Autor: Hansjörg (Johann Georg) Rogger

  • Was hat Diskriminierung mit Autokratie zu tun?

    Ich kann für mein Handeln alles Mögliche verantwortlich machen: meine schwierige Kindheit, meine Eltern, meine Lehrer*innen oder meine unerfüllten Kindheitswünsche. Doch all das ändert nichts daran, dass ich schuldig bin, sobald ich jemandem – in welcher Form auch immer – Schaden zufüge. Meine Erlebnisse mögen mein Verhalten relativieren und für mich selbst erklärbar machen, nicht jedoch für die Person, die mein Tun ertragen musste.

    Ob Diskriminierung, Herabwürdigung oder Bevormundung – all das sind Übergriffe, die niemals auf Augenhöhe stattfinden. Nur echte Augenhöhe hat das Potenzial, autokratischen Tendenzen – und damit Diskriminierung – etwas entgegenzusetzen. Diskriminierung befeuert Autokratie, und Autokratie ist wiederum der Nährboden für Ungerechtigkeit. Wenn wir nicht wachsam sind, schleichen sich diese Tendenzen in unsere gesellschaftlichen Strukturen ein und vergiften sie von innen heraus: Befehle und Anordnungen ersetzen Auseinandersetzung und Kompromissbereitschaft. Wie Metastasen zerstören sie unser Rechtsverständnis, unsere Debattenkultur, unsere Angstfreiheit und unsere Vielfalt.

    Unsere Gesellschaft läuft Gefahr, die Blase des Verstehen-Wollens auf Kosten der Opfer immer weiter aufzublähen. Täter*innen verstecken sich gern hinter autokratischen Machofassaden. Doch die #MeToo-Bewegung zeigt, dass es Hoffnung gibt: Diese Fassaden bröckeln. Die Blase, in der sich Machos – welchen Geschlechts auch immer – sicher fühlten, wird durchsichtig; an manchen Stellen kommt es zu heftigen Eruptionen. Genau diese braucht die Gesellschaft – von der Familie über die Schulen (vor allem die Schulen!) bis hinein in Kirche und Politik. Nur so haben demokratische Systeme, die derzeit immer stärker unter Druck geraten, eine echte Chance.

    Man bedenke: Weltweit gewähren nur rund 22 % der Staaten ihren Bürger*innen umfassende demokratische Rechte. Der große Rest lässt keine „Eruptionen“ zu – nichts von dem, was wir in Europa als demokratische Grundrechte schätzen. Dort wachsen die Blasen weiter, werden dichter, größer und undurchsichtiger. Augenhöhe existiert nicht mehr, Diversität schon gar nicht. Inklusion verkommt zum Fremdwort, allenfalls gut aufgehoben in Spracharchiven.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

    Publizist

  • ….und während ich in Gedanken versunken bin…….

    gehe ich den Weg hinauf. Kühl ist es. Auf halbem Weg eine Kurznachricht von CNN: „Russian opposition leader Alexey Navalny is facing an even longer stint in jail after being sentenced to 19 years in prison on extremism charges.“ Ich bleibe stehn, der Zorn drückt sich in meine Brust hinein. Wut vermischt sich mit Traurigkeit.

    „Wir haben keine andre Zeit als diese“, schrieb Mascha Kaléko. Ich habe keine andre Zeit als diese. Deshalb muss ich weitergehen – dorthin wo es mich hintreibt – trotz des Leids nicht weit von hier entfernt. Ich bin ein Kind der 50er Jahre, voller unhinterfragter Hoffnung. Und nun? „Wir kamen еinst mit Kindesgläubigkeit in ein vom Sturm verwüstetes Jahrhundert. Einst hofften wir und nun schweigt’s in uns verwundert……“ Mascha Kaléko. 

    Das Regime in Russland malträtiert alles, was ihm in die Quere kommt und frisst sich an der Ukraine satt. Gedanken hinauf zum Schloss. Hier darf man frei gehen, frei denken, frei fühlen. Nur ein paar tausend Kilometer entfernt, stirbt man dafür.

    Ich gehe über die Brücke. Alles ist fest, geordnet, schön, unaufdringlich und friedlich. Ich wische weg, was mich zernagt, zornig und nicht selten ungerecht macht. Ich bin gespannt auf das alte Gemäuer, auf „because we believe”, auf Frederic Chopins “nocturne”, auf Lucio Dalla, auf Ennio Morricones “you’re still you”. Vielleicht auch wieder “I think to myself what a wonderful world”. Zögerliche Freude, während man zur gleichen Zeit um das Leben von Maria Kolesnikowa bangt. In Belarus vom faschistischen Terrordespoten weggesperrt. In vielen Teilen unserer Welt in Syrien, Ukraine usw. usw. gibt es diese wunderbare Welt nicht mehr. Ist es gut, sich eine wunderbare Welt herzuwünschen? So wie sie jetzt unter meinen Füßen hält und immer wieder hält? Ja, sag ich mir! 

    Schloss Welsperg – gebaut von Männern, wie sie Bert Brecht in den Fragen eines lesenden Arbeiters beschrieben hat. Beauftragt von adelsmächtigen Geldgebern. Die Stube – uralter Boden, dicke Mauern, tausende Male betreten und berührt, und ich sitze da, lausche der Meditation von Jules Massenet und dann Errol Gardners “Misty. Die Narben im Boden, der Geruch, die schwere Tür mit den schweren Beschlägen und „you‘ll never walk alone „ von Rogers und Hammerstein, „Merci“ von Jürgens, „Den unmöglichen Traum träumen“ von Leigh und Darion. Die Geige, das Klavier – die Resonanz im dicken Gemäuer. Neues trifft auf Altes – ein Widerspruch? Nein!

    „At the end of a storm, There’s a golden sky, And the sweet silver song of a lark.“ Tausende hören diese Lerche nie mehr. Ich sitze auf den jahrhundertealten zerfurchten Holzdielen. Ich denke an den goldenen Horizont, die liebevoll gepflegten alten Stuben, die Seele, die dieses Schloss umgibt und an die Lieder von Halma. 

    „Sognamo un mondo senza più violenza
    Un mondo di giustizia e di speranza
    Ognuno dia la mano al suo vicino
    Simbolo di pace e di fraternità…” Trio Halma singt und spielt es in den Saal hinein – kraftvoll, engagiert, behutsam. Chopin, Bocelli, Lucio Dalla, Andersson – das Publikum reagiert kraftvoll zurück und spaziert emotional aufgeladen und friedvoll nach Hause – über die Brücke hinunter auf den Schlossweg. Die Kuratorin Brunhilde Rossi weiß, wovon sie spricht, sie sieht und spürt es in unseren Augen, an unserer Ruhe, an unserer unaufgeregten Zufriedenheit.

    „Lead us to a place, Guide us with your grace, To a place where we’ll be safe – Führe uns an einen Ort, führe uns mit deiner Gnade, an einen Ort, an dem wir sicher sind.“ (The Prayer) “What a wonderful world” ganz am Schluss als Zugabe. Halma interpretiert Louis Armstrong. „I hear babies cry, I watch them grow…I see friends shaking hands, saying how do you do?……” Das Herz blüht auf und sinkt wieder in sich zusammen. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Johann.rogger@me.com

  • ..und schon ist alles vorbei

    Facebook Eintrag vom 14. November 2019, 14.52 Uhr, der Bürgermeister der Gemeinde Bruneck: „Morgen alle Schulen geschlossen.“ ich saß am Mac Book. Die Facebookseite der Schule in der Seitenliste griffbereit. Instagram auch. Die Notiz im digitalen Register platziert. Zu viel Schnee, fast kein Durchkommen.

    Die 1am war jetzt in ihrem 2. Jahr, also die 2am. Und dieses 2. Jahr brachte viele Überraschungen. Vieles kam zu den internen Schwierigkeiten im 1. Jahr dazu. Ihr kennt sie, ich kenne sie. So als hätten junge Leute nicht schon genug am Hals. 

    Das mit dem vielen Schnee ging vorbei. Was aber 2020 begann, schien sich festgebissen zu haben. Für lange Zeit. Es war nicht mehr in unserer Lebensroutine inbegriffen. Am Anfang noch willkommene Abwechslung, aber bald schon war es diese nicht mehr.

    Aber das ist eine andere Geschichte. Und doch ist diese 1am, 2am und bis herauf zur letzten „am“ Teil dieser besonderen Geschichte. So kamen oft solche Fragen über WhatsApp: „Guten Morgen Herr Direktor! Ich hätte eine Frage, Alle meine Schulunterlagen sind noch in der Schule, und sie wären auch zuhause sehr hilfreich… Darf ich nach Bruneck fahren und in der Schule meine Unterlagen holen? Danke und alles Gute
    Lea Marie Steinwandter (2aM), 5.Mai 2020, 10.14 Uhr

    Damian Salzburger am 8. April, 2020, 16.48 Uhr, guten Tag Herr Direktor, ich habe von Teams mein Passwort vergessen. Einen Tag später, am 9. April 2020, 9.32 Uhr, hallo, ich habe das neue Passwort bekommen und gespeichert, danke.

    Die Klassensprecherin am 1.April, 2020, 20.53 Uhr: Guten Abend Herr Direktor! Wir die Klasse 2aM, wollten uns bei Ihnen melden um Ihnen unsere etwas kritische Situation zu schildern. Wir sind momentan sehr überfordert mit der Situation und den ganzen Aufgaben. Natürlich sind wir uns bewusst, dass dies eine Ausnahmesituation ist und dass dies für alle schwierig ist. Jedoch verlieren wir allmählich den Überblick. Das eigentliche Problem sind nicht nur die vielen Aufgaben, denn diese können wir irgendwie schon meistern. Doch mittlerweile erhalten wir Aufgaben über das Digitale Register, Google Classroom, Microsoft Teams oder Whatsapp Gruppen, und so kennen wir uns teilweise nicht mehr richtig aus und manchmal kommt es vor, dass wir Aufgaben übersehen. Wir versuchen unser Bestes, aber tun uns im Moment ziemlich schwer damit…..“

    13.27 Uhr am 24. Mai 2020, Caterina Declara: Guten Tag Herr Direktor, ich habe heute Nachmittag eine Schularbeit in Religion. Ich möchte die Schularbeit am Computer machen, damit es einfacher und unkomplizieter ist und nicht wie bisher am Handy. Mit dem Account, welchen ich im Februar bekommen habe, kann ich mich leider nur mit dem Handy einloggen. Könnten sie mir weiterhelfen? Danke! Um 15.17 Uhr schreibt sie: jetzt hat es geklappt.

    Und so ging es viele Male weiter. Morgens, vormittags, nachmittags, abends und, etwas weniger häufig, aber doch auch gelegentlich – des Nachts. Eine ganz neue Erfahrung, die gut tat.

    2019 war das Jahr mit „my melody“ Wettbewerbssieger! Ein Video, eine Eigenkomposition. „Etwas Kraftvolles“, stellte die Raika fest. Ich war, wie bei all diesen Meldungen, freudig berührt. Noch mehr überrascht hat mich die künstlerische Interpretation, die Klarheit in der Bild- und Textgestaltung und das Konzept dieser Melodie. „Kommt, erzählt mir eure Geschichte“, hat es geheißen und sie haben sie erzählt, so wie man ein Gedicht erzählt. Sie waren mitten drin, sie selbst als Teil ihrer Melodie. Erstaunlicherweise war das die Klasse immer – mitten drin. 

