Autor: Hansjörg (Johann Georg) Rogger

  • Mi chiamo Smart

    Si Smart – così mi chiamo, hat er mir gesagt und mir sein Kärtchen mit seinem Namen gezeigt. Vengo dalla Nigeria, ma questo te l’ho già detto l’ultima volta. Smart wie Smartphone, dachte ich, das kann ich mir leicht merken. Und dann fing er an zu erzählen. Es war kalt. Er stand im Schatten, die wärmende Sonne war irgendwo anders. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen.

    Schlimm ist es da unten in Nigeria. Boko Haram! Geld, wenn man es hat, ist dazu da, um zu bestechen. Gewalt, Korruption, und jetzt kommen die Russen. Ich bin froh, hier in Alto Adige zu sein. Meine beiden Kinder lernen Deutsch; die Kleine ist im Kindergarten, der Große geht in die Grundschule. Meine Frau ist auch da. Smart nahm sein IPhone aus der Tasche, scrollte in seiner Mediathek und zeigte mir seine Kleinen. So wie es Papis auf der ganzen Welt tun. Mama und Papa habe ich keine mehr, sagte er dann auch noch. E domani sarò di nuovo lì a vendere i giornali. Ich gehe ein paar Schritte Richtung Sonne und blättere die Seiten von hinten nach vorne. Die „Bösen Worte“ auf Seite 39 haben es mir mal wieder angetan. 

    Hansjörg Rogger / 16.1.2025

  • 10 Jahre ist es her: Malaysia-Airlines-Flug Mh17 im Jahre 2014

    Und die verbrecherischen Mörder im Kreml können ihr Treiben seit 10 Jahren ungehindert fortsetzen. Hinter ihren Anzügen und Krawatten verbirgt sich der Gestank moralischer Verkommenheit. Die Vereinten Nationen sind zu einer Farce erstarrt. Die Weltgemeinschaft hat versagt.

    19. Juli 2014 – und die Verbrecher morden weiter

    Ich stelle mir vor, du und ich wären in jener Maschine gewesen, die über der Ukraine abgeschossen wurde. Tot, weg, nicht mehr da. Von 10.000 Metern in die Tiefe gestürzt, zerstückelt am Boden zerschellt. 298 Menschen, darunter 80 Kinder, wurden ermordet – von Lügnern, von arroganten Kriegstreibern.

    Einen Gott, wie ihn die Kirche weismachen will, gibt es nicht, denn sonst hätte er dies zu verhindern gewusst – ebenso wie Millionen Male zuvor: bei den Hexen, den Juden, den Kindesmissbräuchen und so weiter.

    Jede Strafe, die diese Mörder vielleicht einmal treffen wird, ist zu wenig. Jede! Was mir bleibt, ist ohnmächtiger Zorn und der Gedanke an die, die die 298 verloren haben. Ich weine, ich bebe und verfluche die 55 Grad 45 Minuten 56 Sekunden nördlicher Breite und die 37 Grad 37 Minuten 16 Sekunden östlicher Länge. Ich verfluche euch Mörder – hinterhältig, verlogen, wie ihr seid – und ich lüstere nach Rache, hier und jetzt. Das Jenseits, von der Kirche immerfort gepredigt, gibt es nicht.

    Hansjörg Rogger
    Der Beitrag wurde am 19.7.2014 zum
    ersten Mal veröffentlicht

  • Ein ♥️ für die Kulturzeit

    „Sie bleibt eine der wenigen Plattformen im deutschsprachigen Fernsehen, die Kultur nicht als oberflächliches Entertainment, sondern als essentiellen Bestandteil gesellschaftlicher Diskurse behandelt.“ Ich wiederhole das, was mir vor einer Minute mein ChatCPT auf meine Frage hin gesagt hat. Und ich möchte noch ergänzen:

    Kultur als Inbegriff unseres Lebens, als Inbegriff von Werten, als soziale Kultur, als Literatur, Kunst, Theater, Musik, Film und Inbegriff von Ausgestaltung individueller und kollektiver Erfahrungen.

    Kultur als Widerstand gegen geopolitische Machtexzesse, als Fingerzeig gegen Tendenzen, liberale Ordnungssysteme zu untergraben, Kultur als Aufzeigen von Vielfalt, als Bühne, gesellschaftliche Phänomene ästhetisch zu verarbeiten,

    ChatCPT bringt es wohl noch einmal auf den Punkt: „Die Abschaltung von 3sat und “Kulturzeit” wäre ein Einschnitt, der nicht nur die mediale Vielfalt und kulturelle Bildung bedrohen würde, sondern auch den Diskurs über Kunst, Gesellschaft und Politik verarmen ließe. Kulturformate wie diese leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Demokratie, da sie den öffentlichen Dialog fördern und eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Welt unterstützen.“

    Ich habe es bereits in meiner ersten Stellungnahme in einem Brief an das ZDF und die ARD gesagt: Tun Sie das nicht, und geben Sie dem anspruchsvollen Fernsehen weiterhin den Sendeplatz. Sonst verlieren wir einen der wichtigsten Promotoren und Verfechter demokratisch/liberaler Gesinnungen.

    Rogger Hansjörg

  • Katjas „Verwandlung 2.0“

    Ein feiner, sonniger Spätmachmittag. Ein sehr schönes Ambiente für eine Lesung, die es in sich hat. Kafkas „Verwandlung“ als Vorlage für Bruchstellen in unserer Gesellschaft, die immer noch existieren und sich nicht nur halten, sondern immer wieder aufgerissen werden. Von jenen, die befürchten ihre Macht zu verlieren, von jenen, denen ihr Machogehabe heilig ist, von jenen, die meinen, sie allein seien das Sahnehäubchen unserer Gesellschaft. Wenn sich Gregor nicht in einen Käfer verwandelt sondern sich transformiert in eine Frau, dann ist der Kern der Geschichte Kafkas derselbe. Die Verwandlung als innere Auflehnung, als Protest gegen jene, die aus Bequemlichkeit und Arroganz ihre Privilegien verteidigen. Oder sie steht für die Verzweiflung angesichts scheinbarer Unüberwindlichkeiten und gleichzeitig als das trotzige Aufbegehren gegenüber einer patriarchalen Machtelite.

    Gregor ist mir schon damals, vor vielen Jahren, ans Herz gewachsen. Ich hatte beim Lesen der Geschichte mitgefiebert, oder besser gesagt, mitgelitten. Die Vorstellung, dass es um einen tief verletzten Menschen ging, war mir damals schon klar geworden. Die Repressionen und Demütigungen, die man Gregor angetan hat, haben mich tief bewegt. Katjas Geschichte geht über das innere Leiden hinaus – vielleicht bewusst und offensichtlich. Ein Beispiel dafür ist der politische Reaktionismus, der sich in den politischen Ränder manifestiert. Und diese haben von den russischen Machteliten gelernt, wie man Fortschritt, Transformation, demokratisches Streben und damit allen Humanismus niederwalzen kann.

    Ein „Kino im Kopf“ soll es werden, und diese Kinobilder kamen: manchmal schnell und unvermittelt, manchmal zaghaft. Sie kamen, wie bei Gregor Samsa, ebenso kraftvoll, einige davon aufwühlend und radikal. „Verstörend“ ist nicht das richtige Wort, doch sie stören schmerzhaft in die vermeintlichen Idyllen hinein. Und das mit einer Sprache, die mich ästhetisch berührt und gleichzeitig schonungslos im Detail beschreibt. Die Performance tat ihr Übriges dazu.

    Wer wird es dieses Mal sein, der den Apfel nach Gregor wirft? Schauen wir uns um – es gibt viele, die einen dauernden Krieg gegen das Andere führen, die nach außen so tun, als ob, die der Form mehr Gewicht verleihen als dem Inhalt und die ihre Selbstüberschätzung ständig durch ihren Narzissmus nähren. Männer, die nie über ihre Rollenzuschreibung reflektiert haben und Frauen, die sich in der Macho-Rolle der Männer wohl zu fühlen scheinen.

    Hinter mir auf dem Rasen spielen die Kinder. Die Sonne neigt sich dem Abend zu. Vor mir steht die Hoffnung, „dass es Überzeugungen und Werte gibt, die sich nicht einfach wegrelativieren lassen..“ Dies schrieb 2022 Nora Bossong. Und: „Bedrohungen unserer Erde und unseres Gesellschaftsmodells sind zwar da und real, aber es gibt Menschen, die ihnen mit Ideen und Mut entgegentreten.“ Es hat mir gut getan, die „Verwandlung 2.0“ zu hören. Es mag paradox erscheinen, aber das Leid von Gregor – ob in Form eines Käfers oder einer Frau – erweckt den Mut zur Gegenwehr.

    Ein Kino im Kopf – Hinter mir auf dem Rasen spielen die Kinder. Die Sonne neigt sich dem Abend zu. Vor mir steht die Hoffnung, „dass es Überzeugungen und Werte gibt, die sich nicht einfach wegrelativieren lassen.“

    Hansjörg Rogger zur Premiere von Katja Renzlers „Verwandlung 2.0“ genannt auch „Die Dame im Pelz“, vorgetragen und performt am 7.9.24 in Bruneck, korrekturgelesen: ChatCPT

  • Wenn ich einmal gestorben sein werde,

    ….ist es zu spät, um zu tun, was noch zu tun wäre……gibt es kein Annähern mehr………gibt es meine Freiheit nicht mehr…..sind meine Wünsche nur noch anvertraut – anderen, und Buchstabe…..

    …..geschieht das, was andere geschehen lassen wollen……..geschieht das, was man als Lebender hofft, vielleicht vergebens, dass geschehen sollte…. 

