie sozialen Spannungen zwischen lokaler Bevölkerung und touristischen Akteuren manifestieren.

Die abgewählte Präsidentin des Tourismusvereins Traudl Watschinger und Seniorchefin des berühmtesten Hotels in Sexten „Drei Zinnen“ hat das, was vielen Sextnerinnen und Sextner am Herzen liegt, im ff-Interview zum Ausdruck gebracht: „….Mein Bestreben war es, immer auch für Sexten selbst zu arbeiten, für eine ausgewogene Ortsentwicklung.“ (ff, 12.2.2026,Nr.7) Und weiter: „Wir müssen die Balance halten zwischen den Bedürfnissen des Skiliftbetreibers und jenen der Einheimischen.“

Es ist verwunderlich, dass der Geschäftsführer der 3-Zinnen-AG Herr Marc Winkler und der Präsident Herr Franz Senfter für ein Interview mit der Zeitschrift ff nicht bereit waren.

Es wäre spannend zu wissen, wie die Mehrheit der Sextner Bevölkerung zur geplanten Erweiterung steht. Vor fünf Jahren wurde eine Befragung noch für unzulässig erklärt. In einem Land, das Mitbestimmung hochhält, wirkt diese Haltung fast schon untragbar, schwer zu verdauen. Reginalda Tschutschenthaler im ff-Interview: „Es ist schon mehr als bedenklich, wenn man nach wie vor ein so großes Projekt verfolgt, ohne die Sextner Bevölkerung miteinzubeziehen.“ (ff, 12.2.2026, Nr.7)

Die Einbeziehung der Menschen, die im Tal leben, wäre eine gute Möglichkeit, die von Watschinger beschriebene Balance nicht aufs Spiel zu setzen. Die Bevölkerung lebt mit dem Nutzen, muss aber auch mit den Problemen zurechtkommen. Deshalb dürfen nicht nur Lobbyisten entscheiden – es müssen diejenigen das Sagen haben, die im Dorf leben und arbeiten.

In der neuen Südtiroler Tageszeitung online wird am 23.7.2025 der Landesrat Peter Brunner von der Südtiroler Landesregierung mit den Worten zitiert: „Wir warten nur noch auf die Genehmigung der UVP auf österreichischer Seite“ Die Menschen in Sexten spielen demnach keine Rolle.

Hansjörg Rogger

Quellen: Welt News & Live TV, 20.2.2026 / / Die neue Südtiroler Tageszeitung online vom 23. Juli 2025 / / ff-Südtiroler Illustrierte, Nr.7 vom 12.2.2026 / / https://hansjoerg.blog/2025/07/19/offener-brief-an-den-landeshauptmann-von-suedtirol-herrn-arno-kompatscher/ / Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1871 / / Paul Watzlawik, Vom Schlechten des Guten, 1985 / /