    Sehr vieles hat die Klasse angetrieben. Die Bühne war ein wichtiger Teil davon. Angetrieben vom Wunsch, der Schule mehr als gute Noten abzuringen. „In this Heart“ bis „thou of Lord“ und dazwischen „meine Deutschlehrerin“. Dann noch your melody“, „fiore di maggio“ und vieles mehr. Das war der Schlussakkord. Für kurze Zeit ließ mich vergessen, was wenige Tausend Kilometer von uns entfernt der kriegswütende Russe angerichtet hat und immer noch anrichtet.

    Es ist unschwer auszumachen, was diese 21 bewogen haben könnte, diese Liebeserklärung an ihre Deutschlehrerin zu erzählen. Noch viel unmittelbarer, als es die Melodie ohnehin schon war. Angetrieben auch vielleicht von der Lust am Fabulieren, gespickt mit Gedanken, Anektoden, und Pointen. Eure Deutschlehrerin, die ihre Lebensschule, wie sie selber sagt, auch im „Café am Rande……“, ihr wisst schon was ich meine, gefunden hat. 

    16mal waren es keine dunkelgrauen Lieder. „Tu che sei nata dove c’è sempre il sole…….e quel sole c’è l’hai dentro al cuore…” Und ich stelle mir vor, wie schrecklich es sein muss, gewaltsam nicht geboren werden zu dürfen, im Krieg nicht weit von uns entfernt.

    Es hat gut getan, euch zuzusehen und aufmerksam zu lauschen. Viele wichtige Dinge huschten da nicht einfach an mir vorbei. Kleine Dinge, scheinbar unscheinbare Dinge und doch ein Stückchen von dem, was die 21 antreibt.

    Rogger Johann Georg (Hansjörg), April 2023. Korrekturgelesen: ChatGPT / Abschiedserinnerungen des Schuldirektors Rogger

  • …..und nichts ist geschehen

    Kirche hat Frauen verbrannt – ist sie jemals dafür zur Verantwortung gerufen worden? Aber auch Giordano Bruno hatten Inquisitoren um 1600 mitten in der Stadt des Papstes verbrannt. Hatte man die genussvoll zuschauenden Kleriker jemals geächtet? Hat man sie jemals als Mörder gebrandmarkt?

    Kirche hat gefoltert – sind die Folterer jemals vor Gericht gekommen?

    Kirche hat junge Buben missbraucht – wo sind die Missbraucher hingekommen?

    Kirche hat geschwiegen, wenn sie hätte reden müssen – wo haben sich die Schweiger versteckt?

    Frömmigkeit verhindert keine Kriege. Gerade jetzt in diesen tragischen Zeiten sieht man es wieder und immer wieder. Kirchen stehen nur da und reden und reden und reden – mit gefaltenen Händen. Mütter, Kinder, Väter sterben. Schlimmer noch sind die ganz Gerissenen, die im Namen Gottes hetzen und Aggressoren und Mörder mit Weihwasser besprengen. Das gab es alles schon viele und viele Male. Die Geschichte lehrt es uns. Kreuzzüge damals. Heute, wenige 1000 Km entfernt wird im Namen eines Russengottes gemordet. Und die anderen Götter schauen zu, wie ungeborene Babys im Bombenhagel verrecken. Und empören sich! Mehr aber auch nicht.

    „Die christliche Kirche treibt nicht nur die Gläubigen in die Gräben und segnet die Maschinen, die zum Mord bestimmt sind – sie heilt auch die Wunden, die der Mord geschlagen hat, und ist allemal dabei.“ Kurt Tucholsky hat das geschrieben.

    Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf sagt, nachdem er in die Vatikanarchive Einblick genommen hat, „dass der Papst intensiv über das Schicksal der Verfolgten und ermordeten jüdischen Menschen informiert war, und zwar nicht nur auf der großen politischen Ebene, sondern eben auf der ganz persönlichen Ebene, wo hunderte und tausende Bittschreiben ihn tatsächlich erreichten.“ Und Herr Wolf stellt die Frage, warum Pius XII den Holocaust nicht öffentlich verurteilt habe. „Warum hat er sich dem Protest der Alliierten gegen den Holocaust im Winter 1942 nicht angeschlossen?“

    Und sie haben nichts Besseres zu tun, als festzustellen, dass das Zölibat nichts aber schon gar nichts mit dem Priestermangel zu schaffen habe. Das sind die kirchlichen Prioritäten in Zeiten von Mord und Totschlag – wenige Kilometer von uns entfernt.

    Johann.rogger@me.com

  • Mein leben – Meine Kunst – Seiwald

    Die Kunst fasziniert, und nicht nur. Die Suche nach dem Stückchen Wahrheit, nach der Vision einer Welt, dessen Erinnerungen verloren zu gehen scheinen. Wild verwoben mit dem Forschergeist – erdverbunden. Und die Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. „Schau alle Wirkenskraft und Samen und tu nicht mehr in Worten kramen.“ Goethe fällt mir ein, während ich zuhöre und staune.

    Ich giere nach dem Entdecken dessen, was ich mir vorgestellt hatte, dass es so sein könnte. Die Werkstatt – ein sonnengewärmtes Paradies, der Traubenlaubengang – hinauf in den Garten. Der große Tisch in der Mitte, die vielen Stellagen und Nischen an der Seite. Buddha steht im Garten neben Sonnenblumen, Rebstöcken und Farngräsern. Die Fassade mit den vielen schräg montierten Fenstern – ungewöhnlich. Ein sonnendurchflutetes Haus, von unten bis hinauf zum First.

    Die Schatullen mit Pinseln, Sprühdosen, ein altes Telefon, Schraubstock, Klebebänder, Stifte, Bilder, Kartone über Kartone, Leinwände, Gitarre und eine Trommel – sie erinnern mich an das farbige Hören und die Visualisierung von Tönen in Farbe. Und am Boden die schwarze Pflanzenerde. 

    Positive, weltzugewandte Visionen einer Seele. Nicht intendiert, als er damit an der Leinwand begann. „Ich weiß nicht, was da draus wird, wenn ich male.“ sagt er. Da entstehen plötzlich Bäume, oder auch nicht, filigrane Muster, Farbschichten und Formen. Farben und Formen verbinden sich, lassen Deutungen vermuten, verwischen diese wieder und werden belanglos in ihrer Isolation und bedeutungsstark in ihrer Synergie. Interpretationen wären gekünstelt und aufgezwungen. Sie sind offen. Meine Gedanken aber entspringen meiner Welt, die mit der seinen kaum oder gar nicht vergleichbar sind. Sie interpretieren aus der eigenen Geschichte heraus, motiviert durch gute und schlechte Erfahrungen, durch die spitzen und weniger spitzen Punkte im Leben. Wie Keramikpits aufgedröselt auf einer Kette. Jedes Pit eine Geschichte, wiedererwacht und hineingetragen ins Bild. Ein Zurückerinnern, ein Gewahrwerden, ein Vergleichen, ein freudiges und weniger freudiges Nachdenken über sich selbst und die Welt. Es ist nicht meine Welt dort auf dem Bild. Es ist die seine. Wenn ich dabei verweile – schaue und nicht nur sehe – dann wird es ein bisschen auch die meine sein. „Ich male mir meine Welt“ sagte der deutsche Maler Gerhard Richter. Die Abstraktion lässt vieles offen. Wenn die Nichtgegenständlichkeit mit den Farben und Formen gefällt oder nicht gefällt, dann dominiert die Ästhetik, meine Ästhetik, mein Interesse an den Formen und Farben und mein Interesse hinter alledem. Ich spinne meine Wünsche, meine Ängste und Sorgen wie in einer Spirale nach oben, verweile, ziehe Vergleiche und finde mich in einer Katharsis wieder. 

    „Ich Male und arbeite nicht aus depressiven Verstimmungen heraus“, sagte er, und ich dachte an den Sternenstaub, Acryl auf Leinwand, Louis Seiwald 2022. Und dann „die Seele“ ein Seiwald Acryl 2015. Leinwand 120×120. 

    Ich stehe vor der „Seele“, denke nach. Und ich male mir meine eigene Seele – im Kopf – genährt durch das, was ich selber bin. Unten die feinen Fäden, Nervenstränge? Vielleicht? Herzschlag unserer Träume, Sehnsüchte, Vorlieben, Leidenschaften und Ängste. Konnex mit dem, was tief in uns drinnen sein mag und uns und unseren Weg entscheidend mitprägen wird. „Wenn Natur dich unterweist, dann geht die Seelenkraft dir auf.“, liest man bei Goethe. „Auf der untersten Sprosse der Leiter“ so Albert Camus „gewinnt der Himmel seinen ungeschmälerten Sinn, er ist eine köstliche Gnade. Sommernächte, unerforschte Geheimnisse, in denen Sterne aufsprühten.“ Und schon bin ich beim „Sternenstaub“. 

    „Glückselig also ist ein Leben, welches mit seiner Natur in Einklang steht.“ Seneca. Wenn man Seiwald zuhört, dann spürt man den Wunsch und das Streben nach einem solchen Einklang. Wenn man einen Blick in seine Werkstatt tut, dann drängen sich ebensolche Fragen auf. Da stehen nicht die Leitsätze an den Wänden geschrieben, sie liegen auf der Werkbank und am Boden. Sie stehen an den Staffeleien, hängen an den Wänden und liegen schön geordnet in den Schubläden. Und gleich beim Eintreten begegnet man den Planet Drums. Öfters schon in Ausstellungen entdeckt. Wenn Texte rund um den Planet kreisen, dann vielleicht als Performance gedacht, oder auch gedacht als der Planet, der ein Ordnungsriese unserer wertvollen Gedanken sein möchte. Ein schöner Platz dafür in der Kunstwerkstatt, neben Tontellern und Tontassen. Und neben dem Bild der Künstlerin Barbara. Auf einem dieser Drums, Zoderers Gedicht eingraviert: „Meine Nacht blutet nicht mehr………“ 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • Faschismus und Naivität

    Sollte tatsächlich der Faschismus in Italien wiederauferstehen, dann sind die Bürger*innen des Landes verantwortlich, die dafür in ihrer blinden Naivität und geschichtsvergessen ihre Stimmen zur Verfügung stellen.

    Möge doch noch die Vernunft in die Köpfe Einzug halten. 

    Wehret den Anfängen. Danach ist alles zu spät und wir driften ab – womöglich in die Unfreiheit. Beispiele gibt es zuhauf: Man schaue nach Ungarn und Polen. 