    …..erwarte ich mir Leonard Coen, Cat Stevens, Hannes Wader, Roger Cocero, Sinead O’Connor, Mascha Kaleko, Rainer Maria Rilke…..erwarte ich mir kein Geheuchle und Gehudle, keine Schleimer, keine Heiligen……..

    ….darf es kein Geläute und Gebimmle geben….erwarte ich mir Feuer statt Moder…..erwarte ich mir keine Leute im Gleichschritt – nicht hintendrein, nicht vornedrein…….soll nur der hier stehen, der mir was zu sagen hatte, als es noch etwas zu sagen gab……..

    ….hat die Seele aufgehört zu wehklagen, zu frohlocken, zu hassen, zu weinen, zu fürchten………hat die Seele aufgehört zu lachen…..kehre ich in die unendliche Dunkelheit zurück…….

    ….hat mein Kopf aufgehört zu denken und zu konstruieren, zu verdrehen und zu lügen……habe ich aufgehört zu schwindeln, zu betrügen, ehrlich und unehrlich zu sein, liebevoll und bös……

    …..kehre ich nie mehr zurück. Nie mehr………

    …..gehe ich weg aus einer Welt, in der Diktatoren immer noch Kinder, Mütter und Papis wegbomben dürfen, ohne bestraft zu werden…….gehe ich weg aus einer Welt, in der viel von Gott geredet und im Namen Gottes gemordet wird.

    Wenn ich einmal gestorben sein werde,

    …kommt die bewusstlose Ewigkeit, von der die Kirche immer redet und redet und redet…….und es wird die Luftblase vom ewigen Leben zerplatzen – wie eine Seifenblase. Die ganzen Torturen werden sinnlos gewesen sein, die die Kirche über uns hat niederprasseln lassen.

    …muss ich mir nicht mehr die inhaltsleeren Aufrufe kirchlicher Oberhäupter zu Frieden und Toleranz anhören.

    …werden sich die Kirchenfürsten – vielleicht innerhalb der nächsten 1000 Jahre – schämen für das, was sie in der Welt angerichtet hatten – Hexenverbrennungen, Sexuelle Missbräuche, nicht zu vergessen der Umgang mit den Frauen und die Folter. Wie war das denn mit Giordano Bruno, den die Inquisition am 17. Februar 1600 mitten in der Stadt des Papstes auf dem Campo de’ Fiori verbrannte? Ich sollte als Bub meine sexuellen Gedanken beichten! Aber – die kriminelle Vergangenheit der Kirchenfürsten wurde totgeschwiegen. Ein Hohn!

    …werde ich es endlich hinter mir gelassen haben, dass es mir untersagt wurde, meinen Namen tragen zu können, den mir meine Eltern geben wollten. Zugegeben – ein vergleichsweise kleiner Machtexzess der Kirche, der mir aber zeitlebens zum Kotzen heilig war.

    Bis es soweit sein wird, dass ich mich verabschieden muss, ist es mir eine Ehre.

    Mascha Kaleko am Schluss: „Kapitel Eins beginnt mit dem Begräbnis, der Seele Letztes irdisches Erlebnis. Auf meines freue ich mich heute schon! – Da gibt es keine Trauerprozession.“

    Johann Georg, Hansjörg Rogger/2024

  • Schreiben an die EU Kommission

    Als überzeugter Europäer ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, dass es fast schon ekelhaft ist, zu sehen, wie der Ungar Orban versucht, ständig gegen die EU, Politik zu machen. Meine Bitte: Zeigen Sie, dass das so nicht weitergehen kann. Entweder Loyalität oder er soll sich aus der Gemeinschaft verabschieden. Bitte lassen Sie es nicht zu, dass die EU von innen heraus geschwächt wird. Zeigen Sie Kante auch dort, wo es die Öffentlichkeit sieht. Für viele von uns Europäer ist die Geduld mit diesem Herrn am Ende.

    As a convinced European, I feel the need to tell you that it is almost disgusting to see how the Hungarian Orban is constantly trying to make politics against the EU. My request: show that this cannot continue. Either loyalty or he should say goodbye to the community. Please do not allow the EU to be weakened from within. Show your edge where the public can see it. For many of us Europeans, our patience with this man has run out.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / 9.7.2024 / Johann.rogger@me.com – Die Pressestelle der EU hat mir mitgeteilt: 

    Wir versichern Ihnen, dass ihre Anliegen sorgfältig geprüft werden, und wir werden Ihnen so bald wie möglich antworten.Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Mit freundlichen Grüßen

    Referat C4 – Demokratie, Unionsbürgerschaftsrechte und Freizügigkeit

  • Claus Gatterer

    Als ich das Auditorium betrat, war ich erstmals überrascht. Zusätzliche Stühle waren notwendig geworden. Dann kam mir das Jahr 2014 in den Sinn. Ganz unvermittelt. Aber was hat 2014 mit dem 6.6.2024 zu tun? Zehn Jahre sind vergangen, als ich am 26.Juni 2014 in einem öffentlich gemachten Blogg beklagte, dass die Heimatgemeinde Sexten, Gatterer (wieder) emigrieren lies. Seit nun schon sechs Jahren ist alles wieder anders. Gatterer ist wieder zurück. Das Gefühl für den großen Mann erlebte in den vergangenen sechs Jahren eine zweifache Renaissance.

    Vom empathischen Kulturunternehmergeist spricht Teresa Indjein, österreichische Botschafterin in Rom und meint die Organisatoren um Hermann Rogger. Nebenbei erwähnt sie Italiens Stolz auf die Nummer eins der Tenniswelt. Das mentale Sportwunder mit der hübschen Stirnlocke, wie sie es umschreibt. Heute aber steht Gatterers Erbe vornean. Das Kulturhighlight in der schönen Welt, dessen Narrativ es seit Jahrzehnten versteht, die Fremden herzuholen.

    „Ich glaube der große Journalist Claus Gatterer wäre heute sehr zufrieden, hier zu sein. Er würde aufgeschlossen interessiert das jugendliche Potential sehen.“ Teresa Indjein. Und zugewandt an die teilnehmenden jungen Leute am Schülerpreis „Claus“: „Alle können nicht an den ersten Platz gestellt werden, aber sie haben – alle Einreichungen gesamthaft betrachtet – im unbewussten Ensemble ein Gesamtkunstwerk geschaffen.“

    „Mit Mitgefühl, dem rettendsten aller Gefühle“, so sagt es die Botschafterin, sind die 14 an ihre Arbeit gegangen. „Es ist das Sensorium der Verletzlichkeit, das die 14 Beiträge miteinander verbindet. …. Gut gemachte Beitäge, relevante Fragen. Bravo Südtiroler Jugend.“ Sagt die Botschafterin. Und ich füge hinzu: Anderswo, wo es um politische Entscheidungen geht, hört man ihnen nicht so gerne zu.

    Der Siegerbeitrag stellt die Frage, wie es zum Selbstbewussten der Südtiroler kommen konnte. Der Autor Jannik Brugger, Schüler der TFO Bruneck, schlägt einen Perspektivwechsel vor. „Ist dieser Stolz tatsächlich gerechtfertigt?“ Fragen des Preisträgers. Wie steht es mit der Selbstwahrnehmung der Südtiroler? Was macht es mit den Einheimischen, die gewollt oder ungewollt mit dem Narrativ „schönstes Land der Welt“ jahrein, jahraus zu leben haben?

    Es ist der Verdienst einzelner Schulleute, gemeinsam mit den Organisatoren und Mentoren für eine kreative Jugendkultur, dies den jungen Leuten zu ermöglichen. Wertvolleres kann es kaum geben, als dass man der Jugend Räume auftut, damit sie sagen kann, was zu sagen ist. 

    Was hätte uns heute Claus Gatterer zu sagen? Andreas Pfeifer, Auslandskorrespondent beim ORF stellt diese Frage. Gibt es ein Vermächtnis? Gibt es so etwas über das jährliche Gedenken hinaus? Was würde uns Gatterer über die faschistoiden Russenimperatoren sagen? Er, der er immer wieder Recht und Gerechtigkeit auszubalancieren trachtete? Er, der sich auf der Seite der Schwächeren sah? Er, der es wahrscheinlich oft nicht aushalten konnte, was so ablief in dieser schönen Welt, die oft genug doch nicht allzu schön dasteht? Der allzu frühe Tod legt Zeugnis ab. Er legte die Finger in die Wunden, ausnahmslos, er wurde aus dem Dorf hinausdrangsaliert und blieb trotzdem Mahner. Solche Mahner gehen uns heute langsam verloren. „Wir gleiten ab in die kollektive Demenz“, schreibt der bulgarische Autor Georgi Gospodinov. Es gibt nur noch wenige, die ein lebendiges Gedächtnis als Zeugen besitzen. „Beginnt das Feuer des Gedächtnisses auszugehen, kommt das Rudel der Vergangenheit immer näher.“

    „Macht am Brenner das Gatter zu, damit der Gatterer nicht mehr hereinkommt.“ verlangte damals Karl Felder, der Autor von „Wohl ist die Welt so groß und weit und voller…..“ man weiß, dass jetzt nur Sonnenschein folgt.

    Und Gott sei Dank vor sechs Jahren wurde Gatterer wiederbelebt. Andreas Pfeifer hat das zentrale Anliegen Gatterers auf den Punkt gebracht und aus der Gedenketage-Routine herausgeschält. Er hat Gatterer in das Hier und Jetzt geholt. Fake News, soziale Medien, Lüge als politisches Programm, Brexit, Krieg. Sein Teleobjektiv gibt es nicht mehr. 1984 wurde es abgesetzt. Zu viele Widerstände. Zu viele Wahrheiten. Zu vieles, was weh getan hat.

