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  • Großbauten statt Konfliktmanagement

    Fallbeispiel am 24.3.2024, 18.30 Uhr bis…….. Zugbahnhof Bruneck: Der Zug Richtung Lienz fällt aufgrund von Unwetterschäden aus. Es warten geschätzte 500 Fahrgäste auf Informationen. Diese kommen bruchstückhaft über die Lautsprecher. Zu leise, zu widersprüchlich. Verstehen kann man davon wenig bis gar nichts. Ich versuche, die Frau hinter der Glasscheibe anzusprechen. Ihre Antwort kommt von hinter der Scheibe über Lautsprecher nach vorne. Tonrückkoppelung mit einem lauten Pfeifton. Ich kann nur soviel verstehen, dass sie nichts zu sagen weiß. Sie bemüht sich mit allem was sie zur Verfügung hat, mit Lautsprecher, ohne Lautsprecher, mit ihren Händen auch. Ich halte das Ohr an den Schlitz, der eigentlich dem Einschub des Bahntickets dient.

    Dann kann ich vernehmen, dass gar nichts mehr geht. Weder in nördlicher noch in südlicher Richtung. Vielleicht zwischen 21.00 Uhr und 21.30 Uhr ein Bus, kann sein, vielleicht. Das hat man ihr am Telefon gesagt. Zur Bestätigung, dass ich es richtig verstanden habe, zeige ich ihr meine neun Finger für 21.00 Uhr. Sie nickt und setzt sich wieder an ihr Telefon. „Die Arme“, denke ich mir. Es pfeift vom Lautsprecher, unerträglich laut. Und dann in kontinuierlichen Abständen die Durchsage von einer sehr schlechten Maschine über noch schlechtere Lautsprecher, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „……..es ist verboten, die Türen zu öffnen, bevor der Zug hält…“ Endlosschleife über Stunden.

    Abspann: Dass es plötzlich aus allen Himmeln schneit und wie wild stürmt und dass die Infrastrukturen dem kaum standzuhalten imstande sind, ist nachvollziehbar und mit Ruhe zu ertragen. Nicht nachvollziehbar ist es, warum das Konfliktmanagement in den vielen Jahren herauf nicht Schritt zu halten imstande war und erbärmlich versagt. 500 Fahrgäste warten auf Informationen, warten auf mehr, als dass die Weiterfahrt aufgrund eines technischen Problems nicht mehr fortgesetzt werden kann. Informationsmanagement gibt es keines. Dafür genervte Gäste, die an den unbeantworteten Fragen ihren Ärger aufstauen. Nach einer halben Stunde lässt die Dame, die mir vorher noch bereitwillig gesagt hat, was sie zu sagen wusste, den Rastervorhang herunter. Anzunehmen, dass sie es leid war, immer dasselbe und fast nichts sagen zu können. Mir tat sie leid, einem neben mir stehenden Fahrgast merklich auch.

    20.28 Uhr: „……Il treno per San Candidio è in arrivo invece che al binario uno al binario tre…” Viele laufen zum Bahnsteig drei.

    20.35 Uhr, nur sieben Minuten später: “…..Il treno per San Candido oggi non si sta effettuando…..” Wir laufen, fast alle schon im Schritttempo, zum Bahnhof zurück. Ein englischer Rucksacktourist, sehr ruhig und gelassen: „The problem is not the outages. The storms do not ask us whether we want them or not. But the mismanagement of the crisis is shameful for this tourist region.“

    Und weiterhin die zynischen Durchsagen in Endlosschleifen. Neben mir sitzt eine Mama mit ihrem kleinen Sohn. Sie möchten heute noch nach Rom weiterfahren. Es ist 21.30 Uhr. Mein Busersatz fährt vor. Ich verabschiede mich von der Mama mit dem kleinen Sohn. Rom ist noch weit.

    Hansjörg Rogger / niedergeschrieben am 23.3.24 von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr.

  • Brief an den Landtagsabgeordneten Alex Ploner am 13.3.2024

    Hallo lieber Alex

    Ich erlaube mir, dir meine Gedanken im Zusammenhang mit der ultrarechten Regierungskooperation zu schreiben. Es ist bedauernswert, wie blauäugig man in Südtirol den Schafspelz sehen will und den Wolf ganz einfach verdrängt. Autonomie war der Lockvogel. Man tut fast so, als wäre dies der heilige Gral, den es erst jetzt zu erreichen gilt. Alles andere wird ausgeblendet. Und wo bleibt Südtirols Weltoffenheit? Wo bleibt die Natur mit ihren Problemen?

    Gibt es hinter dem Pragmatismus nicht auch noch die Weltanschauung, die ein Teil unserer Seele war und wohl auch noch sein sollte? Ich hab manchmal den Eindruck, dass vieles nicht gesehen werden will, weil man sich da was verhofft und dort was profitieren möchte. Es ist demnach scheinbar uninteressant, dass man sich, wenn man genau hinschaut, der rechts außen Szene aus Opportunismus anbiedert. Orban, der die Demokratie abschaffen möchte ist willkommen. Die Brüder Italiens lavieren einmal mit diesen und dann mit den anderen. Sehen das unsere Volksvertreter nicht? Hauptsache die kriegen ihr Schärfchen ab. Alles andere geht sie nichts an?  Ich habe mir immer gedacht, dass wir in Europa leben, europäisch und weltoffen denken. Die Indianer prägten das Bild der gespaltenen Zunge. Opportunismus aber, stumpft geistig und moralisch ab. 

    Denken wir in Südtirol darüber nach, dass still und leise in der Kultur Italiens ein Umbau stattfindet? Robero Saviano kämpft literarisch und journalistisch gegen die organisierte Kriminalität. Und was tut die ultrarechte Regierung? Sie blockiert die Sendung „Insider“ von Saviano. Sie wird gesperrt. Ohne Begründung, einfach gesperrt. Bemühen wir uns, dies zu erfahren? Wissen das unsere Vertreter, wenn sie diesen Leuten die Hände reichen? Fragen sie nach, warum man das tut? 

    Diese Informationen bekommen wir nicht lokal präsentiert. Ich weiß nicht, ob das fortschrittlich demokratische Italien das einfach über sich ergehen lassen will????  Wir hier müssen uns bemühen, diese fein kalibrierten rechten Seitenhiebe woanders zu erfahren, um mehr als Provinz, heile Welt, Tourismus, Wolf und Bär zu erfahren. Zum Glück hat uns die Weitsichtigkeit der vergangenen Jahre dieses internationale Netz ermöglicht.

    Saviano sagt am 12.3.24:  „……….sie (Rai) hat  die Aufgabe alle Dissidenten, Feinde, Kritiker, alle die sie als nicht linientreu betrachtet, zu stoppen. Mein Rausschmiss ist Teil ihrer Aufgabe gewesen.“ Das sagt Saviano, der mittlerweile sein neues Buch vorstellt. Die Schriftstellerin Dacia Maraini sagt: „Die traditionellen Fachkräfte sind aus den Museen rausgeschmissen worden, und Rechte kamen hinein.“ Sehen und hören wir das neben dem „Handschlag für Südtirol“ ? (gesehen als Titelüberschrift im Tagblatt der Südtiroler am 12.3.24) 

    Der Pragmatismus war es, so hörte man, der die Ehe mit den Rechten besiegelt habe. Alles andere spielt scheinbar keine Rolle. Es wird sehr viel an der Oberfläche zur Schau gestellt, „wenn wir das Geld schon kriegen, wären wir blöd, es nicht zu tun, und Antholz und das Drumherum wird gebaut.“ Den jungen Leuten in Olang, die was anderes wollten, hörte man nicht zu. Da ist Geld in Hülle und Fülle. Und die Krise der Natur spielt nur anderswo eine Rolle. Südtirol ist sowieso über alles erhaben und über das „mir san mir“ kommen wir immer noch nicht hinaus.

    Du hast im Landtag gesagt, „……warum Sie (Landeshauptmann) dies den Südtirolern antun. Warum öffnen Sie der rechten Gesinnung Tür und Tor?“ Die Frage stellst Du dem Landeshauptmann. Ich weiß nicht, ob er darauf geantwortet hat. 

    Ich habe als junger Bub oftmals Cortina besucht. Ich habe gesehen, wie die Olympiaanlagen verfallen, und ich habe damals Ende der 60er und 70er dieses Baudesaster gesehen, und ich kann mich erinnern, dass ich damals als Bub, der gerne auf den Cortineser Bergen umherkletterte dies als Frevel empfand. Und heute kommen sie schon wieder mit ihren Plänen, und die Geschichten wiederholen sich. Schon wieder fließt Geld, das anderswo einzusparen ist. Die Umwelt spielt, wenn überhaupt, die letzte Geige.  Der nationale Stolz scheint alles andere in die Bedeutungslosigkeit zu versenken.

    Du hast mir mit deiner Haltung und deinen Stellungnahmen von der Seele gesprochen. Vielen Dank

    Danke, dass du mir etwas zugehört hast.

    Schöne Grüße und alles Gute

    Hansjörg

  • Ein paar Ideen für die Ideenbox (Gemeindeentwicklungsprogramm für Raum und Landschaft in der Gemeinde Sexten )

    Mobilität: Ein ganzheitliches Konzept ist gefragt

    Die Untertunnelung von Kiens und die Umfahrung von Percha tragen dazu bei, diese Ortschaften deutlich zu entlasten. Gleichzeitig ist jedoch davon auszugehen, dass der Verkehrsfluss von Westen nach Osten weiter zunimmt – und damit die bestehenden Engpässe zunehmend überfordert. Insbesondere in Sexten verschärft sich die ohnehin schon angespannte Verkehrssituation.

