Blog

  • Kulturzeit in 3sat

    Nur wenige Sendungen rechtfertigen den Begriff Kultur so überzeugend wie diese.

    Wir haben uns daran gewöhnt, Kultur in Hochglanzprogrammen zu suchen: im Opernhaus, im Schauspiel, im Sinfoniekonzert. Kultur – das klingt nach Abendgarderobe, Eintrittskarte, ehrfürchtigem Schweigen im Saal und Folkloreabend. Doch dieses Bild ist bequem – und einseitig.

    Die Kulturzeit wählt seit jeher den unbequemen Weg. Wenn im August die Sommerpause beginnt, vermisse ich nicht nur diesen Weg, sondern auch Cecil Shortman, Vivian Perkovic, Lillian Moschen, Nina Mavis Brunner, Ariane Binder. Sie folgen nicht eingeübten Stilfiguren mit fein angelernten Handbewegungen, sondern dem, was sie für gut und richtig halten – keine allabendliche Prosa. Sie sind Meisterinnen ihres Faches.

    Kultur entscheidet sich nicht nur auf den Bühnen, sondern im Alltag: im friedlichen aber auch gewaltbereiten Umgang miteinander, im Widerstand kluger Köpfe gegen Despoten, in jener Toleranz, die Demokratie erst möglich macht. Kultur steckt im Dialekt, den wir sprechen, in den Festen, die wir feiern, in den Geschichten, die wir unseren Kindern erzählen. Sie zeigt sich am gedeckten und ungedeckten Tisch, im Streit ebenso wie im Gespräch, in Literatur, Geschichte, Musik – und nicht zuletzt im Aufbegehren gegen jedweden Dogmatismus und Kulturrevanchismus. Sie steht für Vielfalt und Offenheit.

    Und genau das bietet Kulturzeit: Reflexion statt Pose, Vielfalt statt Floskeln. Sie stellt sich quer zu jener Elitekultur nach dem Motto „sehen und gesehen werden“. Eine Sendung, die Haltung zeigt. Denn Kultur ist keine Dekoration und Zurschaustellung von Folklore – sie ist die Verteidigung unserer Freiheit und damit unseres Denkens. Das alles verbinde ich mit der Kulturzeit. Sie lässt mich sehen und hören, was sonst im Stream der Masse unhörbar bleibt.

    Es war immer sehr schön zu sehen, wie anders der Abgang um kurz vor 20.00 Uhr gestaltet wurde. Ein kleiner Regie-Gruß, wenn der Verantwortliche für einen kleinen Moment ins Bild trat. Nebensächlich vielleicht, aber erfrischend. Seit einiger Zeit ist diese Geste verschwunden. Gründe mag es geben. Schade bleibt es dennoch.

    Hansjörg Rogger

  • Die Schlächter von Moskau und Tel Aviv

    Es gehört zu den bitteren Ironien der Geschichte, dass die Menschheit trotz all ihrer Katastrophen nie müde wird, sie zu wiederholen. Zwei Männer prägen in diesen Tagen das Weltgeschehen – und beide stehen für eine Politik, die nicht auf Recht und Freiheit zielt, sondern auf Gewalt und Unterdrückung.

    Dass sich im Westen dennoch Stimmen finden, die ihnen – sei es aus Naivität, sei es aus Kalkül – den roten Teppich ausrollen, macht die Sache umso schwerer erträglich. Ebenso unerträglich ist es zu sehen wie Kinder, Frauen und Männer niedergebombt werden und der Vorschlag für den Friedensnobelpreis über den Tisch gereicht wird. Der Zynismus der Macht siegt über die Lehren der Vergangenheit. Man setzt ein politisches Signal, demonstriert Macht und will das Bild im öffentlichen Diskurs für sich umdeuten und vereinnahmen. Ein geopolitisches mörderisches Spiel, das infamer nicht sein kann. Ein Palästinenser aus Gaza Stadt berichtet in der SZ vom 22.8.25: „Ich bin müde, ich weiß nicht mehr weiter, wir haben nur noch Angst, daraus besteht unser Leben.“

    Ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Familie: Mein Großvater trug die Schatten des Ersten Krieges, mein Vater die Kälte Finnlands. Aus dieser Last erwuchs in mir die Hoffnung, dass die Welt sich eines Tages gegen die Tyrannei wappnen würde – dass meine Generation, und die danach, in einem anderen Rhythmus leben könnte – im Takt von Freiheit und Recht und tatsächlichem Frieden.

    Doch diese Hoffnung ist zerplatzt. Mit der Annexion der Krim, dem Krieg in der Ukraine und den Bombennächten über Gaza verschwand sie wie eine Seifenblase – einfach nicht mehr da. Die Illusionen der 1960er Jahre, als man an Fortschritt, Dialog und eine friedlichere Welt glaubte, wirken heute wie Relikte aus einem Traum.

    Es gab ein kurzes Leuchten. Mit Gorbatschows Glasnost und Perestroika blitzte die Idee einer anderen Politik auf – offener, menschlicher, fast wie das Aufstoßen von Fenstern, durch die die frische Luft hereinwehen konnte. Doch heute sind diese Fenster wieder geschlossen. Die Hoffnung liegt begraben, beinahe vergessen – zusammen mit Gorbatschow selbst. Sein Grab verhöhnt, dem Vergessen und Verdrängen preisgegeben.

    Am Ende bleibt nur, sich an Worte zu klammern, die älter sind als unsere Gegenwart – und doch hell in sie hineinleuchten. Thomas Jefferson bekannte einst, im Blick auf die Sklaverei: „Ich zittere für mein Land, wenn ich bedenke, dass Gott gerecht ist; dass seine Gerechtigkeit nicht ewig schlafen kann.“ Und Berthold Brecht erinnerte nüchtern: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Wer sie weiß und eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“ Und Willy Brandt weist darauf hin, dass sich letztendlich der, der Völkerrechte bricht und Kriegsverbrechen begeht die eigene Existenzgrundlage gefährdet. „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“ (Matthäus 26,52) Im Englischen heißt es: „Cutting the branch you are sitting on.”

    Hansjörg Rogger

  • Freskenzyklus „Totentanz“ von Rudolf Stolz

    Der Zyklus wurde im Friedhof Sexten von Hansjörg Rogger fotografiert und graphisch gestaltet, 2025

  • Planet Drum

    „Am Anfang war die Tat!“ – So ruft Faust, nachdem er das „Wort“ verworfen, den „Sinn“ erwogen und die „Kraft“ durchschritten hat. Goethes Held ringt mit dem Urbeginn – und erkennt schließlich: Nicht Denken, nicht Reden, sondern Handeln ist Ursprung der Welt. Die Tat wird zum ersten Prinzip, zum schöpferischen Akt, nur sie kann Wirklichkeit stiften.

    Als ich Barbara Seebers Planet Drums zum ersten Mal sah – und nun wieder in ihrer jüngsten Performance –, drängten sich mir Goethes Urworte auf. Da kreisen stilisierte Erdkugeln, erfüllt von Worten, Farben und Klängen – als wären sie selbst Metaphern des Schöpfungsbeginns. Nicht zufällig rufen sie Fausts Ringen um das Ursprüngliche in Erinnerung: das Wort, der Sinn, die Kraft – und schließlich die Tat. In Planet Drums scheint all dies zu pulsieren – eine verdichtete Weltidee – divers, friedvoll, bunt und inspirierend.

    Es ist nicht das, was uns die rechten Hitzköpfe und Verschwörer weismachen wollen. Kein Lärm, kein Aufruhr, keine Gewalt – sondern ein Innehalten. Für einen flüchtigen Moment entziehen sich die Planet Drums der Gewalt der Welt, jener Zerstörungskraft, die aus imperialer Gier Tag für Tag neues Elend gebiert.

    Und doch sind sie kein bloßer Trost. Ihre Form ist elementar, fast urbildlich – kugelrund, atmend, offen. Sie vibrieren nicht nur im Klang, sondern im Sinn. In ihnen klingt eine Ahnung von Welt: das Viele im Einen, das Eine im Vielen. Schwingung als Widerstand, Klang als Erinnerung an ein Gleichgewicht, das wir längst verloren haben – und vielleicht wiederfinden könnten.

    Seeber formt sie von Hand aus schamottiertem Ton, langsam getrocknet, in zwei Bränden gehärtet. Im abschließenden Raku-Verfahren, glühend aus dem Ofen geholt und in organischem Material reduziert, entstehen jene markanten schwarz-bronzierten Oberflächen: ein Spiel aus Glanz, Schatten und Zufall. Jede Trommel ein Planet.

    Inspiriert von der afrikanischen Udu und der indischen Ghatam, sind die Planet Drums Einzelstücke. Ihre Form: geschlossen und offen zugleich. Zwei Öffnungen erzeugen zwei Basstöne, dazwischen ein schimmerndes Spektrum vibrierender Obertöne – warm, hypnotisch, haptisch begehrenswert. Geht man an Ihnen vorbei, möchte man sie angreifen, die Rundung streichend fühlen.

    Seeber geht über das Klangobjekt hinaus. In ihren literarischen Planet Drums fügt sie Sprache hinzu: Zoderer, Oberhollenzer, N.C. Kaser. Die Trommel wird zum Träger von Bedeutung, der Klang zum Resonanzraum des Gedankens. Wort und Ton, Literatur und Rhythmus treten in einen leisen, vibrierenden Dialog. „Wenn die Planet Drum in Schwingung versetzt wird, werden auch die Botschaften ins Schwingen gebracht und verbreitet.“ Zoderers „Meine Nacht blutet nicht mehr, ich habe ihre Wunde geschlossen, mit meinen Lippen“ Ein poetisches Fragment, berührende Momentaufnahme vor allem in diesen Zeiten, wo mörderische Gewalt viele Nächte bluten lässt.