    Vor 100 Jahren ist er geboren. Was sagt uns der Mann, dessen Namen damals hier bei uns nicht sonderlich geschätzt war? Was sind heute seine Worte wert? Sind sie noch etwas wert oder endlich was wert oder nur als Mäntelchen dafür geeignet, dass das Tourismusdorf auch so etwas wie Kultur vorzuzeigen habe? Gut geeignet sich neben der Folklore und den Bergen auch kulturhistorisch seinen Standpunkt zu sichern? „Jede einfache Wahrheit ist des Teufels“ schrieb Gatterer. Sein Drang nach Wahrheiten und wie sein Land und sein Dorf damit umgegangen sind, muss Teil des Gedenkens an Gatterer sein. Denn wenn Vergangenheiten nicht vergessen werden dürfen, dann ist das wohl das Denken Gatterers, das abseits von heimatlichen Heroisierungsversuchen und den Superlativen im Marketing, Beachtung finden muss. Alles andere wäre Heuchelei.

    „Im Zeitalter der Digitalisierung kämpft der Journalismus nicht nur gegen Parteipotentate und Medienfürsten, sondern kämpft gegen seine galoppierend fortschreitende Bedeutungslosigkeit……“. (Andreas Pfeifer) Und ganz am Schluss: „Meine Empfehlung: Lesen Sie Claus Gatterer. Irgendwo da draußen gibt es die schöne Welt ja immer noch. Und die bösen Leut, (Pause) die auch.“ Ich hätte noch eine ganze Weile zuhören können.

    Barbara Bachmann ist die diesjährige Gattererpreisträgerin. In Gedenken an Claus Gatterer. Sie erzählt von ihrem eigenen Kind, das starb, bevor es auf die Welt kam. „Barbara Bachmann holt den Tod dorthin, wohin er hingehört. Ins Leben.“ Kurt Langbein in der Laudatio für Barbara Bachmann.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / Juni 2024

  • Europa

    Während die Portugiesen am 25. April die Befreiung von der Diktatur feiern, gedenkt Italien der Befreiung vom Faschismus und der Naziherrschaft. Historische Ereignisse, die jedoch zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheinen. Ich wuchs in dem Gefühl auf, dass das Schreckliche der Vergangenheit angehört. Mein Großvater, meine Mutter, mein Vater – sie alle mussten unsägliches Leid erfahren und ertragen. Doch ich habe mich in der Lernfähigkeit und dem Lernwillen einer immer größer werdenden Zahl von Menschen getäuscht.

    Sie sind wieder da: die Parolenschreier, die Revisionisten, die Hasserfüllten und die Leugner der Geschichte. Geschichtsvergessen sprechen sie von „Schande“, wenn an den Holocaust erinnert wird.

    „Nie wieder“, „mai più“, „never again“ – diese zwei Worte hallen seit Langem in meinem Kopf. Was von diesem Echo übrig bleibt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

    9. Mai – Europatag der Europäischen Union.

    Auf der Grundlage einer Idee von Jean Monnet schlug Frankreichs Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 in seiner berühmten Pariser Rede vor, eine Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl zu schaffen – der Ausgangspunkt für ein großes Friedensprojekt.

    Die EU stand und steht für diesen Gedanken. Ich setze weiterhin auf die Vernunft der Menschen: Darauf, dass sie sich nicht nur an den Vorteilen dieses Projekts erfreuen, sondern auch darüber nachdenken, wie es entstanden ist und welche Werte ihm zugrunde liegen.

    Hansjörg Rogger

  • Großbauten statt Konfliktmanagement

    Fallbeispiel am 24.3.2024, 18.30 Uhr bis…….. Zugbahnhof Bruneck: Der Zug Richtung Lienz fällt aufgrund von Unwetterschäden aus. Es warten geschätzte 500 Fahrgäste auf Informationen. Diese kommen bruchstückhaft über die Lautsprecher. Zu leise, zu widersprüchlich. Verstehen kann man davon wenig bis gar nichts. Ich versuche, die Frau hinter der Glasscheibe anzusprechen. Ihre Antwort kommt von hinter der Scheibe über Lautsprecher nach vorne. Tonrückkoppelung mit einem lauten Pfeifton. Ich kann nur soviel verstehen, dass sie nichts zu sagen weiß. Sie bemüht sich mit allem was sie zur Verfügung hat, mit Lautsprecher, ohne Lautsprecher, mit ihren Händen auch. Ich halte das Ohr an den Schlitz, der eigentlich dem Einschub des Bahntickets dient.

    Dann kann ich vernehmen, dass gar nichts mehr geht. Weder in nördlicher noch in südlicher Richtung. Vielleicht zwischen 21.00 Uhr und 21.30 Uhr ein Bus, kann sein, vielleicht. Das hat man ihr am Telefon gesagt. Zur Bestätigung, dass ich es richtig verstanden habe, zeige ich ihr meine neun Finger für 21.00 Uhr. Sie nickt und setzt sich wieder an ihr Telefon. „Die Arme“, denke ich mir. Es pfeift vom Lautsprecher, unerträglich laut. Und dann in kontinuierlichen Abständen die Durchsage von einer sehr schlechten Maschine über noch schlechtere Lautsprecher, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „……..es ist verboten, die Türen zu öffnen, bevor der Zug hält…“ Endlosschleife über Stunden.

    Abspann: Dass es plötzlich aus allen Himmeln schneit und wie wild stürmt und dass die Infrastrukturen dem kaum standzuhalten imstande sind, ist nachvollziehbar und mit Ruhe zu ertragen. Nicht nachvollziehbar ist es, warum das Konfliktmanagement in den vielen Jahren herauf nicht Schritt zu halten imstande war und erbärmlich versagt. 500 Fahrgäste warten auf Informationen, warten auf mehr, als dass die Weiterfahrt aufgrund eines technischen Problems nicht mehr fortgesetzt werden kann. Informationsmanagement gibt es keines. Dafür genervte Gäste, die an den unbeantworteten Fragen ihren Ärger aufstauen. Nach einer halben Stunde lässt die Dame, die mir vorher noch bereitwillig gesagt hat, was sie zu sagen wusste, den Rastervorhang herunter. Anzunehmen, dass sie es leid war, immer dasselbe und fast nichts sagen zu können. Mir tat sie leid, einem neben mir stehenden Fahrgast merklich auch.

    20.28 Uhr: „……Il treno per San Candidio è in arrivo invece che al binario uno al binario tre…” Viele laufen zum Bahnsteig drei.

    20.35 Uhr, nur sieben Minuten später: “…..Il treno per San Candido oggi non si sta effettuando…..” Wir laufen, fast alle schon im Schritttempo, zum Bahnhof zurück. Ein englischer Rucksacktourist, sehr ruhig und gelassen: „The problem is not the outages. The storms do not ask us whether we want them or not. But the mismanagement of the crisis is shameful for this tourist region.“

    Und weiterhin die zynischen Durchsagen in Endlosschleifen. Neben mir sitzt eine Mama mit ihrem kleinen Sohn. Sie möchten heute noch nach Rom weiterfahren. Es ist 21.30 Uhr. Mein Busersatz fährt vor. Ich verabschiede mich von der Mama mit dem kleinen Sohn. Rom ist noch weit.

    Hansjörg Rogger / niedergeschrieben am 23.3.24 von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr.

  • Großbauten statt Konfliktmanagement

    Fallbeispiel am 24.3.2024, 18.30 Uhr bis…….. Zugbahnhof Bruneck: Der Zug Richtung Lienz fällt aufgrund von Unwetterschäden aus. Es warten geschätzte 500 Fahrgäste auf Informationen. Diese kommen bruchstückhaft über die Lautsprecher. Zu leise, zu widersprüchlich. Verstehen kann man davon wenig bis gar nichts. Ich versuche, die Frau hinter der Glasscheibe anzusprechen. Ihre Antwort kommt von hinter der Scheibe über Lautsprecher nach vorne. Tonrückkoppelung mit einem lauten Pfeifton. Ich kann nur soviel verstehen, dass sie nichts zu sagen weiß. Sie bemüht sich mit allem was sie zur Verfügung hat, mit Lautsprecher, ohne Lautsprecher, mit ihren Händen auch. Ich halte das Ohr an den Schlitz, der eigentlich dem Einschub des Bahntickets dient.

    Dann kann ich vernehmen, dass gar nichts mehr geht. Weder in nördlicher noch in südlicher Richtung. Vielleicht zwischen 21.00 Uhr und 21.30 Uhr ein Bus, kann sein, vielleicht. Das hat man ihr am Telefon gesagt. Zur Bestätigung, dass ich es richtig verstanden habe, zeige ich ihr meine neun Finger für 21.00 Uhr. Sie nickt und setzt sich wieder an ihr Telefon. „Die Arme“, denke ich mir. Es pfeift vom Lautsprecher, unerträglich laut. Und dann in kontinuierlichen Abständen die Durchsage von einer sehr schlechten Maschine über noch schlechtere Lautsprecher, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „……..es ist verboten, die Türen zu öffnen, bevor der Zug hält…“ Endlosschleife über Stunden.