    Für Sexten stellt die Beseitigung dieses Nadelöhrs eine enorme Herausforderung dar. Im Gegensatz zu Orten wie Welsberg, Niederdorf, Percha oder Kiens, wo der Verkehr durchfließt, endet für die meisten Touristen in Sexten die Reise. Das Ziel ist es, den Gästen eine möglichst komfortable Anreise zu ermöglichen – doch genau hier muss ein Umdenken stattfinden.

    Es braucht eine zukunftsweisende, umfassende Lösung. Ein möglicher Ansatz könnte ein autofreies Sexten sein, verbunden mit der Schaffung moderner Infrastrukturen am Ortseingang. Nur durch innovative und nachhaltige Maßnahmen kann die Mobilität langfristig gewährleistet und die Lebensqualität im Ort verbessert werden. Erst vor Kurzem sagte mir Georg Villgrater im Zusammenhang mit einem privaten Bauprojekt: „Geat et, gibt’s et.“ Natürlich scheint es auf den ersten Blick zunächst undenkbar zu sein, darüber nachzudenken, wie der nach Sexten fahrende Tourist sein Auto am Ortseingang mit dem Shuttle tauschen könnte. Doch Fortschritte fallen selten von selbst in den Schoß – sie erfordern Entschlossenheit und Vision. Nicht selten entstehen daraus Ideen, die man sich nie hätte träumen lassen, dass sie entstehen könnten.

    In der Schweiz gibt es neben Zermatt, auch noch Saas Fee im Wallis und Wengen im Berner Oberland, um nur drei von acht autofreien Gemeinden zu nennen. In Österreich ist Oberlech in Vorarlberg oder Werfenweng im Salzburger Land zu nennen.

    Die Einhaltung der Wachstumsgrenzen 

    ist der Garant dafür, dass all das, was der Tourismus in der Vergangenheit an Wohlstand, Diversität und Weltoffenheit geschaffen hat, erhalten bleibt. Es muss das Prinzip der Sorge gelten: Was vorhanden ist, muss zukunftstauglich bewahrt werden.

    Die Bewahrung der gewachsenen Strukturen in Landwirtschaft, Handwerk, Tourismus ist davon abhängig, dass den Wachstumsgrenzen Respekt gezollt wird. Auch bzw. vor allem in Sexten. Die Bewahrung birgt in sich ein großes Potential – für alle Player in der Gemeinde. Doppelt so viel ist ganz selten doppelt so gut. Und das „Doppeltsoviel“ nagt an der Substanz, belastet Umwelt und Menschen und gefährdet das, was Sexten groß gemacht hat.

    Kultur: Tradition neu denken und zeitgemäß gestalten

    Kultur bedeutet, historisch Gewachsenes neu zu gestalten und zu interpretieren, indem neue Elemente aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens integriert werden – offen, demokratisch und zukunftsgerichtet.

    Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Unterstützung kleinstrukturierter Initiativen, die wichtige kulturelle Impulse setzen. Dazu zählen etwa die Rudolph-Stolz-Initiativen des Kuratoriums sowie die Aktivitäten rund um Claus Gatterer und die Claus-Gatterer-Preise. Diese Initiativen tragen wesentlich zur kulturellen Vielfalt und Identität Sextens bei und verdienen langfristige Förderung.

    Vor 30 Jahren wurde der Nachlass von Claus Gatterer nach Sexten geholt. Er wurde damals in der neu geschaffenen Bibliothek untergebracht. So wie ich das damals verstanden habe, war dies vorerst eine provisorische Unterkunft. Mittlerweile sind viele Jahre ins Land gegangen und an dem Provisorium hat sich nichts verändert. Es wäre daran zu denken, dass die Gemeinde die Struktur ausbaut und etwas schafft, das der Figur Gatterers gerecht wird.

    Darüber hinaus sollte der öffentliche Raum verstärkt in kulturelle Performances und Veranstaltungen einbezogen werden. So kann Kultur für alle erlebbar gemacht und ein lebendiger Austausch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschaffen werden. 365 Tage. Eine begehbare Kunst- und Kulturlandschaft wäre ein anzustrebendes Ziel.

    Gestaltung des öffentlichen Raumes: Ästhetisch und funktional

    Die öffentlichen Räume, auch die Parkplätze an der Talstation Helmbahn, Talstation Rotwandwiesen, in der Signaue sowie im Hauptort, sollten nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend und naturnah gestaltet werden. Dazu ist die Einbindung von Landschaftspflegern und Landschaftsgärtnern essenziell, um eine harmonische Integration in die Umgebung zu gewährleisten.

    Naturnahe Parkplätze und Naherholungsräume:

    • Schaffung von Autoabstellplätzen, die durch gezielte Bepflanzung (z. B. Bauminseln, Hecken, Baumkübel) und den Einsatz von nachhaltigen Materialien naturnah gestaltet werden.

    • Ausstattung mit Mobiliar wie Sitzbänken, Tischen, Fahrradständern und Parkbänken, um Aufenthaltsqualität und Multifunktionalität zu fördern.

    Attraktivierung der Restflächen:

    • Die Gestaltung der übrigen Flächen sollte durch gezielte Aufwertungsmaßnahmen wie Kunstinstallationen, Begrünung oder architektonisch ansprechende Elemente erfolgen. (Bruneck präsentiert sich in diesem Zusammenhang schon jahrelang als Modell)

    • Alltagsräume im Dorf können durch künstlerische oder poetische Interventionen – wie Skulpturen, Wandgemälde oder temporäre Kunstprojekte – eine zusätzliche ästhetische und kulturelle Dimension erhalten.

    Ziel ist es, sowohl Einheimischen als auch Gästen ein harmonisches, erholsames und inspirierendes Umfeld zu bieten, das Funktionalität mit gestalterischer Qualität verbindet. Die Gestaltung und Pflege der Naherholungsräume bedeutet für alle im Dorf ein Mehrwert. Und sie fordern zur Diskussion heraus.

    Straßen- und Wegenetz: Langlebig und beständig

    Ein hochwertiges Straßen- und Wegenetz bildet die Grundlage für eine funktionale und ästhetische Infrastruktur. Dabei sollte besonderes Augenmerk auf die Wahl langlebiger Straßenbeläge gelegt werden, die nur minimale Ausbesserungen erfordern.

    Qualitätskriterien für Straßenbeläge:

    • Verwendung robuster Materialien, die gegenüber Witterungseinflüssen und Verschleiß beständig sind.

    • Bauweisen, die eine lange Lebensdauer gewährleisten und damit langfristig Kosten reduzieren.

    • Ästhetisch ansprechende Oberflächen, die sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen.

    Ein gut gepflegtes und durchdacht angelegtes Wegenetz verbessert nicht nur die Verkehrsqualität, sondern trägt auch zur Sicherheit und Attraktivität von Sexten bei.

    Kinder- und Jugendrat: Mitbestimmung für die Zukunft der Gemeinde

    Die aktive Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Meinungsbildung ist ein entscheidender Faktor, um ihre Bindung an die Gemeinde zu stärken und sie für ein Leben vor Ort zu motivieren.

    Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit: Eine ausgewogene Zukunft gestalten

    Nachhaltigkeit muss als übergreifendes Prinzip in allen Bereichen der Gemeindeentwicklung verankert werden. Ziel ist es, ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte in Einklang zu bringen und so eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

    1. Begrenzung von Infrastrukturwachstum:

    • Einrichtung und Unterstützung eines Reparaturzentrums (z. B. Repair Café) innerhalb der Bezirksgemeinschaft, um die Lebensdauer von Gegenständen zu verlängern und Abfall zu reduzieren.

    • Einfrieren der Aufstiegsanlagen auf den Stand von 2023, um weitere Eingriffe in die Naturlandschaft zu vermeiden. Hochgruben wäre ein fataler Eingriff .

    2. Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft:

    • Sensibilisierung der Bevölkerung für Müllvermeidung durch Bildungsinitiativen und nachhaltige Konsumpraktiken. Wie wäre es, wenn man Sextens gut funktionierenden Recyclinghof mit einer Reparaturwerkstatt für alte Elektrogeräte ausstatten könnte?

    3. Verantwortung als ganzheitliches Konzept:

    • Entwicklung eines ausgewogenen Modells, das Tourismus, Naturschutz, soziales Miteinander, Kultur und Kunst miteinander verbindet.

    • Unterstützung ressourcenschonender Tourismusprojekte, die die Natur respektieren und die lokale Wirtschaft stärken.

    • Integration von Kunst und Kultur als Mittel, um Umweltverantwortlichkeit kreativ zu kommunizieren und gesellschaftlichen Wandel zu fördern.

    Durch diese Ansätze kann die Gemeinde ein Vorbild für beständige, langfristige, ressourcenschonende und verantwortete Entwicklung werden.

    Hansjörg Rogger, Alpe- Nemes-Straße 4
    348 5233660
    Johann.rogger@icloud.com

  • Nawalny

    I’m so sorry for Alexej. The family has endured immense suffering, and my condolences go out to them. I hope that the day will come when those responsible will have to answer questions. I pray that the tormentors will suffer the pain that they are inflicting on entire nations today.

    Es tut mir so leid für Alexej. Die Familie hat unermessliches Leid ertragen müssen, und ihnen gilt mein Mitgefühl. Ich hoffe, dass der Tag kommt, an dem die Verantwortlichen zur Rede gestellt werden müssen. Ich bete, dass die Peiniger den Schmerz ertragen werden müssen, den sie heute ganzen Nationen zufügen.