    Goethes Faust ringt mit dem Anfang: „Im Anfang war das Wort“ – doch er streicht es, tastet sich weiter vor – zum Sinn, zur Kraft – bis zur Tat. Genau diesen Übergang scheint Barbara Seeber zu vollziehen: Ihre Kunst ist nicht Behauptung, sondern Handlung, Verkörperung, klanglich gewordene Weltauffassung – eine poetisch friedvolle, auf Dialog fokussiert. Sie setzt das Wort, den Klang und die Schwingung an den Anfang allen Seins. Denkt man an den Urknall, dann mag Barbara Seeber recht haben. Und doch wieder nicht, wenn man der physikalischen Gesetzmäßigkeit folgt, dass Klänge, Geräusche und auch Worte nicht aus dem Nichts entstehen können.

    Hansjörg Mutschlechner hat die Musik zum Film komponiert, der anlässlich der Präsentation gezeigt wurde: „Von jeher war der Klang eine Brücke zum Universum, der es ermöglicht, Energie und Schwingungen zu erkennen und uns mit ihnen zu verbinden.“ Sagt Hansjörg Mutschlechner.

    Und die Mantra Planets vermitteln eine Ahnung davon, was gut ist auf unserem Planeten: „Kein einziger Mensch soll verloren gehen.“

    Hansjörg Roggers Gedanken zu den Planet Drums und zur Performance von der Künstlerin Barbara Seeber im Schloss Bruneck

  • Stille – Silence

    Die Ausstellung im Rudolf-Stolz-Museum in Sexten öffnet den Blick auf eine der leisen, doch entscheidenden Gegensätzlichkeiten des Daseins: die Spannung zwischen Stille und Lautheit. Dieses Gegensatzpaar reiht sich ein in die großen Polaritäten des Menschseins – Ordnung und Chaos, Körper und Geist, Gut und Böse, Freiheit und Sicherheit. Stille und Klang markieren dabei keine bloßen Gegensätze, sondern Pole eines schwingenden Kontinuums, das unser Leben durchzieht. In ihrer Reibung entfaltet sich Erfahrung: Die Stille gewinnt Bedeutung erst im Widerhall des Lauten, das Laute erhält Tiefe erst im Hintergrund der Stille.

    So nähere ich mich der Ausstellung, geleitet von der Frage, was Stille in einer Welt bedeutet, die sich immer mehr ins Laute, ins Sichtbare, ins Mitteilbare drängt. Unwillkürlich tritt Rainer Maria Rilke vor mein inneres Ohr – jener Dichter, der die Stille nicht als bloße Leere verstand, sondern als Raum. Ein Raum des Werdens, der Tiefe, der Gegenwart des Unaussprechlichen.

    In seinem Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ formuliert Rilke eine radikale Skepsis gegenüber einer Sprache, die alles benennt, fixiert, erklärt – und dabei den Zauber der Dinge raubt. Die Sprache, die zu viel weiß, macht die Welt stumm.

    „Kein Berg ist ihnen mehr wunderbar.“

    So wird die Stille nicht nur zum Gegenpol des Lauten, sondern zum Widerstand gegen das Zuviel an Gewissheit – ein poetischer Schutzraum für das, was sich nicht sagen lässt, aber dennoch da ist.

    In diesem Sinne fordert Stille in der Kunst, das Übermaß an Gewissheiten zu streichen. Sie verlangt Zurückhaltung, damit der stille Zauber der Dinge – des Waldes, der Berge, der Menschen – nicht dem Lauten geopfert wird.

    Die Bilder in dieser Ausstellung, sei es in der Malerei oder der Fotografie, sind im Rilkeschen Sinne mit wenig Gewissheiten ausgestattet. Sie drängen keine Erklärungen auf, sondern bergen – vielleicht – jenes Lied, das noch ungesungen in den Dingen ruht.

    Joseph von Eichendorff schreibt:

    „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort“

    Ein poetischer Hinweis darauf, dass der Zugang zu den Geheimnissen der Welt nicht in der bloßen Betrachtung liegt, sondern im Hören, Lauschen, Ahnen.

    Nichts schreit, nichts drängt sich auf. Und doch: Unter der glatten Oberfläche von Eduard Angelis Ölbild „Ruhige See“ (2007) pulsiert eine Tiefe, die keine dramatischen Naturgewalten braucht, um spürbar zu werden. In Angelis „Die letzte Glut“ (2014) verschwindet das Licht so leise, dass es mehr im Gefühl als im Bild weiterleuchtet.

    Auch Heinz Innerhofers Fotografien – das „Mare Adriatico“ (2023) und die Lärchen im Villgratental (2024) – setzen stillschweigend einen Kontrapunkt zu den lauten, überfüllten Bilderwelten der sozialen Netzwerke.

    Innerhofers Wald wirkt stoisch, beinahe abstrakt, Angelis Meer bleibt ruhend im kaltgrauen, düsteren Licht . Sie zwingen uns, anders zu sehen – ohne Eile, ohne das Bedürfnis nach Deutung.

    Claude Monet, um einen alten Impressionisten zu zitieren, interessierte sich nicht für die genaue Darstellung von Objekten, sondern für das Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Moment. Für ihn war Sehen ein lebendiger Prozess, kein Erfassen von Fakten. Was zählt, ist nicht die feste Form der Dinge, sondern wie sie sich im Licht verändern – und wie dieser Wandel das Sehen selbst verändert.

    „Donata Wenders schenkt ihrer Figur Zeit – „Zeit zum Nachdenken“. Doch was wir sehen, ist kaum mehr als eine Ahnung eines Menschen – still sitzend, in sich gekehrt. Die Gestalt bleibt vage, als hätte sie sich von der Deutlichkeit des Sichtbaren zurückgezogen. Ist es Versunkenheit? Einsamkeit? Oder einfach der Wunsch, für einen Moment nur bei sich zu sein, unbehelligt vom Blick der Welt?“

    Im ersten Stock, noch bevor der Besucher in die Bilderwelten eintauchen kann, stellt der Künstler Walter Moroder seine Skulpturen „Dança“ (2022), „Son tlo“ (2024), „Arleve“ (2024) und „Ciol“ (2025) aus. Diese Skulpturen begegnen uns wie stille Erscheinungen. Sie stehen im Raum, und doch scheint es, als wären sie mehr im Inneren als im Außen verankert. Nichts an ihnen schreit nach Aufmerksamkeit. Keine Pose, kein Auftrumpfen, keine Geste, die sich in den Vordergrund drängt. Nur die wachen Augen, unverschnörkelt, aufgeräumt, kontemplativ. Moroder formt Figuren, die von ihrer eigenen Zurückgenommenheit leben – Körper, die nicht darstellen wollen, sondern anwesend sind. Sie tragen ihre Stille in sich, als wäre sie ihre ureigene Substanz. In einer Welt der grellen Bilder, der lauten Oberflächen, wirken sie wie Gegenstimmen: leise, aber von einer Kraft, die aus der Tiefe kommt.“

    Die Stille kann Schutzraum sein, in dem das Unsagbare bewahrt wird – ein Raum der inneren Wandlung. Doch sie kann auch zum Gefängnis werden, das isoliert und vereinsamt. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich diese Ausstellung im Rudolf Stolz Museum in Sexten. Die Werke laden ein, Stille nicht als Gegensatz zum Lauten zu verstehen, sondern als eine eigene Sprache: eine Sprache, die sich manchmal als zarte Ahnung offenbart, manchmal als drückendes Schweigen. Sie fragt uns, wie viel Raum wir in unserem Leben dem Unausgesprochenen geben. Und ob wir bereit sind, zu hören, was nur in der Stille zu uns spricht.

    Es gibt Menschen, für die Stille kein selbstgewählter Rückzugsort ist, sondern ein Gefängnis. Die Fotoreihe von Brent Stirton zeigt eindrücklich das Leben von Betroffenen des Chronischen Fatigue-Syndroms – Menschen, die im eigenen Körper eingeschlossen sind, als hätte sich die Stille wie eine unsichtbare Wand um sie gelegt. Ihre Stille ist kein Raum der Sammlung, sondern der Ohnmacht. Die Bilder erzählen von einem Dasein, das nicht laut werden kann und darf.

    Lois Anvidalfarei zeigt am Aufgang zur Ausstellung in seiner Skulptur „In sich“ einen liegenden Mann – zusammengerollt – so als wolle er sich der Welt entziehen. Ist es Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit oder ist es einfach nur der Rückzug aus der Welt?

    Anvidalfareis Skulptur hält uns einen Spiegel vor. Ebenso tun dies Thaddäus Salchers „Stimme des Herzens“ und Walter Nagls „Sitzende mit aufgestütztem Kopf“. Sie zeigen uns nicht die Welt, sondern unsere eigene Reaktion auf sie. „Du siehst aus, wie ich mich fühle“* Ich spüre meine Gefühle, meine Fragen, meine Ohnmacht, meine Gegenwart und meine Vergangenheit, meine Ängste und meine Verzweiflung. Im Spiegelbild der Kunst beginne ich, die Welt und mich selbst zu begreifen.

    Die akkurat bis ins Detail durchkomponierte Ausstellung im Rudolf Stolz Museum wird kuratiert von Hermann Rogger, Johannes Watschinger, Karl Mayr und ist bis zum 5.10.25 im Rudolf Stolz Museum Sexten zu besichtigen. Prädikat: Besonders Sehenswert

    *“Die Zeit“, in der Rubrik „Entdecken“

    Gedanken von Hansjörg Rogger zur Ausstellung „Stille-Silence“ im Rudolf Stolz Museum Sexten vom 29.6.25 bis 5.10.25

    „In sich“ von Lois Anvidalfarei, Bronze, 2014

    Heinz Innerhofer, Lärchen im Villgratental, 2023, Fotodruck auf Dibond

    Walter Moroder, Son tlo, 2024, Zirbelkiefer, Glas, Acryl

  • Offener Brief an den Landeshauptmann von Südtirol, Herrn Arno Kompatscher

    Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!

    ich wende mich an Sie bezüglich des Projekts zur Errichtung der neuen Aufstiegsanlage und Skipiste „Drei Zinnen II“. Bei der kürzlichen Vorstellung der Kandidaten zur Gemeinderatswahl wurden Fragen dazu gestellt, auf die nur die Landesregierung antworten kann.