    Abspann: Dass es plötzlich aus allen Himmeln schneit und wie wild stürmt und dass die Infrastrukturen dem kaum standzuhalten imstande sind, ist nachvollziehbar und mit Ruhe zu ertragen. Nicht nachvollziehbar ist es, warum das Konfliktmanagement in den vielen Jahren herauf nicht Schritt zu halten imstande war und erbärmlich versagt. 500 Fahrgäste warten auf Informationen, warten auf mehr, als dass die Weiterfahrt aufgrund eines technischen Problems nicht mehr fortgesetzt werden kann. Informationsmanagement gibt es keines. Dafür genervte Gäste, die an den unbeantworteten Fragen ihren Ärger aufstauen. Nach einer halben Stunde lässt die Dame, die mir vorher noch bereitwillig gesagt hat, was sie zu sagen wusste, den Rastervorhang herunter. Anzunehmen, dass sie es leid war, immer dasselbe und fast nichts sagen zu können. Mir tat sie leid, einem neben mir stehenden Fahrgast merklich auch.

    20.28 Uhr: „……Il treno per San Candidio è in arrivo invece che al binario uno al binario tre…” Viele laufen zum Bahnsteig drei.

    20.35 Uhr, nur sieben Minuten später: “…..Il treno per San Candido oggi non si sta effettuando…..” Wir laufen, fast alle schon im Schritttempo, zum Bahnhof zurück. Ein englischer Rucksacktourist, sehr ruhig und gelassen: „The problem is not the outages. The storms do not ask us whether we want them or not. But the mismanagement of the crisis is shameful for this tourist region.“

    Und weiterhin die zynischen Durchsagen in Endlosschleifen. Neben mir sitzt eine Mama mit ihrem kleinen Sohn. Sie möchten heute noch nach Rom weiterfahren. Es ist 21.30 Uhr. Mein Busersatz fährt vor. Ich verabschiede mich von der Mama mit dem kleinen Sohn. Rom ist noch weit.

    Hansjörg Rogger / niedergeschrieben am 23.3.24 von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr.

  • Brief an den Landtagsabgeordneten Alex Ploner am 13.3.2024

    Hallo lieber Alex

    Ich erlaube mir, dir meine Gedanken im Zusammenhang mit der ultrarechten Regierungskooperation zu schreiben. Es ist bedauernswert, wie blauäugig man in Südtirol den Schafspelz sehen will und den Wolf ganz einfach verdrängt. Autonomie war der Lockvogel. Man tut fast so, als wäre dies der heilige Gral, den es erst jetzt zu erreichen gilt. Alles andere wird ausgeblendet. Und wo bleibt Südtirols Weltoffenheit? Wo bleibt die Natur mit ihren Problemen?

    Gibt es hinter dem Pragmatismus nicht auch noch die Weltanschauung, die ein Teil unserer Seele war und wohl auch noch sein sollte? Ich hab manchmal den Eindruck, dass vieles nicht gesehen werden will, weil man sich da was verhofft und dort was profitieren möchte. Es ist demnach scheinbar uninteressant, dass man sich, wenn man genau hinschaut, der rechts außen Szene aus Opportunismus anbiedert. Orban, der die Demokratie abschaffen möchte ist willkommen. Die Brüder Italiens lavieren einmal mit diesen und dann mit den anderen. Sehen das unsere Volksvertreter nicht? Hauptsache die kriegen ihr Schärfchen ab. Alles andere geht sie nichts an?  Ich habe mir immer gedacht, dass wir in Europa leben, europäisch und weltoffen denken. Die Indianer prägten das Bild der gespaltenen Zunge. Opportunismus aber, stumpft geistig und moralisch ab. 

    Denken wir in Südtirol darüber nach, dass still und leise in der Kultur Italiens ein Umbau stattfindet? Robero Saviano kämpft literarisch und journalistisch gegen die organisierte Kriminalität. Und was tut die ultrarechte Regierung? Sie blockiert die Sendung „Insider“ von Saviano. Sie wird gesperrt. Ohne Begründung, einfach gesperrt. Bemühen wir uns, dies zu erfahren? Wissen das unsere Vertreter, wenn sie diesen Leuten die Hände reichen? Fragen sie nach, warum man das tut? 

    Diese Informationen bekommen wir nicht lokal präsentiert. Ich weiß nicht, ob das fortschrittlich demokratische Italien das einfach über sich ergehen lassen will????  Wir hier müssen uns bemühen, diese fein kalibrierten rechten Seitenhiebe woanders zu erfahren, um mehr als Provinz, heile Welt, Tourismus, Wolf und Bär zu erfahren. Zum Glück hat uns die Weitsichtigkeit der vergangenen Jahre dieses internationale Netz ermöglicht.

    Saviano sagt am 12.3.24:  „……….sie (Rai) hat  die Aufgabe alle Dissidenten, Feinde, Kritiker, alle die sie als nicht linientreu betrachtet, zu stoppen. Mein Rausschmiss ist Teil ihrer Aufgabe gewesen.“ Das sagt Saviano, der mittlerweile sein neues Buch vorstellt. Die Schriftstellerin Dacia Maraini sagt: „Die traditionellen Fachkräfte sind aus den Museen rausgeschmissen worden, und Rechte kamen hinein.“ Sehen und hören wir das neben dem „Handschlag für Südtirol“ ? (gesehen als Titelüberschrift im Tagblatt der Südtiroler am 12.3.24) 

    Der Pragmatismus war es, so hörte man, der die Ehe mit den Rechten besiegelt habe. Alles andere spielt scheinbar keine Rolle. Es wird sehr viel an der Oberfläche zur Schau gestellt, „wenn wir das Geld schon kriegen, wären wir blöd, es nicht zu tun, und Antholz und das Drumherum wird gebaut.“ Den jungen Leuten in Olang, die was anderes wollten, hörte man nicht zu. Da ist Geld in Hülle und Fülle. Und die Krise der Natur spielt nur anderswo eine Rolle. Südtirol ist sowieso über alles erhaben und über das „mir san mir“ kommen wir immer noch nicht hinaus.

    Du hast im Landtag gesagt, „……warum Sie (Landeshauptmann) dies den Südtirolern antun. Warum öffnen Sie der rechten Gesinnung Tür und Tor?“ Die Frage stellst Du dem Landeshauptmann. Ich weiß nicht, ob er darauf geantwortet hat. 

    Ich habe als junger Bub oftmals Cortina besucht. Ich habe gesehen, wie die Olympiaanlagen verfallen, und ich habe damals Ende der 60er und 70er dieses Baudesaster gesehen, und ich kann mich erinnern, dass ich damals als Bub, der gerne auf den Cortineser Bergen umherkletterte dies als Frevel empfand. Und heute kommen sie schon wieder mit ihren Plänen, und die Geschichten wiederholen sich. Schon wieder fließt Geld, das anderswo einzusparen ist. Die Umwelt spielt, wenn überhaupt, die letzte Geige.  Der nationale Stolz scheint alles andere in die Bedeutungslosigkeit zu versenken.

    Du hast mir mit deiner Haltung und deinen Stellungnahmen von der Seele gesprochen. Vielen Dank

    Danke, dass du mir etwas zugehört hast.

    Schöne Grüße und alles Gute

    Hansjörg

  • Ein paar Ideen für die Ideenbox (Gemeindeentwicklungsprogramm für Raum und Landschaft in der Gemeinde Sexten )

    Mobilität: Ein ganzheitliches Konzept ist gefragt

    Die Untertunnelung von Kiens und die Umfahrung von Percha tragen dazu bei, diese Ortschaften deutlich zu entlasten. Gleichzeitig ist jedoch davon auszugehen, dass der Verkehrsfluss von Westen nach Osten weiter zunimmt – und damit die bestehenden Engpässe zunehmend überfordert. Insbesondere in Sexten verschärft sich die ohnehin schon angespannte Verkehrssituation.

    Für Sexten stellt die Beseitigung dieses Nadelöhrs eine enorme Herausforderung dar. Im Gegensatz zu Orten wie Welsberg, Niederdorf, Percha oder Kiens, wo der Verkehr durchfließt, endet für die meisten Touristen in Sexten die Reise. Das Ziel ist es, den Gästen eine möglichst komfortable Anreise zu ermöglichen – doch genau hier muss ein Umdenken stattfinden.

    Es braucht eine zukunftsweisende, umfassende Lösung. Ein möglicher Ansatz könnte ein autofreies Sexten sein, verbunden mit der Schaffung moderner Infrastrukturen am Ortseingang. Nur durch innovative und nachhaltige Maßnahmen kann die Mobilität langfristig gewährleistet und die Lebensqualität im Ort verbessert werden. Erst vor Kurzem sagte mir Georg Villgrater im Zusammenhang mit einem privaten Bauprojekt: „Geat et, gibt’s et.“ Natürlich scheint es auf den ersten Blick zunächst undenkbar zu sein, darüber nachzudenken, wie der nach Sexten fahrende Tourist sein Auto am Ortseingang mit dem Shuttle tauschen könnte. Doch Fortschritte fallen selten von selbst in den Schoß – sie erfordern Entschlossenheit und Vision. Nicht selten entstehen daraus Ideen, die man sich nie hätte träumen lassen, dass sie entstehen könnten.

    In der Schweiz gibt es neben Zermatt, auch noch Saas Fee im Wallis und Wengen im Berner Oberland, um nur drei von acht autofreien Gemeinden zu nennen. In Österreich ist Oberlech in Vorarlberg oder Werfenweng im Salzburger Land zu nennen.

    Die Einhaltung der Wachstumsgrenzen ist der Garant dafür, dass all das, was der Tourismus in der Vergangenheit an Wohlstand, Diversität und Weltoffenheit geschaffen hat, erhalten bleibt. Es muss das Prinzip der Sorge gelten: Was vorhanden ist, muss zukunftstauglich bewahrt werden.

