Sieht das denn niemand von jenen, die es längst hätten sehen müssen? Oder überlässt man es gerne jenen, die neben ein paar Münzen, die sie aus ihren Taschen kramen, die Blicke nicht verschämt abwenden?
Joannis sitzt seit Jahren auf den Pflastersteinen. In Bruneck am Graben. Bei Kälte, Hitze, Nässe und Schnee. Vor ein paar Tagen hat ihm jemand die Operation am Bein möglich gemacht. Lange hat er darauf gewartet. Er zeigt mir das operierte Bein, so als müsse er beweisen, dass seine Geschichte wahr sei.
Die Schiene ist weg, die Not geblieben. Er sitzt wieder da, wie eh und je. Die Krücken liegen neben ihm.
Menschen rauschen an ihm vorbei. Der eine oder andere wirft etwas in seinen Hut. Ein unwürdiges Schauspiel – und nebenan, in der Kirche, betet man für die Armen.
Er erzählt mir von seinen Geschwistern und seinem Vater in Rumänien. Von seinem Land, das ihn fallen gelassen hat und von seinem deutschen Freund, der inzwischen ebenfalls arbeitslos ist. Geschichten, die bei uns Wohlstandsverwöhnten wenig Platz finden.
Und ich sause weiter, schweren Herzens, gefangen in wirren Selbstvorwürfen, im nächsten Geschäft ein Kilo Bananen zu kaufen und an Joannis zu denken, der seine Euros abzählt, um mit einem belegten Brot seinen Hunger stillen zu können.
Hansjörg Rogger