    Bekanntlich darf die Skiverbindung auf Sextner Seite in Richtung Hochgruben erst dann realisiert werden, wenn auf österreichischer Seite alle Genehmigungen vorliegen – so der Beschluss der Landesregierung Nr. 711 vom 22.09.2020. Diese Genehmigungen liegen derzeit jedoch noch nicht vor.

    Ebenso ist bekannt, dass die Südtiroler UVP-Genehmigung im August 2025 ausläuft. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Gibt es Bemühungen seitens der Gemeinde Sexten und/oder des Landes, eine Baukonzession anzustreben, obwohl die im Beschluss genannten Voraussetzungen bislang nicht erfüllt sind?

    Im Jahr 2021 wollte die Initiativgruppe, die sich gegen die neue Aufstiegsanlage „Drei Zinnen II“ richtet, die Sextner Bevölkerung zu ihrer Haltung zum Projekt befragen. Eine solche Umfrage wurde jedoch unter Verweis auf rechtliche Hürden abgelehnt.

    Im vergangenen Jahr 2024 hielten es einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Erhebung zur Dorfentwicklung in einer offenen Frage für wichtig festzuhalten, dass keine neuen Aufstiegsanlagen errichtet werden sollen (vgl. http://www.gemeinde.sexten.bz.it).

    Für Irritation sorgte zuletzt eine Aussage des Bürgermeisters bei der Wahlveranstaltung am 28. April 2025. Wie bereits erwähnt, darf die Neuerrichtung laut Beschluss Nr. 711 nur erfolgen, wenn das zu erschließende Gebiet die Verbindung mit Sillian (Osttirol) sicherstellt.

    Da das neue Skigebiet außerhalb der im Beschluss festgelegten skitechnisch erschließbaren Zone – der sogenannten „Wolke“ – liegen würde, ist die Verbindung mit Sillian-Thurntaler entscheidend.

    Es war herauszuhören, dass der Fachplan für Aufstiegsanlagen derzeit überarbeitet wird und im Zuge dieser Überarbeitung die Verbindung „Drei Zinnen II“ in die genannte „Wolke“ aufgenommen wird. Das würde bedeuten, dass die Liftgesellschaft nicht mehr auf die Genehmigungen aus Österreich warten müsste, wenn in nächster Zeit die Landesregierung den Beschluss 711/2020, Seite 6 dahingehend abändert, dass die einheitliche Landesgenehmigung und die Baugenehmigung erlassen werden dürfen, auch wenn auf österreichischer Seite noch nicht alle notwendigen Genehmigungen vorliegen.

    Könnte es tatsächlich sein, dass die Landesregierung den Passus streicht, nachdem erst dann gebaut werden darf, sobald auf österreichischer Seite alle Genehmigungen vorliegen?

    Wir bitten den Landeshauptmann darum, uns in dieser Angelegenheit zu informieren.

    Mit bestem Dank und schönen Grüßen

    Hansjörg Rogger / Sexten am 19.7.2025

    Auch im Namen der vielen Mitglieder des Promotorenkomitees, die im Mai 2021 eine Volksbefragung beantragt hatten und der zahlreichen Einheimischen, die sich klar gegen die Verbindung Sexten-Sillian aussprechen: i. V. Hannes Happacher, Paul Watschinger, Elfriede Pfeifhofer, Reginalda Tschurtschenthaler

  • Nachhaltigkeit? Eine Farce! – Wie man Käufer eiskalt verarscht und den Umweltgedanken zum Papiertiger degradiert

    Vor vier Jahren habe ich einen Akku-Rasenmäher von Black & Decker gekauft – mit dem guten Gefühl, eine kluge und umweltbewusste Entscheidung getroffen zu haben. Kein Benzin, kein Lärm, kein Gestank – stattdessen leiser Betrieb und ein reines Gewissen. So lauteten zumindest die Versprechen.

    Und diese gingen noch weiter: Ausgestattet mit einem Doppelakku-System, jeweils mit 54 Volt – laut Verkäufer einzigartig auf dem Markt. Ist der eine Akku leer, genügt ein einfacher Schalter, und schon übernimmt der zweite – der Rasen wird ohne Unterbrechung fertig gemäht.

    Heute, gerade einmal vier Jahre später, sind die Akkus hinüber. Kein Problem, dachte ich – neue Akkus kaufen, einsetzen, weiter geht’s. Doch was dann kam, war ein Schlag ins Gesicht.

    Auf meine Anfrage bekam ich von der italienischen Firmen-Vertretung folgende Antwort:

    In merito alla sua richiesta, siamo spiacenti di comunicarle che l’articolo  CLM5448PC fa parte di una serie di prodotti obsoleti i cui ricambi non sono più disponibili in stock. 
    Eventualmente, potrebbe provare a contattare uno dei nostri Concessionari regionali per verificare la giacenza presso i loro magazzini o una possibile soluzione alternativa. 

    Ich antworte:

    È davvero deludente che Black & Decker non offra più pezzi di ricambio come la batteria. Quando ho acquistato questo dispositivo quattro anni fa, il negozio me lo aveva vivamente consigliato. E adesso? Cosa dovrebbe succedere secondo Black & Decker? Dovrei buttarlo via? Un‘idea poco lusinghiera. E di certo non un biglietto da visita per la vostra azienda.

    Antwort der Firma:

    Le chiediamo cortesemente di indicarci il suo codice postale e provincia per indicarle il Concessionario che si occupa della sua zona. 
    In attesa di un suo gentile riscontro, le auguriamo una bellissima giornata. 

    Erneute Antwort der Firma:

    Vogliamo informarla che il concessionario della TRENTINO A.A. e‘  DATEX S.R.L.    V.le della Navigazione Interna,85/a    PD    NOVENTA PADOVANA    35027    049-8071990  info@datexpadova.it può verificare con loro se il ricambio di cui ha bisogno è ancora disponibile da qualche parte.

    Ich antworte:

    La vostra risposta al mio problema è stata rapida, grazie, ma il fatto che Black & Decker non venda più batterie singolarmente per un dispositivo che mi era stato caldamente consigliato solo quattro anni fa mi ha profondamente deluso. Ho l’impressione che l’azienda abbia riflettuto ben poco sulla sostenibilità in questo contesto. Come acquirente di questa macchina, in futuro eviterò certamente i prodotti Black & Decker. Cosa mi resta da fare, ve l’ho già scritto l’ultima volta: una macchina altrimenti perfettamente funzionante deve essere smaltita. La vostra risposta, ovvero che io debba cercare da solo se da qualche parte si trovi il pezzo di ricambio, è poco lusinghiera. Se mi va bene, ok. Altrimenti finirà nella raccolta differenziata. Immaginate se avessi bisogno di un pezzo di ricambio per la mia auto e l’officina mi dicesse che devo cercarlo altrove.

    Letzte Antwort der Firma:

    Capiamo quanto sia importante l’attrezzo per il suo lavoro e ci dispiace per le difficoltà che ha incontrato. 
    Di solito solo i centri di assistenza più grandi possono verificare se alcuni pezzi possono essere ritracciati o se c’è qualcosa di compatibile.
    Se non riescono a trovare i pezzi, purtroppo questi ricambi non possono più essere prodotti.
    Vi ringraziamo per la vostra comprensione e vi auguriamo una buona giornata.

    Das ist also alles, was diese Firma mir mitzuteilen hat. Und das, obwohl die EU-Verordnung 2021/341 unmissverständlich vorschreibt, dass Ersatzteile mindestens sieben Jahre lang verfügbar sein müssen.

    Doch damit nicht genug: Was mich vollends sprachlos macht – laut meiner Recherche wird das betreffende Gerät nach wie vor produziert. Man höre und staune: Der Mäher ist erhältlich, aber die passenden Akkus, die als Ersatz dazu dienen könnten, nicht.

    Der abschließende, scheinbar höfliche Satz – „Wir danken für Ihr Verständnis“ – wirkt vor diesem Hintergrund nur noch zynisch.

    Und nun mache ich mich auf die Suche. Vielleicht finde ich irgendwo, in einem verstaubten Lagerregal, doch noch einen Akku – um die endgültige Entsorgung des Geräts noch wenigstens ein wenig hinauszögern zu können.

    Hansjörg Rogger

  • Von Verfassungen und Verrätern – Die billige Maskerade westlicher Russland-Versteher

    Drei Jahre Krieg, zehntausende Tote, Millionen auf der Flucht – und noch immer sitzen manche im Westen mit erhobenem Zeigefinger in ihren warmen Wohnzimmern, nippen am fair gehandelten Kaffee und raunzen über „die NATO-Provokation“. Sie applaudieren einem imperialen Vernichtungsfeldzug, als ginge es um ein geopolitisches Planspiel – nicht um Morde, Folter, Deportationen. Ihre Solidarität gilt nicht den Opfern, sondern dem Aggressor. Und dabei berufen sie sich auch noch auf „Prinzipien“, „Werte“, „Recht“.

    Besonders beliebt: das Eigentumsrecht. Doch wehe, man erinnert sie daran, dass genau dieses Recht – das sie angeblich verteidigen – gerade mit russischen Raketen in Schutt und Asche gelegt wird. Dass die Ukraine nicht nur Häuser verliert, sondern Land, Menschen, Geschichte. Dass Eigentum dort nicht enteignet, sondern geraubt wird. Und zwar mit brutaler Gewalt, nicht etwa unter Zuhilfenahme rechtlich fundierter Prinzipien.