    Die Bewahrung der gewachsenen Strukturen in Landwirtschaft, Handwerk, Tourismus ist davon abhängig, dass den Wachstumsgrenzen Respekt gezollt wird. Auch bzw. vor allem in Sexten. Die Bewahrung birgt in sich ein großes Potential – für alle Player in der Gemeinde. Doppelt so viel ist ganz selten doppelt so gut. Und das „Doppeltsoviel“ nagt an der Substanz, belastet Umwelt und Menschen und gefährdet das, was Sexten groß gemacht hat.

    Kultur: Tradition neu denken und zeitgemäß gestalten

    Kultur bedeutet, historisch Gewachsenes neu zu gestalten und zu interpretieren, indem neue Elemente aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens integriert werden – offen, demokratisch und zukunftsgerichtet.

    Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Unterstützung kleinstrukturierter Initiativen, die wichtige kulturelle Impulse setzen. Dazu zählen etwa die Rudolph-Stolz-Initiativen des Kuratoriums sowie die Aktivitäten rund um Claus Gatterer und die Claus-Gatterer-Preise. Diese Initiativen tragen wesentlich zur kulturellen Vielfalt und Identität Sextens bei und verdienen langfristige Förderung.

    Darüber hinaus sollte der öffentliche Raum verstärkt in kulturelle Performances und Veranstaltungen einbezogen werden. So kann Kultur für alle erlebbar gemacht und ein lebendiger Austausch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschaffen werden. 365 Tage. Eine begehbare Kunst- und Kulturlandschaft wäre ein anzustrebendes Ziel.

    Gestaltung des öffentlichen Raumes: Ästhetisch und funktional

    Die öffentlichen Räume, auch die Parkplätze an der Talstation Helmbahn, Talstation Rotwandwiesen, in der Signaue sowie im Hauptort, sollten nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend und naturnah gestaltet werden. Dazu ist die Einbindung von Landschaftspflegern und Landschaftsgärtnern essenziell, um eine harmonische Integration in die Umgebung zu gewährleisten.

    Naturnahe Parkplätze und Naherholungsräume:

    • Schaffung von Autoabstellplätzen, die durch gezielte Bepflanzung (z. B. Bauminseln, Hecken, Baumkübel) und den Einsatz von nachhaltigen Materialien naturnah gestaltet werden.

    • Ausstattung mit Mobiliar wie Sitzbänken, Tischen, Fahrradständern und Parkbänken, um Aufenthaltsqualität und Multifunktionalität zu fördern.

    Attraktivierung der Restflächen:

    • Die Gestaltung der übrigen Flächen sollte durch gezielte Aufwertungsmaßnahmen wie Kunstinstallationen, Begrünung oder architektonisch ansprechende Elemente erfolgen. (Bruneck präsentiert sich in diesem Zusammenhang schon jahrelang als Modell)

    • Alltagsräume im Dorf können durch künstlerische oder poetische Interventionen – wie Skulpturen, Wandgemälde oder temporäre Kunstprojekte – eine zusätzliche ästhetische und kulturelle Dimension erhalten.

    Ziel ist es, sowohl Einheimischen als auch Gästen ein harmonisches, erholsames und inspirierendes Umfeld zu bieten, das Funktionalität mit gestalterischer Qualität verbindet. Die Gestaltung und Pflege der Naherholungsräume bedeutet für alle im Dorf ein Mehrwert. Und sie fordern zur Diskussion heraus.

    Straßen- und Wegenetz: Langlebig und beständig

    Ein hochwertiges Straßen- und Wegenetz bildet die Grundlage für eine funktionale und ästhetische Infrastruktur. Dabei sollte besonderes Augenmerk auf die Wahl langlebiger Straßenbeläge gelegt werden, die nur minimale Ausbesserungen erfordern.

    Qualitätskriterien für Straßenbeläge:

    • Verwendung robuster Materialien, die gegenüber Witterungseinflüssen und Verschleiß beständig sind.

    • Bauweisen, die eine lange Lebensdauer gewährleisten und damit langfristig Kosten reduzieren.

    • Ästhetisch ansprechende Oberflächen, die sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen.

    Ein gut gepflegtes und durchdacht angelegtes Wegenetz verbessert nicht nur die Verkehrsqualität, sondern trägt auch zur Sicherheit und Attraktivität von Sexten bei.

    Kinder- und Jugendrat: Mitbestimmung für die Zukunft der Gemeinde

    Die aktive Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Meinungsbildung ist ein entscheidender Faktor, um ihre Bindung an die Gemeinde zu stärken und sie für ein Leben vor Ort zu motivieren.

    Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit: Eine ausgewogene Zukunft gestalten

    Nachhaltigkeit muss als übergreifendes Prinzip in allen Bereichen der Gemeindeentwicklung verankert werden. Ziel ist es, ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte in Einklang zu bringen und so eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

    1. Begrenzung von Infrastrukturwachstum:

    • Einrichtung und Unterstützung eines Reparaturzentrums (z. B. Repair Café) innerhalb der Bezirksgemeinschaft, um die Lebensdauer von Gegenständen zu verlängern und Abfall zu reduzieren.

    • Einfrieren der Aufstiegsanlagen auf den Stand von 2023, um weitere Eingriffe in die Naturlandschaft zu vermeiden.

    2. Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft:

    • Sensibilisierung der Bevölkerung für Müllvermeidung durch Bildungsinitiativen und nachhaltige Konsumpraktiken. Wie wäre es, wenn man Sextens gut funktionierenden Recyclinghof mit einer Reparaturwerkstatt für alte Elektrogeräte ausstatten könnte?

    3. Verantwortung als ganzheitliches Konzept:

    • Entwicklung eines ausgewogenen Modells, das Tourismus, Naturschutz, soziales Miteinander, Kultur und Kunst miteinander verbindet.

    • Unterstützung ressourcenschonender Tourismusprojekte, die die Natur respektieren und die lokale Wirtschaft stärken.

    • Integration von Kunst und Kultur als Mittel, um Umweltverantwortlichkeit kreativ zu kommunizieren und gesellschaftlichen Wandel zu fördern.

    Durch diese Ansätze kann die Gemeinde ein Vorbild für beständige, langfristige, ressourcenschonende und verantwortete Entwicklung werden.

    Hansjörg Rogger, Alpe- Nemes-Straße 4
    348 5233660
    Johann.rogger@icloud.com

  • Ein paar Ideen für die Ideenbox (Gemeindeentwicklungsprogramm für Raum und Landschaft in der Gemeinde Sexten) 1.3.2024

    Gefragt sind Lösungen als Überwindung von Schwierigkeiten und Widersprüchen

    Mobilität: Ein ganzheitliches Konzept ist gefragt

    Die Untertunnelung von Kiens und die Umfahrung von Percha tragen dazu bei, diese Ortschaften deutlich zu entlasten. Gleichzeitig ist jedoch davon auszugehen, dass der Verkehrsfluss von Westen nach Osten weiter zunimmt – und damit die bestehenden Engpässe zunehmend überfordert. Insbesondere in Sexten verschärft sich die ohnehin schon angespannte Verkehrssituation.

    Für Sexten stellt die Beseitigung dieses Nadelöhrs eine enorme Herausforderung dar. Im Gegensatz zu Orten wie Welsberg, Niederdorf, Percha oder Kiens, wo der Verkehr durchfließt, endet für die meisten Touristen in Sexten die Reise. Das Ziel ist es, den Gästen eine möglichst komfortable Anreise zu ermöglichen – doch genau hier muss ein Umdenken stattfinden.

    Es braucht eine zukunftsweisende, umfassende Lösung. Ein möglicher Ansatz könnte ein autofreies Sexten sein, verbunden mit der Schaffung moderner Infrastrukturen am Ortseingang. Nur durch innovative und nachhaltige Maßnahmen kann die Mobilität langfristig gewährleistet und die Lebensqualität im Ort verbessert werden. Erst vor Kurzem sagte mir Georg Villgrater im Zusammenhang mit einem privaten Bauprojekt: „Geat et, gibt’s et.“ Natürlich scheint es auf den ersten Blick zunächst undenkbar zu sein, darüber nachzudenken, wie der nach Sexten fahrende Tourist sein Auto am Ortseingang mit dem Shuttle tauschen könnte. Doch Fortschritte fallen selten von selbst in den Schoß – sie erfordern Entschlossenheit und Vision. Nicht selten entstehen daraus Ideen, die man sich nie hätte träumen lassen, dass sie entstehen könnten.

    In der Schweiz gibt es neben Zermatt, auch noch Saas Fee im Wallis und Wengen im Berner Oberland, um nur drei von acht autofreien Gemeinden zu nennen. In Österreich ist Oberlech in Vorarlberg oder Werfenweng im Salzburger Land zu nennen.

    Die Einhaltung der Wachstumsgrenzen ist der Garant dafür, dass all das, was der Tourismus in der Vergangenheit an Wohlstand, Diversität und Weltoffenheit geschaffen hat, erhalten bleibt. Es muss das Prinzip der Sorge gelten: Was vorhanden ist, muss zukunftstauglich bewahrt werden. • Einfrieren der Aufstiegsanlagen auf den Stand von 2023, um weitere Eingriffe in die Naturlandschaft zu vermeiden.

    Die Bewahrung der gewachsenen Strukturen in Landwirtschaft, Handwerk, Tourismus ist davon abhängig, dass den Wachstumsgrenzen Respekt gezollt wird. Auch bzw. vor allem in Sexten. Die Bewahrung birgt in sich ein großes Potential – für alle Player in der Gemeinde. Doppelt so viel ist ganz selten doppelt so gut. Und das „Doppeltsoviel“ nagt an der Substanz, belastet Umwelt und Menschen und gefährdet das, was Sexten groß gemacht hat.

