Kategorie: Gedanken

  • 21.8.2026: Was mich an der Fotografie interessiert

    Mich interessieren an der Fotografie die Besonderheiten – im Großen wie im Kleinen. Das Offensichtliche ebenso wie das Beiläufige, das sich erst zeigt, wenn man innehält und genauer hinsieht. Ein Motiv muss dabei nicht spektakulär sein. Es kann seine Besonderheit in einer Landschaft tragen, in einem Licht, einer Bewegung, einer Oberfläche, einer Architektur oder in einem kleinen Detail, das sich dem schnellen Blick zunächst entzieht. Fotografie bedeutet für mich deshalb vor allem Aufmerksamkeit: wahrzunehmen, was vorhanden ist, und dem, was sichtbar und erlebbar werden kann, eine besondere Präsenz zu geben.

    Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Nähe zwischen Fotografie und ihrer Bearbeitung. Denn ein Bild kann verändert werden, ohne dass sein innerer Bezug zum Motiv verloren geht. Es kann eine andere Anmutung erhalten, eine andere Atmosphäre, eine andere Intensität – und dennoch in seinem Kern dasselbe Bild bleiben.

    Ein schönes Beispiel dafür begegnet mir in der Auseinandersetzung mit Arbeiten von Gerhard Richter, die ich 2024 in einer Ausstellung in Düsseldorf fotografiert habe. Schon dort wird auf besondere Weise sichtbar, wie nah Fotografie und malerische Wahrnehmung beieinanderliegen können. Das fotografische Bild ist Ausgangspunkt und Wirklichkeit zugleich; durch die malerische Überarbeitung entsteht etwas Neues, ohne dass die ursprüngliche fotografische Herkunft einfach verschwindet. Gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Vorgefundenen und dem Veränderten interessiert mich.

    Meine eigenen Bearbeitungen gehen von einem ähnlichen Gedanken aus, die Absicht mag eine etwas andere sein, aber auch bei ihnen steht jeweils ein Originalfoto am Anfang. Das Motiv bleibt der Ausgangspunkt und damit der Bezugspunkt des Bildes. Es wird nicht gegen etwas anderes ausgetauscht, sondern in seiner vorhandenen Eigenart weitergedacht.

    So kann aus einer Landschaft durch die Bearbeitung eine fast aquarellartige Erscheinung entstehen. Die Farben werden vielleicht freier, die Flächen lösen sich etwas stärker voneinander, ein Regenbogen tritt deutlicher hervor, und doch bleibt die Landschaft dieselbe. Sie hat ihren Ort, ihre räumliche Ordnung, ihren Charakter nicht verloren. Die Bearbeitung macht lediglich etwas stärker spürbar, das bereits im fotografischen Ausgangsbild angelegt war: die Atmosphäre, die Farbigkeit, vielleicht auch das Flüchtige eines Augenblicks.

    Ähnlich verhält es sich bei der nächtlichen Ansicht mit dem Kirchturm und dem Mond (siehe Bild unten). Die malerische Anmutung verändert die Oberfläche des Bildes. Strukturen werden betont, das Licht gewinnt an Körper, der Himmel scheint beinahe aus Pinselbewegungen zu bestehen. Und trotzdem bleibt der zentrale Gedanke des fotografierten Motivs erhalten: die nächtliche Szenerie, der Mond, die Silhouette des Kirchturms, die Bäume und die Architektur (siehe Bild unten). Nichts Sachfremdes wird in die Szene hineinerzählt. Die Bearbeitung versucht vielmehr, die vorhandene Stimmung auf eine andere Weise erfahrbar zu machen.

    Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied zwischen Veränderung und Manipulation. Veränderung kann dem Bild dienen. Manipulation würde seine Aussage verschieben. Die Bearbeitung darf sich also bemerkbar machen, sie darf sogar eine eigene ästhetische Qualität entwickeln – aber sie sollte den Ursprung nicht verleugnen und dem Motiv nichts aufdrängen, was ihm nicht entspricht.

    Dabei interessiert mich nicht die möglichst genaue Nachahmung von Malerei. Ebenso wenig geht es mir darum, aus einer Fotografie etwas zu machen, das sie nicht sein darf. Mich reizt vielmehr der Zwischenraum: der Moment, in dem ein fotografisches Bild seine fotografische Herkunft noch trägt und zugleich eine andere sinnliche Wirkung entfaltet.