    Man stelle sich vor: Ein Panzer rollt vor ihr Haus, Soldaten stürmen rein, besetzen den zweiten Stock und hängen eine ihnen fremde Fahne aus dem Fenster. Kein Vertrag, kein Gericht, keine Entschädigung. Einfach so. Und wenn der Widerstand kommt, werden Kinder als Schutzschilde benutzt, deportiert, werdende Mütter ermordet und wahllos niedergeschossen, was ihnen in die Quere kommt. Willkommen im Spiegelkabinett der Doppelmoral.

    Und was sagt eigentlich Russlands eigene Verfassung dazu? Überraschung: Sie kennt das Eigentumsrecht. Artikel 35 – jeder darf besitzen, niemand darf willkürlich enteignet werden. Nur mit Gesetz, nur im öffentlichen Interesse, nur mit fairer Entschädigung. Artikel 36 – Grundbesitz, ja. Aber nicht gegen das Allgemeinwohl. Ein schöner Text, ein hübsches Deckmäntelchen für einen Staat, der ihn täglich zerreißt.

    Denn was tut der Kreml seit 2014?

    Raubzug auf der Krim – ohne Recht, ohne Maß, ohne Scham. „Gesetz“ wird nach Bedarf zurechtgebogen – oder einfach ignoriert. Die Ukraine hat völkerrechtlich verbrieftes Eigentum – das wird mit Panzern niedergewalzt. Das „Allgemeinwohl“ stirbt in Butscha, Mariupol, Charkiw, Kiew usw. usw

    Diese russische Verfassungsrealität, die Betonung liegt auf „Realität“, ist eine Farce – sie ist eine Kriegserklärung an das Recht selbst und wird zur Makulatur. So wie es im Roman von Orwell steht: alles ist gleich, aber manche sind eben gleicher. Und wer im Westen glaubt, das alles mit geschlossenen Augen hinnehmen zu können, spielt Komplize. 

    Und während der Kreml seine eigenen Gesetze in der Pfeife raucht, klatschen manche im Westen immer noch höflich Beifall. Man fragt sich, was schneller geht: das Umdrehen der Werte oder das Ausblenden der eigenen Doppelmoral. Nur eines ist sicher: Wer heute noch glaubt, das Eigentum anderer sei verhandelbar, sollte sich nicht wundern, wenn morgen jemand an die eigene Tür klopft. Nicht zum Reden. Sondern zum Nehmen.

    Hansjörg Rogger

  • Der aktuelle Rechtsextremismus – „… denn sie wissen nicht, was sie tun (sagen).“

    (Lukas-Evangelium, Kapitel 23, Vers 34)

    Zusammengestellt von Hansjörg (Johann Georg) Rogger

    In einer Rede bezeichnete Wirth Anderlan, Abgeordneter im Südtiroler Landtag, die EU als eine „Sekte, die die tausendjährige Kultur tötet“. Er sprach von einem „kriegsgeilen Sauhaufen“ mit einem „nicht gewählten Dämon an der Spitze“. Die Regierenden nannte er einen „korrupten, kriegsgeilen Haufen“ und forderte, sie „in Handschellen zu legen“ und „in einen Steinbruch zu schicken“.

    Alexander Gauland (AfD), Bundestagsabgeordneter: „Die EU ist nichts anderes als ein Versuch, Deutschland zu schwächen.“

    Alice Weidel (AfD): „Diese EU ist ein undemokratisches Monster, das wir schleunigst verlassen sollten.“

    Björn Höcke (AfD): „Multikulti ist gescheitert. Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft.“

    André Poggenburg (AfD): „Diese Kümmelhändler haben hier nichts zu suchen und sollten dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.“

    Björn Höcke (AfD): „Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“

    Alexander Gauland (AfD): „Wir haben das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.“

    Alice Weidel (AfD): „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“

    Beatrix von Storch (AfD): „Der Islam ist ein politischer Feind, der uns die Freiheit nehmen will.“

    Herbert Kickl, FPÖ-Bundesparteiobmann, August 2024 in Hallein: Er nannte die Salzburger Festspiele eine „Heuchler- und Inzuchtpartie“.

    Im Juni 2019 sagte Kickl: „Ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht.“

    Laut der Plattform Demokratie und Respekt vertritt Kickl die Ansicht, dass eine von der FPÖ geführte Regierung nicht an die bestehende Verfassung gebunden sei, sondern diese nach eigenem Ermessen ändern oder außer Kraft setzen könne.

    Im Januar 2024 stellte Kickl in einem ORF-Interview („ZiB 2“) die Europäische Menschenrechtskonvention offen infrage. Die FPÖ thematisiert in ihrem Wahlprogramm einen möglichen „Öxit“, den EU-Austritt Österreichs. Kickl äußerte sich mehrfach zur Rolle der Frau, etwa: „Frauen halten ihren Männern den Rücken frei.“

    Matthias Helferich (AfD) bezeichnete sich 2017 in einer privaten Nachricht als „das freundliche Gesicht des NS“. In internen Chats nannte er sich einen „demokratischen Freisler“ – in Anspielung auf den berüchtigten NS-Richter Roland Freisler.

    Kickl (FPÖ): Die Grünen seien der „verlängerte Arm der Öko-Fundamentalisten und der Klima-Terroristen auf der Regierungsbank“.

    Alice Weidel (AfD), selbst in einer lesbischen Beziehung lebend: „Die Familie ist das Fundament unserer Gesellschaft.“

    Björn Höcke (AfD), 2017 in einer Rede über das Holocaust-Mahnmal in Berlin: „Ein Denkmal der Schande.“

    Hitler in „Mein Kampf“: „Wo immer ich ging, sah ich Juden, und je mehr ich sah, um so schärfer sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab…..Dies alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgestoßen musste man aber werden, wenn man über die körperliche Unsauberkeit hinaus plötzlich die moralischen Schmutzflecken des ausgewählten Volkes entdeckte.“

    Alexander Gauland (AfD): „Der Nationalsozialismus ist nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“

    Zum Holocaust 2019: „Wir sind nicht verantwortlich für das, was vor 70 Jahren passiert ist.“

    Viktor Orbán (Ungarn, 2014): „Wir haben beschlossen, dass wir in Ungarn eine illiberale Demokratie aufbauen werden.“

    Donald Trump (USA, 2025): „Diese diskriminierenden und illegalen Bevorzugungen [Diversitätsprogramme] müssen beendet werden.“ (Business Insider)

    J.D. Vance, US-Vizepräsident, Münchner Sicherheitskonferenz 2025: „Ich fürchte, in Großbritannien und ganz Europa ist die Meinungsfreiheit auf dem Rückzug.“ (Cicero)

    Donald Trump (2005, auf Video): „Ich fange einfach an, sie zu küssen. Es ist wie ein Magnet … Du kannst sie an der Pussy packen. Du kannst alles tun.“ (Wikipedia)

    Trump (2024), zu einer Frau, die ihn der Belästigung beschuldigte: „Glauben Sie wirklich, dass ich das tun würde – bei ihr?“ (Implikation: Sie sei nicht attraktiv genug.)

    Alice Weidl, AFD: Die Klimapolitik sei ein „Irrweg“, man fordere ein Ende der „Klimahysterie“.

    Alice Weidel (AFD), 2025: Eine Regierung unter ihrer Beteiligung werde „alle Windräder niederreißen“.

    Björn Höcke (AFD) im Wall Street Journal: „Wissen Sie, das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt.“

    J.D. Vance, 2024: Frauen ohne Kinder seien „kinderlose Katzenfrauen“, die „kein Interesse an der Zukunft des Landes“ hätten. (Vanity Fair)

    Donald Trump (2020): „Ich glaube, Wissenschaft weiß gar nichts.“ (Smart up News)

    Vance: „Die Professoren sind der Feind … Wir müssen die Universitäten offen und aggressiv attackieren.“ (Merkur.de)

    Trump, Präsident der USA, 2020: Er bezeichnete NOAA als „einen der Haupttreiber der Klimawandel-Alarmindustrie … Sie sollte zerschlagen und verkleinert werden.“ (AP News)

    Beatrix von Storch AFD, 2016: „Menschen, die STOP an unserer Grenze nicht akzeptieren … sind Angreifer – und wir müssen uns verteidigen, sogar … wenn das heißt, auf Frauen und Kinder zu schießen“ (DW News, 3.11.2024)

    Victor Orban, ungarischer Ministerpräsident, 2025: In Dallas bei der CPAC-Konferenz: Er verglich „progressive Liberale“ mit Kommunisten und erklärte, man brauche „mehr Ranger, weniger Dragqueens, mehr Chuck Norris“ 

    Björn Höcke, AFD, 2025: „Diese EU muss sterben, damit das wahre Europa leben kann.“ (Wikipedia, 2025)

    Das alles darf uns nicht egal sein! Wie aber können wir uns gegen solche hetzerischen und rhetorisch manipulativen Weltsichten wehren?

    Olivier Mannoni, französischer Übersetzer, Kulturzeit 3sat, 2025: „Die einzige Möglichkeit ist, so gebildet wie möglich zu sein. Man muss lesen – die alten Autoren, wieder und wieder! Montesquieu oder Goethe – Menschen, die die Welt wirklich durchdacht haben und sie nicht nur in Parolen und einfachen Sätzen ausdrücken.“

    Mario Vargas Llosa, Literaturnobelpreisträger 2010: „Hätten wir keine Visionen, wäre uns nicht bewusst, wie wichtig die Freiheit ist.… Literatur hilft, einen kritischen Geist zu entwickeln, denn sie lehrt, dass die Welt nicht einfach akzeptiert werden muss, wie sie ist.“

    Boris Pistorius, Verteidigungsminister Deutschlands, Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung für Erich Schulz auf dem Friedhof Columbiadamm in Berlin, 25. April 2025:

    „Die Weimarer Republik ist nicht an der Stärke ihrer Feinde gescheitert, sondern an der zu geringen Zahl. Ebenso ist sie an der Feigheit und der Schwäche ihrer Anhänger gescheitert. Das sollte uns eine Lehre sein.“

  • Johannis

    „Ciao Johannis, me l’hai già detto un paio di volte quando ti ho parlato qui sui ciottoli, che presto potrai operarti alla gamba, così potrai camminare di nuovo senza il tutore. Come sta andando?“ Die Frage habe ich ihm schon oft gestellt, in den vergangenen Monaten immer wieder. Wird es diesmal eine andere Antwort geben?

