Es ist bitter, ja beschämend, was sich in meiner Nähe abspielt.
Während in der Ukraine seit Jahren Menschen sterben, Städte zerstört und Familien auseinandergerissen werden, bewegt sich Putin noch immer im weissen Hemd und mit Krawatte durch seine ihm hörige Welt – geschniegelt, unbehelligt, als wäre all dies nur eine Randnotiz der Geschichte. Als wäre das Leid von Millionen Menschen etwas, das man zur Kenntnis nimmt, ohne sich wirklich davon berühren zu lassen.
Und dann spricht der russisch-orthodoxe Patriarch vom «heiligen Krieg». In seiner Erzählperspektive reist er dafür weit zurück, bis ins Mittelalter, zu den Kreuzzügen. Er bedient sich einer Sprache, die Gewalt religiös verklärt und den Krieg mit einem höheren Sinn versieht. Beschämend ist das für einen Patriarchen, der eigentlich Gottes Wort vertreten und für Frieden, Barmherzigkeit und die Würde des Menschen eintreten sollte.
Weder Papst Franziskus noch Papst Leo fanden es der Mühe wert, die Einladung in die Ukraine anzunehmen. Dabei hätte allein ihre Anwesenheit dort vielleicht mehr sagen können als manche Rede von einem Balkon herab, mehr als sorgfältig formulierte Appelle und diplomatische Floskeln. Ein Besuch dort, mitten im Leid der Menschen, hätte ein Zeichen setzen können: gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Gewöhnung an den Krieg.
Am 7. Oktober 2026 wurden bei russischen Angriffen mindestens 22 Zivilisten getötet. Einen Tag später kamen in Kramatorsk bei einem Angriff auf eine Strasse mit zwei Bussen mindestens 33 Menschen ums Leben.
Verbrannt. Zerfetzt. Zerstückelt.
Menschen, die ihr Leben leben wollten, so wie du und ich, die wir hier im Café sitzen. Menschen mit Hoffnungen, Plänen und Träumen. Ausradiert!
Und so etwas nennt der russische Patriarch einen «heiligen Krieg».
Grauenvoll.
Es ziemt sich für mich schon lange nicht mehr, mich als Mitglied der katholischen Religionsgemeinschaft zu bezeichnen. Was soll ich noch davon halten, wenn Menschen abgeschlachtet werden, der russische Patriarch von einem «heiligen Krieg» spricht, Putin und seine Schergen in den Vereinten Nationen sitzen – was für eine Perversion – und mein Vertreter Gottes überall hinfliegt – nur nicht in die geplagte Ukraine?
Was soll ich davon halten? Ich frage und frage mich:
Nichts.
Eine Religion, die angesichts solchen Leids nur der Predigt frönt, verliert ihre moralische Kraft. Goethes Satz aus dem „Faust“ gilt auch hier: „Worte sind Schall und Rauch …“. Und eine Weltgemeinschaft, in der ein Aggressor politisch und diplomatisch weiterhin seinen Platz behauptet, während seine Opfer sterben, verliert ihre Glaubwürdigkeit.
Nichts ist davon zu halten.
Die Welt, die nach den Barbaren Hitler, Stalin und Mussolini so hoffnungsvoll einen neuen Weg eingeschlagen hat, trainiert sich heute nicht mehr am Frieden, sondern an der Gewalt. Wir gewöhnen uns an die Bilder zerstörter Städte, an die Zahlen der Toten. Wir lenken uns mit Provinzpossen ab, beklagen uns über Zugverspätungen und gestiegene Preise – während kaum 1.000 Kilometer entfernt 33 Menschen in zwei Stadtbussen zerfetzt und verbrannt werden.
Hansjörg Rogger