    Mi dispiace tanto per Alexej. La famiglia ha sopportato immense sofferenze e a loro vanno le mie condoglianze. Spero che arrivi il giorno in cui i responsabili dovranno rispondere alle domande. Prego affinché i tormentatori soffrano il dolore che stanno infliggendo oggi a intere nazioni.

    Wenn es Gerechtigkeit gibt, dann schaffe man sie hier. Das ist mein Aufruf an die Welt.

    If there is justice, let it be created here. This is my call to the world.

    Se c’è giustizia, la si crei qui. Questo è il mio appello al mondo.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / 16.2.2024

  • Waydown

    Für die ummauerte Sicherheit von Waydown geben die Arbeiter ihre letzten Kräfte. „Why we build the Wall?“, heißt das Lied. Die Frage, die die Arbeiter aufwerfen, beantworten sie sehr energisch und unmissverständlich: „We build the wall to keep us free.“ „Wir bauen die Mauer, damit wir frei sein können.“

    Die Mauer verspricht Sicherheit, schützt sie doch vor den anderen, vor denen, die scheinbar nicht dazu gehören. „Working on the wall with all your might“, Eurydikes fatales Bündnis mit dem Teufel: „Ich habe getan, was ich tun musste“ sagt Eurydike. Und am Ende wird sie diesen Schritt bereuen. Aber zu spät. Eurydike hat der Verführung nicht standgehalten. Die Armut treibt sie ins Verderben.

    Ein herausforderndes Spiel mit einer suggestiv wirkenden Musik auf einer aufwendig gestalteten Bühne. Die Musikklasse der 5am im Team mit 60 Leuten hat ein engagiertes vom Anfang bis zum Ende durchchoreographiertes Broadway Stück auf die Bühne gebracht. Die Choreographie ist nicht in die Geschichte hineingesetzt – sie ist die Geschichte selbst. Keine einfache zudem, mit der man sich im Sessel genüsslich berieseln lassen kann. Angelehnt an den Mythos von Orpheus und Eurydike, werden Probleme unserer Zeit, verpackt in Folk- Blues- und Jazzmusik, dem Zuschauer einiges abverlangen. Die Musik – eine Gewaltanstrengung für das Team. Auch sie ist die Geschichte selbst. Sie führt hinauf in die Sphären der Freiheit und Liebe und hinunter in die düstere Welt des Abgrunds, der Vernichtung, des Machtmissbrauchs, der Blender und Verschwörer.

    Orpheus – Künstler, Poet und Musiker – will mit seiner Musik auch jene gewinnen, die der Dunkelheit verfallen sind. Er singt und spielt und betört die Menschen, auch Eurydike. Wer möchte nicht wie Orpheus singen, dem es einst gelang, selbst Bäume zum Weinen zu bringen mit seinem Gesang: „Alle Bäume werden mitsingen und ihre Äste werden sich herunterneigen und ihre Früchte um meine Füße legen…“ Eurydike kann es kaum erwarten – ihre Liebe erwacht: „Liebster Orpheus sag mir, wann es soweit ist.“ „Wenn ich mein Lied singe, wird es soweit sein. When I sing my song, all the riversˋll sing along…“ entgegnet Orpheus. Eine tiefe Liebe, doch der Hunger nagt und treibt sie ins Elend. Um der Not zu entweichen, hängt sich Eurydike an jeden Strohhalm, an verlockende Versprechungen.

    Eurydike, getrieben von Not und Entbehrung, geht trotz der Liebe zu Orpheus, dorhin, wo Dunkelheit herrscht – Kälte, Gewalt und Unfreiheit. Verführt, gelockt, missbraucht. „Eurydike!“ ruft Orpheus. „Wo ist sie?“ Hermes: „Bruder, was kümmert’s dich, du wirst eine andere Muse finden.“ Aber Orpheus will zu Eurydike, ganz unbedingt. „Warte auf mich, ich komme, ich komme mit dir, warte, warte, warte.“

    Ein Sturm zieht auf, und Orpheus schreibt an seinem Lied. „Ok, beende das Lied“ sagt Eurydike, „we need food, finish it quick. The wind is changin. There’s a storm coming.“ und Hermes, der Erzähler: „Poor Boy, working on a Song.“ Kunst und Liebe sind scheinbar schwache Gegner im Kampf gegen Niedertracht und Hass. Orpheus verliert. Das bittere Ende naht. Eurydikes Zuruf: „Bring mich heim!“ scheitert.

    Bedrückend eindrucksvoll gespielt ist die Szene in der Orpheus in der Unterwelt geschlagen und getreten wird. Beklemmend nah choreographiert. Es geschieht dies alles hier und jetzt – in der Ukraine, in Syrien – nur zwei Beispiele von vielen. Orpheus, der Hoffnungsträger, hat hier nichts zu suchen. Die andre Welt will Vernichtung, Repression, Züchtigung, Verlogenheit, Macht und Unterwerfung, Befehle und erzwungene Loyalität, sonst nichts. Veränderer sind unerwünscht und gefährlich. Sie bringen das System ins Wanken. Waydown ist von hier aus nur einige tausend Kilometer entfernt. Dort wo die Mächtigen tun und lassen, was sie wollen und wozu sie grad eben Lust haben.

    Choreographie und Inszenierung: Karin Mairhofer, Alex Messner / Musikalische Leitung: Ruth Burchia, Simon Mittermair / Audioregie: Peter Paul Hofmann / Lichtregie: Elch / Als Vorlage: „Hadestown“ von Anaïs Mitchell

    Hansjörg Rogger, Februar 2024, Musical des SOWI GymnasiumsFoto:HjR

  • Der Besuch

    Alberta Pfeifhofer, Treitling 5

    Heißer Tee und Faschingskrapfen. Lange ist es her, dass ich schon mal hier war. Der Ofen ist es wohl, der mich zurück erinnern lässt. Die vielen Bilder im Gang gab es damals noch nicht – denk ich mal. Aber die Küche ist immer noch gerade aus, links daneben die Stube – mit dem alten weißen Ofen. 

    Ich blicke auf den Stapel del gemalten Bilder. Hinten steht der Titel drauf, nicht immer. Den Keilrahmen baut sie oft selbst. Viele schöne Bilder stehen da, und ich beginne meine Favoriten zu ordnen. Ich gehe nahe ran, nimm sie in die Hand. Mit Farbe dick aufgetragen die einen, die andern weich mit pastellenen Farben.

    Am Vorbeigehen hinauf in die Stube sehe ich Landschaften, viele Farben, viele Blumen. Und es blitzen die Sonnenblumen auf, auch der Mohn im Feld ist zu sehen. Starkes Rot, lichtdurchflutet. Parallelen zu Van Goghs Sonnenblumen, zu der impressionistischen Malerei von Monet.

    Der Farbton des Chors ist ein anderer als der der vielen anderen Bilder. Düster gehalten, die Stimmung melancholisch. Ich trete etwas von dem Bild zurück, zuerst halte ich es etwas vor mich hin. Und dann bleibe ich stehn und schaue es an. Es erinnert mich an früher und dann auch wieder an nicht so lang vergangene Zeiten. Alle blicken auf die in rot gekleidete blonde Frau – der letzte rechts draußen geknickt, etwas verschämt. Bilder sind nicht nur schön – Geschichten tauchen auf, Gerüche Töne und Lichter mischen sich dazwischen. Und ich sehe mich, mitten drin. 

    Ich schweife ab, es stehen so viele Bilder da. Ich darf mir eines aussuchen, hat sie gesagt. Und ich stelle es auf die Seite, vor die Tür zum Balkon. Während Alberta weitere Bilder herholt, sitzt Karl vor dem Ofen und schaut mir zu, wie ich das eine um das andere Bild nehme, vor mich hinhalte, und wieder in den Stapel zurücklehne. 

    Je mehr sie bringt, umso schwerer wird die Auswahl. Ein kleinformatiges pastellfarbenes im großen Rahmen ist auch dabei. Landschaft mit einem Zwei- , Dreihäuserdörfchen. Pastelltöne, leise, verschlafen. Schön! Ich stell es zur engeren Auswahl neben das Bild mit dem Chor.

    Es ist die Lust am Malen, sagt sie. Oft entstehe das Bild aus der momentanen Situation heraus. Blumen, Landschaften, Farben, Menschen, auch Tiere sind mit dabei. Die Farben mischt sie selbst, in vielen Kursen hat sie das gelernt. Alberta Pfeifhofer, Malerin, Treitling 5. Pinsel, Farbe, Spachtel, Holztafel, Leinwand, Aquarellpapier, PanArt – das sind ihre Werkzeuge. Gedanken in Farbe getaucht – das stand vor einiger Zeit in einer Rezension zu einer ihrer Ausstellungen. Und solche gab es viele.

    Drei Ansichten – ein Frauenakt. Es ist das größte der drei Bilder, die nun alle drei vor der Balkontüre stehen. Eines davon darf ich mit nach Hause nehmen. Das Bild mit dem Chor ist es dann – die Wahl kommt schnell. Etwas später wäre es anders ausgegangen. Erinnerung an meine Schulzeit, Erinnerung an meine jungen Jahre ergebnisloser Bemühungen, mit der Musik etwas beginnen zu können. 

    Bilder schaffen es, einen von sich selber wegzuziehen, oder einen in eine Geschichte hineinzuziehen – in eine gute oder in eine schlechte, in eine ganz weit zurückliegende oder in eine ganz nahe. Stehe ich vor dem pastellfarbenen Bild mit der Dorfidylle vorne rechts, bin ich in einer Geschichte, die mich wegzuziehen vermag – in meine Leidenschaft impressionistischer Fotografie hinein. Das Bild mit dem Chor zieht mich in die Vergangenheit zurück und der Akt in das verschmitzte Schweigen meines Vaters auf die verschmähenden Blicke meiner Mama.