    Also bitte, tut die Augen auf, lest die Geschichtsbücher, schaut euch an, wie es den Menschen in Russland, China und Iran geht. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • R.K. und das Ungewöhnliche

    Es war eine andere Zeit. Computer waren noch elitär, zu finden in den Wörterbüchern, zu hören aus den Staaten über dem Ozean. Es sei was Amerikanisches, hat man schon viel früher verkündet. Und ganz langsam waren sie zu sehen als Hi-Tec-Dinosaurier in improvisierten Räumen. Computerräume wurden sie genannt; die ersten Möbel gab es zu kaufen. Groß, schwer und sehr teuer. Eine neue Zeit schien sich anzukündigen. ISDN-Internet, damals eine Revolution. Die sozialen Online-Netzwerke gab es nicht. Noch völlig unbekannt. Das Internet hat fast gar nichts mehr mit dem zu tun, was es heute ist. Spannend allemal. Man wähnte sich in der Zukunft, aber los ging es erst richtig jetzt.

    Die 80er Jahre. In der Schule war man sehr konservativ unterwegs. Viel zu reaktionär, rückwärtsgewandt. Und doch gab es Lust nach dem Ungewöhnlichen. Und das Gefühl, dass es so wie es ist, nicht bleiben kann. Hat Bert Brecht mal gesagt. Und Richards Aufbruch war keine Stimmung, er hat es getan. „Das Neue steckt schon in uns drinnen, wir müssen nur den Blick nach innen richten, um es auch zu sehen.“ Sagt der Literat Hermann Winkler. „Innovation braucht Ruhe zur Besinnung, Freude am Schaffen und Raum zur Entfaltung.“

    Kreieren, create , creare – ausklügeln, entdecken, entwerfen, erdenken, erklügeln, gestalten, generieren, austüfteln. Die Theoriebücher füllten sich mit innovativer Didaktik.

    Es fühlt sich an, als gebe es da noch etwas hinter den schönen Theorien. Etwas Besonderes machen, erzeugt immer Erinnerung. Mainstream ist langweilig und sehr flüchtig. Schriftliche Kommunikation im Mainstream geht gerade aus, ist linear, wenig nachhaltig, nicht spannend, nur auf Technik fokussiert. Es gibt keine spitzen Punkte, die fürs Leben von Bedeutung sein werden. 

    Für das Leben von Bedeutung? Man weiß es. Aber man hält sich nicht dran. Man wagt es kaum, aus der Dressur herauszukommen. Dressur ist das Antibiotikum – gegen das Leben gerichtet. Das Ausklügeln, Gestalten, das neu Generieren ist das Probiotikum – für das Leben, die Spannung, für das Geheimnisvolle hinter den Dingen. „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht?. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“ sagte 1952 Albert Einstein.

    Die Antiquiertheit des Unterrichts wurde ad acta gelegt – von Leuten wie R.K. – Assoziationen wurden gesucht. Je abstruser, umso effizienter; je verrückter umso nachhaltiger; je abgehobener, umso grandioser. Leidenschaft statt akademisch technisches Lehren. „Nüchtern besoffen sein.“ Der Wiener Schauspieler Otto Schenk hat das gesagt.

    Technisches Lehren fließt nicht. Es übt nur ein – sanktioniert und stresst. Automatisiertes Können ist gut, bleibt es aber isoliert, dann ist es zu wenig, zu abstrakt, ohne eine Wertebasis. Wenn aber technisches Lehren fließt, berührt, emotional assoziieren kann, dann gibt es Perspektive, Lust und Genugtuung. 

    R.Ks Intention: Die beiden Seiten der Münze sehen und deren Bedeutung generieren. Neu und alt; vorne stehen und nach hinten dozieren, dann aber den Spieß umdrehen – entdecken lassen.

    Der freundliche Begleiter – der Lehrer – die eine Seite der Münze. Die Autorität – die andere Seite. Die Synergie zu schaffen, das ist die Kunst.

    Es geht weit über das Sachziel hinaus. Musik, Film und das Neue, was sich am Horizont ankündigte – das alles kam dazu. Die Kombination ritzte Erinnerungsspuren ins Gedächtnis: Hausnachrichten, um ein Beispiel zu nennen. Abgeschafft mit dem Abgang von R.K. Alternativen sind nicht mehr nachgekommen. Es fehlt die Lust am Ungewöhnlichen. Assoziationsketten werden nicht mehr gesucht. Literatur und Musik war eine, Moderation im Nachrichtenstudio eine andere, Kreativer Umgang mit neuer und alter Technologie wieder eine andere. Die Fotokunst im Porträt eine weitere. Foto- und Videostudio die spitzen Punkte im Reigen des Ungewöhnlichen. „Alles was erlebt wird, hat Stempelgewalt“, sagt der 92jährige Wiener Schauspieler Otto Schenk. Das Erleben verhindert Flüchtigkeit und somit ein Abdriften in die Bedeutungs- und Wertlosigkeit.

    Nachdem das Digitale nach den 80ern Fahrt aufgenommen hat, schob sich auch der Film und der Filmschnitt in den Vordergrund. Eine Fundgrube für junge Leute, die den Perspektivwechsel von der analogen zur digitalen Welt mit offenen Armen begrüßten. 

    Der Ansporner ging synchron mit seinem Publikum. R.K. als Modell, Dozent, Handreichung für Gewohntes, Ungewohntes und Zukunftträchtiges. Der Dichter Jean Paul: „Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.“ Soll wohl heißen, dass gute Bildung immer „einen geistigen Überschuss, eine kleine utopische Verheißung“ enthalten muss. (In: „Die Welt“ 2018) 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / zur Pensionierung des IT Lehrers Richard Kammerer / September 2022

  • Silvia

    Viel zu früh – und wie immer viel zu spät, um das zu sagen, was man immer schon sagen wollte. Hinausgeschoben und hinausgeschoben und wieder hinausgeschoben. Bis es zu spät war. 

    „3473054201“ ist jetzt Geschichte. Es antwortet niemand mehr. Stille, nur noch Stille. “just keep it simple!!!❤”* So steht es noch in den Kontakten. Nimm es einfach nur einfach. 

    **Die Blumen sind zart, sie stehen eng beieinander und ihre Büten sind so dicht, dass man nicht dahinterschauen kann. Es riecht nach frischen Frühlingsblumen. Der blaue Vogel – Erinnerung an die blaue Blume? Die Farbe blau – an Ruhe, an die Weite, an den Schutz, an den Frieden? Die schwarze Frau – Impuls für die Weite des Lebens, für die Welt da draußen, für das Ungewohnte, für das Unvoreingenommene. Das hochgesteckte Haar, wie das von Amanda Gorman: “when day comes, we ask ourselves: where can we find light……”*** Und dann die Blumen und Schmetterlinge im aufgesteckt drapierten Haar – bunt, lebendig. Und man hört es, das Zwitschern, Summen, Säuseln, Rascheln. „….For there I always light, if only we’re brave enough to see it, if only we’re brave enough to be it.”***

    Eintauchen in die Welt der Farben, der Blumen, der Schmetterlinge, der Vögel. Eins werden. Im Denken und Grübeln verhaftet. „Doch wie bei den Schmetterlingen ist es auch bei den Gedanken: Sie existieren nicht nur, sondern sie entwickeln sich, treten in Beziehung zu anderen Gedanken und haben Auswirkungen…“ (Paul K. Feyerabend)**** 

    **Die Raupe, die weiße Zaunwinde, die Rose, die drei Schmetterlinge, der Vogel, die Sommerblumenwiese. 

    Alle lernen voneinander, passen sich an, verändern sich, und „lernen das Lernen lernen“(Silvia,B.)***** Die Sommerwiese macht’s vor. Sanft, in sich gebettet, interaktiv und friedlich – im hochgesteckten Haar. Danach ist Schweigen. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger: Ein Nachruf auf Silvia Brugger – Lehrerin, viel zu früh von uns gegangen.

    *Silvia Brugger, Netzprofil, 2022. **Silvia Brugger, Profilfotografie, 2022, ***Amanda Gorman, 2021. ****Feyerabend in „Little Monkey“ H.Winkler *****Silvia Brugger, mit Fachgruppe HW

  • Inspirationen, um nicht an der Welt zu verzweifeln

    „I think to myself what a wonderful world, ich sehe grüne Bäume und rote Rosen“ – Louis Armstrong. „Te voglio bene assai – die Kraft der Lyrik dove ogni dramma è un falso – con un po’ di trucco e con la mimica kannst du ein anderer werden“ – Lucio Dalla.

    Vorsorglich mit Pullover ausgestattet, sitz ich unter dem aufgespannten Dach. „…..In diesem Moment scheint das Glück unendlich fern……werden Hoffnungen zerstört“ – Roger Cicero. Trio Halma interpretiert. Eine kühle Briese. Derweil werden Ukrainische Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet. In diesem Moment bangen wieder viele um ihre Träume. Und ich sitze da und erträume mir a wonderful world unter freiem Himmel, ohne Sirenengeheul. Die Artilleriegeschosse töten 2000 Km von hier entfernt diese schöne Welt. Und russische Invasoren vernichten Städte, mutwillig, gnadenlos. China drangsaliert Uiguren und Tibeter, in Myanmar tötet man die Freiheit, den Syrern schickt man russische Bomben. Schandbar, shameful, vergognoso. Und ich sitze hier – mein Blick zum Himmel ist frei und ohne Angst.

    Ich freue mich über Josh Grobans to Where you are, über den wunderbaren Gesang, die Geige und das Klavier. Und ich bange um die Menschen und das Land. Es ist bald ein halbes Jahr her, die Nächte geben den Schlaf nicht mehr frei, und die Tage werden zur Qual. Es muss furchtbar sein, wissen zu müssen, morgen kann es meine Kinder treffen, meine Frau, meine Freunde. Unvorstellbar grausam und doch bleibt das Nachvollziehbare theoretisch, für uns, für mich. Es sind unsere Nachbarn, die die Panik aushalten müssen. 

    „Flieg mich dorthin, wo du bist, jenseits des fernen Sterns“ – Josh Grobans sagt das in seinem Lied. „Ich wünsche mir, dich heute Abend lächeln zu sehn“ – Josh Grobans. Aber es ist schwer geworden in diesen Tagen. Das Lächeln, die Freude und die Sorglosigkeit wurden zu Wunschträumen. „Schläfst du sanft in meinem Traum“ – Der gewaltsame und viel zu frühe Tod lässt das Träumen nicht mehr zu. Den Uiguren, den Burmesinen in Myanmar, den Syrern, den Einwohnern Hongkongs, den Ukrainern, und vielen anderen hat der eigene oder ein fremder Machtapparat das Träumen gekappt. 

    „Besame mucho, Que tengo miedo a perderte – Küss mich viel, ich habe Angst, dich zu verlieren“ von Luis Miguel, interpretiert von Halma. Und dann der langanhaltende Applaus. „Kunst, Tanz, Theater, ich denke für die Zuschauer ist das so etwas wie ein Seelensanatorium“ – Ruslan Talipow, Tänzer am Theater in Odessa sagt das am 10. August, dem 167. Tag des Angriffskrieges Russlands. Halmas Musik, ein paar tausend Kilometer weg von der Katastrophe, ist etwas Besonderes, auch für die Seele.

