23.8.2026: Schönheit und Vielfalt vs. Extremismus

Die Liebe zur Schönheit und Vielfalt ist vielleicht ein unterschätztes Gegengift gegen den Radikalismus. Denn Radikalismus, gleichgültig, ob er sich links, rechts oder unter einem anderen Banner versammelt, verlangt nach Vereinfachung: nach klaren Grenzen, reinen Begriffen, eindeutigen Feinden. Die Schönheit und mit ihr die Vielfalt hingegen beginnt dort, wo die Welt sich dieser Eindeutigkeit entzieht.

Wer Schönheit und Vielfalt wirklich liebt, muss lernen, genau hinzusehen. Er muss Unterschiede aushalten, Zwischentöne wahrnehmen, Widersprüche nicht sofort beseitigen. Ein Gedicht kann gleichzeitig traurig und tröstlich sein, ein Bild zugleich verstören und bezaubern, ein Mensch zugleich schuldig und liebenswert. Ästhetische Erfahrung lehrt uns, dass das Wirkliche selten nur eine Farbe trägt.

Vielleicht liegt darin ihre politische Kraft. Der Radikale möchte die Welt in ein System zwingen; der ästhetische Blick betrachtet, bevor er urteilt. Er hört, bevor er verurteilt. Er erkennt im Fremden nicht automatisch eine Bedrohung, sondern zunächst eine Form des Daseins, die es zu verstehen gilt.

Das bedeutet nicht, dass die Liebe zur Schönheit blind gegenüber dem Bösen macht. Im Gegenteil: Sie kann den Blick für das Böse schärfen. Wer Sinn für Form, Maß und Proportion hat, erkennt auch die Hässlichkeit des Fanatismus: seine Lust an der Zerstörung, seine Verachtung des Einzelnen, seine Sehnsucht nach Reinheit und Eindeutigkeit. Radikalismus ist deshalb auch eine ästhetische Verarmung: Die Vielfalt der Welt wird auf ein einziges Bild, eine einzige Wahrheit, ein einziges Motiv reduziert.

Die Liebe zur Schönheit und Vielfältigkeit verteidigt dagegen die Vielstimmigkeit. Sie sagt: Es darf kompliziert sein. Es darf widersprüchlich sein. Es darf Schönheit geben, ohne dass sie ideologisch vereinnahmt werden kann.

Vielleicht ist das die stille Form des Widerstands: nicht lauter zu werden als der Radikalismus, sondern genauer. Nicht die Welt zu vereinfachen, sondern sie wieder in ihrer ganzen schwierigen, widersprüchlichen Schönheit anzusehen. Denn wo der Mensch wieder staunen kann, muss er nicht sofort vernichten.

*Fjodor Dostojeweski: „Die Schönheit wird die Welt retten.“

**Friedrich Schiller: „…dass es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.“

Bei Hannah Arendt ist weniger von „Schönheit“ im engeren Sinn die Rede, dafür sehr stark von Kunst, Dauer und öffentlicher Welt. Kunstwerke gehören für sie zu den Dingen, die eine gemeinsame Welt zwischen Menschen schaffen und über die Lebenszeit des Einzelnen hinaus Bestand haben.

***Johann Wolfgang von Goethe: „Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.“

Man erinnere sich an das Jahr 1933 und an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten. Goebbels sagte damals: „Ich übergebe alles Undeutsche dem Feuer …“

Und heute?

Das Bauhaus, das für eine geistige, soziale wie ästhetische Offenheit und kontinuierliche Erneuerung steht, soll, wie die Rechten verkünden, aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt werden. (Siehe unten die Unterstützung des Bauhaus-Manifestes)

Geht es Stefan Zweig, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Mascha Kaléko, George Orwell … wieder an den Kragen?

Die Rechten haben angekündigt, wiederzukommen. Und mit ihnen droht die alte Verarmung wieder aufzuleben. Der Welt würde damit das genommen, was sie offen, widersprüchlich und schön gemacht hat.

Aber auch die Geschichte der DDR zeigt, wohin es führt, wenn der Staat darüber entscheidet, welche Kunst, welche Literatur und welche Gedanken als erwünscht gelten. Künstler und Schriftsteller wurden zensiert, Werke verboten, Menschen aus dem kulturellen Leben ausgeschlossen, weil sie nicht in das ideologische Weltbild der SED passten. Die Freiheit der Kunst wurde einer politischen Wahrheit untergeordnet.

Der AFD Kulturbeauftragte in Sachsen-Anhalt Hans-Thomas Tillschneider sagt: „Wir haben in unserem Regierungsprogramm erklärt, kein Staatsgeld mehr für die Förderung antideutscher Kunst ausgeben zu wollen. Weiterhin kündigen wir an, dass Vereine, die aus Steuergeldern gefördert werden wollen, eine Demokratie- und Patriotismus-Erklärung abgeben müssen.“

Politiker, die den Anspruch erheben, ein Land zu vertreten, schlagen heute wieder mit solchen Parolen um sich – und finden Menschen, die ihnen zujubeln. 1933 war es nicht anders. Und auch die DDR hat gezeigt, wie schnell aus dem Anspruch, Kultur im Namen einer vermeintlich höheren Wahrheit zu schützen, politische Kontrolle und kulturelle Verarmung werden können.

Es geht deshalb nicht darum, politische Richtungen gleichzusetzen. Es geht um ein Prinzip: Sobald eine Regierung festlegen will, welche Kunst „richtig“ und welche „antideutsch“, „undeutsch“ oder sonst wie unerwünscht ist, gerät die Freiheit der Kunst in Gefahr.

Die Ungarn haben es uns vorgemacht: Nach 16 Jahren autoritärer Herrschaft haben sie der Schönheit und der Vielfalt ab dem 12. April 2026 wieder eine Chance gegeben – als Gegenkraft zu jener Verarmung, die entsteht, wenn eine Gesellschaft auf eine einzige Wahrheit, eine einzige Sichtweise reduziert wird. Im Blog unten: „Den Hassern ein Bein gestellt“ habe ich die Ungarn für ihren Schritt zurück zur Freiheit beglückwünscht.

Hansjörg Rogger

*Fjodor M. Dostojewski: Der Idiot. Dritter Teil, Kapitel V. Dort fragt Ippolit den Fürsten Myschkin sinngemäß, ob es wahr sei, dass er einmal gesagt habe: „Die Schönheit wird die Welt retten.“

**Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. 1795.

***Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 183.

Unterstützungsschreiben Bauhaus Manifest, 26.8.2026

Den Hassern ein Bein gestellt

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