    Wie fast jeden Tag um diese Zeit – es ist kurz vor elf Uhr vormittags – sitzt Johannis am Rand des mit Porphyrsteinen gepflasterten Weges. Seinen Hut hält er den vorbeigehenden Stadtbesuchern entgegen und bedankt sich auch bei jenen, die nichts hineinwerfen. Seine Haltung ist bescheiden, seine Gesten freundlich.

    Johannis versteht mich nicht sofort. Ich beuge mich nach vorne und wiederhole meine Worte.

    Er ist Rumäne, spricht ein wenig Italienisch, genug, um sich verständlich zu machen. Sein linkes Bein ist geschient, eine sichtbare Erinnerung an das, was ihn hierhergebracht hat – oder vielleicht eine Hoffnung auf das, was ihn wieder fortbringen könnte.

    „La gamba è ancora ingessata, purtroppo è ancora cosi“, bestätigt er knapp, doch seine Aufmerksamkeit kehrt schnell zu den vorbeigehenden Passanten zurück. Die Zeit drängt, jeder Moment könnte eine Münze bedeuten.

    Dann, fast beiläufig, fügt er hinzu: „Abito a Issing, da un amico.“ Ein Freund gibt ihm ein Dach über dem Kopf. Doch seine Zukunft? Noch immer ungewiss. „Tra circa un’ora il mio amico di Issing verrà a prendermi qui e mi porterà a casa sua. Domani sarò di nuovo qui con il mio berretto.”

    Ich ziehe ein paar Euro aus meiner Tasche, lasse sie in seinen Hut fallen. „Comprati qualcosa da mangiare“, sage ich.

    Seine Antwort ist dieselbe wie immer: „Ciao e grazie.“ Ein kurzes Lächeln, eine Hand zum Gruß.

    Morgen wird er wieder hier sitzen. Wie jeden Tag um diese Zeit.

    Hansjörg Rogger, 14.3.2025

  • Ideenschmiede Burger Hof

    „Fahren Sie geradeaus, dann biegen Sie scharf rechts ab.“ Die letzte Anweisung des Navigationssystems: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Es sind noch 200 Meter bis zum Burger Hof – dorthin, wo man sagt, dass Lernen anders funktionieren müsse, als es in Schulen noch immer der Fall zu sein scheint.

    Ich bin zur „Ideenschmiede“ eingeladen – einem Ort, an dem das Schulsystem erneut auf den Prüfstand gestellt wird. Hier wird gefeilt, hinterfragt, ausprobiert. Welche Herausforderungen angegangen werden und welche Ideen entstehen, möchte ich aus erster Hand erfahren.

    Ein strahlend sonniger Wintertag auf 1.400 Metern Höhe. Berghof-Idylle, steil abfallender Sonnenhang, ausladende Wiesen unterhalb, und oben im Steilhang der beginnende Fichtenwald. Hier treffe ich auf ein eingespieltes, engagiertes Team, das sich mit Leidenschaft um kleine und große Schüler:innen kümmert.

    Fast zehn Jahre sind vergangen, seit alles begann – seit der Burger Hof als Lernort ins Leben gerufen wurde. Der Ausgangspunkt war eine Schenkung, verbunden mit einem klaren Ziel: das Wohl von Kindern und Jugendlichen im Pustertal zu fördern.

    „Dass die Sozialgenossenschaft EOS diese Schenkung in das Netzwerk ‚Kooperation Pustertal‘ einbringt und die Entwicklung des Hofes in die Hände all jener legt, die mit Kindern und Jugendlichen im Pustertal arbeiten, verlässt gewohnte Bahnen“, schrieb einer der maßgeblichen Promotoren, Josef Watschinger, im Jahr 2016.

    Und jetzt stehe ich an diesem Ort, den Josef Watschinger, lange vor der Schenkung „als Wunschtraum in seinen Karteikasten gelegt hatte.“ So hat er das damals gesagt.

    Schon beim ersten Eindruck spüre ich, dass sich Schule und Lernen hier anders ereignen – an einem Ort, der so gar nicht nach Schule aussieht. Ursprünglich lebten hier Bauernsleute, die ihr hartes Leben auf 1400 Meter Höhe bewältigen mussten. „Die Möglichkeiten waren begrenzt, die Menschen damit beschäftigt, ihr eigenes Überleben und das ihrer Familien zu sichern.“ (Heiner Nicolussi-Leck, EOS Sozialgenossenschaft)

    Heute ist es ein Ort des Lernens. Eine Woche lang findet hier die „Ideenschmiede“ statt – eine besondere Erfahrung für 26 Schüler:innen.

    Die „Ideenschmiede“ soll ein Raum sein, in dem Schüler:innen frei äußern können, was sie sich für ihre Schule wünschen. Ihre Gedanken und Gefühle finden Ausdruck in Skizzen, Zeichnungen, Skulpturen und gemalten Emotionen.

    „Die Affekte … sind die Wurzel des emotionalen Lebens, der seelischen Kraft“ (Nicolai Hartmann, 1949).

    Das Ziel ist damit klar: Affekte einbeziehen und das emotionale Empfinden berücksichtigen, um der seelischen Kraft Gewicht zu verleihen. Ohne seelische Kraft läuft wenig bis gar nichts.  Sie prägt unser Denken, unser Handeln, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen – in der Schule und darüber hinaus. Emotionen beeinflussen Motivation, Lernverhalten und das soziale Miteinander. 

    Bevor ich erfahre, was die jungen Leute zu sagen haben, begegne ich Alex, dem Koordinator der Schulprojekte – der Seele des Projekts Burger Hof. Im Hausgang des Wirtschaftsgebäudes mache ich das, was alle machen. Ich ziehe die Schuhe aus.

    Alex bringt mir den Cappuccino und bittet Gerd Innerebner, Strukturleiter und Angestellten der EOS, mir das Wirtschaftsgebäude und das Wohnhaus zu zeigen. Ich ziehe meine Schuhe wieder an und gehe in den Stall zu den Schafen. Der Geruch von Heu und Tieren umfängt mich, während ich entlang der Schafsriele gehe und aufmerksam lausche, wie die fünfzehn Schafe hier am Burger Hof betreut werden. Gerd öffnet die Tür, und die Schafe, begleitet von ihren kleinen Lämmern, strömen hinaus in den Schnee. Bald schon werden zwei Esel dazukommen und, wie könnte es anders sein, Hühner mit ihrem eigenen Stall.

    Zurück bei den jungen Leuten. An acht Stationen präsentieren sie ihre Ideen, Wünsche und Vorstellungen: Wie könnte eine andere Schule aussehen? Was fordert sie heraus? Was belastet sie? Eine Woche lang haben sie sich mit diesen Fragen beschäftigt. Seit Jahrzehnten wird darüber nachgedacht, wie Schule anders aussehen könnte – nun bin ich gespannt auf ihre Antworten. 

    Eine Signalglocke ertönt. Ich sehe mich um. Alle versammeln sich in einem Kreis. Alex hebt die Handfläche, die Seitengespräche flauen ab – jeder hier weiß, was zu tun ist. Eine erstaunliche Ordnung inmitten eines kreativen Ambientes

    Beziehungen, Lernorte, Ruhe und Wohlbefinden, Natur, Vielfalt im Unterricht, Innovation, Selbständigkeit und kompetente Lehrpersonen – das sind die acht Themen, die bearbeitet wurden. Jetzt werden sie vorgestellt.

    Lösungen aus der Sicht der Schüler: Pflege einer Kultur des Hin- statt des Wegschauens – Pflege eines wertschätzenden, offenen, transparenten Klassenklimas – Kritik akzeptieren und neue Ideen zulassen – Dialog auf Augenhöhe.

    Erst wenn diese Basis geschaffen sei, kann Bildung mehr sein als reine Wissensvermittlung und, was entscheidend sei, sie könne die Qualität des Wissens potenzieren. Deshalb seien Beziehungen kein Nebenschauplatz, sondern die Grundlage für erfolgreiches Lernen, fasst die Gruppensprecherin zusammen.

    Neben den Plakaten legen die Jugendlichen ihre Visualisierungen aus Skizzen, Zeichnungen und Skulpturen auf den Boden – so werden ihre Gedanken und Ideen nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar. Es ist die letzte Station, an der sie uns teilhaben lassen. Manche Botschaften sind rätselhaft und vielschichtig, andere direkt und unverblümt. Jedes Bild, jede Skulptur erzählt eine Geschichte: von Hoffnungen und Ängsten, von Wünschen und Zweifeln, von Wut und Rachegelüsten. Ein stiller, aber eindringlicher Dialog – manchmal anklagend, manchmal fordernd. Er zwingt dazu, genauer hinzusehen und die Zwischentöne nicht zu überhören.

    „Worte sind Schall und Rauch………“, schrieb Goethe – eine Feststellung, die in der Welt der Schule eine tiefere Bedeutung gewinnt, als es auf den ersten Blick scheint. Denn oft bleibt unausgesprochen, was Kinder und Jugendliche wirklich bewegt. Ihre Gedanken, Ängste und Hoffnungen verbergen sich hinter höflichen Antworten, ausweichenden Blicken oder dem stillen Schweigen, das im Klassenzimmer manchmal lauter ist als jede Debatte. Doch wo Worte versagen, finden Bilder einen Weg.