    Leider ist es vielfach immer noch Praxis, dass für große politikwirksame Maßnahmen Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung gestellt wird, aber für die nachhaltige Pflege die Geldmittel nicht mehr zu reichen scheinen. Beispiel Parkplätze bei den Aufstiegsanlagen: So viel wie möglich hineinstopfen – das Drumherum kümmert wenig.

    Kultur: Tradition neu denken und zeitgemäß gestalten

    Kultur bedeutet, historisch Gewachsenes neu zu gestalten und zu interpretieren, indem neue Elemente aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens integriert werden – offen, demokratisch und zukunftsgerichtet.

    Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Unterstützung kleinstrukturierter Initiativen, die wichtige kulturelle Impulse setzen. Dazu zählen etwa die Rudolph-Stolz-Initiativen des Kuratoriums sowie die Aktivitäten rund um Claus Gatterer und die Claus-Gatterer-Preise. Diese Initiativen tragen wesentlich zur kulturellen Vielfalt und Identität Sextens bei und verdienen langfristige Förderung.

    Darüber hinaus sollte der öffentliche Raum verstärkt in kulturelle Performances und Veranstaltungen einbezogen werden. So kann Kultur für alle erlebbar gemacht und ein lebendiger Austausch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschaffen werden. 365 Tage. Eine begehbare Kunst- und Kulturlandschaft wäre ein anzustrebendes Ziel.

    Gestaltung des öffentlichen Raumes: Ästhetisch und funktional

    Die öffentlichen Räume, auch die Parkplätze an der Talstation Helmbahn, Talstation Rotwandwiesen, in der Signaue sowie im Hauptort, sollten nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend und naturnah gestaltet werden. Dazu ist die Einbindung von Landschaftspflegern und Landschaftsgärtnern essenziell, um eine harmonische Integration in die Umgebung zu gewährleisten.

    Naturnahe Parkplätze und Naherholungsräume:

    • Schaffung von Autoabstellplätzen, die durch gezielte Bepflanzung (z. B. Bauminseln, Hecken, Baumkübel) und den Einsatz von nachhaltigen Materialien naturnah gestaltet werden.

    • Ausstattung mit Mobiliar wie Sitzbänken, Tischen, Fahrradständern und Parkbänken, um Aufenthaltsqualität und Multifunktionalität zu fördern.

    Attraktivierung der Restflächen:

    • Die Gestaltung der übrigen Flächen sollte durch gezielte Aufwertungsmaßnahmen wie Kunstinstallationen, Begrünung oder architektonisch ansprechende Elemente erfolgen. (Bruneck präsentiert sich in diesem Zusammenhang schon jahrelang als Modell)

    • Alltagsräume im Dorf können durch künstlerische oder poetische Interventionen – wie Skulpturen, Wandgemälde oder temporäre Kunstprojekte – eine zusätzliche ästhetische und kulturelle Dimension erhalten.

    Ziel ist es, sowohl Einheimischen als auch Gästen ein harmonisches, erholsames und inspirierendes Umfeld zu bieten, das Funktionalität mit gestalterischer Qualität verbindet. Die Gestaltung und Pflege der Naherholungsräume bedeutet für alle im Dorf ein Mehrwert. Und sie fordern zur Diskussion heraus.

    Straßen- und Wegenetz: Langlebig und beständig

    Ein hochwertiges Straßen- und Wegenetz bildet die Grundlage für eine funktionale und ästhetische Infrastruktur. Dabei sollte besonderes Augenmerk auf die Wahl langlebiger Straßenbeläge gelegt werden, die nur minimale Ausbesserungen erfordern.

    Qualitätskriterien für Straßenbeläge:

    • Verwendung robuster Materialien, die gegenüber Witterungseinflüssen und Verschleiß beständig sind.

    • Bauweisen, die eine lange Lebensdauer gewährleisten und damit langfristig Kosten reduzieren.

    • Ästhetisch ansprechende Oberflächen, die sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen.

    Ein gut gepflegtes und durchdacht angelegtes Wegenetz verbessert nicht nur die Verkehrsqualität, sondern trägt auch zur Sicherheit und Attraktivität von Sexten bei.

    Kinder- und Jugendrat: Mitbestimmung für die Zukunft der Gemeinde

    Die aktive Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Meinungsbildung ist ein entscheidender Faktor, um ihre Bindung an die Gemeinde zu stärken und sie für ein Leben vor Ort zu motivieren.

    Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit: Eine ausgewogene Zukunft gestalten

    Nachhaltigkeit muss als übergreifendes Prinzip in allen Bereichen der Gemeindeentwicklung verankert werden. Ziel ist es, ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte in Einklang zu bringen und so eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

    1. Begrenzung von Infrastrukturwachstum:

    • Einrichtung und Unterstützung eines Reparaturzentrums (z. B. Repair Café) innerhalb der Bezirksgemeinschaft, um die Lebensdauer von Gegenständen zu verlängern und Abfall zu reduzieren.

    • Einfrieren der Aufstiegsanlagen auf den Stand von 2023, um weitere Eingriffe in die Naturlandschaft zu vermeiden.

    2. Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft:

    • Sensibilisierung der Bevölkerung für Müllvermeidung durch Bildungsinitiativen und nachhaltige Konsumpraktiken. Wie wäre es, wenn man Sextens gut funktionierenden Recyclinghof mit einer Reparaturwerkstatt für alte Elektrogeräte ausstatten könnte?

    3. Verantwortung als ganzheitliches Konzept:

    • Entwicklung eines ausgewogenen Modells, das Tourismus, Naturschutz, soziales Miteinander, Kultur und Kunst miteinander verbindet.

    • Unterstützung ressourcenschonender Tourismusprojekte, die die Natur respektieren und die lokale Wirtschaft stärken.

    • Integration von Kunst und Kultur als Mittel, um Umweltverantwortlichkeit kreativ zu kommunizieren und gesellschaftlichen Wandel zu fördern.

    Durch diese Ansätze kann die Gemeinde ein Vorbild für beständige, langfristige, ressourcenschonende und verantwortete Entwicklung werden.

    Hansjörg Rogger, Alpe- Nemes-Straße 4
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  • Nawalny

    I’m so sorry for Alexej. The family has endured immense suffering, and my condolences go out to them. I hope that the day will come when those responsible will have to answer questions. I pray that the tormentors will suffer the pain that they are inflicting on entire nations today.

    Es tut mir so leid für Alexej. Die Familie hat unermessliches Leid ertragen müssen, und ihnen gilt mein Mitgefühl. Ich hoffe, dass der Tag kommt, an dem die Verantwortlichen zur Rede gestellt werden müssen. Ich bete, dass die Peiniger den Schmerz ertragen werden müssen, den sie heute ganzen Nationen zufügen.

    Mi dispiace tanto per Alexej. La famiglia ha sopportato immense sofferenze e a loro vanno le mie condoglianze. Spero che arrivi il giorno in cui i responsabili dovranno rispondere alle domande. Prego affinché i tormentatori soffrano il dolore che stanno infliggendo oggi a intere nazioni.

    Wenn es Gerechtigkeit gibt, dann schaffe man sie hier. Das ist mein Aufruf an die Welt.

    If there is justice, let it be created here. This is my call to the world.

    Se c’è giustizia, la si crei qui. Questo è il mio appello al mondo.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / 16.2.2024

  • Waydown

    Für die ummauerte Sicherheit von Waydown geben die Arbeiter ihre letzten Kräfte. „Why we build the Wall?“, heißt das Lied. Die Frage, die die Arbeiter aufwerfen, beantworten sie sehr energisch und unmissverständlich: „We build the wall to keep us free.“ „Wir bauen die Mauer, damit wir frei sein können.“

    Die Mauer verspricht Sicherheit, schützt sie doch vor den anderen, vor denen, die scheinbar nicht dazu gehören. „Working on the wall with all your might“, Eurydikes fatales Bündnis mit dem Teufel: „Ich habe getan, was ich tun musste“ sagt Eurydike. Und am Ende wird sie diesen Schritt bereuen. Aber zu spät. Eurydike hat der Verführung nicht standgehalten. Die Armut treibt sie ins Verderben.

    Ein herausforderndes Spiel mit einer suggestiv wirkenden Musik auf einer aufwendig gestalteten Bühne. Die Musikklasse der 5am im Team mit 60 Leuten hat ein engagiertes vom Anfang bis zum Ende durchchoreographiertes Broadway Stück auf die Bühne gebracht. Die Choreographie ist nicht in die Geschichte hineingesetzt – sie ist die Geschichte selbst. Keine einfache zudem, mit der man sich im Sessel genüsslich berieseln lassen kann. Angelehnt an den Mythos von Orpheus und Eurydike, werden Probleme unserer Zeit, verpackt in Folk- Blues- und Jazzmusik, dem Zuschauer einiges abverlangen. Die Musik – eine Gewaltanstrengung für das Team. Auch sie ist die Geschichte selbst. Sie führt hinauf in die Sphären der Freiheit und Liebe und hinunter in die düstere Welt des Abgrunds, der Vernichtung, des Machtmissbrauchs, der Blender und Verschwörer.

    Orpheus – Künstler, Poet und Musiker – will mit seiner Musik auch jene gewinnen, die der Dunkelheit verfallen sind. Er singt und spielt und betört die Menschen, auch Eurydike. Wer möchte nicht wie Orpheus singen, dem es einst gelang, selbst Bäume zum Weinen zu bringen mit seinem Gesang: „Alle Bäume werden mitsingen und ihre Äste werden sich herunterneigen und ihre Früchte um meine Füße legen…“ Eurydike kann es kaum erwarten – ihre Liebe erwacht: „Liebster Orpheus sag mir, wann es soweit ist.“ „Wenn ich mein Lied singe, wird es soweit sein. When I sing my song, all the riversˋll sing along…“ entgegnet Orpheus. Eine tiefe Liebe, doch der Hunger nagt und treibt sie ins Elend. Um der Not zu entweichen, hängt sich Eurydike an jeden Strohhalm, an verlockende Versprechungen.

