Recherchiert und verfasst von Hansjörg Rogger
Die neuen PISA-Ergebnisse widersprechen der medial und politisch zugespitzten Darstellung, Südtirols Bildung stehe „am Abgrund“. Sie zeichnen vielmehr ein deutlich differenzierteres Bild: Die Ergebnisse rechtfertigen keine alarmistische Darstellung der Bildungssituation. Statt komplexe Entwicklungen mit zugespitzten Schlagworten zu dramatisieren, sollte die Debatte auf Grundlage belastbarer Daten geführt werden – mit einem nüchternen Blick auf die tatsächlichen Stärken, Schwächen und Herausforderungen des Südtiroler Bildungssystems.
Die PISA-2025-Ergebnisse zeichnen ein deutlich anderes Bild als die vielfach zugespitzte Darstellung einer Bildung „am Abgrund“. Die deutschsprachigen Schulen Südtirols liegen in allen drei untersuchten Kompetenzbereichen über dem OECD-Durchschnitt: mit 491 Punkten in Mathematik, 481 Punkten im Lesen und 508 Punkten in den Naturwissenschaften. International entspricht dies den Rängen 11, 15 und 10. Zwar zeigen sich gegenüber 2018 insbesondere in Mathematik deutliche Rückgänge, doch von einem internationalen Absturz oder einem Bildungssystem „am Abgrund“ kann angesichts dieser Vergleichsdaten nicht die Rede sein.
Südtirols Schulen im Spiegel von PISA
Es gibt Zahlen, die zunächst wie eine Erfolgsmeldung aussehen. Und erst wenn man länger hinsieht, beginnen sie zu erzählen, was hinter ihnen liegt.
- Naturwissenschaften 2025
- Mathematik 2025
- Lesen 2025
Das sind die PISA-Werte des Jahres 2025 für die deutschsprachigen Schulen Südtirols: 508 Punkte in den Naturwissenschaften, 491 in Mathematik, 481 im Lesen. Werte, mit denen sich ein Bildungssystem durchaus sehen lassen kann. Im internationalen Vergleich gehört Südtirol damit weiterhin zu den leistungsstärkeren Regionen Europas. Die Naturwissenschaften liegen sogar über Österreich und der Schweiz, die Mathematik nur knapp hinter Österreich.
Man könnte also zufrieden sein. Doch dann tauchen drei andere Zahlen auf:
- Naturwissenschaften 2018
- Mathematik 2018
- Lesen 2018
Sie stammen aus dem Jahr 2018. Und plötzlich verändert sich der Blick.
Denn zwischen diesen beiden Momentaufnahmen liegt eine oft nicht ganz so stille Erosion. In Mathematik sind es 491 geworden. 43 Punkte weniger. Beim Lesen beträgt der Rückgang 24 Punkte.
Lesen: 2018: 505; 2022: 489; 2025: 481 = -24
Mathematik: 2018: 534, 2022: 492, 2025: 491 = -43
Naturwiss.: 2018: 510; 2022: 509; 2025: 508 = -2
Nur in den Naturwissenschaften konnte das hohe Niveau praktisch gehalten werden: 510 Punkte damals, 508 heute. Vielleicht würde es der Schule guttun, wissenschaftlich genauer hinzusehen und der Frage nachzugehen, was dafür verantwortlich sein könnte. Schnellanalysen sind angesichts einer solchen Situation zwar verständlich, oft aber politisch motiviert oder von anderen Interessen geleitet – und letztlich wenig hilfreich. Gefragt wäre stattdessen eine sorgfältige Auseinandersetzung mit den Ursachen.
Landesschuldirektorin Sigrun Falkensteiner führt die sinkenden Lesekompetenzen von Kindern und Jugendlichen unter anderem auf deren zunehmende Handynutzung zurück. „…deren Nutzung eindeutig negativen Einfluss auf das Lernen hat.“ (Sigrun Falkensteiner, RAI Südtirol) Bildungslandesrat Achammer und Sigrun Falkensteiner stellen fest, dass Lesekompetenz gezielter in den Blick genommen werden müsse – mehr Zeit zum Lesen sei erforderlich. Auch dem Elternhaus komme dabei eine wichtige Rolle zu, beispielsweise durch regelmäßiges Vorlesen. Bildungslandesrat Achammer spricht sich in diesem Zusammenhang für restriktivere Regeln bei der Nutzung von Smartphones und sozialen Medien durch Kinder und Jugendliche aus.