    Zeichnungen, Skizzen und Malereien enthüllen mehr vom inneren Erleben der Schüler:innen, als es Worte jemals könnten. Eine Skizze mit einem Sarg, einer Schlinge und einer Uhr – was sagt sie aus? Ist es Wut? Verzweiflung? Ein stiller Hilferuf? In Formen, Farben und Stilisierungen legen junge Menschen ihr Innerstes offen, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Ihre Bilder sind Statements, roh und unverfälscht, und genau darin liegt ihre Kraft.

    Diese visuelle Sprache ist entscheidend, wenn es um die Reflexion von Beziehungen und Strukturen geht. Wie erleben Schüler:innen das System Schule? Wie empfinden sie das Miteinander? Welche Rolle spielen Lehrpersonen in ihrem Alltag – als Unterstützer oder als unüberwindbare Hürden? Ein Bild kann eine ganze Welt erzählen, eine unausgesprochene Wahrheit enthüllen, die zwischen den Zeilen verloren gehen würde.

    Es liegt an uns, hinzusehen. Nicht nur auf das Offensichtliche, sondern auf das, was sich in Schatten, Linien und Farbnuancen verbirgt. Denn wenn wir Bilder sprechen lassen, hören wir vielleicht zum ersten Mal wirklich zu.

    Mit dieser Botschaft verlasse ich den Burger Hof und lasse meine Eindrücke Revue passieren, während ich den Berg hinunterfahre.

    Inmitten aller Debatten über Bildungsreformen, digitale Innovationen und neue Unterrichtsformen wird oft übersehen, worauf es wirklich ankommt: die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Mir wird bewusst, dass sich um diesen Diskurs ein zentrales Thema rankt – ohne eine konstruktive, wertschätzende Beziehung bleibt Lernen wenig effektiv.

    Alle pädagogischen Konzepte, sei es reformpädagogische Ansätze, technologiegestütztes Lernen oder methodische Innovationen, können ihr Potenzial nur dann entfalten, wenn die Basis stimmt: gegenseitiges Vertrauen, Respekt und ein echtes Interesse an der Entwicklung der Schüler:innen. Eine Lehrperson kann noch so kompetent sein – fehlt die Beziehungsebene, bleibt das Wissen abstrakt und schwer greifbar.

    Bildung ist mehr als die bloße Vermittlung von Inhalten. Sie ist ein gemeinsamer Prozess, in dem junge Menschen nicht nur Wissen erwerben, sondern auch lernen, sich selbst und die Welt zu verstehen. Dazu braucht es Begleiter:innen, die nicht nur lehren, sondern auch zuhören, wahrnehmen und ein Umfeld schaffen, in dem sich Schüler:innen ernst genommen fühlen.

    Alles andere – technologische Fortschritte, moderne Lernkonzepte oder finanzielle Mittel – bleibt dieser Beziehung untergeordnet. Denn letztlich entscheidet nicht die Ausstattung eines Klassenzimmers über den Lernerfolg, sondern die Qualität der menschlichen Begegnung, die darin stattfindet.

    Hansjörg Rogger / 12.2.2025

  • Mi chiamo Smart

    “Mi chiamo Smart,” mi disse, mostrandomi il suo cartellino con il nome.

    “Vengo dalla Nigeria, ma questo te l’ho già raccontato l’ultima volta.”

    Smart, come smartphone, pensai — facile da ricordare.

    Dann begann er zu erzählen. Es war kalt. Er stand im Schatten, während die wärmende Sonne woanders schien. Doch die Kälte schien ihm nichts auszumachen.

    „È terribile laggiù in Nigeria: Boko Haram. I soldi, quando li si ha, servono soprattutto a corrompere. Violenza, corruzione – e ora ci si mettono anche i russi. Sono felice di essere qui in Alto Adige. I miei due figli stanno imparando il tedesco; la piccola va all’asilo, il grande alla scuola elementare. Anche mia moglie è qui.“

    Smart zog sein iPhone aus der Tasche, scrollte durch seine Mediathek und zeigte mir seine Kinder. So wie es Väter auf der ganzen Welt tun. „Non ho più né mamma né papà“, sagte er dann noch.

    „E domani sarò di nuovo lì a vendere i giornali.“

    Ich gehe ein paar Schritte in Richtung Sonne und blättere die Seiten von hinten nach vorne. Die „Bösen Worte“ auf Seite 39 haben es mir wieder angetan.

    Hansjörg Rogger / 16.1.2025

    Smart Benson Aisida, mit freundlicher Genehmigung von Herrn Benson, Bruneck, Stadtgasse, 2025
  • 10 Jahre ist es her: Malaysia-Airlines-Flug Mh17 im Jahre 2014

    Und die verbrecherischen Mörder im Kreml können ihr Treiben seit 10 Jahren ungehindert fortsetzen. Hinter ihren Anzügen und Krawatten verbirgt sich der Gestank moralischer Verkommenheit. Die Vereinten Nationen sind zu einer Farce erstarrt. Die Weltgemeinschaft hat versagt.

    19. Juli 2014 – und die Verbrecher morden weiter

    Ich stelle mir vor, du und ich wären in jener Maschine gewesen, die über der Ukraine abgeschossen wurde. Tot, weg, nicht mehr da. Von 10.000 Metern in die Tiefe gestürzt, zerstückelt am Boden zerschellt. 298 Menschen, darunter 80 Kinder, wurden ermordet – von Lügnern, von arroganten Kriegstreibern.

    Einen Gott, wie ihn die Kirche weismachen will, gibt es nicht, denn sonst hätte er dies zu verhindern gewusst – ebenso wie Millionen Male zuvor: bei den Hexen, den Juden, den Kindesmissbräuchen und so weiter.

    Jede Strafe, die diese Mörder vielleicht einmal treffen wird, ist zu wenig. Jede! Was mir bleibt, ist ohnmächtiger Zorn und der Gedanke an die, die die 298 verloren haben. Ich weine, ich bebe und verfluche die 55 Grad 45 Minuten 56 Sekunden nördlicher Breite und die 37 Grad 37 Minuten 16 Sekunden östlicher Länge. Ich verfluche euch Mörder – hinterhältig, verlogen, wie ihr seid – und ich lüstere nach Rache, hier und jetzt. Das Jenseits, von der Kirche immerfort gepredigt, gibt es nicht.

    Hansjörg Rogger
    Der Beitrag wurde am 19.7.2014 zum
    ersten Mal veröffentlicht

  • Ein ♥️ für die Kulturzeit

    „Sie bleibt eine der wenigen Plattformen im deutschsprachigen Fernsehen, die Kultur nicht als oberflächliches Entertainment, sondern als essentiellen Bestandteil gesellschaftlicher Diskurse behandelt.“ Ich wiederhole das, was mir vor einer Minute mein ChatCPT auf meine Frage hin gesagt hat. Und ich möchte noch ergänzen:

    Kultur als Inbegriff unseres Lebens, als Inbegriff von Werten, als soziale Kultur, als Literatur, Kunst, Theater, Musik, Film und Inbegriff von Ausgestaltung individueller und kollektiver Erfahrungen.

    Kultur als Widerstand gegen geopolitische Machtexzesse, als Fingerzeig gegen Tendenzen, liberale Ordnungssysteme zu untergraben, Kultur als Aufzeigen von Vielfalt, als Bühne, gesellschaftliche Phänomene ästhetisch zu verarbeiten,

    ChatCPT bringt es wohl noch einmal auf den Punkt: „Die Abschaltung von 3sat und “Kulturzeit” wäre ein Einschnitt, der nicht nur die mediale Vielfalt und kulturelle Bildung bedrohen würde, sondern auch den Diskurs über Kunst, Gesellschaft und Politik verarmen ließe. Kulturformate wie diese leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Demokratie, da sie den öffentlichen Dialog fördern und eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Welt unterstützen.“

    Ich habe es bereits in meiner ersten Stellungnahme in einem Brief an das ZDF und die ARD gesagt: Tun Sie das nicht, und geben Sie dem anspruchsvollen Fernsehen weiterhin den Sendeplatz. Sonst verlieren wir einen der wichtigsten Promotoren und Verfechter demokratisch/liberaler Gesinnungen.

    Rogger Hansjörg

  • Katjas „Verwandlung 2.0“

    Ein feiner, sonniger Spätmachmittag. Ein sehr schönes Ambiente für eine Lesung, die es in sich hat. Kafkas „Verwandlung“ als Vorlage für Bruchstellen in unserer Gesellschaft, die immer noch existieren und sich nicht nur halten, sondern immer wieder aufgerissen werden. Von jenen, die befürchten ihre Macht zu verlieren, von jenen, denen ihr Machogehabe heilig ist, von jenen, die meinen, sie allein seien das Sahnehäubchen unserer Gesellschaft. Wenn sich Gregor nicht in einen Käfer verwandelt sondern sich transformiert in eine Frau, dann ist der Kern der Geschichte Kafkas derselbe. Die Verwandlung als innere Auflehnung, als Protest gegen jene, die aus Bequemlichkeit und Arroganz ihre Privilegien verteidigen. Oder sie steht für die Verzweiflung angesichts scheinbarer Unüberwindlichkeiten und gleichzeitig als das trotzige Aufbegehren gegenüber einer patriarchalen Machtelite.

    Gregor ist mir schon damals, vor vielen Jahren, ans Herz gewachsen. Ich hatte beim Lesen der Geschichte mitgefiebert, oder besser gesagt, mitgelitten. Die Vorstellung, dass es um einen tief verletzten Menschen ging, war mir damals schon klar geworden. Die Repressionen und Demütigungen, die man Gregor angetan hat, haben mich tief bewegt. Katjas Geschichte geht über das innere Leiden hinaus – vielleicht bewusst und offensichtlich. Ein Beispiel dafür ist der politische Reaktionismus, der sich in den politischen Ränder manifestiert. Und diese haben von den russischen Machteliten gelernt, wie man Fortschritt, Transformation, demokratisches Streben und damit allen Humanismus niederwalzen kann.