    Hansjörg Rogger

  • Die Rechten tun uns nicht gut

    Wir beginnen alles zu vergessen, was die Rechten vor nun 80 Jahren angerichtet hatten. Man hofiert mit jenen, die unsere Kultur auslöschen wollten. Mit jenen, die allein bestimmen wollten, wohin die Fahrt zu gehen habe. Mit jenen, die die Diversität behindern, mit jenen, die sich nie von der „Flamme“ distanzierten. Mit jenen, die geschickt sind, ihren Wolf im Schafspelz zu verstecken. Mit jenen, die der Wissenschaft wenig Relevanz zugestehen. Mit jenen, die unsere Väter, Mütter, Großväter, Großmütter drangsalierten und ihnen Sprache und Identität rauben wollten.

    Es ist nicht gut, was sich da im südlichen Tirol anbahnt. Ich schäme mich. Die liberalen Optionen gab es zwar, aber sie zählen scheinbar nicht mehr. Humanismus, Natur und Wissenschaften, Diversität und Europäismus werden zugunsten von was weiß ich geopfert. 

    Ich gab meine Stimme für ein weltoffenes, diverses, europäisches Land. Wir wären es unseren Müttern und Vätern schuldig, auch nach 80 Jahren. Die Rechten südlich und nördlich von Salurn schicken sich nun an, Ehevorbereitungen zu treffen. Die, die es besser wissen müssten, drücken beide Augen und Ohren zu. Man höre: „…..wir Freiheitlichen lehnen bi- oder trilinguale Experimente ab. Erst recht sind wir gegen einsprachige englische Schulklassen.“ Sagten dies und verschwanden hinter der Koalitionstür. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger Ex Schulführungskraft. Publizist. Johann.rogger@me.com, 14.10.2023

  • Wer kann schon behaupten, dass nicht irgendwann ich, er sein kann,

    und dann bin ich es, der die 10 Euro vielleicht erbetteln muss. 1.September 2023. Vengo dalla Nigeria, sagt er. Hai un permesso di soggiorno? Frag ich ihn. No, sagt er. Dove abiti? A Bolzano, sono venuto attraverso il mare. Nach seinem Namen hätte ich ihn fragen sollen. Tat ich nicht. Grazie, sagt er und geht. Zum nächsten, übernächsten, überübernächsten. Kein Erfolg.

    Viele leben dieses Schicksal. Tagein und Tagaus. Flucht war die einzige Perspektive. Über das Meer, sagte er. Wir lesen es in den Zeitungen, sehen die schrecklichen Bilder – dann schieben sich wieder unsere angenehmen und weniger angenehmen Dinge in den Vordergrund: Das Schnitzel war zu wenig mager, die Stromrechnung ist ganz schön in die Höhe geklettert, der Obstladen hat auch schon mal bessere Himbeeren verkauft. Es rattert permanent im Kopf. Und diesen Urlaub müsste man sich auch mal gönnen können, das große Auto auch……

    Dann lese ich wieder in der Zeitung und weiß, dass ich gar nichts weiß, erinnere mich an das Zitat von Mamadou Diawar, Ethnologe an der Universität Frankfurt, zitiert in der Zeit Nr. 35/2023: „Was wissen die von uns? Nichts!“ Gemeint ist das Wissen der Weißen über die Schwarzen. Und außerdem – die Kolonialherren haben einiges dazu beigetragen, dass die Länder in Armut versinken.

    Johann Georg (Hansjörg)Rogger Johann.rogger@me.com

  • Malerei der Stille – eine Impression zur blauen Illusion im blauen Blatt und in der blauen Erde

    „Und plötzlich fällt ein Windstoß in den Wald, und es braust auf: ‚Bchuuuuuu!‘ Da hab ich gemerkt, dass sich alles verändert, dass nichts gleich bleibt.“ Sagt Bockelmann. „Ein Erlebnis – der Sonnenuntergang – damals, als Vater uns Kinder auf den Balkon rief. Wenn man das von früh auf als Bub und Mädchen nicht lernt, sieht und hört man das später nicht mehr, nie wieder.“ Sagt Manfred Bockelmann. Und weiter: „Wir müssen alles lernen, sogar die Liebe müssen wir lernen.“ 

    Bilder mit meditativem Charakter sind es: „……die ich als Therapie für mich selber gemalt habe…“ Das war die Zeit der großformatigen Ölbilder. „…..Man darf nicht für andere malen, man muss sich zuallererst selber überzeugen. Wenn das gelingt, stellt man fest, dass man damit auch andere überzeugt.“ (Bockelmann) In dem abstrakten gegenstandslosen Bild, so sagt es Bockelmann, kann nichts benannt werden. Da gibt es nichts, was wir aus unserer konkreten Welt kennen. Kein Baum, kein Berg, kein Haus. „Es ist eine weite leere Landschaft. Vielleicht der Horizont und seine grenzenlose Weite.“ Sagt Bockelmann. „Bitte hör nicht auf, diese Bilder zu malen, because we need it.“ sagte ihm ein New Yorker in einer Ausstellung 1981.

    „Ich habe meinem Vater das Versprechen geben müssen, nie in meinem Leben mit einem Gegenstand auf einen Menschen zu zielen – es könnte irgendwann ein Gewehr sein.“ Sagt Manfred Bockelmann. Das war einer jener Momente in seiner Biografie, die ihn aufmerksam gemacht haben – auf das Leben und auf die Sanftheit. Und nicht nur.

    Und ich – oben auf der Empore – beginne zu assoziieren: „Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön……“ Matthias Claudius. Und Hugo Zuckermann huschte auch noch schnell in meine Gedanken hinein: „..uns schreckt kein spielender Schatten, uns trübt kein nebelnder Rauch. Wir trinken von farbensatten Wiesen den kühlen Hauch…..“ 

    Bei Alard von Kittlitz fand ich folgende Beschreibung: „Es sind Bilder, in die wir als Betrachter hineinlegen können, was wir wollen.“ Landschaft, der blaue Blick in den Horizont hinein, das Meer. „Diese Bilder stellen das aber eben nicht dar, und insofern zeigen sie uns höchstens uns selbst und was in unseren Köpfen los ist und fragen vielleicht auch vorsichtig, ob wir es nicht einmal stumm mit ihnen versuchen wollen: ohne die ewigen Störgeräusche des in Sprache gegossenen Denkens.“ (Alard von Kittlitz im Zeitmagazin Nr.40) Lass im Betrachten deine Welt entstehen. Also stehe ich vor den Bildern, schiebe das Denken etwas zur Seite und erschaffe meine eigene Welt. Kurt Tucholsky mischt sich aber dann doch noch dazwischen mit seinem „Sündhaft blauen Tag. Die Luft ist klar und kalt und windig, weiß Gott: ein Vormittag, so find ich, wie man ihn oft erleben mag.“

    „Es ist die Erinnerung an das, was wichtig ist.“ Sagt Bockelmann. „Wir kommen alle aus der Landschaft und verschwinden wieder in ihr. Am Ende gibt es nur mehr Staub.“ Und das, was von uns übrig bleibt – was wir selber geschaffen haben. Der eine so, der andere anders. „Ich male.“ 

    „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten…..“ Anfangsverse des Herbstgedichtes von Rilke. Anders als Rilke beschreibt sie Bockelmann nicht, er zeichnet und malt sie. In vielen Varianten. Keine Variante ist der anderen gleich. „Am Baum ist das Blatt zweidimensional, aber wenn es runterfällt, dann krümmt und rollt es sich ein. So wie die Hand eines alten Mannes.“

    „Es ist so, als erleideten sie den Herzschlag und sterben ab.“ Der Abschied von der Welt. Sie haben Ihre Schuldigkeit getan, verfärben sich, fallen, bäumen sich auf, krümmen und winden sich. Am Ende verfallen sie zu Staub. „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.“ Zwei Verszeilen Rilkes. 

    Das gefallene Blatt ist am Ende seiner Tage. Bockelmann malt es blau. „Die blaue Farbe ist eine mystische Farbe.“ Sagt Bockelmann. In der Natur ist sie vor allem dort zu sehen, wo Lichtbrechung ihr die blaue Illusion verleiht. In der Romantik suchte Eichendorff nach der blauen Blume: „…….Ich suche und finde sie nie, mir träumt, dass in der Blume mein gutes Glück mir blüh…….“

    „Mit der Farbe blau will ich einen Kontrast setzen und einen Hinweis geben, dass das Leben weitergeht. Und das blaue Blatt erweckt das Interesse, das es sonst so nicht geben würde.“ Am Ende wird das blaue Blatt auf eine Weltreise geschickt. Von der Werkstatt Bockelmanns in Kärnten 19mal in die Welt und dann wieder zurück: Kiew, Lemberg, New York, Bologna, Vatnajökull (Island), Herne in Nordrhein Westfalen, Namibia, Tunesien, Wien, Toblach, Latschach in Kärnten – und noch andere mehr. Ich bin gespannt, was sich Kinder in der Welt zum blauen Blatt haben einfallen lassen. Interessant weltoffen, was sich das Team des Kuratoriums Rudolf Stolz Museum ausgedacht hat. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Manfred Bockelmann: 24.6.23 und 3.9.23. Johann.rogger@me.com Korrekturgelesen: ChatGPT

  • Wenig aufbauende Pädagogik, damals in den 50er und 60er Jahren

    Und doch spüre ich immer wieder in die Zeit hinein, wo ich als Bub Lederhosen trug, wo ich Angst hatte um Menschen, die mir nahe standen, wo ich das rote Blechtretauto fahren konnte, wo ich auf die Mauer stieg, runterfiel und sich viele um mich mitleidsvoll kümmerten, wo ich gelitten hatte, und der Trost oft lange auf sich warten ließ. Wo ich eifersüchtig war, weil andere mehr Aufmerksamkeit hatten, wo ich nach Liebe buhlte und zu spüren bekam, dass andere besser waren, wo ich gelogen hatte, um der Strafe zu entgehen, wo ich auf der Ofenbank Schläge bekam, weil ich ungeschickt Honig verschüttet hatte und Milch als Notlüge gebrauchte. 