Wie wäre es, wenn sich auch die Universität ernsthaft der Frage stellen würde, was hinter diesem Rückgang steckt? Das Smartphone allein wird es wohl nicht sein. Die von rechter Seite häufig ins Visier genommene Inklusion mag sich als Sündenbock eignen – internationale Studien zeichnen allerdings ein differenzierteres Bild. Auch der Hinweis auf das Vorlesen in den Familien greift zu kurz. Sicher spielt es eine Rolle, aber es muss mehr dahinterstecken. Genau das herauszufinden, wäre Aufgabe der Wissenschaft. Sie sollte aus solchen Fragen Untersuchungen entwickeln, Daten auswerten und daraus belastbare Schlussfolgerungen ziehen. Das singapurische System zum Beispiel verwendet Leistungsdaten sehr konsequent zur Steuerung.
Es ist ein eigentümliches Bild. Südtirol steht noch immer weit vorne – aber es steht nicht mehr dort, wo es einmal stand.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieser PISA-Ergebnisse: Nicht der Absturz, sondern der Verlust von Höhe. Denn 491 Punkte in Mathematik sind kein schlechtes Ergebnis. Im Gegenteil. Verglichen mit Deutschland, das 2025 bei 464 Punkten liegt, oder Italien mit 468, Irland 480, oder Finnland bei 469 erscheint Südtirol geradezu beneidenswert. Auch der OECD-Durchschnitt von 463 wird deutlich übertroffen.
Aber Bildung ist kein Wettlauf, bei dem es genügt, schneller zu sein als der Nachbar.
Die entscheidendere Frage lautet: Was ist aus der eigenen Stärke geworden?
2018 lag die Mathematikleistung der deutschsprachigen Südtiroler Schulen bei 534 Punkten. Das war ein außergewöhnlich hoher Wert. Sieben Jahre später sind es 491.
43 Punkte sind in einer Statistik nur eine Zahl. Und doch stehen sie für verlorene Kompetenzen, für Kinder und Jugendliche, die bestimmte Zusammenhänge weniger sicher verstehen, Aufgaben weniger selbstständig lösen, Texte weniger selbstverständlich erschließen. Sie stehen nicht für jedes einzelne Kind – PISA misst keine individuellen Schicksale –, aber sie zeigen eine Verschiebung im gesamten System.
Und vielleicht ist gerade das Beunruhigende daran, dass man diesen Verlust im Alltag nicht unmittelbar sieht. Die Zeugnisse werden geschrieben. Die Jugendlichen machen ihre Matura. Das Leben geht weiter.
Nur die Messlatte hat sich verschoben.
Besonders interessant ist der Blick auf die Naturwissenschaften. 510 Punkte im Jahr 2018. 508 im Jahr 2025. 2022 war es noch 509 Punkte. Fast eine gerade Linie. Deshalb wäre es interessant zu erfahren, was sich hinter dieser Stabilität verbirgt.
Während Mathematik und Lesen deutlich an Boden verlieren, halten die Naturwissenschaften ihr Niveau beinahe unbewegt. Das ist mehr als eine interessante Randnotiz. Es stellt eine Frage: Warum gelingt es einem Bereich, seine Stärke zu bewahren, während andere schwächer werden?
Vielleicht liegt darin sogar ein Schlüssel zum Verständnis der gesamten Entwicklung. Denn Mathematik und Lesen sind nicht irgendwelche Schulfächer. Sie sind Grundlagen, auf denen fast alles andere aufbaut. Lesen bedeutet nicht bloß, einen Text zu verstehen. Es bedeutet, Informationen zu gewichten, Argumente zu prüfen, Zusammenhänge zu erkennen. Mathematik ist nicht nur Rechnen. Sie bedeutet, Strukturen zu erkennen, Probleme zu zerlegen, logisch zu denken.
Wenn diese beiden Fähigkeiten schwächer werden, verliert eine Gesellschaft nicht einfach ein paar Punkte in einer internationalen Statistik. Sie verliert einen Teil jener geistigen Werkzeuge, mit denen junge Menschen ihre Welt ordnen.
