„Ich sehe, wie meine Seele fühlt“ – Gedanken zur Ausstellung der Kunstklassen am Kunstgymnasium

Die Schulung des Schönheitsempfindens, die Auseinandersetzung mit Identitäten, handwerkliches Geschick und der Umgang mit Material – all das lernen die Schüler:innen des Kunstgymnasiums Bruneck. Wie mir ein Absolvent vor einiger Zeit sagte, sei Kunst für ihn zur lebenslangen Begleiterin geworden.

Im kreativen Prozess erwerben die Jugendlichen Diskurskompetenz, lernen Widerstand auszuhalten und zu formulieren und erfahren Kunst zugleich als Möglichkeit, emotionalen Druck auszuhalten und innere Spannungen aufzulösen.

In der Ausstellung Echo höre und sehe ich als Besucher in die Bilder und Skulpturen hinein. Ich weiß, dass das, was ich wahrnehme, nicht unbedingt dem entspricht, was die Schüler:innen dabei empfunden haben. Doch ihre Werke vermitteln mir eine Ahnung davon, was junge Menschen mit ihrer Kunst ausdrücken wollen – keine Gewissheiten, sondern Annäherungen.

Alles, was ich als Beobachter tun kann, ist, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was der junge Mensch ausdrücken wollte. Stehen bleibe ich dort, wo mich mein ästhetisches Gefühl oder meine momentane Befindlichkeit hinzieht.

Beim Durchwandern der Ausstellung fokussiere ich meinen Blick auf das Bild von Sara:

An der Wasseroberfläche ein sanftes Geräusch. Zwischen den dunklen Spiegelungen treiben Seerosenblätter – reglos und ruhend. Und aus dieser fast lautlosen Fläche hebt sich ein Gesicht, nicht auftauchend, auch wenn die nassen Haare den Eindruck nahelegen, sondern eher: schwebend zwischen Versinken und Wohlfühlen.

Die Augen der jungen Frau sind geschlossen, als hätte sie beschlossen, dem Sichtbaren für einen Augenblick nicht mehr zu trauen oder weil sie sich doch genussvoll hinunterziehen lassen will oder einfach nur, weil sie sich nach Entspannung sehnt. Oder keines der drei.

Ihr Haar fällt schwer ins Wasser, verliert dort seine Grenzen, wird Teil der ruhigen Wasserfläche. Man weiß nicht, ob sie ruht, träumt oder sich gerade dem entzieht, was Menschen gewöhnlich Wirklichkeit nennen.

Die Zeichnung lebt von einer eigentümlichen Geduld. Jede Linie scheint dizipliniert präzise gesetzt — Im feinen Geflecht der Schraffuren liegt etwas von innerem Widerstand: Das Wasser verschluckt die Konturen – aber nicht ganz – das Gesicht löst sich nicht vollständig aus der Fläche. Alles bleibt in einem Schwebezustand zwischen Klarheit und Auflösung. Ein ambivalenter Schwebezustand mit Neigung zu depressiver Verstimmung.

Vielleicht erzählt dieses Bild vom inneren Loslassen, von stiller Befreiung, oder von der Begegnung mit sich selbst, nicht von der dramatischen Reinigung einer erlebten Tragödie, sondern von jener stillen Form des Loslassens, die geschieht, wenn ein Mensch für einen Moment aufhört, sich gegen seine eigene Tiefe zu wehren. Die geschlossenen Augen wirken dabei nicht wie ein Rückzug, sondern wie eine andere Art des Sehens. Denn manchmal beginnt Erkenntnis erst dort, wo der Blick nach innen fällt.

Und so bleibt am Ende weniger das Porträt einer Person als die Ahnung eines Zustands: die Sehnsucht, im Lärm der Welt für einen Augenblick lautlos zu werden.

*In das Mädchen hineinprojizierte Gedanken:

*Das Mädchen im See: „Ich denke daran, wie oft ich versucht habe, laut genug zu sein, deutlich genug, richtig genug. Und wie müde das gemacht hat. Ich bin nicht hier, um mich treiben zu lassen. Ich bin hier, um endlich still zu werden.“

„Echo“ nennt sich die Ausstellung. Vom einen Ende zum anderen hallt vieles wider: Stillleben, Aktskulpturen, Modedesign, Augenstudien, Aquarell, Bleistift und Plastiken. Dazwischen: das Mädchen im See und Klaviertöne der Musikklasse. Sehens- und hörenswerte Jugend.

Klavierspiel bei der Vernissage, 2026

Hansjörg Rogger