    Mein Mitleiden mit den anderen war nicht selten auch zorniges Mitleid, hasserfülltes Mitleiden. Im Kindergarten drückte ich mich meiner Spaziergehpatnerin fest in ihre Hand. Es muss ihr Schmerzen bereitet haben. Und mir auch. Ich mochte, dass sie mich spürt. Sie hat es nicht gezeigt, aber es muss grob gewesen sein. Und dann tat sie mir leid, weil sie hilflos wirkte. Ich hasste mich, weil ich mich an ihrer Hilflosigkeit und Verletzlichkeit gut fühlte – gleichzeitig war mir zum Kotzen schlecht. Ich kenn nicht mal mehr ihren Namen. 

    Schamlos habe ich meinen aufgestauten Frust bei anderen abgelassen. Und dann hasste ich mich dafür. Das Mitleid kam immer schnell und gewaltig. Einmal so, einmal anders. Ich wollte das Sanfte, erwartete mir viel, bekam es nicht, und dann kam der Zorn, die Wut, die Rache. Danach die Enttäuschung, die Scham. Auch das hat mir nie das gebracht, nach dem ich mich sehnte. Allein die Schuldgefühle pressten mir den Schweiß aus den Poren. 

    Erzählt habe ich niemandem davon. Schon gar nicht den Pfarrern, die gierig nach unseren Sünden lechzten. Ich habe hineingefressen was nun mal hineinzufressen ging. In der Schule war ich viel krank, Ich wollte oft krank sein. Es war dies das einzige Mal, wo ich Aufmerksamkeit bekam. Oft auch schimpfende Aufmerksamkeit. „Hast du wieder mal zu wenig aufgepasst!“ Jetzt war ich der „Hons“, der ich nicht sein wollte. Immer wenn man zornig mit mir war, war ich nicht mehr der „Hansjörg“. Ich tat so, als berührte mich das nicht, aber es tat weh.

    Lesen, schreiben und etwas rechnen hab ich gelernt. Parieren und immer tun, was die Damen und Herren Lehrer und die Pfarrer wollten – dafür war die Haselnussrute auf unseren Handrücken gut. Tat weh auf den ausgestreckten Fingern. Wenig aufbauende Pädagogik damals in den 60er Jahren.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Johann.rogger@me.com

  • Was hat Diskriminierung mit Autokratie zu tun?

    Ich kann für mein Handeln alles Mögliche verantwortlich machen: meine schwierige Kindheit, meine Eltern, meine Lehrer*innen oder meine unerfüllten Kindheitswünsche. Doch all das ändert nichts daran, dass ich schuldig bin, sobald ich jemandem – in welcher Form auch immer – Schaden zufüge. Meine Erlebnisse mögen mein Verhalten relativieren und für mich selbst erklärbar machen, nicht jedoch für die Person, die mein Tun ertragen musste.

    Ob Diskriminierung, Herabwürdigung oder Bevormundung – all das sind Übergriffe, die niemals auf Augenhöhe stattfinden. Nur echte Augenhöhe hat das Potenzial, autokratischen Tendenzen – und damit Diskriminierung – etwas entgegenzusetzen. Diskriminierung befeuert Autokratie, und Autokratie ist wiederum der Nährboden für Ungerechtigkeit. Wenn wir nicht wachsam sind, schleichen sich diese Tendenzen in unsere gesellschaftlichen Strukturen ein und vergiften sie von innen heraus: Befehle und Anordnungen ersetzen Auseinandersetzung und Kompromissbereitschaft. Wie Metastasen zerstören sie unser Rechtsverständnis, unsere Debattenkultur, unsere Angstfreiheit und unsere Vielfalt.

    Unsere Gesellschaft läuft Gefahr, die Blase des Verstehen-Wollens auf Kosten der Opfer immer weiter aufzublähen. Täter*innen verstecken sich gern hinter autokratischen Machofassaden. Doch die #MeToo-Bewegung zeigt, dass es Hoffnung gibt: Diese Fassaden bröckeln. Die Blase, in der sich Machos – welchen Geschlechts auch immer – sicher fühlten, wird durchsichtig; an manchen Stellen kommt es zu heftigen Eruptionen. Genau diese braucht die Gesellschaft – von der Familie über die Schulen (vor allem die Schulen!) bis hinein in Kirche und Politik. Nur so haben demokratische Systeme, die derzeit immer stärker unter Druck geraten, eine echte Chance.

    Man bedenke: Weltweit gewähren nur rund 22 % der Staaten ihren Bürger*innen umfassende demokratische Rechte. Der große Rest lässt keine „Eruptionen“ zu – nichts von dem, was wir in Europa als demokratische Grundrechte schätzen. Dort wachsen die Blasen weiter, werden dichter, größer und undurchsichtiger. Augenhöhe existiert nicht mehr, Diversität schon gar nicht. Inklusion verkommt zum Fremdwort, allenfalls gut aufgehoben in Spracharchiven.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

    Publizist

  • ….und während ich in Gedanken versunken bin…….

    gehe ich den Weg hinauf. Kühl ist es. Auf halbem Weg eine Kurznachricht von CNN: „Russian opposition leader Alexey Navalny is facing an even longer stint in jail after being sentenced to 19 years in prison on extremism charges.“ Ich bleibe stehn, der Zorn drückt sich in meine Brust hinein. Wut vermischt sich mit Traurigkeit.

    „Wir haben keine andre Zeit als diese“, schrieb Mascha Kaléko. Ich habe keine andre Zeit als diese. Deshalb muss ich weitergehen – dorthin wo es mich hintreibt – trotz des Leids nicht weit von hier entfernt. Ich bin ein Kind der 50er Jahre, voller unhinterfragter Hoffnung. Und nun? „Wir kamen еinst mit Kindesgläubigkeit in ein vom Sturm verwüstetes Jahrhundert. Einst hofften wir und nun schweigt’s in uns verwundert……“ Mascha Kaléko. 

    Das Regime in Russland malträtiert alles, was ihm in die Quere kommt und frisst sich an der Ukraine satt. Gedanken hinauf zum Schloss. Hier darf man frei gehen, frei denken, frei fühlen. Nur ein paar tausend Kilometer entfernt, stirbt man dafür.

    Ich gehe über die Brücke. Alles ist fest, geordnet, schön, unaufdringlich und friedlich. Ich wische weg, was mich zernagt, zornig und nicht selten ungerecht macht. Ich bin gespannt auf das alte Gemäuer, auf „because we believe”, auf Frederic Chopins “nocturne”, auf Lucio Dalla, auf Ennio Morricones “you’re still you”. Vielleicht auch wieder “I think to myself what a wonderful world”. Zögerliche Freude, während man zur gleichen Zeit um das Leben von Maria Kolesnikowa bangt. In Belarus vom faschistischen Terrordespoten weggesperrt. In vielen Teilen unserer Welt in Syrien, Ukraine usw. usw. gibt es diese wunderbare Welt nicht mehr. Ist es gut, sich eine wunderbare Welt herzuwünschen? So wie sie jetzt unter meinen Füßen hält und immer wieder hält? Ja, sag ich mir! 

    Schloss Welsperg – gebaut von Männern, wie sie Bert Brecht in den Fragen eines lesenden Arbeiters beschrieben hat. Beauftragt von adelsmächtigen Geldgebern. Die Stube – uralter Boden, dicke Mauern, tausende Male betreten und berührt, und ich sitze da, lausche der Meditation von Jules Massenet und dann Errol Gardners “Misty. Die Narben im Boden, der Geruch, die schwere Tür mit den schweren Beschlägen und „you‘ll never walk alone „ von Rogers und Hammerstein, „Merci“ von Jürgens, „Den unmöglichen Traum träumen“ von Leigh und Darion. Die Geige, das Klavier – die Resonanz im dicken Gemäuer. Neues trifft auf Altes – ein Widerspruch? Nein!

    „At the end of a storm, There’s a golden sky, And the sweet silver song of a lark.“ Tausende hören diese Lerche nie mehr. Ich sitze auf den jahrhundertealten zerfurchten Holzdielen. Ich denke an den goldenen Horizont, die liebevoll gepflegten alten Stuben, die Seele, die dieses Schloss umgibt und an die Lieder von Halma. 

    „Sognamo un mondo senza più violenza
    Un mondo di giustizia e di speranza
    Ognuno dia la mano al suo vicino
    Simbolo di pace e di fraternità…” Trio Halma singt und spielt es in den Saal hinein – kraftvoll, engagiert, behutsam. Chopin, Bocelli, Lucio Dalla, Andersson – das Publikum reagiert kraftvoll zurück und spaziert emotional aufgeladen und friedvoll nach Hause – über die Brücke hinunter auf den Schlossweg. Die Kuratorin Brunhilde Rossi weiß, wovon sie spricht, sie sieht und spürt es in unseren Augen, an unserer Ruhe, an unserer unaufgeregten Zufriedenheit.

