Ein sonniger, doch frischer und windiger Märztag. Ich stehe neben dem Blumenturm, dessen fein platzierte violette Frühlingsblumen sich vom Boden bis hinauf zur Spitze erstrecken – einer Pyramide gleich. In Gedanken versunken betrachte ich diese Blumen-Skulptur und spüre einen stillen Respekt angesichts der mit so viel Liebe gestalteten Schönheit. Geschaffen für uns, die wir daran vorbeigehen. Die meisterhafte Vielfalt gemacht von Stadtgärtnern, deren Namen wir nicht kennen, aber ihre Liebe zum Detail überall spüren.
Es tut gut, hier zu stehen, den Menschen zuzuschauen, ein paar Sonnenstrahlen einzufangen und an den Cappuccino zu denken. Eine Frau kommt mir entgegen, ein Kind an der Hand. Als sie näher kommt, erkenne ich die ehemalige Kollegin Kerstin. An ihrer Hand hält sie ihre kleine Tochter. Wir wechseln ein paar Worte, dann gibt sie mir noch ihre Handynummer – für mehr reicht ihre Zeit nicht.
Eine hervorragende Lehrerin für Inklusion, denke ich mir. Wie oft haben mir Schüler:innen das so schnell im Vorbeigehen gesagt! „Frau Schmid mag uns!“ – so lese ich es in meinen Notizen und Schülermails von damals.
Fünf Schritte von der Blumenskulptur entfernt stehen zwei Bänke. Auf eine setze ich mich, auf der anderen sitzen zwei Männer. Einer von ihnen singt: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei. Auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai…“ Ich erinnere mich an Lale Andersen – als Bub in den 60er Jahren immer wieder gehört.
Leise in mich gekehrt denke ich zum tausendsten Mal an das Schicksal der Ukraine. Seit über vier Jahren bombardiert Russland das Land – der Krieg bringt Zerstörung, Leid und Tod. Das Recht des Stärkeren scheint wieder über vielem zu stehen, was uns lieb und teuer geworden ist. Meine Illusionen aus den 50er- und 60er-Jahren sind zerplatzt. Mein Großvater hatte den ersten Krieg überlebt, mein Vater den zweiten, und ich glaubte damals als junger Bub, so etwas werde es nicht wieder geben. Europa war im Aufbruch, die Vereinten Nationen gaben mir Hoffnung. Nun scheint sich vieles wieder in die falsche Richtung zu drehen. Dieser Gedanke macht mir Angst.
Neben mir sitzen noch immer die beiden älteren Herren, die den Frühling herbeisehnen. Links vor mir nähert sich eine Frau mit einem Rollator. Sie fühlt sich offensichtlich nicht gut und legt sich der Länge nach auf die Bank. Ich rücke etwas zur Seite. „Soll ich die 112 anrufen?“, frage ich. Die Betreuerin meint, das sei nicht notwendig. Ich warte noch ein paar Minuten, erkundige mich erneut, ob weitere Hilfe benötigt wird, und entferne mich – nicht ohne mich noch einige Male umzudrehen.
Hansjörg Rogger, März 2026