Mich interessieren an der Fotografie die Besonderheiten – im Großen wie im Kleinen. Das Offensichtliche ebenso wie das Beiläufige, das sich erst zeigt, wenn man innehält und genauer hinsieht. Ein Motiv muss dabei nicht spektakulär sein. Es kann seine Besonderheit in einer Landschaft tragen, in einem Licht, einer Bewegung, einer Oberfläche, einer Architektur oder in einem kleinen Detail, das sich dem schnellen Blick zunächst entzieht. Fotografie bedeutet für mich deshalb vor allem Aufmerksamkeit: wahrzunehmen, was vorhanden ist, und dem, was sichtbar und erlebbar werden kann, eine besondere Präsenz zu geben.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Nähe zwischen Fotografie und ihrer Bearbeitung. Denn ein Bild kann verändert werden, ohne dass sein innerer Bezug zum Motiv verloren geht. Es kann eine andere Anmutung erhalten, eine andere Atmosphäre, eine andere Intensität – und dennoch in seinem Kern dasselbe Bild bleiben.
Ein schönes Beispiel dafür begegnet mir in der Auseinandersetzung mit Arbeiten von Gerhard Richter, die ich 2024 in einer Ausstellung in Düsseldorf fotografiert habe. Schon dort wird auf besondere Weise sichtbar, wie nah Fotografie und malerische Wahrnehmung beieinanderliegen können. Das fotografische Bild ist Ausgangspunkt und Wirklichkeit zugleich; durch die malerische Überarbeitung entsteht etwas Neues, ohne dass die ursprüngliche fotografische Herkunft einfach verschwindet. Gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Vorgefundenen und dem Veränderten interessiert mich.
Meine eigenen Bearbeitungen gehen von einem ähnlichen Gedanken aus, die Absicht mag eine etwas andere sein, aber auch bei ihnen steht jeweils ein Originalfoto am Anfang. Das Motiv bleibt der Ausgangspunkt und damit der Bezugspunkt des Bildes. Es wird nicht gegen etwas anderes ausgetauscht, sondern in seiner vorhandenen Eigenart weitergedacht.
So kann aus einer Landschaft durch die Bearbeitung eine fast aquarellartige Erscheinung entstehen. Die Farben werden vielleicht freier, die Flächen lösen sich etwas stärker voneinander, ein Regenbogen tritt deutlicher hervor, und doch bleibt die Landschaft dieselbe. Sie hat ihren Ort, ihre räumliche Ordnung, ihren Charakter nicht verloren. Die Bearbeitung macht lediglich etwas stärker spürbar, das bereits im fotografischen Ausgangsbild angelegt war: die Atmosphäre, die Farbigkeit, vielleicht auch das Flüchtige eines Augenblicks.
Ähnlich verhält es sich bei der nächtlichen Ansicht mit dem Kirchturm und dem Mond (siehe Bild unten). Die malerische Anmutung verändert die Oberfläche des Bildes. Strukturen werden betont, das Licht gewinnt an Körper, der Himmel scheint beinahe aus Pinselbewegungen zu bestehen. Und trotzdem bleibt der zentrale Gedanke des fotografierten Motivs erhalten: die nächtliche Szenerie, der Mond, die Silhouette des Kirchturms, die Bäume und die Architektur (siehe Bild unten). Nichts Sachfremdes wird in die Szene hineinerzählt. Die Bearbeitung versucht vielmehr, die vorhandene Stimmung auf eine andere Weise erfahrbar zu machen.
Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied zwischen Veränderung und Manipulation. Veränderung kann dem Bild dienen. Manipulation würde seine Aussage verschieben. Die Bearbeitung darf sich also bemerkbar machen, sie darf sogar eine eigene ästhetische Qualität entwickeln – aber sie sollte den Ursprung nicht verleugnen und dem Motiv nichts aufdrängen, was ihm nicht entspricht.
Dabei interessiert mich nicht die möglichst genaue Nachahmung von Malerei. Ebenso wenig geht es mir darum, aus einer Fotografie etwas zu machen, das sie nicht sein darf. Mich reizt vielmehr der Zwischenraum: der Moment, in dem ein fotografisches Bild seine fotografische Herkunft noch trägt und zugleich eine andere sinnliche Wirkung entfaltet.
Vielleicht ist es gerade dieses Dazwischen, das den Bildern ihre Spannung gibt.
Das Original bleibt gegenwärtig. Es wird nicht ausgelöscht, sondern tritt durch die Bearbeitung anders hervor. Man könnte sagen: Die Fotografie bleibt das Gedächtnis des Bildes, während die Bearbeitung seine Wahrnehmung verändert.
Dabei kann etwas Kleines plötzlich groß werden. Eine Struktur, eine Farbe, ein Lichtsaum oder eine Bewegung, die im Original nur am Rand der Aufmerksamkeit lag, kann durch die Bearbeitung zu einem tragenden Element werden. Und umgekehrt kann ein großes Motiv an Bedeutung verlieren, wenn die eigentliche Schönheit in einem unscheinbaren Detail liegt.
Mich interessiert genau dieses Verhältnis von Nähe und Entfernung, von Wirklichkeit und Wahrnehmung.
Ich möchte das Bild nicht verbessern, weil ich glaube, dass das Original unvollkommen ist. Ich möchte ihm vielmehr eine Möglichkeit geben, etwas von seiner eigenen Ästhetik deutlicher zu zeigen. Jede Landschaft, jede Architektur, jede Lichtstimmung besitzt eine Eigenart. Manchmal ist sie klar erkennbar, manchmal muss man sie erst freilegen. Die Bearbeitung wird dann zu einer Art behutsamer Annäherung: nicht zum Erfinden einer anderen Welt, sondern zum Sichtbarmachen einer bereits vorhandenen.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb mich die Besonderheiten im Großen wie im Kleinen so beschäftigen. Das Besondere ist nicht zwangsläufig das Außergewöhnliche. Es kann in einem ganz gewöhnlichen Motiv verborgen sein. Es kann im Nebel einer Landschaft liegen, in einem Regenbogen (siehe Bild unten), in der Farbe eines Hanges, im Mondlicht über einem Kirchturm. Es ist da, bevor die Kamera auslöst.
Die Fotografie hält diesen Augenblick fest. Die Bearbeitung darf ihn weiterführen. Aber sie sollte ihn nicht verraten. Denn am Ende geht es mir nicht darum, aus einem Foto etwas völlig anderes zu machen. Es geht mir darum, seine innewohnende Ästhetik einzufangen, sie vielleicht zu verdichten und für den Betrachter intensiver erlebbar werden zu lassen.
Das Bild darf sich verändern. Seine Wahrheit muss dabei nicht verloren gehen. Im Gegenteil: Manchmal wird sie gerade durch die Veränderung sichtbarer.

Gerhard Richter gab mir den Anstoß, im Alltäglichen das Besondere zu entdecken – und durch die behutsame Veränderung des fotografischen Bildes dem Wesentlichen näherzukommen.




Zwei Beispiele aus meinen Versuchen, Augenblicke zu verdichten und ästhetisch zu fokussieren






Hinweise auf meine Bildgalerien: https://hansjoerg.blog/2026/01/22/bildergalerie-hjr/. https://hansjoerg.blog/2026/05/20/bildergalerie-2/. https://hansjoerg.blog/2026/07/28/bildergalerie-3-sommer-2026/
Hansjörg Rogger