    „Lead us to a place, Guide us with your grace, To a place where we’ll be safe – Führe uns an einen Ort, führe uns mit deiner Gnade, an einen Ort, an dem wir sicher sind.“ (The Prayer) “What a wonderful world” ganz am Schluss als Zugabe. Halma interpretiert Louis Armstrong. „I hear babies cry, I watch them grow…I see friends shaking hands, saying how do you do?……” Das Herz blüht auf und sinkt wieder in sich zusammen. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger. Johann.rogger@me.com

  • ..und schon ist alles vorbei

    Facebook Eintrag vom 14. November 2019, 14.52 Uhr, der Bürgermeister der Gemeinde Bruneck: „Morgen alle Schulen geschlossen.“ ich saß am Mac Book. Die Facebookseite der Schule in der Seitenliste griffbereit. Instagram auch. Die Notiz im digitalen Register platziert. Zu viel Schnee, fast kein Durchkommen.

    Die 1am war jetzt in ihrem 2. Jahr, also die 2am. Und dieses 2. Jahr brachte viele Überraschungen. Vieles kam zu den internen Schwierigkeiten im 1. Jahr dazu. Ihr kennt sie, ich kenne sie. So als hätten junge Leute nicht schon genug am Hals. 

    Das mit dem vielen Schnee ging vorbei. Was aber 2020 begann, schien sich festgebissen zu haben. Für lange Zeit. Es war nicht mehr in unserer Lebensroutine inbegriffen. Am Anfang noch willkommene Abwechslung, aber bald schon war es diese nicht mehr.

    Aber das ist eine andere Geschichte. Und doch ist diese 1am, 2am und bis herauf zur letzten „am“ Teil dieser besonderen Geschichte. So kamen oft solche Fragen über WhatsApp: „Guten Morgen Herr Direktor! Ich hätte eine Frage, Alle meine Schulunterlagen sind noch in der Schule, und sie wären auch zuhause sehr hilfreich… Darf ich nach Bruneck fahren und in der Schule meine Unterlagen holen? Danke und alles Gute
    Lea Marie Steinwandter (2aM), 5.Mai 2020, 10.14 Uhr

    Damian Salzburger am 8. April, 2020, 16.48 Uhr, guten Tag Herr Direktor, ich habe von Teams mein Passwort vergessen. Einen Tag später, am 9. April 2020, 9.32 Uhr, hallo, ich habe das neue Passwort bekommen und gespeichert, danke.

    Die Klassensprecherin am 1.April, 2020, 20.53 Uhr: Guten Abend Herr Direktor! Wir die Klasse 2aM, wollten uns bei Ihnen melden um Ihnen unsere etwas kritische Situation zu schildern. Wir sind momentan sehr überfordert mit der Situation und den ganzen Aufgaben. Natürlich sind wir uns bewusst, dass dies eine Ausnahmesituation ist und dass dies für alle schwierig ist. Jedoch verlieren wir allmählich den Überblick. Das eigentliche Problem sind nicht nur die vielen Aufgaben, denn diese können wir irgendwie schon meistern. Doch mittlerweile erhalten wir Aufgaben über das Digitale Register, Google Classroom, Microsoft Teams oder Whatsapp Gruppen, und so kennen wir uns teilweise nicht mehr richtig aus und manchmal kommt es vor, dass wir Aufgaben übersehen. Wir versuchen unser Bestes, aber tun uns im Moment ziemlich schwer damit…..“

    13.27 Uhr am 24. Mai 2020, Caterina Declara: Guten Tag Herr Direktor, ich habe heute Nachmittag eine Schularbeit in Religion. Ich möchte die Schularbeit am Computer machen, damit es einfacher und unkomplizieter ist und nicht wie bisher am Handy. Mit dem Account, welchen ich im Februar bekommen habe, kann ich mich leider nur mit dem Handy einloggen. Könnten sie mir weiterhelfen? Danke! Um 15.17 Uhr schreibt sie: jetzt hat es geklappt.

    Und so ging es viele Male weiter. Morgens, vormittags, nachmittags, abends und, etwas weniger häufig, aber doch auch gelegentlich – des Nachts. Eine ganz neue Erfahrung, die gut tat.

    2019 war das Jahr mit „my melody“ Wettbewerbssieger! Ein Video, eine Eigenkomposition. „Etwas Kraftvolles“, stellte die Raika fest. Ich war, wie bei all diesen Meldungen, freudig berührt. Noch mehr überrascht hat mich die künstlerische Interpretation, die Klarheit in der Bild- und Textgestaltung und das Konzept dieser Melodie. „Kommt, erzählt mir eure Geschichte“, hat es geheißen und sie haben sie erzählt, so wie man ein Gedicht erzählt. Sie waren mitten drin, sie selbst als Teil ihrer Melodie. Erstaunlicherweise war das die Klasse immer – mitten drin. 

    Sehr vieles hat die Klasse angetrieben. Die Bühne war ein wichtiger Teil davon. Angetrieben vom Wunsch, der Schule mehr als gute Noten abzuringen. „In this Heart“ bis „thou of Lord“ und dazwischen „meine Deutschlehrerin“. Dann noch your melody“, „fiore di maggio“ und vieles mehr. Das war der Schlussakkord. Für kurze Zeit ließ mich vergessen, was wenige Tausend Kilometer von uns entfernt der kriegswütende Russe angerichtet hat und immer noch anrichtet.

    Es ist unschwer auszumachen, was diese 21 bewogen haben könnte, diese Liebeserklärung an ihre Deutschlehrerin zu erzählen. Noch viel unmittelbarer, als es die Melodie ohnehin schon war. Angetrieben auch vielleicht von der Lust am Fabulieren, gespickt mit Gedanken, Anektoden, und Pointen. Eure Deutschlehrerin, die ihre Lebensschule, wie sie selber sagt, auch im „Café am Rande……“, ihr wisst schon was ich meine, gefunden hat. 

    16mal waren es keine dunkelgrauen Lieder. „Tu che sei nata dove c’è sempre il sole…….e quel sole c’è l’hai dentro al cuore…” Und ich stelle mir vor, wie schrecklich es sein muss, gewaltsam nicht geboren werden zu dürfen, im Krieg nicht weit von uns entfernt.

    Es hat gut getan, euch zuzusehen und aufmerksam zu lauschen. Viele wichtige Dinge huschten da nicht einfach an mir vorbei. Kleine Dinge, scheinbar unscheinbare Dinge und doch ein Stückchen von dem, was die 21 antreibt.

    Rogger Johann Georg (Hansjörg), April 2023. Korrekturgelesen: ChatGPT / Abschiedserinnerungen des Schuldirektors Rogger

  • …..und nichts ist geschehen

    Kirche hat Frauen verbrannt – ist sie jemals dafür zur Verantwortung gerufen worden? Aber auch Giordano Bruno hatten Inquisitoren um 1600 mitten in der Stadt des Papstes verbrannt. Hatte man die genussvoll zuschauenden Kleriker jemals geächtet? Hat man sie jemals als Mörder gebrandmarkt?

    Kirche hat gefoltert – sind die Folterer jemals vor Gericht gekommen?

    Kirche hat junge Buben missbraucht – wo sind die Missbraucher hingekommen?

    Kirche hat geschwiegen, wenn sie hätte reden müssen – wo haben sich die Schweiger versteckt?

    Frömmigkeit verhindert keine Kriege. Gerade jetzt in diesen tragischen Zeiten sieht man es wieder und immer wieder. Kirchen stehen nur da und reden und reden und reden – mit gefaltenen Händen. Mütter, Kinder, Väter sterben. Schlimmer noch sind die ganz Gerissenen, die im Namen Gottes hetzen und Aggressoren und Mörder mit Weihwasser besprengen. Das gab es alles schon viele und viele Male. Die Geschichte lehrt es uns. Kreuzzüge damals. Heute, wenige 1000 Km entfernt wird im Namen eines Russengottes gemordet. Und die anderen Götter schauen zu, wie ungeborene Babys im Bombenhagel verrecken. Und empören sich! Mehr aber auch nicht.

    „Die christliche Kirche treibt nicht nur die Gläubigen in die Gräben und segnet die Maschinen, die zum Mord bestimmt sind – sie heilt auch die Wunden, die der Mord geschlagen hat, und ist allemal dabei.“ Kurt Tucholsky hat das geschrieben.

    Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf sagt, nachdem er in die Vatikanarchive Einblick genommen hat, „dass der Papst intensiv über das Schicksal der Verfolgten und ermordeten jüdischen Menschen informiert war, und zwar nicht nur auf der großen politischen Ebene, sondern eben auf der ganz persönlichen Ebene, wo hunderte und tausende Bittschreiben ihn tatsächlich erreichten.“ Und Herr Wolf stellt die Frage, warum Pius XII den Holocaust nicht öffentlich verurteilt habe. „Warum hat er sich dem Protest der Alliierten gegen den Holocaust im Winter 1942 nicht angeschlossen?“

    Und sie haben nichts Besseres zu tun, als festzustellen, dass das Zölibat nichts aber schon gar nichts mit dem Priestermangel zu schaffen habe. Das sind die kirchlichen Prioritäten in Zeiten von Mord und Totschlag – wenige Kilometer von uns entfernt.

    Johann.rogger@me.com

  • Mein leben – Meine Kunst – Seiwald

    Die Kunst fasziniert, und nicht nur. Die Suche nach dem Stückchen Wahrheit, nach der Vision einer Welt, dessen Erinnerungen verloren zu gehen scheinen. Wild verwoben mit dem Forschergeist – erdverbunden. Und die Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. „Schau alle Wirkenskraft und Samen und tu nicht mehr in Worten kramen.“ Goethe fällt mir ein, während ich zuhöre und staune.

