Über den Tourismus

Gedanken zur Ausstellung des Architekturzentrum Wien, die vom Heimatpflegeverband Südtirol nach Bruneck geholt wurde

Gedanken von Hansjörg Rogger am 15.10.2026

Die Natur schweigt. Sie lässt es geschehen, dass die Menschen an ihren Grundfesten rütteln und sich dabei selbst gefährden. Sie scheint geduldig, wenn sich Menschenmassen an Stränden drängen, Seen zu bloßen Fotokulissen werden und dort, wo einst Stille herrschte, das Surren von Drohnen und das Klicken von Kameras erklingen. Doch irgendwann kippt das Gleichgewicht. „Stoppt den Verkehrswahnsinn, er macht uns krank“ – dieser Satz, auf einer Straße in Hallstatt zu lesen, bringt die wachsende Verzweiflung auf den Punkt. Der Mensch, selbst Teil der Natur, beginnt zu spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Er leidet – der Berg bricht – die Hitze tötet. Symptome eines falsch verstandenen „Ebenbildes Gottes“? Die Natur hat den Menschen nicht zum König ernannt. Sie hat ihn lediglich hervorgebracht.

Die Natur ist viel älter als unsere Sorgen, viel größer als unsere Vorstellungen von Schönheit und viel gleichgültiger gegenüber dem Menschen, als wir es uns wünschen. Berge standen schon, bevor wir ihnen Namen gaben. Flüsse fanden ihre Wege, lange bevor wir sie begradigten. Wälder wuchsen, ohne dass jemand sie bewunderte. Die Natur braucht unseren Blick nicht, um schön zu sein. Sie braucht keine Reisenden, keine Instagram InfluencerInnen, die ihre Schönheit bestätigen, keine Wanderwege, die sie erschließen, und keine Hotels, die ihre Nähe vermarkten.

Die Natur ist lange sehr schweigsam. Sie kommuniziert aber durch Veränderungen, Rhythmen und Zusammenhänge. Sie arbeitet lange im Dialog mit allen die in ihr leben, auch dann, wenn wir Hunderte von Chalets in die Hänge hineinmurksen, wenn wir Berghänge mit Skiautobahnen kahlschlagen. Sie findet immer ihre Wege, zuerst kaum merkbare Veränderungen, dann kommen diese immer heftiger, auch solche, die uns Menschen schmerzen, manchmal mehr, als wir uns vorstellen können. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, auch wenn wir uns gerne dafür halten. Wenn wir nicht aufhören, immer neue Skikarusselle in die Landschaft zu bauen, werden uns die Naturgesetze früher oder später ihre Grenzen aufzeigen, und sie werden uns auf den Kopf fallen und unserer vermeintlichen Krone die Leviten lesen. Sie tun es manchenorts schon heute, unmissverständlich. Und die Ohrfeigen, die schon eine Weile nicht mehr ausbleiben, werden uns schmerzhaft unsere Machtexzesse vor Augen führen.

Wie Philippe Sands, Völkerrechtler, feststellt, muss der Schutz der Umwelt ein Wert an sich sein – und darf nicht allein damit begründet werden, dass ihre Zerstörung dem Menschen schadet. „Protection of the environment is an end in and of itself.“ (Philippe Sands, From Genocide to Ecocide, 10. August 2022).

Das bedeutet: Wir müssen der Zerstörung durch den ausufernden Tourismus nicht erst deshalb Einhalt gebieten, weil wir Menschen in Barcelona, auf Mallorca oder in Hallstatt unter seinen Folgen leiden. Wir müssen handeln, weil Barcelona, Mallorca und Hallstatt es verdienen, um ihrer selbst willen geschützt zu werden. Nicht allein unser Wohlergehen sollte den Maßstab bilden, sondern auch der Eigenwert dieser Orte, ihrer Landschaften und ihrer Natur.

Die vom Architekturzentrum Wien gestaltete Ausstellung ist eindringlich und herausfordernd. Sie rüttelt auf, regt zum Nachdenken an und hält uns schonungslos den Spiegel vor. Sehenswert!

Bildtafel in der Ausstellung „Über den Tourismus“ Die Beschriftung zu dieser Tafel: Die Nutzungskonflikte spitzen sich an vielen Orten zu und eskalieren punktuell. Im Sommer 2023 blockierten Demonstrant*innen 15 Minunten lang den Zufahrtstunnel nach Hallstatt, um auf die durch den Massentourismus bedingte Verkehrsbelastung aufmerksam zu machen.