Es geht um Schule und Lehrer – ein Beruf wie jeder andere, und doch etwas ganz anderes. Gemeinsam ist allen oder soll allen die Berufung sein, damit sich jeder seinen Weg so gestalten kann, wie er meint, dass er gut für ihn ist; und er wird sich, wenn er es ehrlich mit sich und der Berufung meint, eine Haltung zulegen, die nicht nur wertvoll für ihn selber sondern auch für die anderen ist.
Frei nach Berthold Brecht muss man sich die Frage stellen dürfen, wer wohl die Schule und den Erfolg, den sie zweifelsohne hat, aufgebaut hat; es sind die Lehrer und all jene, die die Schule durch ihre Arbeit mitgestalten helfen, jeder in seinem Bereich bedeutsam. Südtirol hatte bei den PISA-Ergebnissen die Nase nicht hinten sondern vorne, das ist doch was!
Wirft man den Blick nur auf die 20 Stunden, die der Lehrer vor Ort zu erfüllen hat und denkt dabei nicht daran, dass er seine Arbeit nach den 20 Stunden bei sich zu Hause und/oder in der Schule fortführen muss, dann ist dies sehr kurzsichtig. Der Weitblick wird dadurch oft verbaut, so dass alles, was nicht gesehen werden will, ausgeblendet wird und deshalb nicht gesehen werden kann.
Hätten die Lehrer die 38 Stunden in der Klasse zu verbringen, wo blieben dann die Vorbereitungen, das Nachbereiten, die Korrekturen, das Vernetzen mit anderen Fächern, die Absprachen in den Kollegien, das Auskundschaften von Methoden, das differenzierte didaktische Vorgehen, die Lehrausgänge, und die vielen Aktionen im Laufe eines Schuljahres? Dies alles gibt es – die Webseiten der Schulen belegen dies. Man bräuchte nur den engen Blickwinkel mit dem weiten zu tauschen, und schon tut sich eine Welt auf, die sich nicht mehr reduzieren lässt auf den Lehrer mit seinen 20 Stunden oder den Lehrer und seinen 50-Minuten-Einheiten.
D.h. nicht, dass der Schule nicht auch regelmäßig der Spiegel vorzuhalten ist. Und wenn man dies tut, dann gibt es nicht nur eitel Sonnenschein. Wir sehen Dinge, die nicht gut funktionieren und die verändert gehören; wir sehen, dass es auch Lehrer gibt, die es nicht schaffen, ihre Inhalte so herabzubrechen bzw. so aufzubereiten, dass es für die jungen Leute eine Freude ist, sich diese anzueignen; wir sehen Lehrer, die sich statt der Berufung zu stellen, diese zu einem Job mit viel Freizeit verkommen lassen. Dies alles darf aber nicht dazu führen, die Schule und die Lehrer als Gesamtheit zu diskreditieren.
Diejenigen Lehrer, die sich in 38 und mehr Stunden die Köpfe heiß denken, welche Möglichkeiten es gibt, wirksam und nachhaltig Inhalte in Kopf und Herz unserer jungen Leute zu transportieren, sind jene, die die Schule auf Erfolgskurs gebracht haben. Lehrerarbeit ist eine 38-Stunden-Arbeit mit allem was dazugehört, mit vielen autonomen Spielräumen und deshalb mit hoher ethischer Verantwortung sich und der Gesellschaft gegenüber.
Hansjörg Rogger / November 2012