Dabei wäre es zu einfach, die Schuld bei einer einzelnen Generation, bei den Schulen, bei den Lehrkräften oder in medial und politisch aufgeputschten Szenarien zu suchen.
PISA 2025 ist auch ein Dokument einer außergewöhnlichen Zeit. Zwischen 2018 und 2025 liegen Pandemie, Schulschließungen, Distanzunterricht, soziale Veränderungen, eine wachsende digitale Welt und eine Jugend, deren Verhältnis zu Wissen und Aufmerksamkeit sich verändert hat. Auch andere Länder haben diese Erschütterungen erlebt. Der Rückgang ist deshalb kein ausschließlich Südtiroler Phänomen. Aber gerade deshalb lohnt der Vergleich.
Südtirol ist nicht abgestürzt und befindet sich schon gar nicht am Abgrund. Es hat sich vielmehr von einem außergewöhnlich hohen Ausgangspunkt nach unten bewegt. Und das macht den Befund ambivalent.
1. Südtirol ist weiterhin gut (europaweit und international). Und 2. Südtirol ist außer in den Naturwissenschaften abgesackt.
Beide Aussagen sind wahr. Die erste beruhigt. Die zweite fordert heraus.
Ein Land oder eine Region kann in einer Rangliste weit oben stehen und trotzdem eine Entwicklung erleben, die Anlass zur Sorge gibt. Ein System kann besser sein als viele andere und dennoch schlechter werden. Und manchmal ist gerade der Blick auf die Vergangenheit aufschlussreicher als der Blick auf die Nachbarn.
Südtirols deutschsprachige Schulen nehmen im europäischen Ranking sogar den 3. Platz hinter Estland und Grossbritannien ein und lassen Finnland hinter sich, das Land, das für Südtirol immer als Vorbild gegolten hat. Und die deutsche Schule Südtirols gehört international weiterhin zur Spitzengruppe (Platz 10-15). Länder wie China, Singapur, Macao, Taiwan, Japan, Estland, Südkorea, Grossbritannien, Kanada, Neuseeland nehmen international die Plätze 1-10 ein.
508 Punkte in Naturwissenschaften zeigen, dass hohe Leistungsfähigkeit weiterhin möglich ist. 491 Punkte in Mathematik zeigen, dass Südtirol auch nach dem Rückgang noch über dem OECD-Niveau liegt. Die Ausgangslage ist also nicht die einer gescheiterten Schule, wie dies in letzter Zeit nicht selten populistisch und politisch vereinnahmt wurde.
Im Gegenteil: Gerade weil noch so viel Stärke vorhanden ist, lohnt sich die Frage umso mehr, was diese Stärke ausgemacht hat – und was davon bewahrt werden muss. Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus könnte dabei hilfreich sein, etwa nach Singapur, dessen Schulen beim Lesen mit 535 Punkten den höchsten Wert aller teilnehmenden Länder erreichten.* Vielleicht liegt die Aufgabe der kommenden Jahre deshalb gar nicht darin, Südtirols Schulen völlig neu zu erfinden. Vielleicht geht es zunächst darum, herauszufinden, was verloren gegangen ist – und warum.
Denn wenn ein Bildungssystem von 534 auf 491 Punkte fällt, sollte die erste Reaktion Aufmerksamkeit sein.
Die Zahlen von PISA 2025 erzählen somit eine doppelte Geschichte. Die eine ist erfreulich: Südtirols deutschsprachige Schulen gehören weiterhin zu den besseren Bildungssystemen Europas und auch international. Die andere ist unbequemer: Ihre außergewöhnliche Stärke von 2018 ist in Mathematik und Lesen nicht mehr dieselbe.
* Ein Blick nach Singapur zeigt, wie Bildungssysteme trotz hoher Belastung stabil bleiben können: Lehrkräfte genießen dort ein hohes gesellschaftliches Ansehen. „Teachingstronger incentives in place, more top-tier graduates may now consider joining the education workforceace, more top-tier graduates may now consider joining the education workforce.“ https://hansjoerg.blog/2025/12/13/aktionismus-ist-auch-in-der-bildungspolitik-fehl-am-platz/
Hansjörg Rogger