Kategorie: Armut, Einsamkeit

  • Joannis – Rumäne und EU Bürger

    Sieht das denn niemand von jenen, die es längst hätten sehen müssen? Oder überlässt man es gerne jenen, die neben ein paar Münzen, die sie aus ihren Taschen kramen, die Blicke nicht verschämt abwenden?

    Joannis sitzt seit Jahren auf den Pflastersteinen. In Bruneck am Graben. Bei Kälte, Hitze, Nässe und Schnee. Vor ein paar Tagen hat ihm jemand die Operation am Bein möglich gemacht. Lange hat er darauf gewartet. Er zeigt mir das operierte Bein, so als müsse er beweisen, dass seine Geschichte wahr sei.

    Die Schiene ist weg, die Not geblieben. Er sitzt wieder da, wie eh und je. Die Krücken liegen neben ihm.

    Menschen rauschen an ihm vorbei. Der eine oder andere wirft etwas in seinen Hut. Ein unwürdiges Schauspiel – und nebenan, in der Kirche, betet man für die Armen.

    Er erzählt mir von seinen Geschwistern und seinem Vater in Rumänien. Von seinem Land, das ihn fallen gelassen hat und von seinem deutschen Freund, der inzwischen ebenfalls arbeitslos ist. Geschichten, die bei uns Wohlstandsverwöhnten wenig Platz finden.

    Und ich sause weiter, schweren Herzens, gefangen in wirren Selbstvorwürfen, im nächsten Geschäft ein Kilo Bananen zu kaufen und an Joannis zu denken, der seine Euros abzählt, um mit einem belegten Brot seinen Hunger stillen zu können.

    Hansjörg Rogger

    Joannis, Foto genehmigt von Joannis, 29.1.2026
  • Johannis

    „Ciao Johannis, me l’hai già detto un paio di volte quando ti ho parlato qui sui ciottoli, che presto potrai operarti alla gamba, così potrai camminare di nuovo senza il tutore. Come sta andando?“ Die Frage habe ich ihm schon oft gestellt, in den vergangenen Monaten immer wieder. Wird es diesmal eine andere Antwort geben?

    Wie fast jeden Tag um diese Zeit – es ist kurz vor elf Uhr vormittags – sitzt Johannis am Rand des mit Porphyrsteinen gepflasterten Weges. Seinen Hut hält er den vorbeigehenden Stadtbesuchern entgegen und bedankt sich auch bei jenen, die nichts hineinwerfen. Seine Haltung ist bescheiden, seine Gesten freundlich.

    Johannis versteht mich nicht sofort. Ich beuge mich nach vorne und wiederhole meine Worte.

    Er ist Rumäne, spricht ein wenig Italienisch, genug, um sich verständlich zu machen. Sein linkes Bein ist geschient, eine sichtbare Erinnerung an das, was ihn hierhergebracht hat – oder vielleicht eine Hoffnung auf das, was ihn wieder fortbringen könnte.

    „La gamba è ancora ingessata, purtroppo è ancora cosi“, bestätigt er knapp, doch seine Aufmerksamkeit kehrt schnell zu den vorbeigehenden Passanten zurück. Die Zeit drängt, jeder Moment könnte eine Münze bedeuten.

    Dann, fast beiläufig, fügt er hinzu: „Abito a Issing, da un amico.“ Ein Freund gibt ihm ein Dach über dem Kopf. Doch seine Zukunft? Noch immer ungewiss. „Tra circa un’ora il mio amico di Issing verrà a prendermi qui e mi porterà a casa sua. Domani sarò di nuovo qui con il mio berretto.”

    Ich ziehe ein paar Euro aus meiner Tasche, lasse sie in seinen Hut fallen. „Comprati qualcosa da mangiare“, sage ich.

    Seine Antwort ist dieselbe wie immer: „Ciao e grazie.“ Ein kurzes Lächeln, eine Hand zum Gruß.

    Morgen wird er wieder hier sitzen. Wie jeden Tag um diese Zeit.

    Hansjörg Rogger, 14.3.2025

  • Mi chiamo Smart

    Si Smart – così mi chiamo, hat er mir gesagt und mir sein Kärtchen mit seinem Namen gezeigt. Vengo dalla Nigeria, ma questo te l’ho già detto l’ultima volta. Smart wie Smartphone, dachte ich, das kann ich mir leicht merken. Und dann fing er an zu erzählen. Es war kalt. Er stand im Schatten, die wärmende Sonne war irgendwo anders. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen.

    Schlimm ist es da unten in Nigeria. Boko Haram! Geld, wenn man es hat, ist dazu da, um zu bestechen. Gewalt, Korruption, und jetzt kommen die Russen. Ich bin froh, hier in Alto Adige zu sein. Meine beiden Kinder lernen Deutsch; die Kleine ist im Kindergarten, der Große geht in die Grundschule. Meine Frau ist auch da. Smart nahm sein IPhone aus der Tasche, scrollte in seiner Mediathek und zeigte mir seine Kleinen. So wie es Papis auf der ganzen Welt tun. Mama und Papa habe ich keine mehr, sagte er dann auch noch. E domani sarò di nuovo lì a vendere i giornali. Ich gehe ein paar Schritte Richtung Sonne und blättere die Seiten von hinten nach vorne. Die „Bösen Worte“ auf Seite 39 haben es mir mal wieder angetan. 

    Hansjörg Rogger / 16.1.2025

  • Wer kann schon behaupten, dass nicht irgendwann ich, er sein kann,

    und dann bin ich es, der die 10 Euro vielleicht erbetteln muss. 1.September 2023. Vengo dalla Nigeria, sagt er. Hai un permesso di soggiorno? Frag ich ihn. No, sagt er. Dove abiti? A Bolzano, sono venuto attraverso il mare. Nach seinem Namen hätte ich ihn fragen sollen. Tat ich nicht. Grazie, sagt er und geht. Zum nächsten, übernächsten, überübernächsten. Kein Erfolg.

    Viele leben dieses Schicksal. Tagein und Tagaus. Flucht war die einzige Perspektive. Über das Meer, sagte er. Wir lesen es in den Zeitungen, sehen die schrecklichen Bilder – dann schieben sich wieder unsere angenehmen und weniger angenehmen Dinge in den Vordergrund: Das Schnitzel war zu wenig mager, die Stromrechnung ist ganz schön in die Höhe geklettert, der Obstladen hat auch schon mal bessere Himbeeren verkauft. Es rattert permanent im Kopf. Und diesen Urlaub müsste man sich auch mal gönnen können, das große Auto auch……

    Dann lese ich wieder in der Zeitung und weiß, dass ich gar nichts weiß, erinnere mich an das Zitat von Mamadou Diawar, Ethnologe an der Universität Frankfurt, zitiert in der Zeit Nr. 35/2023: „Was wissen die von uns? Nichts!“ Gemeint ist das Wissen der Weißen über die Schwarzen. Und außerdem – die Kolonialherren haben einiges dazu beigetragen, dass die Länder in Armut versinken.

    Johann Georg (Hansjörg)Rogger Johann.rogger@me.com