    Hass, Wut und Rachegedanken treiben mich um in diesen Tagen. Das Trio Halma versprüht die Inspiration – für eine kurze Weile – in die Sanftheit zurückkehren zu können. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • Das Mädchen und die weiße Zaunwinde (das Gewinnerbild im Rahmen des Wettbewerbes „Die Frau in der Kunst“)

    Es ist eng zwischen dem satten Grün. Weidenröschen links, Jungfernrebe rechts und dazwischen grünes Gras, Sonne und Schattenbilder. Es ist kühl. Eibe, Fächerahorn, Flieder und das tiefe kühle Grün des Wiesengrases. Es ist leise. Rascheln – zuerst links, dann rechts. Mehr tut sich nicht – nur Stille. In der Luft feine Flügelschläge – ein paar Bienen, Ameisen am Boden, Schmetterlinge in der Luft. Luftbriese sanft auf der Haut. Der Morgenduft ist lau. Es riecht nach Yasmin und taunassem Gras. Die Sonne saugt aus der nassen Erde. Und die weiße Zaunwinde vor mir, feucht und schön. Ich – gedankenverloren mittendrin. 

    Die Felder lagen still und schwer,
    Der Sommer brachte Segen.
    Wir gingen kreuz und gingen quer
    Und kamen von den Wegen.
    Es stand ein roter Mohn im Korn
    Und eine weiße Winde,
    Es hing ein kleines Nest im Dorn
    Aus Halmen und aus Rinden. (Gustav Falke)

    What a wonderful world. Louis Armstrong klingt mir in den Ohren. ich sehe grüne Bäume, rote Rosen, sie blühen für dich und mich. Und ich denke, was für eine wunderbare Welt. Ich rieche an der weißen Winde. Die Stille ist schön, majestätisch unaufdringlich. Schlag noch einmal den Bogen um mich du grünes Zelt. Da draußen stets betrogen saust die geschäft‘ge Welt – Eichendorff war es, der diese Verszeilen niedergeschrieben hat. Und jetzt wartet die Mama daheim. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • Danke für diese Herzklopfüberraschung

    Ich wollte nicht mehr da sein. Und ich war es dann doch. Ganz kurz noch – eine Erinnerung hat mich an gerade diesen Tisch gezogen. Den ganzen Abend war das so. Hier dieses sich Erinnern, dort ein anderes. Aber es war der Abend dann doch zu kurz, um überall hinzukommen, wo Erinnerungen haften.

    Katja hat mich angesehen. Der Blick – so hoffte ich – sei Zufall; ich saß halt grad und zufällig in dieser Richtung. Ein zweites Mal, der Blick so fest und nicht für mich – dachte ich. Katja las und dann wurde es mir doch lauter in meiner Brust. Es war, als ginge ich frühmorgens um mein Haus herum, sah wie sich die Knospen des Flieders, des Yasmins, des Geißblattes ans Licht herauskämpften. Ich sah, wie ich die vielen Weinbergschnecken vom Weg weg, ins feuchte Gras setzte. Die prallen Knospen und die fragilen Schneckenhäuschen – unprätentiöse Überraschung – jeden Morgen. 

    Bei Katja nun kam das Herzklopfen dazu. Unsere 5-Minuten-Geschichte ganz Nahe an der Big Band Bühne. 

    Ein Flow ging durch mich hindurch. Ich saß neben Renate und erzählte ihr mein tolles Erlebnis, das ich hatte, als ich ihr im Fernunterricht über die Schultern blickte. Albert Camus stand an. Und jetzt kam die Geschichte von Katja. „Endlich“ hat sie sie genannt. Ein paar Sekunden weggetreten, dann war ich wieder ganz da, mitten drinnen. Aufgewühlt schon, verlegen auch, bewegt – und wie! Voll zugewandt an das, was Katja so wunderbar niedergeschrieben hat.

    Hans-Jörg Rogger

  • Wir Buben durften in den 50ern und 60er nicht weinen, jetzt geht es nicht mehr anders

    20 Stunden von Südtirol nach Kiew. Wenn ich ein Lineal von Südtirol nach Kiew lege, dann überquere ich Österreich und Ungarn. Danach bin ich in der Ukraine. 20 Stunden von uns entfernt sterben Menschen, werden Existenzen ruiniert, Häuser zerbombt. Und dies alles, weil sich ein Krimineller, so wie Hitler damals, Großmachtphantasien ausdenkt. So wie damals werden Vasallen willfährig gemacht, gekauft und unter Druck gesetzt. Und es wird gelogen und betrogen. Das Volk hat zu parieren und alles wird im Sinne der Machthaber umgedeutet. 
    Dieser Mann im Kreml hat Angst vor der Wahrheit. Anders ist es nicht zu erklären, dass am 4.März 2022 das Mediengesetz noch einmal verschärft wurde. Nichts mehr ist möglich, die Staatsversion allein hat Gültigkeit. Er präsentiert sich zwar immer in gebügeltem Hemd mit Krawatte, aber, so die Vermutung, im Hintergrund wird er schlottern, schreien und Wodka saufen. Das bekommen wir nicht zu sehen, müssen es auch nicht. 

    Am 6.Juli 2022 schloss für immer das weltbekannte Gogol-Zentrum in Moskau. Die Moskauer Stadtverwaltung hat die Schließung nach zehn Jahren angeordnet. Die Avantgarde mit Regimekritik und Widerstand ist in Russland nicht mehr erwünscht. Im ausverkauften Theater wurde das Stück „Ich beteilige mich nicht am Krieg“ an eben diesem 6. Juli zum letzten Mal aufgeführt. Danach verkündete der Saalsprecher: „“Das Gogol-Zentrum ist geschlossen….(Pause)…. Für immer.“ (Kulturzeit, 3sat, vom 6.7.2022)

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger
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  • …Oder aber er macht`s dem Hitler nach…

    ….eine Pistole an den Kopf und sich anschließend verbrennen lassen. Oder aber es stehen endlich mutige Russen auf und lassen sich nicht mehr länger gefallen, was ihnen die KGB-Geschulten, Drangsalierer und Kriegsverbrecher antun. Oder es steht endlich mal die Kirche auf, die sich sonst so händefaltend friedensliebend gibt – Ich sehe keine Bischöfe vor Ort, ich sehe den Papst nicht, der sonst so gerne in das Flugzeug steigt. Predigten aus gesicherter Entfernung heraus gab es bereits zuhauf. Also, genug davon. Und die, die sonst so gerne alles besser wissen, und die, die ihren Einfluss in der Welt immer wieder gerne bewerben, die sollen nicht reden, sondern dorthin fahren, wo die Befehle für den Massenmord gegeben werden. Am 5.März, dem 11. Tag der Invasion, sagte der Papst, dass sie aufhören sollten: „….und ich flehe vor allem darum, dass die bewaffneten Angriffe aufhören und die Verhandlungen und der gesunde Menschenverstand obsiegen.“ Dies über eine Distanz von 3.000 Km hinauszupredigen ist viel zu wenig. Und hat unser Papst den Versuch unternommen mit dem Putinfreund, dem orthodoxen Patriarchen Kyrill ins Gespräch zu kommen? Ob katholisch oder orthodox – unter Christ-Sein verstehe ich etwas ganz anderes. Am Tag des Überfalls der Russen sagte der russisch-orthodoxe Patriarch: „Ich fordere alle Konfliktparteien auf, alles zu tun, um Opfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden.“ Kennen wir alles schon, tausendmal gehört, tausendmal ist nichts passiert. Ob katholisch oder orthodox, Worte sind Schall und Rauch, um es mit Goethe zu sagen. Erbärmlich, wie sich Kirche mal wieder in ihrem ironischen Zynismus weg duckt. Warum setzen sich die beiden Herren nicht auch mal an den langen Tisch im Kreml? Vielleicht hätten sie mehr Erfolg als die Staatschefs vor ihnen? Dann könnte Herr Putin mal beweisen, dass es ihm ernst ist mit seiner Show vor den orthodoxen Maria-Ikonen. Pragmatische Diplomatie ist gefragt und nicht das ewig fromme Narrativ der Kirche.

    Am 28.2.2022 schrieb ich an den Hoteliers- und Gastwirteverband: „Angesichts des schamlosen Angriffskrieges des Autokraten Putin ersuche ich, dass es den Russen verwehrt wird, in Südtirol Urlaub zu machen. Ich weiß, dass es nicht der Krieg der Russen ist, sondern dass Herr Putin seine kriminelle Energie jetzt auch an der Ukraine auslässt. Die EU und alle demokratischen Staaten haben in den letzten Stunden und Tagen richtig reagiert, indem sie gezeigt haben, dass es genug ist. Ich appelliere an den HGV, dass auch er zeigt, dass es jetzt reicht. Vielen Dank, Rogger J.G./Publizist 
    Am 3.3.2022 hat der HGV geantwortet: „Wie ganz Europa verfolgt auch der HGV mit Sorge die kriegerische Entwicklung in der Ukraine. Bis dato haben die EU und die westlichen Staaten eine Vielzahl an Sanktionen gegen Russland verhängt, um einen Wechselkurs der Politik Putins zu forcieren. Hierzu zählt nicht zuletzt der Ausschluss russischer Banken aus dem Swift und damit aus dem internationalen Finanzverkehr. Auch Sanktionen in den Bereichen Energie, Technologie, Verkehr und Medien wurden erlassen. Ihre Anregung, in Südtirol ein weiteres Zeichen gegen die Politik Russlands zu setzen, können wir nachvollziehen. Was ein allgemeines „Urlaubsverbot“ russischer Bürger:innen hierzulande betrifft, so möchten wir zunächst darüber informieren, dass der Anteil russischer Gäste in Südtirol, insbesondere in der wärmeren Jahreszeit, marginal ist. Zudem ist davon auszugehen, dass die Urlaubsaktivitäten aufgrund der bereits gesetzten massiven Sanktionen gegen Russland und des allgemein angespannten Verhältnisses zum Westen von sich aus in ganz Europa einbrechen werden. Maßnahmen, mit denen Russ:innen der Urlaub in Südtirol verwehrt wird, erachten wir daher als nicht dienlich. Wir möchten an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass es sich bei Einreise- bzw. Aufenthaltsrestriktionen um höchstpolitische Entscheidungen handelt, die nicht vom HGV, sondern allenfalls auf einer höheren, politischen Ebene getroffen werden können. Was der HGV zum jetzigen Zeitpunkt sehr wohl tun kann, ist, sich klar zu positionieren und seinen Beitrag zu leisten. Und das tut er auch. Der HGV hat in einer außerordentlichen Präsidiumssitzung vom 01.03.22 beschlossen, sich aktiv im Bereich der Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge in Südtirol einzubringen. Über die definitive Ausrichtung der Hilfsaktion wird der HGV-Landesausschuss heute, den 03.03.22, entscheiden. In unseren Reihen zeigt sich große Bereitschaft, den vom Krieg betroffenen Menschen zu helfen. Mit Blick auf die Not und Verzweiflung in der Ukraine ist dies ein Gebot der Stunde.