    Eurydike, getrieben von Not und Entbehrung, geht trotz der Liebe zu Orpheus, dorhin, wo Dunkelheit herrscht – Kälte, Gewalt und Unfreiheit. Verführt, gelockt, missbraucht. „Eurydike!“ ruft Orpheus. „Wo ist sie?“ Hermes: „Bruder, was kümmert’s dich, du wirst eine andere Muse finden.“ Aber Orpheus will zu Eurydike, ganz unbedingt. „Warte auf mich, ich komme, ich komme mit dir, warte, warte, warte.“

    Ein Sturm zieht auf, und Orpheus schreibt an seinem Lied. „Ok, beende das Lied“ sagt Eurydike, „we need food, finish it quick. The wind is changin. There’s a storm coming.“ und Hermes, der Erzähler: „Poor Boy, working on a Song.“ Kunst und Liebe sind scheinbar schwache Gegner im Kampf gegen Niedertracht und Hass. Orpheus verliert. Das bittere Ende naht. Eurydikes Zuruf: „Bring mich heim!“ scheitert.

    Bedrückend eindrucksvoll gespielt ist die Szene in der Orpheus in der Unterwelt geschlagen und getreten wird. Beklemmend nah choreographiert. Es geschieht dies alles hier und jetzt – in der Ukraine, in Syrien – nur zwei Beispiele von vielen. Orpheus, der Hoffnungsträger, hat hier nichts zu suchen. Die andre Welt will Vernichtung, Repression, Züchtigung, Verlogenheit, Macht und Unterwerfung, Befehle und erzwungene Loyalität, sonst nichts. Veränderer sind unerwünscht und gefährlich. Sie bringen das System ins Wanken. Waydown ist von hier aus nur einige tausend Kilometer entfernt. Dort wo die Mächtigen tun und lassen, was sie wollen und wozu sie grad eben Lust haben.

    Choreographie und Inszenierung: Karin Mairhofer, Alex Messner / Musikalische Leitung: Ruth Burchia, Simon Mittermair / Audioregie: Peter Paul Hofmann / Lichtregie: Elch / Als Vorlage: „Hadestown“ von Anaïs Mitchell

    Hansjörg Rogger, Februar 2024, Musical des SOWI GymnasiumsFoto:HjR

  • Der Besuch

    Alberta Pfeifhofer, Treitling 5

    Heißer Tee und Faschingskrapfen. Lange ist es her, dass ich schon mal hier war. Der Ofen ist es wohl, der mich zurück erinnern lässt. Die vielen Bilder im Gang gab es damals noch nicht – denk ich mal. Aber die Küche ist immer noch gerade aus, links daneben die Stube – mit dem alten weißen Ofen. 

    Ich blicke auf den Stapel del gemalten Bilder. Hinten steht der Titel drauf, nicht immer. Den Keilrahmen baut sie oft selbst. Viele schöne Bilder stehen da, und ich beginne meine Favoriten zu ordnen. Ich gehe nahe ran, nimm sie in die Hand. Mit Farbe dick aufgetragen die einen, die andern weich mit pastellenen Farben.

    Am Vorbeigehen hinauf in die Stube sehe ich Landschaften, viele Farben, viele Blumen. Und es blitzen die Sonnenblumen auf, auch der Mohn im Feld ist zu sehen. Starkes Rot, lichtdurchflutet. Parallelen zu Van Goghs Sonnenblumen, zu der impressionistischen Malerei von Monet.

    Der Farbton des Chors ist ein anderer als der der vielen anderen Bilder. Düster gehalten, die Stimmung melancholisch. Ich trete etwas von dem Bild zurück, zuerst halte ich es etwas vor mich hin. Und dann bleibe ich stehn und schaue es an. Es erinnert mich an früher und dann auch wieder an nicht so lang vergangene Zeiten. Alle blicken auf die in rot gekleidete blonde Frau – der letzte rechts draußen geknickt, etwas verschämt. Bilder sind nicht nur schön – Geschichten tauchen auf, Gerüche Töne und Lichter mischen sich dazwischen. Und ich sehe mich, mitten drin. 

    Ich schweife ab, es stehen so viele Bilder da. Ich darf mir eines aussuchen, hat sie gesagt. Und ich stelle es auf die Seite, vor die Tür zum Balkon. Während Alberta weitere Bilder herholt, sitzt Karl vor dem Ofen und schaut mir zu, wie ich das eine um das andere Bild nehme, vor mich hinhalte, und wieder in den Stapel zurücklehne. 

    Je mehr sie bringt, umso schwerer wird die Auswahl. Ein kleinformatiges pastellfarbenes im großen Rahmen ist auch dabei. Landschaft mit einem Zwei- , Dreihäuserdörfchen. Pastelltöne, leise, verschlafen. Schön! Ich stell es zur engeren Auswahl neben das Bild mit dem Chor.

    Es ist die Lust am Malen, sagt sie. Oft entstehe das Bild aus der momentanen Situation heraus. Blumen, Landschaften, Farben, Menschen, auch Tiere sind mit dabei. Die Farben mischt sie selbst, in vielen Kursen hat sie das gelernt. Alberta Pfeifhofer, Malerin, Treitling 5. Pinsel, Farbe, Spachtel, Holztafel, Leinwand, Aquarellpapier, PanArt – das sind ihre Werkzeuge. Gedanken in Farbe getaucht – das stand vor einiger Zeit in einer Rezension zu einer ihrer Ausstellungen. Und solche gab es viele.

    Drei Ansichten – ein Frauenakt. Es ist das größte der drei Bilder, die nun alle drei vor der Balkontüre stehen. Eines davon darf ich mit nach Hause nehmen. Das Bild mit dem Chor ist es dann – die Wahl kommt schnell. Etwas später wäre es anders ausgegangen. Erinnerung an meine Schulzeit, Erinnerung an meine jungen Jahre ergebnisloser Bemühungen, mit der Musik etwas beginnen zu können. 

    Bilder schaffen es, einen von sich selber wegzuziehen, oder einen in eine Geschichte hineinzuziehen – in eine gute oder in eine schlechte, in eine ganz weit zurückliegende oder in eine ganz nahe. Stehe ich vor dem pastellfarbenen Bild mit der Dorfidylle vorne rechts, bin ich in einer Geschichte, die mich wegzuziehen vermag – in meine Leidenschaft impressionistischer Fotografie hinein. Das Bild mit dem Chor zieht mich in die Vergangenheit zurück und der Akt in das verschmitzte Schweigen meines Vaters auf die verschmähenden Blicke meiner Mama.

    Hansjörg Rogger

  • Die Rechten tun uns nicht gut

    Wir beginnen alles zu vergessen, was die Rechten vor nun 80 Jahren angerichtet hatten. Man hofiert mit jenen, die unsere Kultur auslöschen wollten. Mit jenen, die allein bestimmen wollten, wohin die Fahrt zu gehen habe. Mit jenen, die die Diversität behindern, mit jenen, die sich nie von der „Flamme“ distanzierten. Mit jenen, die geschickt sind, ihren Wolf im Schafspelz zu verstecken. Mit jenen, die der Wissenschaft wenig Relevanz zugestehen. Mit jenen, die unsere Väter, Mütter, Großväter, Großmütter drangsalierten und ihnen Sprache und Identität rauben wollten.

    Es ist nicht gut, was sich da im südlichen Tirol anbahnt. Ich schäme mich. Die liberalen Optionen gab es zwar, aber sie zählen scheinbar nicht mehr. Humanismus, Natur und Wissenschaften, Diversität und Europäismus werden zugunsten von was weiß ich geopfert. 

    Ich gab meine Stimme für ein weltoffenes, diverses, europäisches Land. Wir wären es unseren Müttern und Vätern schuldig, auch nach 80 Jahren. Die Rechten südlich und nördlich von Salurn schicken sich nun an, Ehevorbereitungen zu treffen. Die, die es besser wissen müssten, drücken beide Augen und Ohren zu. Man höre: „…..wir Freiheitlichen lehnen bi- oder trilinguale Experimente ab. Erst recht sind wir gegen einsprachige englische Schulklassen.“ Sagten dies und verschwanden hinter der Koalitionstür. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger Ex Schulführungskraft. Publizist. Johann.rogger@me.com

  • Wer kann schon behaupten, dass nicht irgendwann ich, er sein kann,

    und dann bin ich es, der die 10 Euro vielleicht erbetteln muss. 1.September 2023. Vengo dalla Nigeria, sagt er. Hai un permesso di soggiorno? Frag ich ihn. No, sagt er. Dove abiti? A Bolzano, sono venuto attraverso il mare. Nach seinem Namen hätte ich ihn fragen sollen. Tat ich nicht. Grazie, sagt er und geht. Zum nächsten, übernächsten, überübernächsten. Kein Erfolg.