    Ich giere nach dem Entdecken dessen, was ich mir vorgestellt hatte, dass es so sein könnte. Die Werkstatt – ein sonnengewärmtes Paradies, der Traubenlaubengang – hinauf in den Garten. Der große Tisch in der Mitte, die vielen Stellagen und Nischen an der Seite. Buddha steht im Garten neben Sonnenblumen, Rebstöcken und Farngräsern. Die Fassade mit den vielen schräg montierten Fenstern – ungewöhnlich. Ein sonnendurchflutetes Haus, von unten bis hinauf zum First.

    Die Schatullen mit Pinseln, Sprühdosen, ein altes Telefon, Schraubstock, Klebebänder, Stifte, Bilder, Kartone über Kartone, Leinwände, Gitarre und eine Trommel – sie erinnern mich an das farbige Hören und die Visualisierung von Tönen in Farbe. Und am Boden die schwarze Pflanzenerde. 

    Positive, weltzugewandte Visionen einer Seele. Nicht intendiert, als er damit an der Leinwand begann. „Ich weiß nicht, was da draus wird, wenn ich male.“ sagt er. Da entstehen plötzlich Bäume, oder auch nicht, filigrane Muster, Farbschichten und Formen. Farben und Formen verbinden sich, lassen Deutungen vermuten, verwischen diese wieder und werden belanglos in ihrer Isolation und bedeutungsstark in ihrer Synergie. Interpretationen wären gekünstelt und aufgezwungen. Sie sind offen. Meine Gedanken aber entspringen meiner Welt, die mit der seinen kaum oder gar nicht vergleichbar sind. Sie interpretieren aus der eigenen Geschichte heraus, motiviert durch gute und schlechte Erfahrungen, durch die spitzen und weniger spitzen Punkte im Leben. Wie Keramikpits aufgedröselt auf einer Kette. Jedes Pit eine Geschichte, wiedererwacht und hineingetragen ins Bild. Ein Zurückerinnern, ein Gewahrwerden, ein Vergleichen, ein freudiges und weniger freudiges Nachdenken über sich selbst und die Welt. Es ist nicht meine Welt dort auf dem Bild. Es ist die seine. Wenn ich dabei verweile – schaue und nicht nur sehe – dann wird es ein bisschen auch die meine sein. „Ich male mir meine Welt“ sagte der deutsche Maler Gerhard Richter. Die Abstraktion lässt vieles offen. Wenn die Nichtgegenständlichkeit mit den Farben und Formen gefällt oder nicht gefällt, dann dominiert die Ästhetik, meine Ästhetik, mein Interesse an den Formen und Farben und mein Interesse hinter alledem. Ich spinne meine Wünsche, meine Ängste und Sorgen wie in einer Spirale nach oben, verweile, ziehe Vergleiche und finde mich in einer Katharsis wieder. 

    „Ich Male und arbeite nicht aus depressiven Verstimmungen heraus“, sagte er, und ich dachte an den Sternenstaub, Acryl auf Leinwand, Louis Seiwald 2022. Und dann „die Seele“ ein Seiwald Acryl 2015. Leinwand 120×120. 

    Ich stehe vor der „Seele“, denke nach. Und ich male mir meine eigene Seele – im Kopf – genährt durch das, was ich selber bin. Unten die feinen Fäden, Nervenstränge? Vielleicht? Herzschlag unserer Träume, Sehnsüchte, Vorlieben, Leidenschaften und Ängste. Konnex mit dem, was tief in uns drinnen sein mag und uns und unseren Weg entscheidend mitprägen wird. „Wenn Natur dich unterweist, dann geht die Seelenkraft dir auf.“, liest man bei Goethe. „Auf der untersten Sprosse der Leiter“ so Albert Camus „gewinnt der Himmel seinen ungeschmälerten Sinn, er ist eine köstliche Gnade. Sommernächte, unerforschte Geheimnisse, in denen Sterne aufsprühten.“ Und schon bin ich beim „Sternenstaub“. 

    „Glückselig also ist ein Leben, welches mit seiner Natur in Einklang steht.“ Seneca. Wenn man Seiwald zuhört, dann spürt man den Wunsch und das Streben nach einem solchen Einklang. Wenn man einen Blick in seine Werkstatt tut, dann drängen sich ebensolche Fragen auf. Da stehen nicht die Leitsätze an den Wänden geschrieben, sie liegen auf der Werkbank und am Boden. Sie stehen an den Staffeleien, hängen an den Wänden und liegen schön geordnet in den Schubläden. Und gleich beim Eintreten begegnet man den Planet Drums. Öfters schon in Ausstellungen entdeckt. Wenn Texte rund um den Planet kreisen, dann vielleicht als Performance gedacht, oder auch gedacht als der Planet, der ein Ordnungsriese unserer wertvollen Gedanken sein möchte. Ein schöner Platz dafür in der Kunstwerkstatt, neben Tontellern und Tontassen. Und neben dem Bild der Künstlerin Barbara. Auf einem dieser Drums, Zoderers Gedicht eingraviert: „Meine Nacht blutet nicht mehr………“ 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • Faschismus und Naivität

    Sollte tatsächlich der Faschismus in Italien wiederauferstehen, dann sind die Bürger*innen des Landes verantwortlich, die dafür in ihrer blinden Naivität und geschichtsvergessen ihre Stimmen zur Verfügung stellen.

    Möge doch noch die Vernunft in die Köpfe Einzug halten. 

    Wehret den Anfängen. Danach ist alles zu spät und wir driften ab – womöglich in die Unfreiheit. Beispiele gibt es zuhauf: Man schaue nach Ungarn und Polen. 

    Also bitte, tut die Augen auf, lest die Geschichtsbücher, schaut euch an, wie es den Menschen in Russland, China und Iran geht. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • R.K. und das Ungewöhnliche

    Es war eine andere Zeit. Computer waren noch elitär, zu finden in den Wörterbüchern, zu hören aus den Staaten über dem Ozean. Es sei was Amerikanisches, hat man schon viel früher verkündet. Und ganz langsam waren sie zu sehen als Hi-Tec-Dinosaurier in improvisierten Räumen. Computerräume wurden sie genannt; die ersten Möbel gab es zu kaufen. Groß, schwer und sehr teuer. Eine neue Zeit schien sich anzukündigen. ISDN-Internet, damals eine Revolution. Die sozialen Online-Netzwerke gab es nicht. Noch völlig unbekannt. Das Internet hat fast gar nichts mehr mit dem zu tun, was es heute ist. Spannend allemal. Man wähnte sich in der Zukunft, aber los ging es erst richtig jetzt.

    Die 80er Jahre. In der Schule war man sehr konservativ unterwegs. Viel zu reaktionär, rückwärtsgewandt. Und doch gab es Lust nach dem Ungewöhnlichen. Und das Gefühl, dass es so wie es ist, nicht bleiben kann. Hat Bert Brecht mal gesagt. Und Richards Aufbruch war keine Stimmung, er hat es getan. „Das Neue steckt schon in uns drinnen, wir müssen nur den Blick nach innen richten, um es auch zu sehen.“ Sagt der Literat Hermann Winkler. „Innovation braucht Ruhe zur Besinnung, Freude am Schaffen und Raum zur Entfaltung.“

    Kreieren, create , creare – ausklügeln, entdecken, entwerfen, erdenken, erklügeln, gestalten, generieren, austüfteln. Die Theoriebücher füllten sich mit innovativer Didaktik.

    Es fühlt sich an, als gebe es da noch etwas hinter den schönen Theorien. Etwas Besonderes machen, erzeugt immer Erinnerung. Mainstream ist langweilig und sehr flüchtig. Schriftliche Kommunikation im Mainstream geht gerade aus, ist linear, wenig nachhaltig, nicht spannend, nur auf Technik fokussiert. Es gibt keine spitzen Punkte, die fürs Leben von Bedeutung sein werden. 

    Für das Leben von Bedeutung? Man weiß es. Aber man hält sich nicht dran. Man wagt es kaum, aus der Dressur herauszukommen. Dressur ist das Antibiotikum – gegen das Leben gerichtet. Das Ausklügeln, Gestalten, das neu Generieren ist das Probiotikum – für das Leben, die Spannung, für das Geheimnisvolle hinter den Dingen. „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht?. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“ sagte 1952 Albert Einstein.

    Die Antiquiertheit des Unterrichts wurde ad acta gelegt – von Leuten wie R.K. – Assoziationen wurden gesucht. Je abstruser, umso effizienter; je verrückter umso nachhaltiger; je abgehobener, umso grandioser. Leidenschaft statt akademisch technisches Lehren. „Nüchtern besoffen sein.“ Der Wiener Schauspieler Otto Schenk hat das gesagt.

    Technisches Lehren fließt nicht. Es übt nur ein – sanktioniert und stresst. Automatisiertes Können ist gut, bleibt es aber isoliert, dann ist es zu wenig, zu abstrakt, ohne eine Wertebasis. Wenn aber technisches Lehren fließt, berührt, emotional assoziieren kann, dann gibt es Perspektive, Lust und Genugtuung. 

    R.Ks Intention: Die beiden Seiten der Münze sehen und deren Bedeutung generieren. Neu und alt; vorne stehen und nach hinten dozieren, dann aber den Spieß umdrehen – entdecken lassen.

