Autor: Hansjörg (Johann Georg) Rogger

  • Hölle

    Wenn es die Hölle tatsächlich gibt – jene feurige Drohkulisse, mit der man uns als Kinder das Fürchten lehrte –, dann werden dort wohl jene als erste schmoren, die mit salbungsvollen Worten und frommer Miene Hexen verbrannten, Kinder quälten und schändeten, Ketzer verfolgten und mordeten. Es gibt ein Buch, das Kriminalgeschichte des Christentums heißt – man lese es und staune, oder besser: erschaudere.

    Warum ausgerechnet die Kirche das Heil bringen soll, habe ich nie verstanden. Ich wusste es nicht – und keiner dieser schwarzgewandeten Herren hat es mir je vorgelebt. Ihre glattpolierten Sonntagsreden, die gefalteten Hände, das feierliche Getue – all das erschien mir schon als Kind wie ein hohles Ritual, ein Schauspiel ohne Seele.

    Wie oft bin ich nach endlosen Messen, monoton gemurmelten Rosenkränzen, feierlich dahinziehenden Prozessionen und stockfinsteren Sitzungen im Beichtstuhl in mein Zimmer geflüchtet – die Wut wie eine brodelnde Brühe in mir, dicht unter dem Deckel. Für einen Ausbruch fehlte mir der Mut, wie so oft. Also schwieg ich. Aber in mir tobte es, kochte, drängte – wie heißes Wasser, eingesperrt im Topf, kurz vor dem Überlaufen.

    Hansjörg Rogger

  • Die Welt ist zu komplex, als dass sie mit einfachen Denkmustern zu erklären ist

    Wenn die Jugend jetzt ihre Stimme erhebt, egal ob nun diese Stimme immer ehrlich gemeint ist, dann muss dies die Schule als Teil ihres Bildungsauftrages gutheißen. Gorbatschow hat vor 30 Jahren gesagt, dass die Gefahren auf jene warten, die nicht auf das Leben reagieren. Und das müssen wir unseren jungen Leuten lehren, dass nicht argumentationsloses Dagegensein die Gesellschaft weiterbringt, sondern dass sich konstruktive Lösungsalternativen in den Köpfen generieren müssen. 

    Und dazu braucht es Bildung. Bildung im Sinne von „Wachhalten flottierender Neugier, Lust am Erkennen, Freude am Schönen“, so wie dies der Philosoph Prof. Konrad Paul Liessmann fordert. Die Schule muss dabei helfen, und das geht nicht nur mit Pauken und Auswendiglernen. Wir sind schon beinahe an dem Punkt angelangt, wo wir uns Teilnahmslosigkeit nicht mehr leisten können. Wenn wir als Schule nicht genau hinhören und hinsehen, wenn wir nicht ernst nehmen, was sich um uns herum tut, dann wendet sich die Jugend von uns ab, sie verliert das Vertrauen in uns und unsere Institutionen. 

    Der Friedenspädagoge Werner Winterstein spricht das Beispiel der „global citizens“ an und plädiert für ein planetarisches Bewusstsein (Ö1,14.3.2019). Wie aber kommen wir dorthin, was müssen wir Schulen tun? Oder tun wir etwa schon genug? Allein über die Problematik zu reden, ist zwar besser als gar nichts, aber am Ende ist es doch viel zu wenig: „Am Anfang war die Tat“, sagt Goethes Faust. Und doch, Stellung beziehen dürfen, setzt die Spirale der Wertschätzung in Gang und bildet damit den Nährboden für konstruktive Beiträge, die der Gesellschaft nur gut tun können. Sich gegen extreme Maßlosigkeiten stellen, muss das Ziel von Bildung sein. 

    Und die Schule muss den Grundstock dafür legen, Autoritäten heranzuerziehen, die maßvoll und in Partizipation die Geschicke der Welt zu lenken haben werden. Die derzeitigen Spannungen und Probleme, die die jungen Leute auf die Straße treiben, sind nicht durch „precision politics“ zu lösen, sagt Sebastian Backup vom Wirtschaftsforum Davos in der Zeitschrift „Die Zeit“ Nr.10. Es braucht anders als bisher eine andere globale Architektur. Aber welche ist das? Das eigene Denken, den eigenen Zweifel wertgeschätzt zu bekommen? Ist es das? Widersprüche in sich selber entdecken, sie auszuhalten und nicht zu verleugnen? Vielleicht ist es das? 

    Werbung

    Datenschutz-Einstellungen

    Es braucht Demokratien, die ihre Kraft daraus ziehen, dass viele andere mitmachen und somit eher bereit sind, Entscheidungen mitzutragen, die ihren unmittelbaren Interessen widersprechen, sagt Sebastian Backup. Widersprüchlichkeiten im Zusammenhang mit der Umweltproblematik gibt es zuhauf. „Wir leben in Widersprüchen. Auch ich selbst“, sagt der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar in der „Zeit“ vom 14. März 2019. 

    Wohlstand und Fortschritt treiben uns immer weiter in diese Spirale hinein. Wohlstand und Fortschritt sättigen zu oft unreflektiert; es geht gut, also sorge ich mich nicht. Der europäische Flugzeugbauer Airbus beschäftigt 130.000 Mitarbeiter*innen (Die Zeit Nr.12). Es werden mehr, je mehr Flugzeuge bestellt werden, und damit werden mehr Familien ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Mehr Flugzeuge am Himmel bedeuten mehr Kerosin in der Luft, mehr Kerosin in der Luft erhöht das Risiko für das junge Leute auf die Straße gehen. Unser Denken muss die Fühler in alle Richtungen ausstrecken, sodass die Zukunft umwelt- und sozialverträglich gestaltet werden kann. Eine Denkrichtung allein ist unseriös und fahrlässig. 

    Johann Georg alias Hansjörg Rogger (Artikel veröffentlicht in der ff Südtirol, im April 2019)

  • Digitalisierung

    „Die Bereicherung der Persönlichkeit sei das eigentliche Kapital, mit dem SchülerInnen später in allen Berufen wuchern können.“ Dies schreibt Rainer Werner, Autor des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“ in einem Essay, veröffentlicht in der Tageszeitung „Die Welt“ vom 17.2.2018. Und er zitiert den romantischen Dichter Jean Paul: „Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.“ Soll wohl heißen, so Rainer Werner, dass gute Bildung immer einen geistigen Überschuss, eine kleine utopische Verheißung enthalten muss.

    Dabei kommt es immer auf den an, der diesen geistigen Überschuss ermöglichen soll, auf den Menschen im Lehrer. Die Werkzeuge derer er sich bedienen kann, um den geistigen Überschuss in den Köpfen der jungen Menschen zu bewirken, ändern sich. Es sind und bleiben aber Werkzeuge. Auf sie kommt es erst in zweiter Linie an.

    Die Digitalisierung, das neueste Werkzeug, hat mit Bildung an sich nichts zu tun, mit dem geistigen Überschuss auch nichts. Der Zusammenhang könnte lediglich darin bestehen, dass durch die Digitalisierung die Inhalte, die die Bildung ausmachen, in die Breite gestreut werden. Der Zugang zu Bildungsinhalten ist demokratischer geworden, unbestritten gerechter. Damit aber nicht nur an der Oberfläche herumgetümpelt wird, damit nicht nur oberflächliche Sensationsgier befriedigt wird, damit die Chance eines interessanten Werkzeugs am Schopf gepackt wird, können Schulen abseits von SMS, WhatsApp, Instagram und Twitter die Technologie für ihre Zwecke nutzen.

    Ein Beispiel kann dies veranschaulichen. Wenn Verschwörungstheorien und falsche Nachrichten entlarvt werden sollen, wenn  uns passives Streaming und Konsumieren zu wenig ist, dann muss das Ruder selbst in die Hand genommen werden. Der Blog ist eine Möglichkeit, sagt Martin Spiewak, in der Zeit, Nr. 10/2018. 

    Seit 2016 pflegt das Sowimusikkunst-Gymnasium Bruneck Schreibblogs, in denen es um die Selbstinitiatve geht, um die Auseinandersetzung mit Sprache und darum, dass man für das, was veröffentlicht wird, die Verantwortung zu tragen hat. Dass die Betreuung solcher Blogs viele Möglichkeiten generiert, liegt auf der Hand: Erfahrungen mit der Netzetikette, Gegenpositionen zur „Schwarmdummheit“ (Martin Spiewak in: „Die Zeit“ 10/2018), die Übung in der Sprache und mit der Sprache, und nicht zuletzt die Übung in der Interaktion, abseits von Einwortsätzen und Emojis, abseits von zusammengekleistertem „Momentanwissen in Erregungszuständen“ (Spiewak, „Die Zeit“ 10/2018).

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger/ 2018

  • Eine 2minütige Diskussion mit einer Maturantin zu ihrem Präsentationsthema / Note 10

    Was haben Märchen, Beispiel Aschenputtel, mit Dialektik, Hegel, Ying und Yang zu tun? Eigentlich gar nichts. Der Apfel ist ja auch keine Birne, oder? Stimmt! Und doch gibt es Gemeinsamkeiten, die man nicht auf Teufel komm raus konstruieren oder erfinden muss. Gut und böse bei Aschenputtel, ein dialektisches Paar. Man braucht nicht lange zu suchen auf unserer Welt, man findet überall das Helle und Dunkle, das Gute und das Böse, Spruch und Widerspruch. Eine gute Frage: Was wäre, wenn es das nicht gäbe? Nur das eine und das Gegenteil dazu nicht? Die Antwort darauf gibt es nicht, da es die Welt nicht gibt, wo sich so etwas finden lässt. (Rogger.hj, Mai 2018)

  • Eröffnung des Schuljahres 2016/17, Schuldirektor Hansjörg Rogger

    Eröffnung in der Pfarrkirche Bruneck, im September 2016
  • König der Löwen und Matilda

    Die Schule hat die Aufgabe, ihre Schüler nicht nur mit Fachwissen wie Mathematik oder Latein zu versorgen, sondern sie auf das Leben vorzubereiten. Und Leben bedeutet weit mehr: aufeinander zugehen, Konflikte aushalten, Probleme lösen, Beziehungen pflegen, miteinander kommunizieren, Kompromisse aushandeln und lernen, nicht immer im Vordergrund stehen zu müssen.

    Wenn sich eine Schule dazu entschließt, junge Menschen auf die Bühne zu bringen, dann darf das nicht nur Selbstzweck sein. Es muss immer im Kontext der Lebensbildung geschehen – als Mittel, um eine ganzheitliche persönliche Entwicklung zu fördern.

    In diesem Schuljahr standen zwei großartige Stücke auf dem Programm: Matilda und Der König der Löwen. Zwei Geschichten, die nicht nur inhaltlich, sondern auch künstlerisch und pädagogisch wertvoll sind. In Matilda geht es um ein Mädchen, das sich mutig aus Unterdrückung und Demütigung befreit. Der König der Löwen wiederum erzählt, wie das Gute am Ende über das Böse siegt – ein klassisches Märchenmotiv.

    Die Inszenierungen stellten die SchülerInnen vor große Herausforderungen, sei es in der Darstellung der Charaktere, in der Bewegung, im Gesang oder in der Sprache. Doch sie boten auch eine Plattform, sich mit wesentlichen Aspekten des Lebens auseinanderzusetzen: Ängste überwinden, Scham und Neid begegnen, Überforderung und Frust aushalten, aber auch die Freude an der eigenen Leistung und das Gefühl der Genugtuung erleben. Diese Prozesse laufen zwar nebenbei ab, sind aber entscheidend für die Qualität und den Erfolg solcher Produktionen.

    Natürlich bedarf es dafür auch der Unterstützung durch erfahrene musikalische, theatralische und künstlerische Projektleiter. Besonders beeindruckend war in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit der hausinternen Kunstschule. Ein Beispiel dafür sind die kunstvoll gestalteten Masken für Der König der Löwen, die in einer Koproduktion entstanden sind – ein herausragendes Ergebnis, das die Bedeutung von Teamarbeit einmal mehr unterstreicht.

    Hansjörg Rogger
    Ex Schulführungskraft
    Publizist
    Der Beitrag wurde am 30.3.2015 publiziert

  • Was hat der Maurermeister mit dem Lehrmeister zu tun?

    Wenn der Maurermeister den Betonmörtel in der falschen Zusammensetzung anmischt, wird seine Mauer dem Regen, dem Schnee, der Hitze und dem Frost nicht standhalten. Ebenso verhält es sich mit dem Lehrmeister: Wenn er seine Unterrichtsstunde nicht so gestaltet, dass sie sowohl die Köpfe als auch die Herzen der Lernenden erreicht, wird wenig davon in der Zukunft übrig bleiben. Genauso wie die Mauer wird des Lehrmeisters Konstruktion wie Sand zerbröseln. Sie wird ganz einfach nicht halten. 

    Hansjörg Rogger
    Ex Schulführungskraft
    Publizist
    Der Beitrag wurde am 7.11.2014 veröffentlicht

  • An die Nachgeborenen (frei nach Berthold Brecht)

    (Eine Rede an Oberschüler*innen am 12.9.2014)

    In den Sommermonaten, während ihr eure Ferien genossen habt, ist viel Schreckliches in der Welt geschehen.

    Die blutige Geschichte der vergangenen Jahrzehnte hätte uns vieles lehren können – und doch kehrt sie immer wieder blutig zurück:

    298 Menschen wurden über der Ukraine in Stücke gerissen – tot, nichts als tot.

    Großmachtsüchtige Russen zerstören Träume auf der Krim und in der Ostukraine.

    In Gaza sterben erneut Kinder und Mütter. Ganze Familien verschwinden innerhalb weniger Sekunden.

    Kurz nachdem ein Brunnen für Sierra Leone und 50.000 Euro dorthin gebracht wurden, rafft Ebola tausende Träume dahin.

    Extremistische Todesschwadrone mit ihren schwarzen Fahnen lassen ihren Frust auf grausamste Weise an anderen aus.

    Uns hier, mitten in Europa, geht es gut. Wir beobachten aus sicherer Distanz und klagen, was das Zeug hält. Dabei müssten wir erkennen, dass wir – jetzt, nach den beiden großen Kriegen – viel Gutes erfahren haben.

    Nutzen wir dieses Privileg! Schöpfen wir unser Wissen und unseren Drang nach Erkenntnis aus der Fülle. Denn: Wenn wir mehr wissen, verstehen wir besser. Wenn wir besser verstehen, können wir klarer erkennen. Und wenn wir klarer erkennen, lernen wir, uns besser zu vertragen.

    In diesem Sinne: Lernt, miteinander umzugehen. Lernt, einander zuzuhören. Lernt, ohne Intrigen auszukommen und nicht immer recht haben zu müssen. Und wenn nötig, macht es besser als die, die euch vorausgegangen sind.

    Hansjörg Rogger
    Schulführungskraft
    Publizist
    Der Beitrag wurde am 12.9.2014 veröffentlicht

  • Breitengrad 55 n. – Längengrad 37 o.

    Ich stelle mir vor, du und ich wären in der Maschine gewesen, die über der Ukraine abgeschossen wurde. Tod, weg, nicht mehr da, von 10.000 Metern hinuntergerast und zerstückelt am Boden angekommen. 298 Menschen, 80 Kinder, wurden ermordet, von Lügnern, von arroganten Kriegstreibern.

    Gott gibt es keinen, denn sonst hätte er dies zu verhindern gewusst, wie er es Millionenmale vorher, bei den Hexen, den Juden, den Kindesmissbräuchen usw. usw. hätte tun können.

    Jede Strafe, die diese Mörder vielleicht treffen wird, ist zu wenig. Jede! Was mir bleibt, ist der ohnmächtige Zorn und der Gedanke an die, die die 298 verloren haben. Ich weine, bebe und verfluche die 55 Grad 45 Minuten 56 Sekunden nördliche Breite und die 37 Grad 37 Minuten 16 Sekunden östliche Länge. Ich verfluche euch Mörder, hinterfotzig, verlogen, die ihr seid und lüstere nach Rache, diesseits. Das Jenseits gibt es nicht.

    Hansjörg Rogger
    Schulführungskraft zur Zeit dieses Beitrags
    Publizist
    Der Beitrag wurde am 19.7.2014 veröffentlicht

    Zusatz nach 10 Jahren Tragödie am ukrainischen Himmel

    Und die verbrecherischen Mörder im Kreml können ihr Treiben ungehindert fortsetzen. Hinter ihren Anzügen und Krawatten verbirgt sich der Gestank moralischer Verkommenheit. Die Vereinten Nationen sind zu einer Farce erstarrt. Die Weltgemeinschaft hat versagt.

  • Eine Lanze für die Schule / 2012

    Es geht um Schule und Lehrer – ein Beruf wie jeder andere, und doch etwas ganz anderes. Gemeinsam ist allen oder soll allen die Berufung sein, damit sich jeder seinen Weg so gestalten kann, wie er meint, dass er gut für ihn ist;  und er wird sich, wenn er es ehrlich mit sich und der Berufung meint, eine Haltung zulegen, die nicht nur wertvoll für ihn selber sondern auch für die anderen ist.

    Frei nach Berthold Brecht muss man sich die Frage stellen dürfen, wer wohl die Schule und den Erfolg,  den sie zweifelsohne hat,  aufgebaut hat; es sind die Lehrer und all jene, die die Schule durch ihre Arbeit mitgestalten helfen, jeder in seinem Bereich bedeutsam. Südtirol hatte bei den PISA-Ergebnissen die Nase nicht hinten sondern vorne, das ist doch was! 

    Wirft man den Blick  nur auf die 20 Stunden, die der Lehrer vor Ort zu erfüllen hat und denkt dabei nicht daran, dass er seine Arbeit nach den 20 Stunden bei sich zu Hause und/oder in der Schule fortführen muss, dann ist dies sehr kurzsichtig. Der Weitblick wird dadurch oft verbaut, so dass alles, was nicht gesehen werden will, ausgeblendet wird und deshalb nicht gesehen werden kann.

    Hätten die Lehrer die 38 Stunden in der Klasse zu verbringen, wo blieben dann die Vorbereitungen, das Nachbereiten, die Korrekturen, das Vernetzen mit anderen Fächern, die Absprachen in den Kollegien, das Auskundschaften von Methoden, das differenzierte didaktische Vorgehen, die Lehrausgänge, und die vielen Aktionen im Laufe eines Schuljahres? Dies alles gibt es  –  die Webseiten der Schulen belegen dies. Man bräuchte nur den engen Blickwinkel mit dem weiten zu tauschen, und schon tut sich eine Welt auf, die sich nicht mehr reduzieren lässt auf den Lehrer mit seinen 20 Stunden oder den Lehrer und seinen 50-Minuten-Einheiten.

    D.h. nicht, dass der Schule nicht auch regelmäßig der Spiegel vorzuhalten ist. Und wenn man dies tut, dann gibt es nicht nur eitel Sonnenschein. Wir sehen Dinge, die nicht gut funktionieren und die verändert gehören; wir sehen, dass es auch Lehrer gibt, die es nicht schaffen, ihre Inhalte so herabzubrechen bzw. so aufzubereiten, dass es für die  jungen Leute eine Freude ist, sich diese anzueignen;  wir sehen Lehrer, die sich statt  der Berufung zu stellen, diese zu einem Job mit viel Freizeit verkommen lassen. Dies alles darf  aber nicht dazu führen,  die Schule und die Lehrer als Gesamtheit zu diskreditieren.

    Diejenigen Lehrer, die sich in 38 und mehr Stunden die Köpfe heiß denken, welche Möglichkeiten es gibt, wirksam und nachhaltig Inhalte in Kopf und Herz unserer jungen Leute zu transportieren, sind jene, die die Schule auf Erfolgskurs gebracht haben. Lehrerarbeit ist eine 38-Stunden-Arbeit mit allem was dazugehört, mit vielen autonomen Spielräumen und deshalb mit hoher ethischer Verantwortung sich und der Gesellschaft gegenüber.

    Hansjörg Rogger / November 2012

  • Was hat Thomas Edison mit dem Lehren zu tun?

    Thomas Edison, bekanntlich der Erfinder der Glühbirne, sagte, dass er auf dem Weg dahin niemals gescheitert sei. Er habe lediglich 10.000 Möglichkeiten ausprobiert, die nicht funktioniert hätten. Wenn wir Lehrer uns nicht zu schade sind, und warum sollten wir auch, dann tun wir gut daran, uns im Erfinden neuer Wege auszuprobieren. Lehrer zu sein ist ein Privileg, sich zu schade zu sein, neue anspruchsvolle Wege zu gehen, wäre unverzeihlich.  Am Ende einer Unterrichtsstunde zu sagen, heute habe ich 10 Seiten geschafft, ist didaktischer Nonsens; nur wenn der Lehrer die Birne tatsächlich zum Leuchten bringt, hatten seine 10 Seiten einen Sinne.

    Hansjörg Rogger
    Ex Schulführungskraft
    Publizist
    Der Beitrag wurde am 6.11.2011 veröffentlicht

  • Es sind Kleinigkeiten

    Sie spielten im Sand, neben Mamas Garten. Der erste richtig warme Tag in diesem Jahr. Monika baute die Straße, und Herbert stellte Lastwagen, Anhänger und Kräne auf. Den kleinen VW wühlte er noch schnell aus seiner Spielkiste. Eine große Kiste, prallvoll nicht nur mit grünen, roten und gelben Vierrädern. Monika war von oben bis unten mit Sand beschmiert. Mit ihrer flachen Hand drückte sie eine Schneise spannbreit in den Haufen. Dreimal stürzte etwas Sand auf die flache Bahn, bis Monika auf die Idee kam, etwas Wasser auf die beiden Sandhügel zu spritzen. Jetzt war die Schneise fest, die Bahn glatt.

    »Hilf mir!« und »warte noch ein bißchen!«, »nicht so fest!« Dazwischen ein Summen auf den Lippen, so von »show me the way to your heart …«, und Michael Jackson ist immer noch der größte, »wie war’s heute in der Schule?«, »die Zeichenstunde war ganz gut, aber dann das ewige Gemeckere … brumm … brumm … kresch.« Der kleine VW wurde als erster durch die Schneise gefahren. Zuerst mit der rechten Hand bis in die Mitte, dort, wo sich der Sand am höchsten türmt, dann mit der linken von der anderen Seite. Die Lastwagen folgten mit lautem Getöse: »Brumm … brumm …« Die Lippen des kleinen Herbert vibrierten. Monika war mit der Straße noch gar nicht fertig, als Herbert einen dicken Brummer anrollen ließ. Ein knarrendes Gequietsche, und der LKW stand, tiefe Bremsspuren im Sand, ganz nahe vor Monikas Hand.

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht 1997 in „Voll Glück“ by Athesia, Bozen

  • Anonymität

    Wir Menschen vergessen in zunehmendem Maße, daß wir alle eingebettet sind im unendlichen Kosmos, daß wir alle, jeder einzelne, Große wie Kleine, Reiche wie Arme, in einem Beziehungsnetz gefangen sind. Niemand hat nur die geringste Chance auszuscheren. Ähnlich einem Spinnennetz hängt jeder Faden mit dem anderen zusammen, hält diesen und wird gehalten. Wir sitzen zwar unausweichlich alle im gleichen Boot, wir scheuen uns aber, dem anderen unser Gesicht zu zeigen.

    Das Spinnennetz wird es so lange geben, solange es uns Menschen gibt. Die Zivilisation hat es jedoch mit sich gebracht, daß die Fäden nicht mehr straff gezogen sind. Ein langweiliges, farbloses Nebeneinander mit dem Menschen in einem Glaskasten! Wir wissen gar nichts mehr von unseren Fäden, wo diese Verbindung verwurzelt ist, was sie eigentlich in unserem Lebensnetz zu bedeuten haben.

    Wir wissen gerade noch, wie der neben uns heißt – vielleicht, ob Frau, ob Mann. Wie der neben uns lebt, welche Probleme er hat, was er fühlt, das interessiert nicht. Dies ist ja zu viel Zeitverschwendung. Wozu sich anstrengen! Wir haben ja unser Bild vom anderen, wir wissen ja sowieso alles über ihn, ohne ihn jemals gefragt zu haben.

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht in „Schule heute“, Hrsg: Südtiroler Lehrerbund, 1985

  • Urteilen Sie selber

    Kerstin, fünf Jahre, sagt: „Ich möchte dir etwas sagen“, und ich höre ihr zu. „Mir hat heute das Essen im Kindergarten nicht geschmeckt“, und ich höre Kerstin weiter zu. „Die Trompete, die mir heute morgen die Mamma gekauft hat, hab’ ich Martina geschenkt.“

    „Ach so!“ sage ich, und Kerstin meint dann: „Kaufst du mir eine neue? Bitte Papa!“

    „Erzähl mir, warum du die Trompete Martina geschenkt hast!“

    „Weißt du, das war so, ich habe ein paarmal fest reingeblasen, und auf einmal ging sie kaputt. Martina bat mich dann darum, und ich hab sie ihr gegeben.“

    „Ist gut, Kerstin“, und ich streichle ihre feuchten Augen.

    „Wann öffnet das Geschäft?“ will Kerstin wissen.

    „In zwei Stunden, wenn der große Zeiger deiner Uhr oben ist und der kleine auf der Drei.“

    „Dauert das lange?“ drängelt Kerstin.

    „Es dauert ein Mittagessen und ein paarmal Skifahren.“

    „Ich hol jetzt die Skischuhe, gehst du dann mit auf die Piste?“ wollte Kerstin wissen, und schon steht sie mit offenem Skianzug vor mir.

    „Komm!“ sage ich, „hilf mir noch den Pudding schlecken, dann kannst du dir noch schnell ein Schokoladestückchen in die Tasche stecken.“

    „Eins oder zwei?“ meint sie lächelnd.

    „Ein Stück“, antworte ich ihr.

    „Bitte zwei Stück“, sagt Kerstin.

    „Ist gut, aber das zweite ißt du etwas später, einverstanden?“

    „Ist gut, Papa.“

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht in „Schule heute“ Hrsg: Kath. Südtiroler Lehrerbund, 1985

  • Jänner 1985: Wenn Kinder gescholten werden…

    Es ist die normalste Sache der Welt. Ist sie das wirklich? Ist sie das nicht vielleicht nur deshalb, weil wir Erwachsene uns dies egozentrisch anmaßen?

    Wir schelten, weil uns etwas nicht passt. Wir schelten, weil wir uns in unserer Macht bedroht fühlen. Wir schelten, weil wir uns für etwas Besseres halten; wir schelten, weil es uns schwerfällt, anderes zu respektieren. Nicht selten schelten wir auch aus Unwissenheit.

    Das Schlimme dabei ist, dass ein kleiner Mensch gescholten wird – einer, der sich nicht wehren kann, der sich nicht wehren darf; der niedergeschrien wird, dem alles nur Erdenkliche unterstellt wird und der sich höchstens in größter Not zur Wehr setzen würde.

    Schlimm genug, dass Erwachsene schreien, fluchen und in eine Sau-, Schweine- und Drecksprache abrutschen. Noch schlimmer ist es, wenn damit Kinder belastet werden, wenn man sie für die Unzulänglichkeiten der Erwachsenen verantwortlich macht und im Fäkaljargon argumentiert.

    Hansjörg Rogger / veröffentlicht 1985 in schule heute