    Am 2.3.2022 hat das Organisationskomitee des Busoniwettbewerbs mitgeteilt, dass am Wettberb 2022 auch die Russen teilnehmen dürfen. Am 2.3.2022 habe ich an das Komitee folgendes Schreiben gerichtet: 
    „Sehr geehrte Damen und Herren, mit Erstaunen habe ich heute vernommen, dass beim Busoniwettbewerb 2022 auch die Russen teilnehmen dürfen. Ich appelliere, das nicht zu tun. Ich weiß, dass dieser Krieg nicht der Krieg der Russen ist, sondern der Krieg Putins. Die EU und viele andere Organisationen haben richtig reagiert und gesagt, dass es jetzt genug sei, dass Putin in die Schranken gewiesen werden muss. Deswegen appelliere ich an das Organisationskomitee das zu tun, was moralisch zu tun ist. Mit freundlichen Grüßen“

    Mit Erleichterung hab ich zur Kenntnis genommen, dass am 3.3.2022 das Internationale Paralympische Komitee doch noch beschlossen hat, dass Russland und Belarus von den Spielen ausgeschlossen werden. Damit wird die Entscheidung vom Vortag revidiert. Gut so, die Welt hätte eine andere Entscheidung nicht verstanden.

    Am 2.3.2022 haben sich zwei Moskauerinnen getraut, folgendes ins Mikrofon zu sprechen (ORF-Wien):
    „Wir haben einen Affen mit einer Atombome als Präsidenten, wir werden jetzt erdrosselt mit Sanktionen. Wie sonst soll man den Menschen klar machen, dass es einen Regimewechsel braucht.

    „Er hat unser Land zerstört, die Leute denken, weil bei uns nicht geschossen wird, ist alles wie immer, das stimmt nicht, wir sind im Krieg.“

    Alexey Nawalny in seinem Tweet am 2.3.2022: „Lassen Sie uns wenigstens nicht zu einer Nation von verängstigten Schweigern werden, von Feiglingen, die so tun, als würden sie den aggressiven Krieg gegen die Ukraine nicht bemerken, den unser offensichtlich wahnsinniger Zar entfesselt.

    Nawalny im Tweet am 2.3.2022: „Putin is not Russia. And if there is anything in Russia right now that you can be most proud of, it is those 6824 people who were detained because – without any call – they took to the streets with placards saying No War.“

    Vitali Klitschko, der Bürgermeister Kiews, im Interview mit CNN auf die Frage, wie lange sie Kiew halten können: „Ich kann Ihnen keine klare Antwort geben, so lange wir noch am Leben sind.“ „Ich wende mich an die Ukrainer und alle internationen Partner, nicht wegzuschauen, was gerade in der Ukraine passiert. Dieser sinnlose Krieg in dem es keine Gewinner sondern nur Verlierer gibt.“ „Es ist wichtig, dass man Russland zeigt, die Welt schaut zu, was gerade in der Ukraine passiert. Die Welt kann nicht wegschauen. Diese Aggression, dieser sinnlose Krieg muss gestoppt werden. Jetzt!“

    All jene im Dunstkreis des Kriegsverbrechers, die das alles geschehen lassen, machen sich mitschuldig und werden die Verbrechen mit zu verantworten haben. Man erinnere sich an die Nürnberger Prozesse nach den Naziverbrechen. Da ging es nicht nur um die Befehlsträger und Drahtzieher. Auch Mitläufer und Schweiger werden sich nicht wegducken können, zumindest moralisch nicht. Mag das Land noch so groß und mächtig sein. Ich sehne den Tag herbei, dass dieses Russland vom Despoten Putin und seinen Vasallen befreit wird, und dass russische Kinder, Frauen und Männer ohne nach Verfolgern Ausschau halten zu müssen, über den Roten Platz spazieren dürfen.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger
    Publizist
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  • „Ich will nicht in Diensten eines Mörders stehen und von ihm mein Gehalt beziehen.“ (Direktorin des Russischen Staatstheaters CIM am 27.2.2022)

    „…Weil das meine Stadt ist, deshalb verlasse ich nicht meine Stadt!“, und weiter sagt Frau Kira Rudik: „Ich bin sehr sehr sauer und böse. Ich bin sauer, weil unsere Kinder jetzt wissen werden, was der Krieg ist, ich bin sauer, weil die Russen von uns verlangen, dass wir unsere Häuser verlassen, ich bin sauer, dass jetzt in der Ukraine viele Dinge zerstört werden, was wir selbst aufgebaut haben. Diese niederträchtige Bosheit Putins, so merkwürdig dies auch klingen mag, lässt uns unsere Angst leichter ertragen“ (Kira Rudik, Abgeordnete im Ukrainischen Parlament am 27.2.22)

    Gespräch mit meiner Bekannten Natascha in der Ukraine am 27.2.2022 über Skype: „Hallo Natascha! Es tut mir sehr leid, was dieser Verbrecher Putin mit euch in der Ukraine anstellt.“ Natascha weint, dann erzählt sie: „Meine Schwiegertochter hat vor zwei Tagen ein Baby bekommen. Das Baby musste mittels Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden. Da es im Krankenhaus zu gefährich war, musste meine Schwiegertochter sehr schnell aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Nachbetreuung muss nun in meiner Wohnung erfolgen. Jetzt müssen mein Sohn und meine Schwiegertochter vom 12. Stock immer wieder in den Keller flüchten, sobald der Alarm losgeht, denn hier im 12. Stock sind wir nicht sicher.“ 

    Was für ein Hohn, bekamen wir doch in den vergangenen Monaten aus dem Munde einiger Impfgegner das Narrativ zu hören, wir würden uns hier in Europa in eine Diktatur hinein bewegen. Ein zynischer Hohn für all jene, die jetzt in der Ukraine um ihr Leben laufen müssen, weil ein krimineller Putin seine Diktatur dazu benutzt, alles in seinem Staat mit seiner kriminellen Energie zu überfluten. Das ist die wahre Fratze der Diktatur, wie sie uns Herr Putin und sein Vasall Lukaschenko täglich präsentieren.
    Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die großspurig ihre Plakate gegen eine Pandemiediktatur in die Höhe gehalten haben, angesichts des perfiden Angriffs Putins, eine Kehrtwende machen. Den Begriff Diktatur willkürlich für ideologische Zwecke zu missbrauchen, ist nicht nur naiv sondern fahrlässig.

    Gewaltsames Sterben muss grausam sein. So dachte ich lange bevor ich erwachsen war – als junger Bub. Tod heißt, dass alles vorbei ist. Nie wieder gibt es die Hoffnung, nie wieder die Sehnsüchte, die Träume. Ausradiert! Claus Gatterer schreibt in seinen Tagebüchern: „Er (der Tod) ist nicht süß, wie’s im Gedicht heißt…Das Vaterland wirft seine Söhne ins Massengrab – und oft genug den Raben zum Fraß vor.“ Gewaltsames Sterben vor 100 Jahren ist um nichts ein anderes als es heute ist. Ist es tatsächlich Vorsehung, wie Luise Rogger 1914 ihrem Mann an die Front in Galizien schreibt: „…Wie es die göttliche Vorsehung bestimmt hat, so wird es kommen….für den einen Leben, für den anderen der Tod“ Ebenso ist es 100 Jahre her, dass Josef Tschurtschenthaler, von der Russenfront weit im Osten nach Hause schreibt: „….Bei Tag und Nacht, ohne Ruhe, immer das Sausen der Kanonen und Gewehrkugeln in den Ohren. Da schaut es ganz schrecklich aus. Drum, oh Gott, bewahre vom Kriege.“ Mittlerweile weiß ich, dass es nicht Gott ist, der uns vor Krieg bewahren kann. Das müssen wir Menschen schon selber tun.

    Und jetzt wiederholt sich die Geschichte: Damals war es Hitler, der alles niederwalzte, was nicht seinem Wahn entsprach. Jetzt ist es Putins krimineller Wahn, dem jetzt viele Menschen zum Opfer fallen. Der narzistische Wahn dieses Herrn kann, so scheint es, nicht gestoppt werden. Er mordet – Kinder, Frauen, Männer. Die Hoffnung bleibt, dass auch er, wie Hitler damals, ein grausames Ende erleben wird müssen. Vielleicht gibt es jemanden wie Stauffenberg damals? Oder er wird als Kriegsverbrecher gesucht? Oder er macht es so, wie es damals Hitler gemacht hat. Er legt Hand an sich.

    So oder anders – er wird von der Bildoberfläche verschwinden müssen. Je früher, umso besser. Alexei Nawalny sagte 2021 in einer seiner Reden vor Gericht: „Was ihr da plant, das wird nicht klappen, da bin ich mir sicher. So oder so werden Wahrheit und Gerechtigkeit siegen. Und jeder wird sich verantworten müssen.“ ( A.Nawalny, Schweigt nicht – Reden vor Gericht, 2021) Und an einer anderen Stelle sagt Nawalny: „Ich bekomme jetzt jede Menge Briefe, und ungefähr jeder zweite Brief endet mit dem Satz: -Russland wird frei sein-.“ Der Bundestagsabgeordnete Friedrich Merz sagte am 27.2.22 im deutschen Bundestag: „Genug ist genug, das Spiel ist aus.“ Wenn es nicht nur bei dieser Rethorik bleiben und es tatsächlich aus sein sollte – für diesen Verbrecher Putin – dann nehme ich gerne noch mehr schlaflose Nächte in Kauf. Benjamin Ferencz, Jahrgang 1920, Chefankläger bei den Nürnberger Naziprozessen 1946 schreibt in seinem vor Kurzem erschienen Buch „Sag immer deine Wahrheit“: „….Ich will die Welt durch die Herrschaft des Rechts zu einem humaneren Ort machen.“ Und ganz am Ende seines Buches schreibt er: „Gebt niemals auf!“ Die Ukraine ist gerade jetzt dabei, niemals aufzugeben. Die Welt hat sie dabei ohne wenn und aber zu unterstützen! Sollten wir das nicht tun, dann werden wir uns ein Leben lang zu schämen haben.

    Rogger Johann Georg (Hansjörg)
    Publizist
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  • Es reicht!

    (Nichts gewusst, nichts verhindert, alles vertuscht) 

    Drei Bilder zu Beginn:

    Beispiel 1: Wenn jemand nach einem Autounfall flieht, obwohl er den Unfall verursacht hat, spricht man von Fahrerflucht. Strafbar – wie wir wissen.

    Beispiel 2: Wer einen Unfall sieht, aber nicht hilft, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Auch das ist vor Gericht zu verantworten.

    Beispiel 3: Wenn sich Kirchenobere an Kindern vergehen, sie sexuell missbrauchen, dann wird vertuscht, gelogen und verdreht. Und diejenigen, die behaupten, nichts gewusst zu haben, falten weiterhin ihre Hände – als sei nichts geschehen. Keine Verantwortung vor Gericht, und wo bleibt die Verantwortung vor Gott?

    Was ist mit den Zehn Geboten Gottes? Gelten die nicht auch für seine irdischen Vertreter? Wenn ja – dann wird es höchste Zeit für eine gründliche Gewissenserforschung.

    Was sich hier über Jahrzehnte zugetragen hat, sind keine bedauerlichen Einzelfälle. Es sind Verbrechen. Systematisch, wiederholt, verschwiegen.

    Höchste Kirchenherren, umgeben von Weihrauch, Ehrfurcht und frommem Schweigen – sie haben viel an Respekt verspielt.

    Ihre Heilslehre? Ein Druckmittel. Eine stille Erpressung im Namen des Glaubens. Brav sein, gehorchen, schweigen. Die Hölle als Keule, das Fegefeuer als Dauerandrohung – ein pädagogisches Konzept aus Angst und Gehorsam.

    Und die, die selbst zu Tätern wurden? Sie richteten sich ihre eigene Hölle bequem ein. Eine Hölle für die anderen – für jene, die ihre Übergriffe zu ertragen hatten, schweigend, beschämt, eingeschüchtert.

    Was als Glaube verkauft wurde, war Machtausübung im Talar. Autokratie mit Kreuz. Und wieder einmal musste Gott herhalten – als Vorwand, als Feigenblatt, als stiller Komplize.

    Im „Namen Gottes“ wurden Frauen lebendig verbrannt, Kriege gesegnet, Verbrecher gedeckt. Man berief sich auf das Himmelreich, während man die Hölle auf Erden entfachte.

    Kaum vorstellbar, dass eine höhere Macht solches Wüten abgesegnet haben soll. Oder war der liebe Gott bloß abwesend – oder längst entmachtet von seinen irdischen Stellvertretern?

    Man hat es bei uns Buben, damals in den 60ern, tatsächlich zuwege gebracht, dass wir uns marterten mit dem Gedanken, beim Ausziehen, beim Baden, beim kleinen und großen Geschäft, geschweige denn bei der Selbstbefriedigung nicht mit unserem „Unanständigen“in Kontakt zu kommen. (Unanständig stand für Penis) Als Sünde wurde es uns verkauft, und ich wette darauf, dass dies von denen, die uns das eingeredet hatten, nie als Missgriff empfunden wurde. Ich hatte mir immer in meinen „verbotenen“ Träumen vorzustellen versucht, wie es der Pfarrer wohl anstellen würde, ohne beim Pingeln dieses „schweinische Ding“, wie wir es gelegentlich genannt bekommen baben, in die Hand nehmen zu müssen. Oder muss ein Pfarrer nicht? Das habe ich mir in meiner Naivität vorzustellen versucht. Ist ein Mann Gottes anders? Sie werden lachen, aber an einen solchen Stumpfsinn habe ich dabei gedacht. Selbstbefriedigung war sowieso verboten und musste dem Pfarrer ins Ohr gebeichtet werden. Heute weiß ich, dass dieses Beichten ein einziges Mal im Beichtstuhl kniend dem Herrn hinter dem Gitter ins Ohr zu flüstern, ein einziges Mal zu viel gewesen war.

    Aber das ist eigentlich Pinatz im Vergleich mit jenen Buben und Mädchen, die den Gottesmännern mit weißem steifen Stehkragen die Hosentür zu öffnen hatten. Beispiele der letzten Jahre gibt es zuhauf; Kremsmünster usw. usw. Südtirol ist nicht ausgenommen. Die heile Welt gibt es nirgendwo.

    „Vielleicht ist nichts Entsetzlicher am heutigen Menschen, als dass er sich nicht mehr entsetzt.“ schreibt der Religionssoziologe Horst Herrmann in seinem Buch „Sex und Folter in der Kirche“ (Sex und Folter in der Kirche, 2000 Jahre Folter im Namen Gottes, Horst Herrmann, Bassermann, 2019)

    Die Kirche hat es verwirkt, Heimat zu sein, lange schon. Ein interessantes Interview mit dem ehemaligen Generalvikar im Erzbistum München und Freising und Priester Peter Beer in der ZEIT Nr. 5/2022 gibt Hoffnung auf Menschen, die die Verkündigung Jesus noch ernst nehmen und nicht mehr alles hinzunehmen bereit sind, was die Kirchenführung diktiert: „Wenn die Kirchenführung meint, dass sie Kinderschänder und Täterschützer in ihren Reihen dulden darf, aber jemanden loswerden muss, der ernsthaft ringt, dann kann sie mich gernhaben……“ (Peter Beer im Zeitinterview, ZEIT, 2022, Nr.5, S.58)

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger
    Publizist, 2022

  • Gepredigt, verordnet, weggenommen

    Es war ein Nachmittag. Warm war es, und sie saßen in der Küche beim Kaffee. Ich war ein Bub mit zehn Jahren. So wie wir das immer machten, wir radelten durch das Kaffeekränzchen durch, schrien, lachten und gingen den Kaffeetrinkern nicht selten auf die Nerven. An diesem Nachmittag war es etwas anders. Die Tür war zu und ich konnte von draußen hören, dass es um mich ging. „Wir wollten ihn ‚Hansjörg‘ taufen, aber der Pfarrer hat uns das verwehrt.“ Ich stoppte an der Tür und lauschte. In diesem Moment machte ich mir darüber keine Sorgen, wurde ich doch meistens mit dem Namen Hansjörg gerufen. Meistens! Die anderen Namen, Hansl und Hons gingen mir dermaßen auf die Nerven, dass ich laut aufschreien wollte, aber ich traute mich nicht. Dieser Nachmittag hat aber einiges in mir angefacht. Nicht sofort aber stetig und immer inwendig in mir drinnen. Wenn man es nicht so gut mit mir meinte, dann war ich der mit dem falschen Namen. Wenn ich den anderen wohlgesinnt war, dann war ich der mit meinem richtigen Namen.

    An diesem Nachmittag wuchsen langsam meine Zweifel an dem, was uns jungen Buben und Mädchen von der Kanzel heruntergepredigt wurde. Und der Zweifel wuchs zum Zorn heran. In mir selber, ganz tief in mir drinnen, sodass ihn niemand mitbekommen hat. Der Zorn auf jene Kirche, die mir einen Namen verwehrt hat, der mir zugestanden war. Aus Hansjörg wurde Johann Georg, weil es, so die Begründung des Pfarrers, keinen heiligen Hansjörg gibt. Und wie gesagt, man machte daraus nicht selten jene verkorksten Bezeichnungen, die mich ein ganzes Leben lang nicht in Ruhe ließen. Wer bin ich? Wer will ich sein? Auf den Amtspapieren, in den Ausweisen hieß ich Johann Georg, als Hansjörg wollte ich gerufen werden.

    Die Kirche hat mich in eine Identitätskrise getrieben, aus der ich nicht mehr herausgekommen bin. Kling dramatisch, aber es war nun mal so. Und dabei sollte es die Kirche sein, die das Heil verkündet. Davon ging ich immer aus.

    Den Zorn wollte ich oft herausschreien, aber es ging nicht, ich war zu feige, ich traute mich nicht; die Revolutionen habe ich nur in meinem Kopf ausgefochten, mit mir allein. Ich traute mich nie, offen gegen etwas einzutreten. Dies hätte mir voraussichtlich Nachteile einbringen können, so dachte und fühlte ich. Aber inwendig, da ging es immer zur Sache. Endlos die Situationen in denen ich gekocht hatte.  Nie oder selten hatte ich gewagt, den Deckel zu öffnen, aus Opportunismus, aus Schwäche, aus Feigheit, aus Angst – stimmt alles. Es war einfach so. Es ist mühsam,  nach den Gründen zu fragen, mühsam zu fragen, warum ich mich meiner Gedanken schämte.

    Wenn die Institution Kirche es schafft, dass man ein Leben lang der Identität hinterherlaufen muss, dann muss an dieser Institution etwas faul sein. Seit diesem Nachmittag zweifle ich an der Glaubwürdigkeit kirchlicher Heilsversprechen. Und die Zweifel wuchsen mit den aufgedeckten Verbrechen, die die Kirche zu vertuschen suchte.

    Johann Georg alias Hansjörg Rogger, 2021

  • Leserbrief an die ZEIT zum Artikel von Wladimir Putin: „Offen sein, trotz der Vergangenheit“

    Herr Putin bekommt in der freien Presse ein Forum. Eine bemerkenswerte Stärke der ZEIT. Im eigenen Land gibt es fast nur mehr ihn, der vorgibt, was die wahre und falsche Lesart ist, was sich gehört und nicht gehört. „Wir sind für ein faires und kreatives Zusammenarbeiten“, schreibt Putin. Sehr zynisch! Und Europa hätte gemeinsam mit den USA die Spaltung innerhalb der Ukraine provoziert, noch zynischer. Der Austritt der Krim aus dem ukrainischen Staat sei die Folge davon. Ich weiß nicht, ob das zum Lachen oder zum Weinen ist. Was wird die nächste Provokation sein, die er entdecken will, um seine Lesart der Welt zu verkaufen? Ich bin froh und glücklich, in der freien Welt leben zu können und nicht unter der Lesart eines Mannes, der die demokratischen Regeln dreht und wendet, wie sie ihm gerade passen. Die Umarmung der Herren in Syrien und Belarus? Auch aufgrund einer Provokation Europas? Und der Abschuss des Flugzeuges über der Ostukraine? Auch das als Folge einer Provokation des Westens? Und die Giftanschläge? Bedauernswerter Herr Putin. 

    Hans-Jörg Rogger, Publizist

    Lieber Herr Rogger,

    haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief! Auf den ich Ihnen, als Leiter des ZEIT-Ressorts STREIT, sehr gerne persönlich antworten möchte.

    Wie Sie vermuten werden, haben wir eine große Zahl an Zuschriften auf den Abdruck des Textes von Wladimir Putin hin erhalten. Insgesamt ist eine erfreulich offene und anregende Debatte erwachsen, die ja im Gastbeitrag des litauischen Präsidenten, der eine Erwiderung geschrieben hat, ihren Höhepunkt hatte.

    Ich danke Ihnen in jedem Fall für Ihre Gedanken. In den Zuschriften der Leserinnen und Leser spiegeln sich insbesondere die vielen, verschiedenen Blicke auf Russland wieder. Ihre Zeilen habe ich genau zur Kenntnis genommen. Und auch wenn ich nicht alles teile, freue ich mich doch, nochmals, dass Sie sich an uns gewandt haben!

    Bleiben Sie uns gewogen!
    Mit herzlichem Gruß
    Ihr Martin Machowecz

    Das war im Juli 2021, ein halbes Jahr vor dem Angriff der Russen auf die Ukraine. Kurz nach dem Beginn des Angriffs am 24.2.2022 teilte die Zeit mit, dass es in Zukunft ein no Go sein muss, einem Angreifer ein Forum in der Zeit zu bieten. (Anmerkung: 7 Jahre vor Putins Beitrag in der Zeit hat sich der Kreml die Krim einverleibt. Trotzdem durfte er in der freien Presse schreiben. Ein halbes Jahr nach dem Forum in der Zeit begann er noch gewalttätiger zuzuschlagen.

  • Passen Sie bitte auf Europa auf – offener Brief an den EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann

    Es gibt seit geraumer Zeit Kräfte in der EU, die zwar das Recht in Anspruch nehmen, Europas Budget zu beanspruchen, aber sich um die vertraglichen Punkte wenig kümmern. Rechtsstaatlichkeit und Demokratie scheinen plötzlich verhandelbar geworden zu sein. Der ungarische Ministerpräsident Herr Orban sagt: „Es gibt die Einheit der Werte nicht……“ und „…die europäische Demokratie sei wieder herzustellen.“ Da wird augenscheinlich ein Umdeutungsprozess provoziert. Was dann, wenn dieser Umdeutungswille hoffähig wird? Was dann, wenn die weit rechts stehenden Parteien irgendwann das Sagen haben werden? Wenn Recht und Ordnung umgedeutet werden? Wenn das was bisher gut war, schlecht, das Schlechte aber als das Gute verkauft wird? Wer auch immer uns davor behüten kann, der tue es!

    „ˋUm die europäische Demokratie wieder herzustellenˋ (Zitat Orban) will er das Europaparlament entmachten und die Rolle der nationalen Parlamente sowie der Regierungschefs stärken“, schreibt Matthias Krupa in der Zeit vom 1.Juli 2021. 

    Europa sollte sich einer Wertegemeinschaft verpflichtet fühlen. Das lassen uns Europas Vertreter wissen. Beispiel Pressefreiheit. Orban sagt, dass jeder seine eigene Wahrheit haben soll. Also nichts mehr mit Pressefreiheit, wie sie die EU zu definieren gewohnt ist. Und die Rechtsstaatlichkeit: „Auch diese werde national unterschiedlich definiert und sei nichts, worüber die EU zu entscheiden habe.“ (Matthias Krupa, in der Zeit vom 21. Juli 2021) Herr Orban will somit die Deutungshoheit für sich reklamieren. Wenn Herr Putin in Russland oder Herr Lukaschenko in Belarus auf ihrer Deutungshoheit beharren, dann ist das eine Sache, wenn aber ein Mitglied einer vordefinierten Wertegemeinschaft sagt, seine Vorstellung von Demokratie sei nicht das, was die EU gerade praktiziere, dann ist das eine andere Geschichte. Die Deutung in einer Union an sich reißen zu wollen, bedeutet Vertragsbruch. 

    Als die Ungarn um die Integration in die EU gebettelt hatten, dann musste ihnen klar sein, auf was sie sich einlassen wollen. Wenn Herr Orban sich nicht mehr an den Vertrag gebunden fühlt, dann, so der niederländische Premier Rutte, soll der EU-Austritt in Betracht gezogen werden. Genauso funktioniert ein Ehevertrag. Hält man sich nicht mehr an das, was ausgemacht wurde, dann kommt es zur Scheidung. Es ist dies ganz einfach und kann im Vertragsrecht nachgelesen werden. Und noch etwas: Es war erfrischend zu hören, dass endlich, neben Premier Mark Rutte und dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn auch Frau Von der Leyen Klartext gesprochen haben. Von der Leyen sprach von Schande im Zusammenhang mit dem Gesetz, das Kinder vor nicht heterosexuellen Tendenzen schützen soll. Positionen klar darlegen, ohne diplomatische Höflichkeitsfloskeln, das braucht Europa – ganz dringend. 

    Es ist sehr interessant, dass diejenigen Herren, die im eigenen Land die öffentliche Meinung auf Regierungs- bzw. Parteilinie bringen wollen, aber in Europa und von Europa den Pluralismus für sich reklamieren. Scheint den Herren wohl noch nicht aufgefallen zu sein.

    Bitte erheben Sie laut Ihre Stimme für ein liberales Europa. Entgegengesetzte Tendenzen dürfen sich nicht zum Mainstream entwickeln. Das wäre wohl der Todesstoß für das Europa, das ich zu schätzen gelernt habe. Und noch etwas: der Pluralismus darf nicht dazu missbraucht werden, alles umdeuten zu dürfen. Die Deutung der Werte darf auch in Zukunft nicht extremen und nationalistischen Ideologien überlassen werden. 

    Rogger Johann Georg (Hansjörg), Publizist

  • 40 Jahre danach geboren

    1954 wurde ich in ein Dorf hineingeboren, das nicht müde war, darauf zu vertrauen, dass nicht noch ein dritter Krieg das ganze Leid wieder von vorne beginnen lässt. Man baute auf die Vernunft einer neuen Generation. 

    Das Tretauto war aus Blech geschnitten, rot lackiert – mein Begleiter in den jungen Jahren. Mehr als 40 Jahre nach dem ersten großen Krieg, 20 Jahre nach der 2. Katastrophe. Vor der Haustür ein schmaler, staubiger Weg, kein Asphalt. Platz genug für mein Tretauto. Heute hat da kein Spielzeug mehr Platz. Als Sandwich geboren, viele Male von hinten und vorne zerdrückt, aber mein rotes Auto tat immer das, was ich wollte. Meinen Zorn bekam es zu spüren, auch meine Zärtlichkeit. 

    Es gab nur diese eine enge Welt: Mama, Papa, Opa und mich, eingeklemmt zwischen Bruder und Schwester. Folgsam sein war das Gebot der Zeit. Gehorsam, unterwürfig und selbstverständlich katholisch. Sonst drohe die ewige Verdammnis. So wurde oft genug unser kleines Gehirn auf Linie gebracht. Die Hölle tat noch ihr übriges. War man nicht so auf Linie, dann war man der Luthrische. Papst- und Kirchentreue standen ganz oben an, zumindest offiziell. Vieles war schon damals sehr viel Schein. Gott, Kaiser und Vaterland hatten einen Knick bekommen. „Verlassen ganz von Gott und Kaiser Franz“ Irgendwann viel später hatte ich verstanden, dass das ganze Leid, alle Toten umsonst waren. Man kämpfte für das Vaterland Österreich, führte Befehle aus, auch strategisch miserable, wähnte sich Gott und den Kaiser hinter sich, und am Ende waren viele Leben zerstört, das Recht auf Leben viele tausend Male missachtet, junge Menschen als Kanonenfutter missbraucht. Ein paar Mythen verhübschten das Elend, und die Mächtigen übten sich in der Glorifizierung der toten Helden. Die, die Glück hatten und überlebten, bekamen Tapferkeitsmedaillen. Frauen, Mütter und Kinder, denen man ihre Männer und Väter weggeschossen hatte, büßten für etwas, wofür sie nichts konnten. Die Brandstifter saßen dort, wo keine Granaten und Gewehrsalven zu befürchten waren. An dieser Rollenverteilung hat sich bis heute nichts, aber schon gar nichts verändert; man denke an den Herrn Assad in Syrien, an Herrn Putin in Russland, ganz zu schweigen von Lukaschenko in Belarus, den Generälen in Myanmar, Xi Jinping in China usw. Die „Kaiser“ triumphieren oder sie triumphieren nicht – egal, die Untertanen haben zu gehorchen. Und sie haben zu schießen und zu sterben, wenn man es ihnen befiehlt.

    Gewaltsames Sterben muss grausam sein. So dachte ich lange bevor ich erwachsen war, als junger Bub. Es ist alles vorbei. Nie wieder gibt es die Hoffnung, nie wieder die Sehnsüchte, die Träume. Ausradiert! Claus Gatterer schreibt in seinen Tagebüchern: „Er (der Tod) ist nicht süß, wie’s im Gedicht heißt…Das Vaterland wirft seine Söhne ins Massengrab – und oft genug den Raben zum Fraß vor.“ Gewaltsames Sterben vor 100 Jahren ist um nichts ein anderes als es heute ist. Ist es tatsächlich Vorsehung, wie Luise Rogger 1914 ihrem Mann an die Front in Galizien schreibt: „…Wie es die göttliche Vorsehung bestimmt hat, so wird es kommen….für den einen Leben, für den anderen der Tod“ Ebenso ist es 100 Jahre her, dass Josef Tschurtschenthaler, von der Russenfront weit im Osten nach Hause schreibt: „….Bei Tag und Nacht, ohne Ruhe, immer das Sausen der Kanonen und Gewehrkugeln in den Ohren. Da schaut es ganz schrecklich aus. Drum, oh Gott, bewahre vom Kriege.“ Mittlerweile weiß ich, dass es nicht Gott ist, der uns vor Krieg bewahren kann. Das müssen wir Menschen schon selber tun.

    Der Kindergarten war schön, aber das obligatorische Nachmittagsschläfchen mochte ich absolut nicht: sitzend auf dem Stuhl vor dem Tisch, den Kopf in die verschränkten Arme gelegt und: „Jetzt wird geschlafen!“ In der Volksschule habe ich viel gelernt, sehr viel über unser schönes Land; aber über die Welt und die traumatischen Geschichtserreignsse war viel zu wenig dabei. Es stand nicht in den Lehrplänen, und Bücher dazu gab es sowieso keine. Nicht so erfreut waren wir, wenn man uns Buben und Mädchen in der Klasse an den Haaren gezogen hatte und der eine und die andere in die Ecke gehen musste, ich auch – in die Büßerecke – grauenhaft! Wenn uns Frau Lehrerin mit dem Haselnussstöckchen, meistens mehrere Schläge auf die ausgestreckten Finger draufgab, erfuhren wir Buben und Mädchen wie Linientreue auszusehen hat. 

    Wenn daheim von den beiden Kriegen gesprochen wurde, dann gab es in meinem Kopf ein höllisches Durcheinander. Mein Opa hat den 1. und 2. Krieg durchleben müssen, mein Vater und meine Mutter den 2. Was war vor 40 und was vor 20 Jahren? Ich konnte es nicht auf die Reihe bringen; ein Kuddelmuddel in meinem Kopf, mehr nicht. Ganz selten kam mein Opa mit einem Bild aus seinem Fotoalbum: 1915 – ein zerbombtes Sexten. 1923, so habe ich dies erst viel später realisiert, hat man den Abschluss des Wiederaufbaus gefeiert. Gern kramte Opa in jener Schublade im Wohnzimmer in der, schön gebündelt, die wertlosen österreichisch/ungarischen Kronen lagen. Oft brummte er gut hörbar vor sich hin, manchmal etwas lauter: „Wir haben für dieses Österreich, für diesen Kaiser gekämpft – alles umsonst, verpufft, verraten, in Stich gelassen.“ Wenn er schlecht drauf war, klang es sehr aggressiv, wenn es ihm gut ging, war zurückhaltende Ironie zu spüren. Und er konnte darüber sogar lachen, aber auch fluchen und aufbrausend schimpfen. 

    Damals war aber mein Tretauto auf der Straße vor dem Haus viel wichtiger als die alten Geschichten. Mitbekommen habe ich sie schon, verstehen und mir einen Reim daraus machen, das konnte ich damals nicht oder nur sehr bruchstückhaft. Wollten wir Kinder mal was nachfragen, was so häufig gar nicht war, dann hieß es, dass wir das sowieso nicht verstehen würden. Ok, dann ging ich wieder zu meinen Legos und zu meinem Tretauto. „Das verstehst du nicht“, „du bist noch grün hinter den Ohren“, haben mir meine Spielsachen nie zugeflüstert. Sehr wohl verstanden hatten wir junge Buben und Mädchen die ständigen Hinweise auf den sparsameren Umgang mit dem, was auf den Mittagstisch kam. „Hätten wir das damals im Krieg gehabt, was ihr da in den Müllkübel werft, wir wären glücklich gewesen.“ Das war schon nervlich, was wir Buben und Mädchen immer und immer wieder zu hören bekamen. Verstanden habe ich es aber erst viel später.

    Es ist seit diesen Tagen sehr viel Zeit vergangen, und aus heutiger Sicht betrachtet, waren meine Eltern und mein Opa auch nicht gerade erpicht, über diese grauenhaften Jahre nachzudenken und zu sprechen. Sie hatten überlebt, und es war ihnen ein Gräuel, uns Kindern zu erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Wie gesagt, Anlässe, danach zu fragen gab es nicht. Wenn wir mal zu fragen probierten oder wenn sich Fragen aufdrängten, weil die Großen unter sich doch hin und wieder Vergangenes aufblitzen ließen, dann war dies, wie bereits gesagt, nicht so recht angebracht, oder die Antworten waren so kompliziert, dass man tunlichst weiteres Nachfragen vermieden hatte. Und überhaupt, wieso sollten wir Kinder so viel danach fragen? Wir hatten doch alles, was wir brauchten. Wir freuten uns sogar auf unser Ausweichquartier im Sommer, wenn die Fremden unsere normalen Schlafkammern besetzten. 

    Ich konnte mir nur sehr zaghaft einen Reim darauf machen, was Krieg bedeutet, was Frauen, Männer und Kinder erleiden mussten, was es heißt, seine Heimat verlassen zu müssen, was es bedeutet, sich vor den Granaten zu verstecken, was es heißt, dass junge Burschen, Väter und Verliebte oben in Schnee und Eis gefallen sind. Also hatten die Großen wohl darin recht, zu behaupten, das würden wir ja sowieso nicht verstehen. Oder sie wollten uns vor den Traumata bewahren und uns für eine heilere Welt vorbereiten. Ich bin mir nicht sicher, was vernünftiger hätte sein können.

    1965 jährten sich die schicksalhaften Ereignisse zum 50. Mal. Ich war 11 Jahre jung. Inwendig in meinem jungen Kopf hat sich viel getan. Nach außen hin durfte nicht viel gezeigt werden. Wenn man laut über Dinge nachdachte, die nicht der öffentlichen Moral entsprachen, musste das „Maul gehalten“ werden. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – Mamas Worte. Am 4. Juli 1965 hat der Sender Bozen einen Bericht ausgestrahlt, in dem mein Opa die Geschehnisse um den Tod von Sepp Innerkofler repetierte. Mein Opa war als 17jähriger Bub bei dieser fliegenden Patroullie um Sepp Innerkofler mit dabei. Man stelle sich das mal vor: ein 17jähriger Bub ganz vorne an der Front, wo getötet wurde. Hätte es ihn auch erwischt, wir hätten einen Heldentoten mehr, aber viele Leben weniger. Mit einem alten Tonbandgerät hatte ich damals 1965 dieses Interview aufgezeichnet. Ich hütete dieses Band, als sei es mein bester Freund. Lange Zeit schien ich es vergessen zu haben. Dann nach vielen Jahren kramte ich es wieder heraus und setzte alles daran, es auf ein neues Format zu bringen. Die Cassette lief und lief, bis ich begriff, was ich als 11jähriger nicht verstehen konnte. Das Land schuf sich einen Mythos, einen Heldentod, der massive strategische Fehler kaschieren und vergessen lassen sollte. Machpolitik versagte auf erbärmliche Weise.

    Eltern haben es den Schulen überlassen, uns die Bitterkeit der vergangenen Jahre zu erzählen. Zu hören bekamen wir aber dort vorwiegend die frühe Geschichte unserer Vorfahren. Und dies in einer permanenten Endlosschleife von sechs bis hinauf zur Oberschule. Man wollte nicht, oder man traute sich nicht. Die Schauplätze waren viel zu nah und deshalb viel zu gefährlich, sich auf Unangenehmes und Widersprüchliches einzulassen. Da ist es wesentlich einfacher, die ferne Geschichte, die keinem mehr weh tut, vermitteln zu wollen. Steinzeit, Bronzezeit, von den Anfängen bis herauf zum aufrechten Gang und zum Homo sapiens. Meisterhaft, wie die Geschichte der unmittelbareren Vergangenheit auf die Seite geschoben wurde. Zumindest fühlte ich mich irgendwann später, in meinen nicht mehr so jungen Jahren in dem Gefühl glücklich geborgen, dass Europa so etwas in Zukunft verhindern kann. 

    Rogger Hansjörg, 2021

  • Gedanken eines Sextners über einen Sextner


    „Wie lernen wir miteinander zu leben?“ fragt sich der Philosoph Hans Martin Schönherr-Mann. In Claus Gatterers historischen und publizistischen Arbeiten stand diese Frage im Vordergrund. Es war sogar eine seiner Lieblingsfragen. Akademische Antworten gefielen ihm nicht. Er antwortete dialektisch, nicht besserwisserisch, nicht lehrmeisterhaft. Seine Antworten waren eigentlich erneute Fragen. Und Gatterer hörte genau auf das, was geantwortet wurde. Er hörte auf das Innere der Antworten, auf die feinen Nuancen; nicht das Reißerische war ihm wichtig, nicht das Laute, das Sensationelle, nicht das Krawallische. Überhaupt war er nicht der Laute. Er hat die leisen Töne, die leisen verborgenen Schmerzen, die Ängste und Ungerechtigkeiten vernommen. Er wollte, dass sie gehört werden. Und er spiegelte die nicht gern gehörten dunklen Seiten der Gesellschaft in eben diese Gesellschaft wieder zurück. 

    Veränderungsperspektiven waren sein Anliegen. Gatterers Intention war es, durch seine Sozialreportagen draußen in der Gesellschaft etwas zu bewirken. Und solche Resonanzen gab es zuhauf. Der Anschein, dass es in den 70ern allen gut gegangen sei, zerbröselte unter der feinen publizistischen Lupe Claus Gatterers. Gatterer schaute genauer drauf und stellte fest, dass es gar nicht wenige gab, die an den Rändern der Gesellschaft kein so tolles Leben hatten. Als Historiker schreibt Gatterer in „Der schwierige Weg zueinander“ in Aufsätze und Reden, S. 351: „Man verachtete einander, weil man sich nicht kannte.“ Dabei bezog sich Gatterer auf das schwierige Verhältnis von Südtirolern und Italienern. 

    Seit den 80er Jahren hat sich in dem schwierigen Verhältnis einiges getan. Zum Guten hin, so wie es sich dies auch Gatterer vorstellen konnte. Historiker und Mahner auf der einen Seite – Fürsprecher für die Schwachen auf der anderen Seite. Gatterers Teleobjektiv-Sendungen legten die Finger in jene Wunden, die erst viel später, wir erinnern uns an die Aufdeckungen der Missbrauchsskandale, massiv aufgebrochen waren. Menschlichkeit, Menschenrecht und Menschenwürde waren für Gatterer so was wie Leitideen, die seine Arbeit charakterisiert hatten. – Das Aufbrechen von Scheinkulturen, das Hinterfragen von verkrusteten Strukturen, das Hinhören auf soziale Randgruppen. – Und das alles sehr behutsam, ohne Skandalisierungen, ohne Sensationsgier, ohne Lust am Leiden anderer. 

    Gatterer liebte den Diskurs. Gatterers Fingerzeig auf das, was er für Unrecht hielt, tat damals in den 70ern und 80ern jenen sehr weh, die in den alten undurchsichtigen Machtstrukturen weitermachen wollten. Es war ungewohnt, und in gewissem Sinne war es der Fingerzeig in eine sich verändernde Zeit. Die Denkweise, sich in andere Menschen, in die Randgruppen, in die Schwachen hineinzuversetzen schwappte ins Fernsehformat über. Das „Teleobjektiv“ wurde vorhin genannt. Etwas völlig Neues, Ungewohntes. Bis es 1984 abgesetzt wurde. 

    „Der Mensch soll aus sich heraustreten und sich in andere Menschen hineinversetzen, dann wüsste jeder von selbst, wie er sich zu verhalten habe.“ – Immanuel Kants „Kategorischer Imperativ“.- Genauso hielt es Gatterer. Maßstäbe für gerechtes Handeln zu finden, das war seine Maxime. Gatterer wollte auch weg von der Opferrolle und hinein in ein differenziertes Verständnis von Zusammenleben. Der Philosoph Jürgen Habermas spricht von der Diskursethik: „Jeder höre dem andern zu“. Claus Gatterer hat dies konsequent umgesetzt. – Ein Mittel zur Lösung von Problemstellungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Herrschaftsfreier Diskurs mit Aufdeckung von Machtmissbräuchen ohne Zorn und versteinertem Hass, aber Bekenntnis zu dem, wofür man steht und, wo man sich beheimatet fühlt mit gleichzeitigem Verständnis für das Andere und die anderen.- Also weg von dem „mir san mir“, weg von verkorksten Nationalismen. 

    „Herrschaftsfreier Diskurs verlangt“, so Schönherr-Mann „dass man den Andersdenkenden zunächst einmal akzeptiert und ihm auch einen Raum für Kommunikation öffnet.“ In dieser Denkweise fand sich Claus Gatterer wieder. Aufbruch konservativer Denkformen, die Stimme auch jenen geben, die sonst keiner hört, im Zweifel bei den Schwachen. Diese Handlungsmaximen führten dann zu den gesellschaftlichen Eruptionen, wie wir sie lange nach Claus Gatterer erleben mussten: Die, die fast schon als Götter gehandelt wurden, in Politik, Kirche, Erziehungsheimen, Schulen, Konzernen entpuppten sich als die, die gegen das Leben verstießen. Die vermeintlichen Götter entpuppten sich oft als die falschen Götter. Der Psychoanalytiker Arno Gruen sprach 1991 von solchen „falschen Göttern“. Misshandlungstragödien noch und nöcher. Bis jemand kam und sagte: Moment mal, so geht das nicht; moment mal, da gibt es die hilflos Ausgelieferten; moment mal, da gibt es die, die furchtbar leiden. Und was ist mit jenen, denen man ihre lebenslange Liebesfähigkeit geraubt hat?, mit den misshandelten Kindern?, mit den gedemütigten Frauen? Und Claus Gatterer hat diesen Menschen damals schon eine Stimme gegeben. 

    Auch als Historiker hat er jenen eine Stimme gegeben, die über das einfache schwarz-weiße Denkschema hinausdenken wollten. Die einen wollten uns Südtiroler von den Italienern trennen „Je besser wir trennen, desto besser verstehen wir uns“. Gatterers Vision war eine ganz andere. Den herrschaftsfreien Diskurs gab es noch nicht. Claus Gatterer hat ihn, wie viele andere auch, gewagt. Man hat’s ihm übel genommen: Nestbeschmutzer usw. usw. Hergebrachte Strukturen hat Gatterer dermaßen erschüttert, dass er in unserem Land nicht mehr gerne gesehen war. – „Schöne Welt – böse Leut“ – 1984 wurde sein „Teleobjektiv“ abgesetzt – 1984 starb Claus Gatterer. 

    1985 wurde vom Österreichischen Journalistenclub der Claus Gatterer Preis ins Leben gerufen, mit dem seither jährlich herausragende journalistische Arbeiten ausgezeichnet werden. Seit 2018 gibt es den Schülerpreis für journalistisches Arbeiten, den „Claus“. 2019 wurden zum ersten Mal Arbeiten von Schüler*innen eingereicht und bewertet.

    Johann Georg alias Hansjörg Rogger, veröffentlicht in „Kulturelemente“, Hrsg. Distelvereinigung/2020