    Der freundliche Begleiter – der Lehrer – die eine Seite der Münze. Die Autorität – die andere Seite. Die Synergie zu schaffen, das ist die Kunst.

    Es geht weit über das Sachziel hinaus. Musik, Film und das Neue, was sich am Horizont ankündigte – das alles kam dazu. Die Kombination ritzte Erinnerungsspuren ins Gedächtnis: Hausnachrichten, um ein Beispiel zu nennen. Abgeschafft mit dem Abgang von R.K. Alternativen sind nicht mehr nachgekommen. Es fehlt die Lust am Ungewöhnlichen. Assoziationsketten werden nicht mehr gesucht. Literatur und Musik war eine, Moderation im Nachrichtenstudio eine andere, Kreativer Umgang mit neuer und alter Technologie wieder eine andere. Die Fotokunst im Porträt eine weitere. Foto- und Videostudio die spitzen Punkte im Reigen des Ungewöhnlichen. „Alles was erlebt wird, hat Stempelgewalt“, sagt der 92jährige Wiener Schauspieler Otto Schenk. Das Erleben verhindert Flüchtigkeit und somit ein Abdriften in die Bedeutungs- und Wertlosigkeit.

    Nachdem das Digitale nach den 80ern Fahrt aufgenommen hat, schob sich auch der Film und der Filmschnitt in den Vordergrund. Eine Fundgrube für junge Leute, die den Perspektivwechsel von der analogen zur digitalen Welt mit offenen Armen begrüßten. 

    Der Ansporner ging synchron mit seinem Publikum. R.K. als Modell, Dozent, Handreichung für Gewohntes, Ungewohntes und Zukunftträchtiges. Der Dichter Jean Paul: „Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.“ Soll wohl heißen, dass gute Bildung immer „einen geistigen Überschuss, eine kleine utopische Verheißung“ enthalten muss. (In: „Die Welt“ 2018) 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / zur Pensionierung des IT Lehrers Richard Kammerer / September 2022

  • Silvia

    Viel zu früh – und wie immer viel zu spät, um das zu sagen, was man immer schon sagen wollte. Hinausgeschoben und hinausgeschoben und wieder hinausgeschoben. Bis es zu spät war. 

    „3473054201“ ist jetzt Geschichte. Es antwortet niemand mehr. Stille, nur noch Stille. “just keep it simple!!!❤”* So steht es noch in den Kontakten. Nimm es einfach nur einfach. 

    **Die Blumen sind zart, sie stehen eng beieinander und ihre Büten sind so dicht, dass man nicht dahinterschauen kann. Es riecht nach frischen Frühlingsblumen. Der blaue Vogel – Erinnerung an die blaue Blume? Die Farbe blau – an Ruhe, an die Weite, an den Schutz, an den Frieden? Die schwarze Frau – Impuls für die Weite des Lebens, für die Welt da draußen, für das Ungewohnte, für das Unvoreingenommene. Das hochgesteckte Haar, wie das von Amanda Gorman: “when day comes, we ask ourselves: where can we find light……”*** Und dann die Blumen und Schmetterlinge im aufgesteckt drapierten Haar – bunt, lebendig. Und man hört es, das Zwitschern, Summen, Säuseln, Rascheln. „….For there I always light, if only we’re brave enough to see it, if only we’re brave enough to be it.”***

    Eintauchen in die Welt der Farben, der Blumen, der Schmetterlinge, der Vögel. Eins werden. Im Denken und Grübeln verhaftet. „Doch wie bei den Schmetterlingen ist es auch bei den Gedanken: Sie existieren nicht nur, sondern sie entwickeln sich, treten in Beziehung zu anderen Gedanken und haben Auswirkungen…“ (Paul K. Feyerabend)**** 

    **Die Raupe, die weiße Zaunwinde, die Rose, die drei Schmetterlinge, der Vogel, die Sommerblumenwiese. 

    Alle lernen voneinander, passen sich an, verändern sich, und „lernen das Lernen lernen“(Silvia,B.)***** Die Sommerwiese macht’s vor. Sanft, in sich gebettet, interaktiv und friedlich – im hochgesteckten Haar. Danach ist Schweigen. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger: Ein Nachruf auf Silvia Brugger – Lehrerin, viel zu früh von uns gegangen.

    *Silvia Brugger, Netzprofil, 2022. **Silvia Brugger, Profilfotografie, 2022, ***Amanda Gorman, 2021. ****Feyerabend in „Little Monkey“ H.Winkler *****Silvia Brugger, mit Fachgruppe HW

  • Inspirationen, um nicht an der Welt zu verzweifeln

    „I think to myself what a wonderful world, ich sehe grüne Bäume und rote Rosen“ – Louis Armstrong. „Te voglio bene assai – die Kraft der Lyrik dove ogni dramma è un falso – con un po’ di trucco e con la mimica kannst du ein anderer werden“ – Lucio Dalla.

    Vorsorglich mit Pullover ausgestattet, sitz ich unter dem aufgespannten Dach. „…..In diesem Moment scheint das Glück unendlich fern……werden Hoffnungen zerstört“ – Roger Cicero. Trio Halma interpretiert. Eine kühle Briese. Derweil werden Ukrainische Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet. In diesem Moment bangen wieder viele um ihre Träume. Und ich sitze da und erträume mir a wonderful world unter freiem Himmel, ohne Sirenengeheul. Die Artilleriegeschosse töten 2000 Km von hier entfernt diese schöne Welt. Und russische Invasoren vernichten Städte, mutwillig, gnadenlos. China drangsaliert Uiguren und Tibeter, in Myanmar tötet man die Freiheit, den Syrern schickt man russische Bomben. Schandbar, shameful, vergognoso. Und ich sitze hier – mein Blick zum Himmel ist frei und ohne Angst.

    Ich freue mich über Josh Grobans to Where you are, über den wunderbaren Gesang, die Geige und das Klavier. Und ich bange um die Menschen und das Land. Es ist bald ein halbes Jahr her, die Nächte geben den Schlaf nicht mehr frei, und die Tage werden zur Qual. Es muss furchtbar sein, wissen zu müssen, morgen kann es meine Kinder treffen, meine Frau, meine Freunde. Unvorstellbar grausam und doch bleibt das Nachvollziehbare theoretisch, für uns, für mich. Es sind unsere Nachbarn, die die Panik aushalten müssen. 

    „Flieg mich dorthin, wo du bist, jenseits des fernen Sterns“ – Josh Grobans sagt das in seinem Lied. „Ich wünsche mir, dich heute Abend lächeln zu sehn“ – Josh Grobans. Aber es ist schwer geworden in diesen Tagen. Das Lächeln, die Freude und die Sorglosigkeit wurden zu Wunschträumen. „Schläfst du sanft in meinem Traum“ – Der gewaltsame und viel zu frühe Tod lässt das Träumen nicht mehr zu. Den Uiguren, den Burmesinen in Myanmar, den Syrern, den Einwohnern Hongkongs, den Ukrainern, und vielen anderen hat der eigene oder ein fremder Machtapparat das Träumen gekappt. 

    „Besame mucho, Que tengo miedo a perderte – Küss mich viel, ich habe Angst, dich zu verlieren“ von Luis Miguel, interpretiert von Halma. Und dann der langanhaltende Applaus. „Kunst, Tanz, Theater, ich denke für die Zuschauer ist das so etwas wie ein Seelensanatorium“ – Ruslan Talipow, Tänzer am Theater in Odessa sagt das am 10. August, dem 167. Tag des Angriffskrieges Russlands. Halmas Musik, ein paar tausend Kilometer weg von der Katastrophe, ist etwas Besonderes, auch für die Seele.

    Hass, Wut und Rachegedanken treiben mich um in diesen Tagen. Das Trio Halma versprüht die Inspiration – für eine kurze Weile – in die Sanftheit zurückkehren zu können. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger

  • Das Mädchen und die weiße Zaunwinde (das Gewinnerbild im Rahmen des Wettbewerbes „Die Frau in der Kunst“)

    Es ist eng zwischen dem satten Grün. Weidenröschen links, Jungfernrebe rechts und dazwischen grünes Gras, Sonne und Schattenbilder. Es ist kühl. Eibe, Fächerahorn, Flieder und das tiefe kühle Grün des Wiesengrases. Es ist leise. Rascheln – zuerst links, dann rechts. Mehr tut sich nicht – nur Stille. In der Luft feine Flügelschläge – ein paar Bienen, Ameisen am Boden, Schmetterlinge in der Luft. Luftbriese sanft auf der Haut. Der Morgenduft ist lau. Es riecht nach Yasmin und taunassem Gras. Die Sonne saugt aus der nassen Erde. Und die weiße Zaunwinde vor mir, feucht und schön. Ich – gedankenverloren mittendrin. 

    Die Felder lagen still und schwer,
    Der Sommer brachte Segen.
    Wir gingen kreuz und gingen quer
    Und kamen von den Wegen.
    Es stand ein roter Mohn im Korn
    Und eine weiße Winde,
    Es hing ein kleines Nest im Dorn
    Aus Halmen und aus Rinden. (Gustav Falke)

    What a wonderful world. Louis Armstrong klingt mir in den Ohren. ich sehe grüne Bäume, rote Rosen, sie blühen für dich und mich. Und ich denke, was für eine wunderbare Welt. Ich rieche an der weißen Winde. Die Stille ist schön, majestätisch unaufdringlich. Schlag noch einmal den Bogen um mich du grünes Zelt. Da draußen stets betrogen saust die geschäft‘ge Welt – Eichendorff war es, der diese Verszeilen niedergeschrieben hat. Und jetzt wartet die Mama daheim. 

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger