24.2.2026 „Doppelt so viel ist nicht doppelt so gut“ – Warum die Lifterweiterung am Grenzkamm in Sexten ein Irrweg wäre

Die geplante Lifterweiterung hinauf auf den Grenzkamm Hochgruben zwischen Sexten/Südtirol und Heinfels/Osttirol steht exemplarisch für ein Wachstumsparadigma, das im alpinen Raum zunehmend an seine ökologischen, ökonomischen und sozialen Grenzen stößt. Das Prinzip „Doppelt so viel ist nicht doppelt so gut“ verweist auf eine zentrale Einsicht moderner Nachhaltigkeitsdebatten: Jenseits eines bestimmten Punktes erzeugt quantitatives Wachstum keinen proportionalen Mehrwert, sondern steigert systematisch Kosten, Abhängigkeiten und strukturelle Risiken. Im Kontext der geplanten Erweiterung in Sexten spricht vieles dafür, dass dieser Schwellenwert überschritten wäre. „Mehr desselben bedeutet nicht dasselbe“, das schrieb 1985 Paul Watzlawik *

Das, was ursprünglich gut, sinnvoll und für das Prosperieren Sextens und der Region hilfreich war, kann durch das immer Mehr und Mehr selbst zum Problem werden.

Die Pioniere für die Entwicklung Sextens haben beginnend in den 60er bis in die Mitte der 20er Jahre Großartiges geleistet. Jetzt mit dem neuerlichen, geplanten Hochrüsten operiert Sexten und die gesamte Region auf einem sehr hohen touristischen Intensitätsniveau. Bis hierher und nicht weiter, müsste das Motto lauten.

Zusätzliche Liftanlagen und Pistenkilometer versprechen nominell Wettbewerbsfähigkeit, tatsächlich jedoch sinkt im gesättigten touristischen Markt der Grenznutzen jeder weiteren Expansion. (Siehe Grafik am Ende des Artikels)

Der zusätzliche Nutzen (Grenznutzen), der aus einer weiteren Aufrüstung des Skigebiets Karnischer Kamm/Hochgruben entsteht, nimmt mit einer bestimmten Investitionsgröße ab. Dieses Prinzip lässt sich mit der Landwirtschaft vergleichen: Das Ausbringen von Dünger steigert den Ertrag nur bis zu einem bestimmten Punkt, dem optimalen Grenzwert. Wird darüber hinaus weiter gedüngt, sinkt der zusätzliche Ertrag, und der Gesamtnutzen beginnt, Schaden zu nehmen. (Gossensche Gesetz 1871)

Die Nachfrage steigt so lange an, bis eine Sättigungsgrenze erreicht ist und zusätzliche Kapazität keinen weiteren Mehrwert mehr generiert. Der Ausbau großskaliger Infrastrukturen — wie es der Karnische Kamm zweifellos sein würde — geht mit hohen Fixkosten einher und erzeugt einen strukturellen Auslastungsdruck. Unter Bedingungen klimatischer Unsicherheit, zunehmender ökologischer Bedenken und endlicher Flächenkapazitäten erweist sich diese Strategie als äußerst risikobehaftet.

Die Transport- und Beförderungskapazitäten werden durch zusätzliche Seilbahnanlagen sukzessive erhöht, der räumlich-territoriale Rahmen bleibt jedoch konstant und nicht expandierbar. Die Möglichkeit eines autofreien Sextens hat man nie ernsthaft in Betracht gezogen. Die infrastrukturelle Verdichtung innerhalb des begrenzten Territoriums Sextens führt folglich zu Nutzungskonflikten und Überlastungserscheinungen, die sich in verkehrlicher Überlastung, Flächenengpässen sowie sozialen Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung Sextens und touristischen Akteuren manifestieren.

Es fällt auf, dass das Management im Vorbereich der Aufstiegsanlagen – etwa bei der Parkraumgestaltung – meist hinterherhinkt. Ohne ein umfassendes Verkehrskonzept, das konsequent auch und insbesondere die Qualität der Zufahrtswege und Parkflächen einbezieht, werden bestehende Probleme weiter verschärft. Die Folgen dieser Improvisationen sind unübersehbar. (Momentaufnahme eines improvisierten Parkraums in Sexten am 25.2.2026 im Anhang) Es ist klar und leuchtet ein, dass die Erweiterung oben auf dem Karnischen Kamm neben dem ökologischen Risiko auch die Probleme unten im Dorf um ein beträchtliches Maß erhöhen. Die Balance zwischen Prosperität und Lebensqualität bekommt gefährliche Risse.

Die abgewählte Präsidentin des Tourismusvereins Traudl Watschinger und Seniorchefin des berühmtesten Hotels in Sexten „Drei Zinnen“ hat das, was vielen Sextnerinnen und Sextner am Herzen liegt, im ff-Interview zum Ausdruck gebracht: „….Mein Bestreben war es, immer auch für Sexten selbst zu arbeiten, für eine ausgewogene Ortsentwicklung.“ (ff, 12.2.2026,Nr.7) Und weiter: „Wir müssen die Balance halten zwischen den Bedürfnissen des Skiliftbetreibers und jenen der Einheimischen.“

Es ist bemerkenswert, dass der Geschäftsführer der 3-Zinnen AG, Marc Winkler, sowie deren Präsident, Franz Senfter, für ein Interview mit der Zeitschrift ff nicht zur Verfügung standen. Von besonderem Interesse wäre es gewesen zu erfahren, welche Haltung die Betreibergesellschaft insbesondere hinsichtlich des Grenz- und Gesamtnutzens des Projekts vertritt.

Eine offene Debatte mit allen Interessierten – sowohl mit den Befürwortern als auch mit den Skeptikern – wäre längst überfällig. Dabei könnten jene, die eine weitere Erschließung des hochalpinen Raums befürworten, ihre Argumente darlegen und zur Diskussion stellen, während die Kritiker die Gelegenheit hätten, ihre Bedenken und Sorgen einzubringen.

Bei einem Vorhaben dieser Tragweite drängt sich die Frage auf, wie die Mehrheit der Sextnerinnen und Sextner zur geplanten Erweiterung steht. Noch vor fünf Jahren wurde eine entsprechende Befragung für unzulässig erklärt. In einem Land, das Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung hochhält, erscheint eine solche Haltung kaum nachvollziehbar und schwer vermittelbar.
Reginalda Tschurtschenthaler, Leiterin des Promotorenkomitees gegen den Ausbau, brachte dies in einem Interview mit der ff auf den Punkt: „Es ist schon mehr als bedenklich, wenn man nach wie vor ein so großes Projekt verfolgt, ohne die Sextner Bevölkerung miteinzubeziehen.“ (ff, Nr. 7, 12. Februar 2026).

Der völkerrechtliche Vertrag, bekannt als „Aarhus Konvention“ ** — 1998 auch von Italien unterzeichnet — ist das Übereinkommen über den Zugang der Bevölkerung zu Informationen bzw. die Öffentlichkeitsbeteiligung an Entscheidungsverfahren in Umweltangelegenheiten. Es ist ein Grundstein demokratischer Beteiligung. Es wäre sehr interessant zu erfahren, warum die politisch Verantwortlichen der Sextner Bevölkerung dieses verbriefte Recht vorenthalten.

Die Einbeziehung der Menschen, die im Tal leben, wäre eine gute Möglichkeit, die von Traudl Watschinger beschriebene Balance nicht aufs Spiel zu setzen. Die Bevölkerung lebt mit dem Nutzen, muss aber auch mit den Problemen zurechtkommen. Deshalb dürfen nicht nur Lobbyisten und Politiker entscheiden – es müssen diejenigen auch etwas sagen dürfen, die im Dorf leben und arbeiten bzw. Nutzen und Probleme teilen.

In der neuen Südtiroler Tageszeitung online wird am 23.7.2025 der Landesrat Peter Brunner von der Südtiroler Landesregierung mit den Worten zitiert: „Wir warten nur noch auf die Genehmigung der UVP auf österreichischer Seite“ Die Menschen in Sexten spielen demnach keine Rolle und die Aarhus-Konvention, so scheint es, auch nicht.

Dass man das Risiko einer Ablehnung des Projekts durch die Bevölkerung offenbar nicht eingehen möchte, zeugt von wenig Respekt gegenüber den betroffenen Menschen sowie gegenüber jenen Organisationen, die über eine weitreichendere ökologische Fachkompetenz verfügen, als es eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) allein leisten kann.

Am 24. November 2022 wurde in Bozen das „Manifest für mehr Respekt vor dem Alpenraum“ unterzeichnet. Unterzeichnet wurde es vom Alpenverein Südtirol (AVS), dem Österreichischen Alpenverein, dem Deutschen Alpenverein, dem Club Alpino Italiano (CAI), dem Südtiroler Heimatpflegeverband, dem Verein zum Schutz der Bergwelt sowie der Federazione Ambientalisti Alto Adige.

Auch wenn sich die Politik mitunter auf formale oder rechtliche Bestimmungen beruft, um Initiativen wie eine Umfrage abzulehnen, oder dem Druck einflussreicher Interessengruppen nachgibt, wäre es im Sinne des Manifests von 2022, der Aarhus-Konvention sowie der Grundsätze von AVS und CIPRA dringend geboten, den Menschen vor Ort den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen. Dazu gehört auch eine ernsthafte Beteiligung der Bevölkerung.

Spricht sich die Bevölkerung Sextens in einer Umfrage für das Projekt aus, ist davon auszugehen, dass die zustimmende Mehrheit die Möglichkeit hatte, sich ein differenziertes Bild von den Vor- und Nachteilen zu machen. Fällt die Entscheidung anders aus, gilt dies in gleicher Weise für die ablehnende Mehrheit.

Was für eine demokratiepolitische Glanzleistung wäre es, wenn man – besser spät als nie – jenem autoritären Grundsatz widerspräche, den Dante Alighieri in der Göttlichen Komödie festhält:

„So ist es der Wille dessen, der die Macht hat, seinen Willen durchzusetzen; frage nicht weiter nach.“ **

Hansjörg (Johann Georg) Rogger

Quellen: “Welt News” & Live TV, 20.2.2026 / / / Die neue Südtiroler Tageszeitung online vom 23. Juli 2025 / / / ff-Südtiroler Illustrierte, Nr.7 vom 12.2.2026 / / / https://hansjoerg.blog/2025/07/19/offener-brief-an-den-landeshauptmann-von-suedtirol-herrn-arno-kompatscher/ / / Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1871 / / / *Paul Watzlawik, Vom Schlechten des Guten, 1985 / / / **Aarhus: https://www.unece.org/env/pp/welcome.html  / / / http://www.cipra.org / / / http://www.hpv.bz.it / / / http://www.Alpenverein.it / / / http://www.salto. bz / / / Tiroler Landesregierung, 2026 / / / https://www.tiroler-umweltanwaltschaft.gv.at / / / ** Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Manesse Verlag, erschienen am 06.11.2024

More posts