    Ein „Kino im Kopf“ soll es werden, und diese Kinobilder kamen: manchmal schnell und unvermittelt, manchmal zaghaft. Sie kamen, wie bei Gregor Samsa, ebenso kraftvoll, einige davon aufwühlend und radikal. „Verstörend“ ist nicht das richtige Wort, doch sie stören schmerzhaft in die vermeintlichen Idyllen hinein. Und das mit einer Sprache, die mich ästhetisch berührt und gleichzeitig schonungslos im Detail beschreibt. Die Performance tat ihr Übriges dazu.

    Wer wird es dieses Mal sein, der den Apfel nach Gregor wirft? Schauen wir uns um – es gibt viele, die einen dauernden Krieg gegen das Andere führen, die nach außen so tun, als ob, die der Form mehr Gewicht verleihen als dem Inhalt und die ihre Selbstüberschätzung ständig durch ihren Narzissmus nähren. Männer, die nie über ihre Rollenzuschreibung reflektiert haben und Frauen, die sich in der Macho-Rolle der Männer wohl zu fühlen scheinen.

    Hinter mir auf dem Rasen spielen die Kinder. Die Sonne neigt sich dem Abend zu. Vor mir steht die Hoffnung, „dass es Überzeugungen und Werte gibt, die sich nicht einfach wegrelativieren lassen..“ Dies schrieb 2022 Nora Bossong. Und: „Bedrohungen unserer Erde und unseres Gesellschaftsmodells sind zwar da und real, aber es gibt Menschen, die ihnen mit Ideen und Mut entgegentreten.“ Es hat mir gut getan, die „Verwandlung 2.0“ zu hören. Es mag paradox erscheinen, aber das Leid von Gregor – ob in Form eines Käfers oder einer Frau – erweckt den Mut zur Gegenwehr.

    Ein Kino im Kopf – Hinter mir auf dem Rasen spielen die Kinder. Die Sonne neigt sich dem Abend zu. Vor mir steht die Hoffnung, „dass es Überzeugungen und Werte gibt, die sich nicht einfach wegrelativieren lassen.“

    Hansjörg Rogger zur Premiere von Katja Renzlers „Verwandlung 2.0“ genannt auch „Die Dame im Pelz“, vorgetragen und performt am 7.9.24 in Bruneck, korrekturgelesen: ChatCPT

  • Wenn ich einmal gestorben sein werde,

    ….ist es zu spät, um zu tun, was noch zu tun wäre……gibt es kein Annähern mehr………gibt es meine Freiheit nicht mehr…..sind meine Wünsche nur noch anvertraut – anderen, und Buchstabe…..

    …..geschieht das, was andere geschehen lassen wollen……..geschieht das, was man als Lebender hofft, vielleicht vergebens, dass geschehen sollte…. 

    …..erwarte ich mir Leonard Coen, Cat Stevens, Hannes Wader, Roger Cocero, Sinead O’Connor, Mascha Kaleko, Rainer Maria Rilke…..erwarte ich mir kein Geheuchle und Gehudle, keine Schleimer, keine Heiligen……..

    ….darf es kein Geläute und Gebimmle geben….erwarte ich mir Feuer statt Moder…..erwarte ich mir keine Leute im Gleichschritt – nicht hintendrein, nicht vornedrein…….soll nur der hier stehen, der mir was zu sagen hatte, als es noch etwas zu sagen gab……..

    ….hat die Seele aufgehört zu wehklagen, zu frohlocken, zu hassen, zu weinen, zu fürchten………hat die Seele aufgehört zu lachen…..kehre ich in die unendliche Dunkelheit zurück…….

    ….hat mein Kopf aufgehört zu denken und zu konstruieren, zu verdrehen und zu lügen……habe ich aufgehört zu schwindeln, zu betrügen, ehrlich und unehrlich zu sein, liebevoll und bös……

    …..kehre ich nie mehr zurück. Nie mehr………

    …..gehe ich weg aus einer Welt, in der Diktatoren immer noch Kinder, Mütter und Papis wegbomben dürfen, ohne bestraft zu werden…….gehe ich weg aus einer Welt, in der viel von Gott geredet und im Namen Gottes gemordet wird.

    Wenn ich einmal gestorben sein werde,

    …kommt die bewusstlose Ewigkeit, von der die Kirche immer redet und redet und redet…….und es wird die Luftblase vom ewigen Leben zerplatzen – wie eine Seifenblase. Die ganzen Torturen werden sinnlos gewesen sein, die die Kirche über uns hat niederprasseln lassen.

    …muss ich mir nicht mehr die inhaltsleeren Aufrufe kirchlicher Oberhäupter zu Frieden und Toleranz anhören.

    …werden sich die Kirchenfürsten – vielleicht innerhalb der nächsten 1000 Jahre – schämen für das, was sie in der Welt angerichtet hatten – Hexenverbrennungen, Sexuelle Missbräuche, nicht zu vergessen der Umgang mit den Frauen und die Folter. Wie war das denn mit Giordano Bruno, den die Inquisition am 17. Februar 1600 mitten in der Stadt des Papstes auf dem Campo de’ Fiori verbrannte? Ich sollte als Bub meine sexuellen Gedanken beichten! Aber – die kriminelle Vergangenheit der Kirchenfürsten wurde totgeschwiegen. Ein Hohn!

    …werde ich es endlich hinter mir gelassen haben, dass es mir untersagt wurde, meinen Namen tragen zu können, den mir meine Eltern geben wollten. Zugegeben – ein vergleichsweise kleiner Machtexzess der Kirche, der mir aber zeitlebens zum Kotzen heilig war.

    Bis es soweit sein wird, dass ich mich verabschieden muss, ist es mir eine Ehre.

    Mascha Kaleko am Schluss: „Kapitel Eins beginnt mit dem Begräbnis, der Seele Letztes irdisches Erlebnis. Auf meines freue ich mich heute schon! – Da gibt es keine Trauerprozession.“

    Johann Georg, Hansjörg Rogger/2024

  • Schreiben an die EU Kommission

    Als überzeugter Europäer ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, dass es fast schon ekelhaft ist, zu sehen, wie der Ungar Orban versucht, ständig gegen die EU, Politik zu machen. Meine Bitte: Zeigen Sie, dass das so nicht weitergehen kann. Entweder Loyalität oder er soll sich aus der Gemeinschaft verabschieden. Bitte lassen Sie es nicht zu, dass die EU von innen heraus geschwächt wird. Zeigen Sie Kante auch dort, wo es die Öffentlichkeit sieht. Für viele von uns Europäer ist die Geduld mit diesem Herrn am Ende.

    As a convinced European, I feel the need to tell you that it is almost disgusting to see how the Hungarian Orban is constantly trying to make politics against the EU. My request: show that this cannot continue. Either loyalty or he should say goodbye to the community. Please do not allow the EU to be weakened from within. Show your edge where the public can see it. For many of us Europeans, our patience with this man has run out.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / 9.7.2024 / Johann.rogger@me.com – Die Pressestelle der EU hat mir mitgeteilt: 

    Wir versichern Ihnen, dass ihre Anliegen sorgfältig geprüft werden, und wir werden Ihnen so bald wie möglich antworten.Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Mit freundlichen Grüßen

    Referat C4 – Demokratie, Unionsbürgerschaftsrechte und Freizügigkeit

  • Claus Gatterer

    Als ich das Auditorium betrat, war ich erstmals überrascht. Zusätzliche Stühle waren notwendig geworden. Dann kam mir das Jahr 2014 in den Sinn. Ganz unvermittelt. Aber was hat 2014 mit dem 6.6.2024 zu tun? Zehn Jahre sind vergangen, als ich am 26.Juni 2014 in einem öffentlich gemachten Blogg beklagte, dass die Heimatgemeinde Sexten, Gatterer (wieder) emigrieren lies. Seit nun schon sechs Jahren ist alles wieder anders. Gatterer ist wieder zurück. Das Gefühl für den großen Mann erlebte in den vergangenen sechs Jahren eine zweifache Renaissance.

    Vom empathischen Kulturunternehmergeist spricht Teresa Indjein, österreichische Botschafterin in Rom und meint die Organisatoren um Hermann Rogger. Nebenbei erwähnt sie Italiens Stolz auf die Nummer eins der Tenniswelt. Das mentale Sportwunder mit der hübschen Stirnlocke, wie sie es umschreibt. Heute aber steht Gatterers Erbe vornean. Das Kulturhighlight in der schönen Welt, dessen Narrativ es seit Jahrzehnten versteht, die Fremden herzuholen.

    „Ich glaube der große Journalist Claus Gatterer wäre heute sehr zufrieden, hier zu sein. Er würde aufgeschlossen interessiert das jugendliche Potential sehen.“ Teresa Indjein. Und zugewandt an die teilnehmenden jungen Leute am Schülerpreis „Claus“: „Alle können nicht an den ersten Platz gestellt werden, aber sie haben – alle Einreichungen gesamthaft betrachtet – im unbewussten Ensemble ein Gesamtkunstwerk geschaffen.“

    „Mit Mitgefühl, dem rettendsten aller Gefühle“, so sagt es die Botschafterin, sind die 14 an ihre Arbeit gegangen. „Es ist das Sensorium der Verletzlichkeit, das die 14 Beiträge miteinander verbindet. …. Gut gemachte Beitäge, relevante Fragen. Bravo Südtiroler Jugend.“ Sagt die Botschafterin. Und ich füge hinzu: Anderswo, wo es um politische Entscheidungen geht, hört man ihnen nicht so gerne zu.

    Der Siegerbeitrag stellt die Frage, wie es zum Selbstbewussten der Südtiroler kommen konnte. Der Autor Jannik Brugger, Schüler der TFO Bruneck, schlägt einen Perspektivwechsel vor. „Ist dieser Stolz tatsächlich gerechtfertigt?“ Fragen des Preisträgers. Wie steht es mit der Selbstwahrnehmung der Südtiroler? Was macht es mit den Einheimischen, die gewollt oder ungewollt mit dem Narrativ „schönstes Land der Welt“ jahrein, jahraus zu leben haben?

