6.3.2026 Ideenschmiede für ein anderes Lernen – der Burgerhof als Werkstatt für kommunikative, inklusive Wege

Im Sinne des vor Kurzem verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas komme der Schule eine zentrale Rolle für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft zu. Sie sei nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern vor allem ein Raum, in dem Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern heranwachsen könnten, die fähig seien, sich an öffentlichen Diskursen zu beteiligen.

Indem Schule kritisches Denken, argumentative Fähigkeiten und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel fördere, bereite sie junge Menschen darauf vor, politische und gesellschaftliche Fragen vernünftig zu diskutieren und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Auf diese Weise werde sie zu einem Übungsfeld *„deliberativer Demokratie,“ (Jürgen Habermas) in dem die Grundlagen von Verständigung, Teilhabe und Verantwortung praktisch eingeübt würden.

Ist es so an unseren Schulen oder sollte es so sein?

Die Ideenschmiede am Burgerhof ist oder wäre so ein Ort, wo junge Menschen sich in der diskursiven Verhandlung eines Themas üben können. Unterschiedliche Perspektiven sollten gegenübergestellt und argumentativ kritisch durchdrungen werden. Dadurch kann auf dem Burgerhof ein Raum entstehen, in dem Bedeutung von Schule und Lernen im Prozess des Austausches fortlaufend ausgehandelt werden.

Es ist ein leiser Aufbruch aus einer Schule, die noch immer im starren Korsett vergangener Gewissheiten zu stecken scheint. Hier geben junge Menschen ihrer Sehnsucht nach Veränderung eine Sprache, halten fest, was sie bewegt und was ihnen fehlt.

Im Zentrum ihres Aushandelns — so liest sich das in den Skripts der jungen Menschen und wird lautstark vorgetragen — steht das Wohlbefinden, das mentale, das soziale, das körperliche. Die Formel zirkuliert heute nahezu selbstverständlich im schulischen Diskurs und bewegt sich dabei in einer eigentümlichen Schwebe zwischen Schlagwort und Anspruch. Allzu leicht droht sie zur Worthülse zu erstarren, wenn sie lediglich programmatisch wiederholt wird, ohne den Schulalltag tatsächlich zu prägen. Mittlerweile finden sich diese Formeln in zahlreichen Leitbildern wieder, oft mit marketingwirksamem Bildmaterial gestaltet, doch nicht selten ohne erkennbare operative Entsprechung im gelebten Schulalltag. So bleiben sie auf der Ebene wohlklingender Programmatik verhaftet, anstatt in konkrete Handlungsformen übersetzt zu werden, die ihre Wirksamkeit tatsächlich entfalten könnten.

Zugleich aber birgt sie ein ernstzunehmendes Versprechen: die Verpflichtung der gesamten Schulgemeinschaft, Bildung nicht nur als kognitive Leistung, sondern als ganzheitlichen Prozess zu begreifen und Verantwortung für die vielfältigen Dimensionen des Menschseins zu übernehmen.

Wann wird aus drei abstrakten Begriffen eine erfahrbare Realität, die sich nicht in Programmen erschöpft, sondern im Alltag sichtbar und überprüfbar wird?

Dass diese Wünsche nicht aus bildungspolitischen Programmen stammen, sondern von Schülern selbst vorgetragen wurden, verleiht ihnen ein besonderes Gewicht und eine eigentümliche Dringlichkeit. Sie artikulieren sich in der Sehnsucht nach einem Schulalltag, der Zeit für Störungen nicht als Defizit, sondern als pädagogische Gelegenheit begreift, der Sprechgelegenheiten eröffnet und eine unbürokratisch-zugängliche Sprechstunde bei der Führungskraft selbstverständlich macht. Pädagogische Tage würden nicht länger allein dem Kollegium vorbehalten bleiben, sondern auch Schüler einbeziehen; Auszeiten würden begleitet statt sanktioniert, und Planungen gemeinsam entwickelt. In dieser Perspektive treten eine Kultur der Dankbarkeit und echte Partizipation an die Stelle bloßer Mitwirkungssimulation, Lernlandschaften, wozu es der Burgerhof bringen kann, lösen die Sterilität klassischer Klassenräume ab, und Feedback gewinnt gegenüber der Logik reiner Tests an Bedeutung. Altersgemischtes Lernen, eine neu austarierte Balance von Kern- und Freifächern sowie Lerninhalte mit aktuellen Bezügen fügen sich dabei zu dem Bild einer Schule, die weniger verwaltet als vielmehr als lebendiger Erfahrungsraum gestaltet wird.

All dies und noch vieles mehr findet sich auf den Plakaten, die im Seminarraum des Burgerhofs an den Wänden hängen.

Doch wie beginnt Veränderung? Vielleicht nicht mit großen Reformen, sondern mit etwas so Einfachem wie dem Gespräch. Kommunikation wird zum Ausgangspunkt, zum lebendigen Raum, in dem Schule sich neu erfinden kann – beweglich, offen, im Austausch.

Und was braucht es, damit Schule ein Ort des Wohlbefindens wird? Vielfalt im Lernen, die Unterschiedlichkeit nicht glättet, sondern trägt. Menschen, die mit Kompetenz und Haltung begleiten. Ressourcen, die Entwicklung ermöglichen. Und schließlich: kleine Schritte. Unscheinbar vielleicht, aber entschieden – Schritte, die den Weg erst sichtbar machen.

Seit Langem wird über Veränderungen in der Schule gesprochen, doch sie vollziehen sich mit einer zähen, oft rückgewandten Beharrlichkeit, die bisweilen an kirchliche Reformprozesse erinnert. Vielversprechende Ansätze verlaufen nicht selten im Sande, werden ausgehungert, sabotiert, ausgebremst oder erfahren einfach zu wenig Unterstützung, um ihre Wirkung nachhaltig entfalten zu können. Es gibt die Schulen, die als Modelle dienen könnten, auch in unserem kleinen Land. In Deutschland etwa werden jährlich Vorzeigeschulen ausgezeichnet, während eine vergleichbare Praxis in Südtirol fehlt. Sie hätten es auch bei uns verdient, zeigen zu können, wie man Lernwege auch anders gehen kann. Die jungen Menschen auf dem Burgerhof jedenfalls äußerten den Wunsch nach sichtbaren Best-Practice-Beispielen, an denen sich Entwicklung konkret orientieren könnte. Es wäre eine Überlegung wert.

Hansjörg Rogger

*Jürgen Habermas in:
„Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats“ (1992)

Am Burgerhof arbeiten im Sinne des Werkstattgedankens: Alex Unteregger-Werkpädagoge und Koordinator der Schulprojekte /// Sieghard Amhof-Haus-, Hof-, Tier- und Menschmeister /// David Kammerer-Achtsamkeitstrainer /// Lukas Patzleiner_Erlebnis- und Sozialpädagoge /// Tatiana Terentieva-Lifecoach /// Andrea Graf-Reinigungs- und Küchenmeisterin /// Gerd Innerebner-Strukturleiter ///Elisabeth Stauder-Theater-, Grundschule- und Montessoripädagogik /// Mathilde Mair-Küchenmeisterin /// Dominik Rainer-Gartenmeister

Auszüge aus der Plakatwand 6.3.2026