19.8.2026: Eine Hommage an das Rudolf Stolz Museum und sein Kuratorium

Kunst wird zum Anlass, die Welt einmal aus einem ungewohnten Winkel anzusehen. Das macht neugierig, und die Erwartungshaltung ist jedes Mal beachtlich hoch. Ein Museum wie das Stolz Museum kann einen kleinen geografischen Raum gedanklich größer machen. Es lässt die Grenzen des Provinziellen durchlässig werden, ohne die eigene Herkunft abzuwerten. Im Gegenteil: Gerade aus der Vertrautheit mit dem eigenen Ort entsteht die Möglichkeit, über ihn hinauszuschauen.

Was bleibt, ist deshalb weniger eine einzelne Ausstellung oder ein bestimmtes Kunstwerk als eine Erfahrung: dass ein Museum einen Ort öffnen kann. Für Kunst, für andere Perspektiven – und letztlich für eine Welt, die größer ist als das, was man bereits zu kennen glaubt.

In den zahlreichen thematischen Ausstellungen der vergangenen Jahre und natürlich auch in den diesjährigen „Klangfarben“ erkenne ich immer wieder jene Entwicklung, die sich in Stolz’ Spätwerk als zunehmende Poesie und Vielfalt zeigt. Dabei geht es nicht nur um die Erweiterung des künstlerischen Spektrums. Es geht vielmehr um eine Haltung: um die Bereitschaft, Vertrautes neu zu betrachten, andere Stimmen zuzulassen und auch dort Zusammenhänge zu entdecken, wo man sie zunächst nicht erwartet.

Genau darin liegt die besondere Bedeutung eines Museums in einem kleinen Ort. Es muss nicht groß sein, um Weite zu erzeugen. Es muss nicht viele Räume haben, um neue Räume im Denken zu öffnen. Und es muss seine Herkunft nicht verlassen, um über sie hinauszuweisen.

Das Kuratorium Rudolf Stolz Museum* hat diese Durchlässigkeit möglich gemacht. Es hat dem Museum über die Jahre eine Offenheit gegeben, die weit über die Präsentation einzelner Werke hinausgeht. Mit jeder Ausstellung entsteht ein neuer Blick, ein neuer Zusammenhang, manchmal auch eine neue Frage. Und gerade diese Fragen sind es, die nachwirken.

*Das Kuratorium Rudolf Stolz Museum: Hermann Rogger, Karl Mayr, Hannes Watschinger / Hermann Rogger wurde 2026 in Innsbruck das Verdienstkreuz des Landes Tirol überreicht

So ist das Museum längst mehr geworden als ein Ort der Bewahrung. Es ist zu einem Ort der Begegnung geworden – zwischen Vergangenem und der Gegenwart, zwischen regionaler Verankerung und künstlerischer Weltsicht, zwischen dem, was uns bekannt ist und dem noch Unentdeckten. Und oder vor allem ist es ein Ort geworden, an dem und in dem Kinder und junge Menschen zu Wort kommen können.

Ich möchte zehn Jahre in der Geschichte des Kuratoriums zurückgehen. Schon damals kamen im Projekt „Vom weissen zum weisen Tagebuch“ Kinder zu Wort: Sie verfassten, angeregt durch die Bilder von Uta Reinhardt, Erzählungen, Gedichte und Tagebucheinträge. Die Künstlerin schrieb in ihrem Brief an die Kinder 2015:

„Ihr seid die ersten jungen Menschen, die sich vor meine Bilder gesetzt haben, um über sie zu schreiben. Ihr habt die Bilder angeschaut und weitergedacht….Als ihr eure Texte vorgetragen habt, habt ihr mich in eine andere Welt getragen…..Diese eure Arbeit mit Sprache hat mich sehr fasziniert.“ (Uta Reinhardt, 2015, Vom weissen zum weisen Tagebuch, Seite 94-95)

Darin liegt für mich eine besonders schöne Form von Museumsarbeit: einen Ort zu schaffen, der auch den Jüngsten in unserer Gesellschaft offensteht, der sie einlädt, sich mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen, und ihre eigene Wahrnehmung und Kreativität ernst nimmt.

Auch in einer der jüngeren Produktionen kommen junge Menschen erneut zu Wort. In „Eine Pilger-Reise durch die Nacht“ (2025) treten Bilder von Künstlerinnen und Künstlern und Texte junger Menschen in einen Dialog. So schreibt der 14-jährige David Haller in seinem Text „Am Rand der Gesellschaft“, inspiriert vom Bild „Deine Welt in meinem Universum“ des brasilianischen Künstlers Alan Linos:

„Ich, der schwarze Rand der Gesellschaft. Weit entfernt von der Mitte. Unbeobachtet, unwichtig …“ (Auszug aus David Hallers Gedicht, Nachzulesen in: Eine Pilger-Reise durch die Nacht, 2025.)

Die Konsequenz aus dieser dialogischen Form der Museumsarbeit: den Ort nicht größer und elitärer erscheinen zu lassen, als er ist, sondern ihn größer zu denken.

Das Stolz Museum hat dafür über viele Jahre einen bemerkenswerten Raum geschaffen.

Gedanken von Hansjörg Rogger,
Lektorat und sprachliche Überarbeitung mit Unterstützung von KI.

Walter Moroder, Sontlo, 2024, in der Ausstellung „Stille“, 2025