Im Sinne des vor Kurzem verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas komme der Schule eine zentrale Rolle für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft zu. Sie sei nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern vor allem ein Raum, in dem Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern heranwachsen könnten, die fähig seien, sich an öffentlichen Diskursen zu beteiligen.
Indem Schule kritisches Denken, argumentative Fähigkeiten und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel fördere, bereite sie junge Menschen darauf vor, politische und gesellschaftliche Fragen vernünftig zu diskutieren und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Auf diese Weise werde sie zu einem Übungsfeld „deliberativer Demokratie“ (Jürgen Habermas), in dem die Grundlagen von Verständigung, Teilhabe und Verantwortung praktisch eingeübt würden.
Frage: Ist es so an unseren Schulen oder sollte es so sein?
Die Ideenschmiede am Burger Hof ist so ein Ort, wo junge Menschen sich in der diskursiven Verhandlung eines Themas üben können. Unterschiedliche Perspektiven können gegenübergestellt und argumentativ kritisch durchdrungen werden. Dadurch kann ein Raum entstehen, in dem die Bedeutung von Schule und Lernen im Prozess des Austausches fortlaufend ausgehandelt wird.
Es ist ein leiser Aufbruch aus einer Schule, die noch immer im starren Korsett vergangener Gewissheiten zu stecken scheint. Hier geben junge Menschen ihrer Sehnsucht nach Veränderung eine Sprache, halten fest, was sie bewegt und was ihnen fehlt.
Im Zentrum ihres Aushandelns — so liest sich das in den Skripten der jungen Menschen und wird lautstark vorgetragen — steht das Wohlbefinden, das mentale, das soziale, das körperliche. Die Formel zirkuliert heute nahezu selbstverständlich im schulischen Diskurs und bewegt sich dabei in einer eigentümlichen Schwebe zwischen Schlagwort und Anspruch. Allzu leicht droht sie zur Worthülse zu erstarren, wenn sie lediglich programmatisch wiederholt wird, ohne den Schulalltag tatsächlich zu prägen. Mittlerweile finden sich diese Formeln in zahlreichen Leitbildern wieder, oft mit marketingwirksamem Bildmaterial gestaltet, doch nicht selten ohne erkennbare operative Entsprechung im gelebten Schulalltag. So bleiben sie auf der Ebene wohlklingender Programmatik verhaftet, anstatt in konkrete Handlungsformen übersetzt zu werden, die ihre Wirksamkeit tatsächlich entfalten könnten.
Zugleich aber birgt sie ein ernstzunehmendes Versprechen: die Verpflichtung der gesamten Schulgemeinschaft, Bildung nicht nur als kognitive Leistung, sondern als ganzheitlichen Prozess zu begreifen und Verantwortung für die vielfältigen Dimensionen des Menschseins zu übernehmen.
Wann wird aus drei abstrakten Begriffen eine erfahrbare Realität, die sich nicht in Programmen erschöpft, sondern im Alltag sichtbar und überprüfbar wird?
Dass diese Wünsche nicht aus bildungspolitischen Programmen stammen, sondern von Schülern selbst vorgetragen wurden, verleiht ihnen ein besonderes Gewicht und eine eigentümliche Dringlichkeit. Sie artikulieren sich in der Sehnsucht nach einem Schulalltag, der Zeit für Störungen nicht als Defizit, sondern als pädagogische Gelegenheit begreift, der Sprechgelegenheiten eröffnet und eine unbürokratisch-zugängliche Sprechstunde bei der Führungskraft selbstverständlich macht. Pädagogische Tage würden nicht länger allein dem Kollegium vorbehalten bleiben, sondern auch Schüler einbeziehen; Auszeiten würden begleitet statt sanktioniert, und Planungen gemeinsam entwickelt. In dieser Perspektive treten eine Kultur der Dankbarkeit und echte Partizipation an die Stelle bloßer Mitwirkungssimulation; Lernlandschaften lösen die Sterilität klassischer Klassenräume ab, und Feedback gewinnt gegenüber der Logik reiner Tests an Bedeutung. Altersgemischtes Lernen, eine neu austarierte Balance von Kern- und Freifächern (Beispiel Kanada wurde erwähnt) sowie Lerninhalte mit aktuellen Bezügen fügen sich dabei zu dem Bild einer Schule, die weniger verwaltet als vielmehr als lebendiger Erfahrungsraum gestaltet wird.
All dies und noch vieles mehr findet sich auf den Plakaten, die im Seminarraum des Burger Hofs an den Wänden hängen. (Auszüge im Anhang zu diesem Essay)
Doch wie beginnt Veränderung? Vielleicht nicht mit großen Reformen, sondern mit etwas so Einfachem wie dem Gespräch. Kommunikation wird zum Ausgangspunkt, zum lebendigen Raum, in dem Schule sich neu erfinden kann – beweglich, offen, im Austausch.
Und was braucht es, damit Schule ein Ort des Wohlbefindens wird? Die Schüler:innen zählen auf:
Vielfalt im Lernen, die die Unterschiedlichkeiten nicht glättet, sondern trägt
Menschen, die mit fachlicher, sozialer und psychologischer Kompetenz begleiten
Ressourcen, die Entwicklung ermöglichen
kleine Schritte — unscheinbar vielleicht, aber entschieden.
Wenn man Hilfe braucht, dann soll die auch kommen
Veränderung des Schulsystems „Es ist wie eine Sucht, im alten System verhaftet zu bleiben und bequem, nichts zu tun. Darüber müssen wir aufklären. Wir müssen das veraltete Schulsystem überwinden.“ Die Schüler schreiben „Abschreckung“ an die Tafel und meinen: abschrecken vom alten System. (Audiomitschnitt der Präsentation am Burgerhof vom 6.3.26)
Anderssein heißt nicht schlechter sein
Ruhige Orte an der Schule schaffen, wo Schüler:innen miteinander arbeiten/lernen können
Lernorte schaffen, die immer aufgesucht werden können
Es braucht Lehrer, die wissen, wie man miteinander umgeht, die gute Beziehungen aufbauen können
Mehr Selbständigkeit, Kreativität, Praxis beim Lernen
Förderung von Schüler:innen die Lernschwächen haben, aber auch von solchen die mehr leisten könnten
Seit Langem wird über Veränderungen in der Schule gesprochen, doch sie vollziehen sich mit einer zähen, oft rückgewandten Beharrlichkeit, die bisweilen an kirchliche Reformprozesse erinnert. Vielversprechende Ansätze verlaufen nicht selten im Sande, werden ausgehungert, sabotiert, ausgebremst oder erfahren einfach zu wenig Unterstützung, um ihre Wirkung nachhaltig entfalten zu können. Es gibt die Schulen, die als Modelle dienen könnten, auch in unserem kleinen Land. In Deutschland etwa werden jährlich Vorzeigeschulen durch den Deutschen Schulpreis ausgezeichnet, in Singapur ist es der School Excellence Award, in Australien der Australian Education Award, und in Neuseeland gibt es vergleichbar mit dem Deutschen Schulpreis den Prime Minister’s Education Excellence Awards, während eine vergleichbare Praxis in Südtirol fehlt. Sie hätten es sich auch bei uns verdient, zeigen zu können, wie man Lernwege auch anders gehen kann. Und es gibt sie — man müsste nur den Mut haben, sie herauszuholen aus ihren Nischen. Die jungen Menschen auf dem Burger Hof jedenfalls äußerten den Wunsch nach sichtbaren Best-Practice-Beispielen, an denen sich Entwicklung konkret orientieren könnte. Es wäre eine Überlegung wert.
Und wenn uns die jungen Leute etwas sagen wollen — und sie tun es, wenn man sie dazu ermuntert, dann müssen wir ihnen zuhören. Andernfalls bleibt es – wie so oft – Makulatur und folgenlos. Und was noch schlimmer ist, die jungen Leute üben sich weiterhin im Stummbleiben, weil es „sowieso nichts bringt“, wie sie oft resigniert das Handtuch werfen und froh sind, die Schule verlassen zu können, um endlich Freiheit zu spüren. Übrig bleiben zu oft Worte ohne Wirkung, ohne Konsequenzen – und am Ende genau das, was junge Stimmen längst satt haben.
Hansjörg Rogger
*Jürgen Habermas in:
„Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats“ (1992)
In dem Essay https://hansjoerg.blog/2025/12/13/aktionismus-ist-auch-in-der-bildungspolitik-fehl-am-platz/ sind bereits im Dezember 2025 unabhängig von den Ergebnissen des Burger Hofs vom 6.3.26 die Probleme angesprochen worden.
Link zur Ideenschmiede I / 2025: https://hansjoerg.blog/2025/02/15/ideenschmiede-burger-hof/
Am Burger Hof arbeiten im Sinne des Werkstattgedankens: Alex Unteregger-Werkpädagoge und Koordinator der Schulprojekte /// Sieghard Amhof-Haus-, Hof-, Tier- und Menschmeister /// David Kammerer-Achtsamkeitstrainer /// Lukas Patzleiner-Erlebnis- und Sozialpädagoge /// Tatiana Terentieva-Lifecoach /// Andrea Graf-Reinigungs- und Küchenmeisterin /// Gerd Innerebner-Strukturleiter ///Elisabeth Stauder-Theater-, Grundschule- und Montessoripädagogik /// Mathilde Mair-Küchenmeisterin /// Dominik Rainer-Gartenmeister /// Verena Ladstätter-Grundschul-, Wildnis- und Montessoripädagogin ///