    Es ist der Verdienst einzelner Schulleute, gemeinsam mit den Organisatoren und Mentoren für eine kreative Jugendkultur, dies den jungen Leuten zu ermöglichen. Wertvolleres kann es kaum geben, als dass man der Jugend Räume auftut, damit sie sagen kann, was zu sagen ist. 

    Was hätte uns heute Claus Gatterer zu sagen? Andreas Pfeifer, Auslandskorrespondent beim ORF stellt diese Frage. Gibt es ein Vermächtnis? Gibt es so etwas über das jährliche Gedenken hinaus? Was würde uns Gatterer über die faschistoiden Russenimperatoren sagen? Er, der er immer wieder Recht und Gerechtigkeit auszubalancieren trachtete? Er, der sich auf der Seite der Schwächeren sah? Er, der es wahrscheinlich oft nicht aushalten konnte, was so ablief in dieser schönen Welt, die oft genug doch nicht allzu schön dasteht? Der allzu frühe Tod legt Zeugnis ab. Er legte die Finger in die Wunden, ausnahmslos, er wurde aus dem Dorf hinausdrangsaliert und blieb trotzdem Mahner. Solche Mahner gehen uns heute langsam verloren. „Wir gleiten ab in die kollektive Demenz“, schreibt der bulgarische Autor Georgi Gospodinov. Es gibt nur noch wenige, die ein lebendiges Gedächtnis als Zeugen besitzen. „Beginnt das Feuer des Gedächtnisses auszugehen, kommt das Rudel der Vergangenheit immer näher.“

    „Macht am Brenner das Gatter zu, damit der Gatterer nicht mehr hereinkommt.“ verlangte damals Karl Felder, der Autor von „Wohl ist die Welt so groß und weit und voller…..“ man weiß, dass jetzt nur Sonnenschein folgt.

    Und Gott sei Dank vor sechs Jahren wurde Gatterer wiederbelebt. Andreas Pfeifer hat das zentrale Anliegen Gatterers auf den Punkt gebracht und aus der Gedenketage-Routine herausgeschält. Er hat Gatterer in das Hier und Jetzt geholt. Fake News, soziale Medien, Lüge als politisches Programm, Brexit, Krieg. Sein Teleobjektiv gibt es nicht mehr. 1984 wurde es abgesetzt. Zu viele Widerstände. Zu viele Wahrheiten. Zu vieles, was weh getan hat.

    Vor 100 Jahren ist er geboren. Was sagt uns der Mann, dessen Namen damals hier bei uns nicht sonderlich geschätzt war? Was sind heute seine Worte wert? Sind sie noch etwas wert oder endlich was wert oder nur als Mäntelchen dafür geeignet, dass das Tourismusdorf auch so etwas wie Kultur vorzuzeigen habe? Gut geeignet sich neben der Folklore und den Bergen auch kulturhistorisch seinen Standpunkt zu sichern? „Jede einfache Wahrheit ist des Teufels“ schrieb Gatterer. Sein Drang nach Wahrheiten und wie sein Land und sein Dorf damit umgegangen sind, muss Teil des Gedenkens an Gatterer sein. Denn wenn Vergangenheiten nicht vergessen werden dürfen, dann ist das wohl das Denken Gatterers, das abseits von heimatlichen Heroisierungsversuchen und den Superlativen im Marketing, Beachtung finden muss. Alles andere wäre Heuchelei.

    „Im Zeitalter der Digitalisierung kämpft der Journalismus nicht nur gegen Parteipotentate und Medienfürsten, sondern kämpft gegen seine galoppierend fortschreitende Bedeutungslosigkeit……“. (Andreas Pfeifer) Und ganz am Schluss: „Meine Empfehlung: Lesen Sie Claus Gatterer. Irgendwo da draußen gibt es die schöne Welt ja immer noch. Und die bösen Leut, (Pause) die auch.“ Ich hätte noch eine ganze Weile zuhören können.

    Barbara Bachmann ist die diesjährige Gattererpreisträgerin. In Gedenken an Claus Gatterer. Sie erzählt von ihrem eigenen Kind, das starb, bevor es auf die Welt kam. „Barbara Bachmann holt den Tod dorthin, wohin er hingehört. Ins Leben.“ Kurt Langbein in der Laudatio für Barbara Bachmann.

    Johann Georg (Hansjörg) Rogger / Juni 2024

  • Europa

    Während die Portugiesen am 25. April die Befreiung von der Diktatur feiern, gedenkt Italien der Befreiung vom Faschismus und der Naziherrschaft. Historische Ereignisse, die jedoch zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheinen. Ich wuchs in dem Gefühl auf, dass das Schreckliche der Vergangenheit angehört. Mein Großvater, meine Mutter, mein Vater – sie alle mussten unsägliches Leid erfahren und ertragen. Doch ich habe mich in der Lernfähigkeit und dem Lernwillen einer immer größer werdenden Zahl von Menschen getäuscht.

    Sie sind wieder da: die Parolenschreier, die Revisionisten, die Hasserfüllten und die Leugner der Geschichte. Geschichtsvergessen sprechen sie von „Schande“, wenn an den Holocaust erinnert wird.

    „Nie wieder“, „mai più“, „never again“ – diese zwei Worte hallen seit Langem in meinem Kopf. Was von diesem Echo übrig bleibt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

    9. Mai – Europatag der Europäischen Union.

    Auf der Grundlage einer Idee von Jean Monnet schlug Frankreichs Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 in seiner berühmten Pariser Rede vor, eine Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl zu schaffen – der Ausgangspunkt für ein großes Friedensprojekt.

    Die EU stand und steht für diesen Gedanken. Ich setze weiterhin auf die Vernunft der Menschen: Darauf, dass sie sich nicht nur an den Vorteilen dieses Projekts erfreuen, sondern auch darüber nachdenken, wie es entstanden ist und welche Werte ihm zugrunde liegen.

    Hansjörg Rogger

  • Großbauten statt Konfliktmanagement

    Fallbeispiel am 24.3.2024, 18.30 Uhr bis…….. Zugbahnhof Bruneck: Der Zug Richtung Lienz fällt aufgrund von Unwetterschäden aus. Es warten geschätzte 500 Fahrgäste auf Informationen. Diese kommen bruchstückhaft über die Lautsprecher. Zu leise, zu widersprüchlich. Verstehen kann man davon wenig bis gar nichts. Ich versuche, die Frau hinter der Glasscheibe anzusprechen. Ihre Antwort kommt von hinter der Scheibe über Lautsprecher nach vorne. Tonrückkoppelung mit einem lauten Pfeifton. Ich kann nur soviel verstehen, dass sie nichts zu sagen weiß. Sie bemüht sich mit allem was sie zur Verfügung hat, mit Lautsprecher, ohne Lautsprecher, mit ihren Händen auch. Ich halte das Ohr an den Schlitz, der eigentlich dem Einschub des Bahntickets dient.

    Dann kann ich vernehmen, dass gar nichts mehr geht. Weder in nördlicher noch in südlicher Richtung. Vielleicht zwischen 21.00 Uhr und 21.30 Uhr ein Bus, kann sein, vielleicht. Das hat man ihr am Telefon gesagt. Zur Bestätigung, dass ich es richtig verstanden habe, zeige ich ihr meine neun Finger für 21.00 Uhr. Sie nickt und setzt sich wieder an ihr Telefon. „Die Arme“, denke ich mir. Es pfeift vom Lautsprecher, unerträglich laut. Und dann in kontinuierlichen Abständen die Durchsage von einer sehr schlechten Maschine über noch schlechtere Lautsprecher, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „……..es ist verboten, die Türen zu öffnen, bevor der Zug hält…“ Endlosschleife über Stunden.

    Abspann: Dass es plötzlich aus allen Himmeln schneit und wie wild stürmt und dass die Infrastrukturen dem kaum standzuhalten imstande sind, ist nachvollziehbar und mit Ruhe zu ertragen. Nicht nachvollziehbar ist es, warum das Konfliktmanagement in den vielen Jahren herauf nicht Schritt zu halten imstande war und erbärmlich versagt. 500 Fahrgäste warten auf Informationen, warten auf mehr, als dass die Weiterfahrt aufgrund eines technischen Problems nicht mehr fortgesetzt werden kann. Informationsmanagement gibt es keines. Dafür genervte Gäste, die an den unbeantworteten Fragen ihren Ärger aufstauen. Nach einer halben Stunde lässt die Dame, die mir vorher noch bereitwillig gesagt hat, was sie zu sagen wusste, den Rastervorhang herunter. Anzunehmen, dass sie es leid war, immer dasselbe und fast nichts sagen zu können. Mir tat sie leid, einem neben mir stehenden Fahrgast merklich auch.

    20.28 Uhr: „……Il treno per San Candidio è in arrivo invece che al binario uno al binario tre…” Viele laufen zum Bahnsteig drei.

    20.35 Uhr, nur sieben Minuten später: “…..Il treno per San Candido oggi non si sta effettuando…..” Wir laufen, fast alle schon im Schritttempo, zum Bahnhof zurück. Ein englischer Rucksacktourist, sehr ruhig und gelassen: „The problem is not the outages. The storms do not ask us whether we want them or not. But the mismanagement of the crisis is shameful for this tourist region.“

    Und weiterhin die zynischen Durchsagen in Endlosschleifen. Neben mir sitzt eine Mama mit ihrem kleinen Sohn. Sie möchten heute noch nach Rom weiterfahren. Es ist 21.30 Uhr. Mein Busersatz fährt vor. Ich verabschiede mich von der Mama mit dem kleinen Sohn. Rom ist noch weit.

    Hansjörg Rogger / niedergeschrieben am 23.3.24 von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr.