..und schon ist alles vorbei

Facebook Eintrag vom 14. November 2019, 14.52 Uhr, der Bürgermeister der Gemeinde Bruneck: „Morgen alle Schulen geschlossen.“ ich saß am Mac Book. Die Facebookseite der Schule in der Seitenliste griffbereit. Instagram auch. Die Notiz im digitalen Register platziert. Zu viel Schnee, fast kein Durchkommen.

Die 1am war jetzt in ihrem 2. Jahr, also die 2am. Und dieses 2. Jahr brachte viele Überraschungen. Vieles kam zu den internen Schwierigkeiten im 1. Jahr dazu. Ihr kennt sie, ich kenne sie. So als hätten junge Leute nicht schon genug am Hals. 

Das mit dem vielen Schnee ging vorbei. Was aber 2020 begann, schien sich festgebissen zu haben. Für lange Zeit. Es war nicht mehr in unserer Lebensroutine inbegriffen. Am Anfang noch willkommene Abwechslung, aber bald schon war es diese nicht mehr.

Aber das ist eine andere Geschichte. Und doch ist diese 1am, 2am und bis herauf zur letzten „am“ Teil dieser besonderen Geschichte. So kamen oft solche Fragen über WhatsApp: „Guten Morgen Herr Direktor! Ich hätte eine Frage, Alle meine Schulunterlagen sind noch in der Schule, und sie wären auch zuhause sehr hilfreich… Darf ich nach Bruneck fahren und in der Schule meine Unterlagen holen? Danke und alles Gute
Lea Marie Steinwandter (2aM), 5.Mai 2020, 10.14 Uhr

Damian Salzburger am 8. April, 2020, 16.48 Uhr, guten Tag Herr Direktor, ich habe von Teams mein Passwort vergessen. Einen Tag später, am 9. April 2020, 9.32 Uhr, hallo, ich habe das neue Passwort bekommen und gespeichert, danke.

Die Klassensprecherin am 1.April, 2020, 20.53 Uhr: Guten Abend Herr Direktor! Wir die Klasse 2aM, wollten uns bei Ihnen melden um Ihnen unsere etwas kritische Situation zu schildern. Wir sind momentan sehr überfordert mit der Situation und den ganzen Aufgaben. Natürlich sind wir uns bewusst, dass dies eine Ausnahmesituation ist und dass dies für alle schwierig ist. Jedoch verlieren wir allmählich den Überblick. Das eigentliche Problem sind nicht nur die vielen Aufgaben, denn diese können wir irgendwie schon meistern. Doch mittlerweile erhalten wir Aufgaben über das Digitale Register, Google Classroom, Microsoft Teams oder Whatsapp Gruppen, und so kennen wir uns teilweise nicht mehr richtig aus und manchmal kommt es vor, dass wir Aufgaben übersehen. Wir versuchen unser Bestes, aber tun uns im Moment ziemlich schwer damit…..“

13.27 Uhr am 24. Mai 2020, Caterina Declara: Guten Tag Herr Direktor, ich habe heute Nachmittag eine Schularbeit in Religion. Ich möchte die Schularbeit am Computer machen, damit es einfacher und unkomplizieter ist und nicht wie bisher am Handy. Mit dem Account, welchen ich im Februar bekommen habe, kann ich mich leider nur mit dem Handy einloggen. Könnten sie mir weiterhelfen? Danke! Um 15.17 Uhr schreibt sie: jetzt hat es geklappt.

Und so ging es viele Male weiter. Morgens, vormittags, nachmittags, abends und, etwas weniger häufig, aber doch auch gelegentlich – des Nachts. Eine ganz neue Erfahrung, die gut tat.

2019 war das Jahr mit „my melody“ Wettbewerbssieger! Ein Video, eine Eigenkomposition. „Etwas Kraftvolles“, stellte die Raika fest. Ich war, wie bei all diesen Meldungen, freudig berührt. Noch mehr überrascht hat mich die künstlerische Interpretation, die Klarheit in der Bild- und Textgestaltung und das Konzept dieser Melodie. „Kommt, erzählt mir eure Geschichte“, hat es geheißen und sie haben sie erzählt, so wie man ein Gedicht erzählt. Sie waren mitten drin, sie selbst als Teil ihrer Melodie. Erstaunlicherweise war das die Klasse immer – mitten drin. 

Sehr vieles hat die Klasse angetrieben. Die Bühne war ein wichtiger Teil davon. Angetrieben vom Wunsch, der Schule mehr als gute Noten abzuringen. „In this Heart“ bis „thou of Lord“ und dazwischen „meine Deutschlehrerin“. Dann noch your melody“, „fiore di maggio“ und vieles mehr. Das war der Schlussakkord. Für kurze Zeit ließ mich vergessen, was wenige Tausend Kilometer von uns entfernt der kriegswütende Russe angerichtet hat und immer noch anrichtet.

Es ist unschwer auszumachen, was diese 21 bewogen haben könnte, diese Liebeserklärung an ihre Deutschlehrerin zu erzählen. Noch viel unmittelbarer, als es die Melodie ohnehin schon war. Angetrieben auch vielleicht von der Lust am Fabulieren, gespickt mit Gedanken, Anektoden, und Pointen. Eure Deutschlehrerin, die ihre Lebensschule, wie sie selber sagt, auch im „Café am Rande……“, ihr wisst schon was ich meine, gefunden hat. 

16mal waren es keine dunkelgrauen Lieder. „Tu che sei nata dove c’è sempre il sole…….e quel sole c’è l’hai dentro al cuore…” Und ich stelle mir vor, wie schrecklich es sein muss, gewaltsam nicht geboren werden zu dürfen, im Krieg nicht weit von uns entfernt.

Es hat gut getan, euch zuzusehen und aufmerksam zu lauschen. Viele wichtige Dinge huschten da nicht einfach an mir vorbei. Kleine Dinge, scheinbar unscheinbare Dinge und doch ein Stückchen von dem, was die 21 antreibt.

Rogger Johann Georg (Hansjörg), April 2023. Korrekturgelesen: ChatGPT / Abschiedserinnerungen des Schuldirektors Rogger