    Vielleicht ist es gerade dieses Dazwischen, das den Bildern ihre Spannung gibt.

    Das Original bleibt gegenwärtig. Es wird nicht ausgelöscht, sondern tritt durch die Bearbeitung anders hervor. Man könnte sagen: Die Fotografie bleibt das Gedächtnis des Bildes, während die Bearbeitung seine Wahrnehmung verändert.

    Dabei kann etwas Kleines plötzlich groß werden. Eine Struktur, eine Farbe, ein Lichtsaum oder eine Bewegung, die im Original nur am Rand der Aufmerksamkeit lag, kann durch die Bearbeitung zu einem tragenden Element werden. Und umgekehrt kann ein großes Motiv an Bedeutung verlieren, wenn die eigentliche Schönheit in einem unscheinbaren Detail liegt.

    Mich interessiert genau dieses Verhältnis von Nähe und Entfernung, von Wirklichkeit und Wahrnehmung.

    Ich möchte das Bild nicht verbessern, weil ich glaube, dass das Original unvollkommen ist. Ich möchte ihm vielmehr eine Möglichkeit geben, etwas von seiner eigenen Ästhetik deutlicher zu zeigen. Jede Landschaft, jede Architektur, jede Lichtstimmung besitzt eine Eigenart. Manchmal ist sie klar erkennbar, manchmal muss man sie erst freilegen. Die Bearbeitung wird dann zu einer Art behutsamer Annäherung: nicht zum Erfinden einer anderen Welt, sondern zum Sichtbarmachen einer bereits vorhandenen.

    Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb mich die Besonderheiten im Großen wie im Kleinen so beschäftigen. Das Besondere ist nicht zwangsläufig das Außergewöhnliche. Es kann in einem ganz gewöhnlichen Motiv verborgen sein. Es kann im Nebel einer Landschaft liegen, in einem Regenbogen (siehe Bild unten), in der Farbe eines Hanges, im Mondlicht über einem Kirchturm. Es ist da, bevor die Kamera auslöst.

    Die Fotografie hält diesen Augenblick fest. Die Bearbeitung darf ihn weiterführen. Aber sie sollte ihn nicht verraten. Denn am Ende geht es mir nicht darum, aus einem Foto etwas völlig anderes zu machen. Es geht mir darum, seine innewohnende Ästhetik einzufangen, sie vielleicht zu verdichten und für den Betrachter intensiver erlebbar werden zu lassen.

    Das Bild darf sich verändern. Seine Wahrheit muss dabei nicht verloren gehen. Im Gegenteil: Manchmal wird sie gerade durch die Veränderung sichtbarer.

    Gerhard Richter gab mir den Anstoß, im Alltäglichen das Besondere zu entdecken – und durch die behutsame Veränderung des fotografischen Bildes dem Wesentlichen näherzukommen.

    Gerhart Richter in der Ausstellung in Düsseldorf 2024. Ein Leitmotiv, das mich inspiriert. Übermalte Fotografien. Text aus der Bildbeschreibung in der Kunstausstellung: „1989 begann Gerhard Richter, Fotografien mit Öl- oder Lackfarbe zu übermalen. Als Grundlage dienten in der Regel handelsübliche Fotoabzüge in der Größe von 10 auf 15 Zentimetern. Diese waren auf Reisen, im Urlaub, im Bekanntenkreis oder beim Spaziergehen aufgenommen worden. “ Die eingerahmtener Bilder wurden aufgenommen von Hansjörg Rogger im Kunsthaus Düsseldorf 2024
    Gerhard Richter, in der Düsseldorfer Ausstellung, 2024

    Zwei Beispiele aus meinen Versuchen, Augenblicke zu verdichten und ästhetisch zu fokussieren

    Regenbogen, Bruneck in Richtung Kronplatz, aufgenommen im Juni 2025, oben das unbearbeitete Original, unten die bearbeitete Version. Aufnahme von Hansjörg Rogger
    Bruneck, Tschurtschenthaler Park, aufgenommen 2017 mit Nikon Teleobjektiv 300 mm von Hansjörg Rogger und nachbearbeitet. Einer Ölmalerei nachempfunden.
    Hier das unbearbeitete Original, Tschurtschenthaler Park 2017

    Hinweise auf meine Bildgalerien: https://hansjoerg.blog/2026/01/22/bildergalerie-hjr/. https://hansjoerg.blog/2026/05/20/bildergalerie-2/. https://hansjoerg.blog/2026/07/28/bildergalerie-3-sommer-2026/

    Hansjörg Rogger

  • Eine 45-Minuten-Geschichte / eine Rekonstruktion

    Ein sonniger, doch frischer und windiger Märztag. Ich stehe neben dem Blumenturm, dessen fein platzierte violette Frühlingsblumen sich vom Boden bis hinauf zur Spitze erstrecken – einer Pyramide gleich. In Gedanken versunken betrachte ich diese Blumen-Skulptur und spüre einen stillen Respekt angesichts der mit so viel Liebe gestalteten Schönheit. Geschaffen für uns, die wir daran vorbeigehen. Die meisterhafte Vielfalt gemacht von Stadtgärtnern, deren Namen wir nicht kennen, aber ihre Liebe zum Detail überall spüren.

    Es tut gut, hier zu stehen, den Menschen zuzuschauen, ein paar Sonnenstrahlen einzufangen und an den Cappuccino zu denken. Eine Frau kommt mir entgegen, ein Kind an der Hand. Als sie näher kommt, erkenne ich die ehemalige Kollegin Kerstin. An ihrer Hand hält sie ihre kleine Tochter. Wir wechseln ein paar Worte, dann gibt sie mir noch ihre Handynummer – für mehr reicht ihre Zeit nicht.

    Eine hervorragende Lehrerin für Inklusion, denke ich mir. Wie oft haben mir Schüler:innen das so schnell im Vorbeigehen gesaSchülermailshmid mag uns!“ – so lese ich es in meinen Notizen und Schülermails von damals.

    Fünf Schritte von der Blumenskulptur entfernt stehen zwei Bänke. Auf eine setze ich mich, auf der anderen sitzen zwei Männer. Einer von ihnen singt: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei. Auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai…“ Ich erinnere mich an Lale Andersen – als Bub in den 60er Jahren immer wieder gehört.

    Leise in mich gekehrt denke ich zum tausendsten Mal an das Schicksal der Ukraine. Seit über vier Jahren bombardiert Russland das Land – der Krieg bringt Zerstörung, Leid und Tod. Das Recht des Stärkeren scheint wieder über vielem zu stehen, was uns lieb und teuer geworden ist. Meine Illusionen aus den 50er- und 60er-Jahren sind zerplatzt. Mein Großvater hatte den ersten Krieg überlebt, mein Vater den zweiten, und ich glaubte damals als junger Bub, so etwas werde es nicht wieder geben. Europa war im Aufbruch, die Vereinten Nationen gaben mir Hoffnung. Nun scheint sich vieles wieder in die falsche Richtung zu drehen. Dieser Gedanke macht mir Angst.

    Neben mir sitzen noch immer die beiden älteren Herren, die den Frühling herbeisehnen. Links vor mir nähert sich eine Frau mit einem Rollator. Sie fühlt sich offensichtlich nicht gut und legt sich der Länge nach auf die Bank. Ich rücke etwas zur Seite. „Soll ich die 112 anrufen?“, frage ich. Die Betreuerin meint, das sei nicht notwendig. Ich warte noch ein paar Minuten, erkundige mich erneut, ob weitere Hilfe benötigt wird, und entferne mich – nicht ohne mich noch einige Male umzudrehen.

    Hansjörg Rogger, März 2026

  • Gedanken zum Nachdenken

    „Es kommt vor, dass es Situationen gibt, wo man nichts mehr sagen kann, wirklich sprachlos ist – es ist alles nur ein Ahnbarmachen.“ (Pina Bausch, Tanztheater Wuppertal)

    Wenn „Die Zeit“ am 30. Dezember 2025 die Verkommenheit der globalen Elite beschreibt (Heinrich Wefing), dann wirkt das selbstzufriedene Elitegehabe mancher Schulen nur noch grotesk. Statt Statusrituale und Distinktionsneurosen zu pflegen, sollten alle Schulen das lehren, was zählt: ein einfaches, moralisch anständiges Leben, das keine soziale Eitelkeiten zu transportieren hat. (hjr.)

    Ich war völlig baff – oder, treffender gesagt: sprachlos –, als ich aus berufenem Mund hörte, dass es den einst so hoffnungsvoll begonnenen Aufbruch an der Schule (Sowi-Gym) nicht mehr gibt. Abgesagt. Einfach weg. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: mit breiter Unterstützung und echter Wertschätzung. Die Initiative kam von unten und wurde von oben getragen. Ein trauriges Lehrstück darüber, wie Transformation abgewürgt werden kann. (hjr.)

    „Historisches Orientierungswissen kann sehr helfen, Demokratie sowie Grund- und Freiheitsrechte weiterhin zu verteidigen. Sie sind tatsächlich nicht selbstverständlich. Demokratie muss gelebt und verteidigt werden. Ein Blick zurück in die Geschichte hilft also absolut, wird jedoch viel zu wenig getan. Ich hoffe sehr, dass unsere Generation nicht so endet wie die Generation meiner Großeltern und Urgroßeltern im Ersten Weltkrieg, der die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts gleich mit impliziert hat.“ (Oliver Rathkolb, Zeithistoriker, Ö1, 2.1.26)

    Vielleicht ist Gerechtigkeit weniger eine Frage der Antworten als eine der Verantwortung dessen, was wir aus unserem Glück, unserer Sicherheit und unserer Freiheit machen – im Wissen darum, dass sie anderen verwehrt bleibt. (hjr.)

    Trumps Überfall auf Venezuela: „Das ist nicht „komplex“, wie es von der Bundesregierung dargestellt wird. Es ist ein Angriff auf Regeln und Werte, die eigentlich für alle gelten sollten – als Grundlage für Frieden, Sicherheit und den weltweiten Schutz der Menschenrechte. Wenn Deutschland und Europa jetzt nicht unmissverständlich Haltung zeigen, droht eine Weltordnung, in der Macht über Recht steht.“ (Julia Duchrow Generalsekretärin Amnesty International in Deutschland, 8.1.2026)

    Serhij Zhadan, Ukrainer, Lyriker, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: „Es erwarten Menschen den Abend, die Schnecken gleichen, so hart schlafen sie auf den Bahnhöfen, so tief. Gebrochen die Grenzlinie wie ein Kiefernzweig. Der Weg ist schwer, wenn du dein Haus und dein Gestern auf dem Rücken trägst………“ (Aus: Chronik des eigenen Atems, Suhrkamp)

    Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen: “Die Drogensüchtigen sind nicht die Schlimmsten. Es gibt andere Süchtige, die die Kriege machen, aber die stufen wir nicht als Süchtige ein…..Leute, die den Tod anderer suchen, erhalten sich nur am Leben indem sie anderen Menschen was zufügen.“ (Arno Gruen im Interview mit hjr.)

    Am 2.März 2022, kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine schrieb ich einen Brief an den HGV Südtirol mit der Bitte, den Russen keine touristischen Aufenthalte zu ermöglichen. Die Antwort lautete, ich zitiere aus dem Brief des HGV: „Maßnahmen, mit denen Russ:innen der Urlaub in Südtirol verwehrt wird, erachten wir (daher) als nicht dienlich.“

    Geschäft ist halt Geschäft oder wie es der römische Kaiser Vespasian, 1.Jh n.Chr. ausdrückte: „pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht). In der Dreigroschenoper von Berthold Brecht heißt es: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“

    “I’m the captain of my soul.” Die letzte Verszeile von William Ernest Henley 1875. “Egal wie schmal das Tor, wie groß, wieviel Bestrafung auch ich zähle, ich bin der Meister meines Schicksals, ich bin der Kapitän meiner Seele.“ (Invictus von William Ernest Henley)

    Der persische König Xerxes, so heißt es in der Legende, lies einst das Meer auspeitschen, nachdem ein Brückenbau über die Meeresenge Hellespont (Dardanellen) scheiterte. Wie nahe sind sich doch die Herren Xerxes, Trump, Putin, Xi Jinping.

    Die Künstlerin Katharina Raab in Kulturzeit am 22.2.26: „Ich glaube nicht, dass es unpolitische Kunst gibt. Ein orange getönter Faschist mit Allmachtsphantasien, über den man sich kaputtlachen könnte, wenn er nicht so gemeingefährlich wäre, wird ganz offiziell wiedermal US Präsident. Bezogen auf die momentane Weltlage möchte ich gern einen meiner Lieblingsautoren nämlich Erich Kästner zitieren: ‚Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegen zu stellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen!‘ Und egal wie besorgniserregend diese Welt ist, ich glaub ganz fest daran, dass unsere Liebe so viel stärker ist, als der Hass, den diese Machthungrigen und absolut erbärmlichen Gestalten versuchen zu verbreiten.“