    Viele leben dieses Schicksal. Tagein und Tagaus. Flucht war die einzige Perspektive. Über das Meer, sagte er. Wir lesen es in den Zeitungen, sehen die schrecklichen Bilder – dann schieben sich wieder unsere angenehmen und weniger angenehmen Dinge in den Vordergrund: Das Schnitzel war zu wenig mager, die Stromrechnung ist ganz schön in die Höhe geklettert, der Obstladen hat auch schon mal bessere Himbeeren verkauft. Es rattert permanent im Kopf. Und diesen Urlaub müsste man sich auch mal gönnen können, das große Auto auch……

    Dann lese ich wieder in der Zeitung und weiß, dass ich gar nichts weiß, erinnere mich an das Zitat von Mamadou Diawar, Ethnologe an der Universität Frankfurt, zitiert in der Zeit Nr. 35/2023: „Was wissen die von uns? Nichts!“ Gemeint ist das Wissen der Weißen über die Schwarzen. Und außerdem – die Kolonialherren haben einiges dazu beigetragen, dass die Länder in Armut versinken.

    Johann Georg (Hansjörg)Rogger Johann.rogger@me.com

  • Malerei der Stille – eine Impression zur blauen Illusion im blauen Blatt und in der blauen Erde

    „Und plötzlich fällt ein Windstoß in den Wald, und es braust auf: ‚Bchuuuuuu!‘ Da hab ich gemerkt, dass sich alles verändert, dass nichts gleich bleibt.“ Sagt Bockelmann. „Ein Erlebnis – der Sonnenuntergang – damals, als Vater uns Kinder auf den Balkon rief. Wenn man das von früh auf als Bub und Mädchen nicht lernt, sieht und hört man das später nicht mehr, nie wieder.“ Sagt Manfred Bockelmann. Und weiter: „Wir müssen alles lernen, sogar die Liebe müssen wir lernen.“ 

    Bilder mit meditativem Charakter sind es: „……die ich als Therapie für mich selber gemalt habe…“ Das war die Zeit der großformatigen Ölbilder. „…..Man darf nicht für andere malen, man muss sich zuallererst selber überzeugen. Wenn das gelingt, stellt man fest, dass man damit auch andere überzeugt.“ (Bockelmann) In dem abstrakten gegenstandslosen Bild, so sagt es Bockelmann, kann nichts benannt werden. Da gibt es nichts, was wir aus unserer konkreten Welt kennen. Kein Baum, kein Berg, kein Haus. „Es ist eine weite leere Landschaft. Vielleicht der Horizont und seine grenzenlose Weite.“ Sagt Bockelmann. „Bitte hör nicht auf, diese Bilder zu malen, because we need it.“ sagte ihm ein New Yorker in einer Ausstellung 1981.

    „Ich habe meinem Vater das Versprechen geben müssen, nie in meinem Leben mit einem Gegenstand auf einen Menschen zu zielen – es könnte irgendwann ein Gewehr sein.“ Sagt Manfred Bockelmann. Das war einer jener Momente in seiner Biografie, die ihn aufmerksam gemacht haben – auf das Leben und auf die Sanftheit. Und nicht nur.

    Und ich – oben auf der Empore – beginne zu assoziieren: „Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön……“ Matthias Claudius. Und Hugo Zuckermann huschte auch noch schnell in meine Gedanken hinein: „..uns schreckt kein spielender Schatten, uns trübt kein nebelnder Rauch. Wir trinken von farbensatten Wiesen den kühlen Hauch…..“ 

    Bei Alard von Kittlitz fand ich folgende Beschreibung: „Es sind Bilder, in die wir als Betrachter hineinlegen können, was wir wollen.“ Landschaft, der blaue Blick in den Horizont hinein, das Meer. „Diese Bilder stellen das aber eben nicht dar, und insofern zeigen sie uns höchstens uns selbst und was in unseren Köpfen los ist und fragen vielleicht auch vorsichtig, ob wir es nicht einmal stumm mit ihnen versuchen wollen: ohne die ewigen Störgeräusche des in Sprache gegossenen Denkens.“ (Alard von Kittlitz im Zeitmagazin Nr.40) Lass im Betrachten deine Welt entstehen. Also stehe ich vor den Bildern, schiebe das Denken etwas zur Seite und erschaffe meine eigene Welt. Kurt Tucholsky mischt sich aber dann doch noch dazwischen mit seinem „Sündhaft blauen Tag. Die Luft ist klar und kalt und windig, weiß Gott: ein Vormittag, so find ich, wie man ihn oft erleben mag.“

    „Es ist die Erinnerung an das, was wichtig ist.“ Sagt Bockelmann. „Wir kommen alle aus der Landschaft und verschwinden wieder in ihr. Am Ende gibt es nur mehr Staub.“ Und das, was von uns übrig bleibt – was wir selber geschaffen haben. Der eine so, der andere anders. „Ich male.“ 

    „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten…..“ Anfangsverse des Herbstgedichtes von Rilke. Anders als Rilke beschreibt sie Bockelmann nicht, er zeichnet und malt sie. In vielen Varianten. Keine Variante ist der anderen gleich. „Am Baum ist das Blatt zweidimensional, aber wenn es runterfällt, dann krümmt und rollt es sich ein. So wie die Hand eines alten Mannes.“

    „Es ist so, als erleideten sie den Herzschlag und sterben ab.“ Der Abschied von der Welt. Sie haben Ihre Schuldigkeit getan, verfärben sich, fallen, bäumen sich auf, krümmen und winden sich. Am Ende verfallen sie zu Staub. „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.“ Zwei Verszeilen Rilkes. 

    Das gefallene Blatt ist am Ende seiner Tage. Bockelmann malt es blau. „Die blaue Farbe ist eine mystische Farbe.“ Sagt Bockelmann. In der Natur ist sie vor allem dort zu sehen, wo Lichtbrechung ihr die blaue Illusion verleiht. In der Romantik suchte Eichendorff nach der blauen Blume: „…….Ich suche und finde sie nie, mir träumt, dass in der Blume mein gutes Glück mir blüh…….“

    „Mit der Farbe blau will ich einen Kontrast setzen und einen Hinweis geben, dass das Leben weitergeht. Und das blaue Blatt erweckt das Interesse, das es sonst so nicht geben würde.“ Am Ende wird das blaue Blatt auf eine Weltreise geschickt. Von der Werkstatt Bockelmanns in Kärnten 19mal in die Welt und dann wieder zurück: Kiew, Lemberg, New York, Bologna, Vatnajökull (Island), Herne in Nordrhein Westfalen, Namibia, Tunesien, Wien, Toblach, Latschach in Kärnten – und noch andere mehr. Ich bin gespannt, was sich Kinder in der Welt zum blauen Blatt haben einfallen lassen. Interessant weltoffen, was sich das Team des Kuratoriums Rudolf Stolz Museum ausgedacht hat. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Manfred Bockelmann: 24.6.23 und 3.9.23. Johann.rogger@me.com Korrekturgelesen: ChatGPT

  • Wenig aufbauende Pädagogik, damals in den 50er und 60er Jahren

    Und doch spüre ich immer wieder in die Zeit hinein, wo ich als Bub Lederhosen trug, wo ich Angst hatte um Menschen, die mir nahe standen, wo ich das rote Blechtretauto fahren konnte, wo ich auf die Mauer stieg, runterfiel und sich viele um mich mitleidsvoll kümmerten, wo ich gelitten hatte, und der Trost oft lange auf sich warten ließ. Wo ich eifersüchtig war, weil andere mehr Aufmerksamkeit hatten, wo ich nach Liebe buhlte und zu spüren bekam, dass andere besser waren, wo ich gelogen hatte, um der Strafe zu entgehen, wo ich auf der Ofenbank Schläge bekam, weil ich ungeschickt Honig verschüttet hatte und Milch als Notlüge gebrauchte. 

    Mein Mitleiden mit den anderen war nicht selten auch zorniges Mitleid, hasserfülltes Mitleiden. Im Kindergarten drückte ich mich meiner Spaziergehpatnerin fest in ihre Hand. Es muss ihr Schmerzen bereitet haben. Und mir auch. Ich mochte, dass sie mich spürt. Sie hat es nicht gezeigt, aber es muss grob gewesen sein. Und dann tat sie mir leid, weil sie hilflos wirkte. Ich hasste mich, weil ich mich an ihrer Hilflosigkeit und Verletzlichkeit gut fühlte – gleichzeitig war mir zum Kotzen schlecht. Ich kenn nicht mal mehr ihren Namen. 

    Schamlos habe ich meinen aufgestauten Frust bei anderen abgelassen. Und dann hasste ich mich dafür. Das Mitleid kam immer schnell und gewaltig. Einmal so, einmal anders. Ich wollte das Sanfte, erwartete mir viel, bekam es nicht, und dann kam der Zorn, die Wut, die Rache. Danach die Enttäuschung, die Scham. Auch das hat mir nie das gebracht, nach dem ich mich sehnte. Allein die Schuldgefühle pressten mir den Schweiß aus den Poren. 

    Erzählt habe ich niemandem davon. Schon gar nicht den Pfarrern, die gierig nach unseren Sünden lechzten. Ich habe hineingefressen was nun mal hineinzufressen ging. In der Schule war ich viel krank, Ich wollte oft krank sein. Es war dies das einzige Mal, wo ich Aufmerksamkeit bekam. Oft auch schimpfende Aufmerksamkeit. „Hast du wieder mal zu wenig aufgepasst!“ Jetzt war ich der „Hons“, der ich nicht sein wollte. Immer wenn man zornig mit mir war, war ich nicht mehr der „Hansjörg“. Ich tat so, als berührte mich das nicht, aber es tat weh.

    Lesen, schreiben und etwas rechnen hab ich gelernt. Parieren und immer tun, was die Damen und Herren Lehrer und die Pfarrer wollten – dafür war die Haselnussrute auf unseren Handrücken gut. Tat weh auf den ausgestreckten Fingern. Wenig aufbauende Pädagogik damals in den 60er Jahren.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Johann.rogger@me.com